Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 42 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. sei dank der segensreichen Tätigkeit des Zionismus das Eintreten für Palästina nicht mehr von Nöten, denn es ist s e l b st v e r st ä n d l i ch geworden. Herr JakobWolf hält es ftir uuaiisftihrbar, mit einem Schub 3—4 Millionen Juden nach Palästina schicken zu wollen. Aber außerdem sei es jraglich, ob das Land so sruchtbar sei, uni eine solche Bevölkerung zn ernähren. Er bcrust sich auf das Urteil eines Reisenden. Man dürfe nichts unternehmen, bis Gott die Geuloh bringe. Herr Dr. Feuchtw angcr entgegnet dem Vorredner: Ob Palästina gut oder schlecht sei, können nur Sachverständige entscheiden und die haben Palästina für gut befunden, so Männer, wie Professor Marburg und Agronom Sostiii, die auch von der deutschen Regierung zu Rat gezogen loerdcn. Der Zionismus erstrebt eine allmähliche Besiedelung des Landes, die die öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte als Endziel hat. Mas menschliche Zuständigkeit für die Erlösung Palästinas angehe, so möge Herr Wolf viele Artikel im Frankfurter Israelitischen Familicnblattc Nachlesen, sowie das Buch von Oberrabbiner Roth s. A. u. dgl. ,n. Herr Rechtsaulvalt Dr. S ch Iv a r z s ch i l d: Ein Laie, der Palästina nur kurz besucht hat, bars kein Urteil über dieses Land fälle». Was die Geuloh durch Gott betreffe, so müsse man doch dessen eingedenk sein, daß auch 'unsere private Ernährung mit Hilfe Gottes geschieht. Wir sagen: „Hu jesarneseenu bechowaud", „er möge uns in Ehren ernähren"; doch fällt es niemanden ein, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Manna vom Himmel zu warten. Warum soll bloß, Ivo cs sich um die Ernährung des Gesamtvolkes handelt, ein passives Verhalten geboten sein? Herr Jakob S. Posen: Die Weisen meinen, daß die Erlösung nach der Segenspruch - Ordnung der „Schmau ne Esre" ror sich gehen wird. Danach kommt die Erlösung „Zemach Dawid" erst zuletzt, nach Herrn 'Wolf aber muß cs grade umgekehrt sein. Und dann heißt cs weiter km Chasal: ,Sochu achischenu", sobald wir uns verdient gemacht haben, wird die Erlösung beschleunigt werden: also cs liegt an uns, die Geuloh zu beschleunigen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 24. Oktober. Eine kleine Bblkerwanderung war es, die sich am letzten Sonntag Abend in Bewegung setzte, um der Einladung des „Vereins zur Pflege jüdischer Lebensanschauung" folgend, das verheißene Referat über „Die Frauenbewegung und d i e E t h i k des Judentums" zu hören. Auf 8 Uhr lautete die Einladung, aber lange vorher war der große Saal der Loge zum Frankfurter Adler überfüllt, trotzdem nur Frauen zu dieser Vcrsanimlung Zutritt hatten. Das einleitende Referat hielt Herr Ai o r i tz A. Loeb, der ungefähr folgendes ausführte: Ucber die Fraucnfrage ist in den letzten Wochen so viel geschrieben und gesprochen worden, daß cs zur Gewinnung eines objektiven Standpunktes nötig erscheint, sich die Entstehung der Franenfragc wieder in das Gedächtnis zu rufen. Altertum und Mittelalter kannten die Fraucnfrage nicht. Bis in die erste Hälfte des löten Jahrhunderts hinein war die Faniilie zugleich Produktionseinheit, in der die für die Bedürfnisse des Tages dienenden Güter hergestellt wurden. Es sei hier nur daran erinnert, daß Wasserhosen, Brotbacken, Seife und Lichter bereiten, Vorräte für den Winter Herrichten, zu den Obliegenheiten jeder Hausfrau gehörten. Das alles hat längst aufgehört; die Fortschritte der Technik und die Entwicklung der Industrie haben dem Einzelhaushalt den größten Teil seiner Arbeit abgenommen. Parallel dieser Entwicklung im Einzelhanshalt gingen die ungeheuren Umwälzungen der Volkswirtschaft, die aus dem Agrarstaat einen Jndnstricstaat schufen und eine völlige Aendcruug in der sozialen Struktur Deutschlands bewirkten.. sind doch aus den 24 Millionen Einwohner, die auf dem Gebiete des heutigen Deutschen Reiches im Jahre 1816 