Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 42 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 42 des Frankfurter JsraMschenHainilieMattes. Inhalt der Vellage: Artikel: Briefe über die hebräische Literatur- — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereine^. — Briefkasten. — Vereins-Kalender. — Jüdische Jugend. Briese über die hebräische Literatur. Von Eva Schapira. Mendeli Mocher Sphorim. Eine hohe, schlanke Gestalt. Schneeweißes Haupthaar und ergrauter Spitzbart. Ein blasses, fahles Gesicht mit edeln Zügen und klaren, tiefblickenden Augen, die ironisch halb und halb gutmütig dreinschauen. Man nennt ihn Großvater. Nicht etwa, weil er stcinalt ist, sondern weil eirie große Schülergeneration niit .Hochachtung und Verehrung zum Meister emporblickt. Der Eine hat von ihm gelernt, einen Anderen hat er angeregt, einen Dritten hat er in die Welt der Musen eingeführt, aber überall war sein Einfluß vorherrschend, denn sie alle hat er zum Schaffen angetrieben. Er stellt die Verkörperung einer ganzen Epoche des östlichen Judentunls dar. Mendeli Mocher Sphorim. Man müßte die Geschichte eines unterdrückten, von Pogrom zu Pogrom gehetzten und gemarterten, aber doch geistig regen Volkes darlegcn und in ihre mannigfachen Kreuzungen Einblick nehmen, um jene ganze Persönlichkeit in ihrer ganzen Fülle von Geist und Poesie und Gestaltungskraft und bitteren Satire zu verstehen und zu erfassen. Oder umgekehrt: Sein geistiges Werk, sein Schaffen, seine Persönlichkeit bieten uns einen Einblick in die Geschichte und Literatur, Leben und Tun dieses Volkes. Unglückliches Jndenvolk! Deinem Dichter und Bildner kannst du nur Jammerbilder liefern, und zehnfach bedauernswerter Dichter, der unter solchen Gestalten aufwächst, mit ihnen groß wird, um sie .alsdann seinem Volke in dichterischer Formung wieder zu veranschaulichen. „Solange ein Volk trauern kann, solange lebt es auch," meinte einst der große Norwege. Das jüdische Volk kann nicht mir trauern, sondern sein Leben ist mit der Trauer identisch. Es trauert immer, und an Anlässen dazu fehlt es ihm nicht. Und doch ist Mendeli nicht allein der tränenselige Dichter, der Schwarzmaler, der Sänger, der in dumpfen Tönen und gebrochener Stimme singt. Wer von uns hat je Mendeli gelesen, ohne von seinem lebendigen Witz, von seinem frischen Humor gefesselt worden zu sein? Seine bittersten Satiren, seine schauervollen Bilder sind, obgleich von Elend und Pein durchsetzt, von einem lebendigen Humor nmzittert! Und klar — Jammergestalten führt er uns vor — und diese Jammergestalten lächeln noch. Welche Ironie! Mit Mendeli setzt eine neue Aera der hebräischen Literatur ein. Mendeli wurde zuerst als Sozialist angesehen. Der Sozialismus war zu jener Zeit in der Literatur gang und gäbe. Freilich, wenn künstlerische Veranschaulichung miterlebten Elends und erlebter Pein, Umformung des nackten Lebcnswehs in poesiereicher Gestaltung, kurzum, wenn voraussetzungslose Wiedergabe der Gebrechen der Menschen Sozialismus heißt, so war Mendeli Sozialist in des Wortes bester Bedeutung. Mendelis Hauptmerkmal ist Mitleid. Sein Mitleid ist aber nicht das eines gegenüberstehendcn Zuschauers, sondern eines in diesem Jammer blutenden Mitkämpfers. Die Art und Weise, wie es uns zu Gesicht kommt, ist völlig neu. Wovon er sich aber von den Vertretern der H.ask.ala unterscheidet, ist das .objektive Begreifen der Dipge. Er moralisiert überhaupt nicht, er zieht ckedigliK mit seiner -bekannten „Stute" in dem Jammertal umher, sucht alle Schlupf- > Winkel des Elends auf, und wie cs dort aus-1 sieht, weiß er mit genialer Hand zu zeichnen. I Mendeli irrt nicht von Ort zu Ort, rast nicht und taumelt nicht unstet umher, sondern macht überall Halt, überall seinen Künstlerblick