gezählt wurden, inzwischen über 60 Millionen geworden. Für die Frauenwelt machte sich diese Umwälzung nach zwei ganz verschiedenen Richtungen geltend. Die Frauen der oberen Klassen erfuhren eine gewaltige Arbcitscntlastung, während die Frauen aus den unteren Schichten aus ihrem Heim gerissen wurden, um in der Industrie, in Bergwerken, im Verkehr und Handel den gewaltigen Bedarf nach Händen decken zu helfen. Fragen wir uns nun, w e l ch e R n ck - Wirkung die geschilderte Entwicklung a n s jüdische Verhältnisse ausübt, so ist es bemerkenswert, daß ihre Nachteile hier dopvelt stark zutage treten. Der Zug vom Land in die Stadt, der dazu geführt hat, daß heute niehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands in Städten wohnt, tritt bei den Inden in erheblich verstärktem Maße auf; umfaßt doch Groß-Berlin heute mehr als 20>>/o, Frankfurt a. M. ca. 6 o/o der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlauds. Das Leben in der Stadt, zumal in der Großstadt, bedingt teuere Lebenshaltung bei vermehrter Unsicherheit der Existenz. Daraus resultierr Abnahme der Zahl der Eheschließungen n. immer höheres Alter der Eheschließenden, besonders der Männer. —Die Ehelosigkeit, früher eine seltene Ausnahme in jüdischen Kreisen, wird zur gewohnten Er- Franffurter JfraelttiM» Famvkenvlatt. scheinnng. Mit dieser Entwickelung wird die Frage nach ver Versorgung der Töchter, deren Verheiratung nicht mehr wie früher mit ruhiger Sicherheit erwartet werden kann, zu einer schweren Sorge snr alle nicht mit Glücksgütcrn gesegneten Familien. Wir sehen also, das, die gleichen Probleme, die die allgemeine Frauenbewegung beschäftigen, auch die jüdischen Kreise erfüllen. Kein Wunder, daß 'sich auch eine speziell jüdische Frauenbewegung zu entwickeln begonnen hat. Von einem verhängnisvollen Einfluß war es hierbei, daß bei der allgemeinen Frauenbewegung Jüdinnen von Ansang ckn im Vvrdqrtrefsen gestanden hatten. Sv war cs ganz natürlich, daß auch die jüdische Frauenbewegung getragen wurde von Frauen, die sich in der allgemeinen Bewegung geschult und hcrangcbildct hatten. Ohne Verständnis für die Eigenart oes jüdischen Vollsstannncs, ohne 'Pietät sttr seine Jahrtausende alte Kultur und leider auch ohne Kenntnis und Achtung des jüdischen Gesetzes, operieren sie an den Gebresten, die sie hier borsinden, genau »ach oer Schablone, die ihnen von außen her zugeführt wurde. So kommt es zu solch tieftraurigen Erscheinungen, wie sie »ns die jept stattgefundene Tagung des jüdischen Franenbuiides soeben bot. Es kommt zu Aciißerniigeu und Kritiken des jüdischen Gesetzes, oie ans der Mitte der Tagung heraus mit Recht als Schmähung des Jndentums bezeichnet werden und die einen freuoigeu Widerhall nur in den antisemitischen Blättern sinoe», wo über sie mit schliiuiizelndcin Behagcu quittiert wird. Gern sei anerkanilt, daß die Fahrerinnen der jüdischen Frauenbewegung, wie sie uns die letzte Tagung kennen lehrte, sich mit Selbstlosigkeit und rastlosem Eiser Ihrer schweren Arbeit unterziehen. Wen» ihren Mühen der Erfolg fehlt und fehlen muß, so haben wir die Ursache zn suchen in ihrer Unkenntnis des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Kultur, nicht minder aber auch in der mangelhaften Ausrüstung mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen, ohne die dauernde Leistungen von allgemeinem Werte auf diesem Gebiete nun cilimal nicht zu erringen sind. Der Einwand, daß alle Berufe heute schon überfüllt seien, und die Konkurrenz der Frau'die Lage der Männer noch weiter verschlechtern müsse, wird von der einen Rednerin mit der Bemerkung abgetan, daß cs Sorge der Männer sei, sich "mit der Konkurrenz abzusinden. Eine andere Rednerin meint, daß alle Arbeitskrästc leicht Verwendung finden, man brauche bloß die Arbeitszeit erheblich cinzuschränken; sie kennt ajso nicht einmal das A-B-C aller volkswirtschaftlichen Weisheit, wonach jede Abkürzung der Arbeitszeit einerseits zu einer Verstärkung der Intensität der Arbeit führt, andererseits zur Einstellung arbeitsparender Maschinen, sodaß als Fazit sehr oft noch eine Verminderung der beschäftigten Arbeiterzahl hcrauskommt. Man könnte diese Blütenlcse noch um eine ganze Reihe ebenso krasser Jrrtümer vermehren. Bor allem tut not, daß die heute an der Spitze stehenden Führerinnen abgelöst werden durch 'Frauen, die nicht nur Liebe zur Indenheit, ihre bedrängten und bedrückten Teile leitet, sondern, die auch Liebe zum Judentum iu seiner erlebten und überlieferten Gestalt durchglüht. Diese Frauen werden dann die Maßen Ausgaben, die sich aus der 'sozialen Frage, aus der Frauenfrage entwickeln, . zu lösen .wissen, ohne zu Schablonen zu greifen, die anderen, außerjüdischen Verhältnissen entnommen sind. Sie werden auch heitsamcn Einfluß gewinnen auf die Kreise der jungen Mädchen, auf die heute so vieles cinstürmt an geistigen Eindrücken aus 'der uns umgebenden Welt. Der zweite Referent, Herr Jakob Rosenh e i m, behandelt die sittliche Bedeutung der Frauenbewegung. Es kommt dabei vor allem daraus an, die in der Bewegung liegenden sittlichen Triebk r ä f t e zu erkennen, danach festzustellen, welches die Tendenz sei, nach deren Richtung sich die Bewegung entwickele. Dabei könne die Betrachtung einzelner überragender Persönlichkeiten, die der Frauenbewegung den Stempel ihres Geistes aufgedrückt haben, besonders nützlich sein. In diesem Sinne unterzog der Redner die Gedankenwelt der begabtesten .Vorkämpfern! der ethischen Frauenbewegung, Eklen Key, einer eingehenden Betrachtung. Die ganze Gedankenwelt Ellen Keys bewegt sich "um drei tragende Grundgedanken, den Jndividualisnius, der sich in stolzem Selbstgefühl gegen die aufgedrungenen Satzungen und Sitten der Gesellschaft auflehut, den Kultus derSchönheit und endlich um eine von besonders starkem Schwünge getragene Älpötheose der Liebe. Diesen drei Gedankenströmungen, die neuerdings der norwegische Philosoph Norström in einem glänzend geschriebenen Werke analysiert hat, und die der Redner in den Werken Ellen Köys durch Zitate nachwies, gliedert sich als ein damit kauni in Einklang zu bringendes Gedankenelement eine vierte Idee an: das Gefühl der Verantwortung gegenüber den nnZeboreuen Generationen. Jene ersten drei sittlichen Tendenzen bei Ellen Key führen zu nichts weiter als einem verfeinerten Gefühls-Egoismus, bei dem irgend welche Sittlichkeit nicht bestehen kann. Der letzte Gedanke aber, der geeignet wäre, jene drei anderen völlig über den Haufen zu werfen, kann bei Ellen Key mit. ihrem religiösen Radikalismus überhaupt nur dadurch Bestand haben, daß 'aus durchaus utopische Nr. 42. Weise von den ungeahnten Herrlichkeiten künftiger Uebermenschen gefabelt und der ganzen Weltentwicklung eine sittliche Würde anempfunden wird, die ihr auf Grund der n a tü r w i s s e n s ch a ft l i ch en Voraussetzungen der dichtenden Deuterin ganz und gar nicht i n n e w o h n e n kann. Gegenüber dem glänzenden Gedankenbau Ellen Keys und ihrer Nachvcterimien, dessen verführerischen Einfluß aus die Herzen der empfänglichen weiblichen Jugend gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann, schilderte der Redner nunmehr in ausführlicher Darstellung, welchen Standpunkt die jüdische Lehre zu den einzelnen bisher behandelten Punkten einnehme. Was zunächst die Frage des Individualismus betrifft, <jo weiß das Judentum .schon auf Grund seiner Anschauung von der Entstehung des Menschen die unvergleichliche Würde des Einzelnen, sei es Main: oder Weib, die aus dem in ihm lebenden Gottessnnken beruht, sehr wohl zn schätze». Allerdings beruht diese Würde hauptsächlich ans der sittlichen Verpflichtung des Einzelnen gegenüber dem Weltall. Die jüdische Lehre aber weiß andererseits die ungeheueren sittlichen Gefahren der Predigt von dem Recht auf schrankenloses Ausleben der Individualität zn würdigen und hat daher alles aufgeboten, um Lei» einzeuien das überragende Recht oer G e s a m t y e