heftend, um uns dann alle Bilder, die sein Auge ausgegrisfen, vorzuführen. In fesselnder, verblüffender -)[rt zeichnet er den „Kasriel" aus Kabziel — den typischen Ghettojuden — in allerlei Lagen und Situationen: Bald als irrenden Gesellen, Wauderredner; bald im öffentlichen Leben, in: Kreise der Familie, ini Gotteshause und in der engen Gasse. Manche Seite der Mendeli'schen Darstellung, die sich durch gußartige Einheitlichkeit, auszeichnet, wird vielleicht dem heutigen Leser, der sich in der jüngsten Zeit mit verschwommenen, von eiuauder gerissenen Bildern abfinden muß, eigenartig erscheinen. Allein, wenn es einem Dichter darum zu tun ist, ganze, in sich abgerundete Gestalten zu meißeln, dem Leser die Seele seiner Helden hervorzukehren, muß er notgedrungen alle jene kleinen Regungen und Zuckungen des inneren und äußeren Lebens in den Fluß der Erzählung so leiten, daß sie dem Leser spiegelklar vor die Augen treten. Mendeli ist es darum zu tun, ein Stück wirklichen Lebens zu demonstrieren. lind wirkliches Leben bedeutet mehr als Vorgänge auf- und nacheinander ini menschlichen Dasein, die der Außenstehende beobachten kann. Leben heißt Erleben, seelische Bewegung, seelische Erschütterung, sei es aus Freude oder ans Trauer. Also nicht die äußeren Erscheinungen und Geschehnisse, sondern das innere Ringen und Kämpfen, Sehnen und Lechzen und Bewegtsein nennen wir Leben. Und wenn das Leben heißt, so sind Mendelis Juden keine Kreidestriche und Tintenklexe, fondern lebendige, leibhaftige Gestalten, Menschen mit Seele' in der Brust und Gefiihlen im Herzen, allerdings nach dem Grade ihrer Empfindungs¬ und Erkenntnisvermögen. Diese Juden erscheinen uns lebendig, weil sie ans dem Leben stammen, aus dem Leben geholt sind. Keine Mumien, kein totes Gerippe, keine der Dichterphantasie abgernngenen Skelette. Und dabei sind sie urmendelisch — nur Mendeli konnte sie geschaffen haben, denn aus ihnen spricht des Dichters ganze Persönlichkeit. Der Biograph Mendelis wird in seinem literarischen Schaffen mehr Tatsachenmaterial, die ihn: ermöglichen werden, Mendeli darzustellen, sinden, als in vielen Mitteilungen seiner Zeitgenossen und literarischen Berichter, und ein späterer Etnograph wird in Mendelis Werken für seine Forschungen mehr finden, als in hundert bureaukratischen Dokumenten. Man müßte diesen würdigen Greis von Angesicht zu Angesicht sehen, wenn er seinen „Faschke den Krummen" vorliest, mit welchen mimischen Gebärden, mit welcher Betonung, mit welcher Gestikulation, und man wird begreifen, wie eng er niit seinen Helden verwachsen ist. Als hauptsächlicher Zug und zur Ergänzung der Charakteristik Mendelis ist seine eigenartige, urwüchsige Sprache hervorzuheben. „Le style c’est l’homme", und auf Mendeli angewendet, ist dieser Ausspruch Gesetz. Seine Sprache ist nicht elegant, nicht glänzend „schimmernd", wie die der Modernen, aber sie ist urmendelisch. Schon durch sie allein fesselt er den Leser. Er schreibt in Gleichnissen, und diese sind so treffend, so packend, daß sie wie ein Geistesblitz den Leser blenden. Seine Sprache ist originell, — aber noch mehr als das, sie ist künstlerisch neu geschaffen. Diese von ihm geschaffene Sprache tritt, in Verbindung mit seinem Humor, in ihrer ganzen abstechenden Originalität hervor. Denn sein Humor ist ebenso urwüchsig, wie eigenartig seine Sprache. Hätten wir eine im großen Styl geschriebene Literaturgeschichte — Mendeli würde in ihr eine ganze Epoche aussüllen. Und tatsächlich ist er auch der Schöpfer und Erneuerer der hebräischen Literatur. Aus -er zionistischeu Bewegung. Frankfurt a. M. Be: der »omnnjsion für den jüd. Nationalfoiids gingen ein von Herrn Joseph Oppenheimer einen Lelbaum auf den Namen Sieginund Hirsch in Geima " 6,— JL Herrn