i t, der G e s c l l s ch a s t, des Volkes durch tausend pädagogische Maßnahmen zum Bewußtsein zu bringen, Redner wies nach, wie 'auch dieses Vorrecht der Gesamtheit im Geiste des Judentums nicht aus ihre Macht, sondern wiederum ausschließlich in ihrer s i t t l i ch e n A u f g a b e wurzelte, und wie auch die modernste Ethik (Wundt) keine andere Basis für die Begründung sittlicher Verpflichtung kenne als den — allerdings sehr notdürftig mit Götterwürde umkleideten — Gesamtwillen. In gleicher Weise findet im Rahmen der jüdischen Ethik auch ein anderer Zcmralgedankc der modernen Frauenbewegung: die „Liebe" seine wohlbcgrenzte und berechtigte Stellung. Der Redner führt auch hierfür eine Reihe von Belegen aus dem jüdischen Schrifttum an und entwickelt dann, wie nach der Anschauung des Judentums allerdings die Liebe in der E h e gipfele. Innerhalb der jüdischen Ethik sei demgemäß zn alten Zeiten, bei aller Schätzung der Kräfte weckenden Poesie der Liebe, ihr eigentlicher sittlicher Hintergrund, die W eitere nt wickelung des von Gott gestifteten großen Mensch heitbaucs mit Recht dem Bewußtsein gegenwärtig gehalten worden. Mit leuchtender Klarheit tritt das namentlich in den tiefen Gedanken unserer Hochzeits-Segenssprüche hervor. Es ist kaum möglich, auch nur einigermaßen erschöpfend all die einzelnen Momente zur Darstellung zu bringen, in denen sich der unvergleiche sittliche Adel der jüdischen Ehe ausprägt. Die jüdische Lehre allein, hat es durch ihre Ehegesctze verstanden, jene „Feierstunden des Lebens" zn schaffen, von denen eine Ellen Sleij träumt, die aber nur durch die Mittel einer das Leben genau kennenden praktischen Gesetzgebung für einen größere» Kreis hervorgezaubert werden können. Redner beleuchtet dann beu Charakter der jüdischen Ehe als eine gesellschaftliche Institution, einen Charakter, ver durch die Anwesenheit der „Edim" (Zeugen) bei der Eheschließung besonders stark zum Ausdruck kommt, und präzisiert dann die Stellung der jüdischen Ethik zu der von dem „Bund für Mutterschutz" besonders stark betonte» Frage der unehelichen Mütter. Eine „neue Ethik" tue allerdings not, aber nicht in dem Sinne einer Zertrümmerung der alten Eheformen, sondern nach der Richtung einer höheren sittlichen Schätzung des Muttcrberuses. Neben der Ehercform ist das wichtigste Postulat der modernen Frauenbewegung die Berufsbildung. Der Redner stellt zunächst fest, daß in der Erkenntnis der sittlichen Notwendigkeit der Arbeit für jedes Menschenwescn, nanicntlich aber für Mädchen und grauen, die jüdische Ethik von keiner neuen Lehre übertrosfen werden könne: „Habatoloh mewio lidei schimum". Prinzipiell sei "also vom jüdischen Standpunkte die Einführung der beschäftigungslosen Töchter in clNcn Beruf durchaus zn billigen. — Anders stehe es mit der offen zn Tage tretenden Tendenz, die ganze Frauenwelt mit Gewalt in den Konkurrenzkampf des sozialen Lebens hineinzustoßcn, um im Namen eines seine Grenzen verkennenden Persönlichkeitsdranges die Frau künstlich zu einem möglichst hochentwickelten „Hyper-Kulturwesen" hinauszuzüchten. An der Hand der neuen Forschungen Rcibmayrs wies der Redner eingehend nach, welch ungeheure Gefahre» es für die Menschheit in sich berge, wenn alles Naturhafte, Gefühlsmäßige in der Psyche der Frau allmählich vernichtet würde. Der Redner schloß init einem warmen Appell an die Anwesenden, sich an der Gründung eines jüdischen Franenvercins zu beteiligen, innerhalb dessen unsere-Töchter und Frauen theoretisch und praktisch im Geiste der jüdischen Lebenslehre gekräftigt und gegenüber den Tendenzen der vorwärts stürmenden „neuen Ethik" zu widerstandsfähigen, ihrer Eigenart bewußten Jüdinnen herangebildet werben sollen. In der anschließenden D iskussion verlas zunächst Frau Dr. Heinemann eine Erklärung des Vorstandes der „Weiblichen Fürsorge" und der „Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge", in der die Gründung eines weiteren jüdischen Fräuenvereins