A. Lewisohn 4,23 „ Zusammen: 10,23 M. Frankfurt a. M., 3v. Ouvber. »Rel:g:öser Konservativismus und politischer Liberalismus" war das Thema, das sich Herr Rabbiner Dr. kl n na- Mannheim zu seinem gestrigen Vorträge in der hiesigen Misrachi -Ortsgruppe gewählt harte. Die Blockpolitik in Deutschland streisend geht Redner aus Namen und Wesen der politijchei: Parleiei: unü deren Verhältnis zu Religion, Wissenschaft und Kunst ein unü kommt dann aus das Judentum zu sprechen; er untersucht die Frage, wie sich dieses zu Wissenschaft, Kunst und Recht verhält. Des öfteren hört man — besonders im Lager der Linken — den Borwurf, daß das Judentum reaktionär sei; allein diese Beschuldigung ist nicht stichhaltig. Das Judentum kennt leine Sonderrechte des Adels.. Nur als oberster H ü t e r d e s Gesetzes und des Recht s steht der König in Israel da, und weiter Befugnisse können si chdie Träger des Gesetzes, das Sanhedrin, erfreuen; sonst heißt es: Gleiches Recht für alte. Zur Berhütnng von 'Anhäufung der Güter ist das „Jauwel" (Erlaßjahr) eingeführt, und zwar nicht bloß theoretisch, soirdern auch in der Praxis. Noch das ganze Mittelalter hindurch ist die jüdische Gemeinde in diesem demokratischen Geiste geleitet worden. Der Schutz des Arbeiters ist stark gewahrt worden, für den Schwachen hat die Gesetzgebung reichlich gesorgt. Besonders hervorzuheben ist hier das Moment der Pflichtmäßigkeit: nicht etwa als Mildtätigkeit soll „Peo" (Feldecke) und .^Leket" (Nachlaß) verabreicht werden, sondern alsfchuldmätzige Gabe an den Fordernden. Auch Bildungsfeindschaft kann man dem Judentum nicht vorwerfen: nie hates in Israel Pächter der Wissenschaft gegeben oder sogar eine ganze Kaste, die die Bildung im Monopol hielt. Man spricht gar zu häufig von Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft; allein abgesehen davon, daß letzter: Endes eine Wissenschaft ohne Voraussetzungen, überhaupt unmöglich ist, wird die Wissenschaft meistens von Antipathien nick» Sympathien getragen, sie ist mithin subjektiv, und sobald sie, anstatt sich in Dienst der Menschheit zu stellen, der Sittlichkeit zuwiderläuft, wird sie kulturwidrig. Beides weist der Redner an Beispielen nach. Auch ist das Judentum nicht kunstfeindlich. Einer wahren Wissenschaft, einer wahren Kunst, widersetzt sich das Judentum nicht, was das Judentum verlangt, ist Moral, nur sie allein steht über der Aesthetik: das Göttliche ist das oberste Postulat. Im Judentum ist konservativer und liberaler Geist harmonisch vereint. Die Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Vorsitzende, Herr Dr. Feuchtwanger, dankt dem Redner. Das behandelte Problem sei besonders für zionistische und misrachistische Kreise überaus wichtig. Trachtet doch der Zionismus nach der Gründung eines Staatswesens. Sodann spricht der Vorsitzende über die Aufgaben des Misrachi. Er meint, daß eine doppelte Aufgabe des Misrachi harre: 1. eine negative und 2. eine positive. Negativ: zu verhindern, daß von Seiten der zionistischen -Organisation keine Verstöße gegen das überlieferte Gesetz gemacht werden, Positiv: Gründung von Schulen u. d. m. Die Gründung von Schulen muß alsHauPts a ch e angesehen werden, „denn nicht von Brot allein lebt der Mensch". 'Allein um auf diesem Gebiete etwas zu leisten, bedarf der Misrachi einer -Organisation. Gegenwärtig strebt der Misrachi die Gründung einer Mittelschule in Palästina und seine Neuorganisation in der Gestalt einer Federation au. Man möge Föderation nicht mit Trennung verwechseln: Federation heißt Differenzierung. Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt -Osfcnbach meint, die zionistische Organisation müsse rmr darauf bedacht sein, soviel Mitglieder als möglich zu bekommen. Die Propaganda müsse praktisch betrieben werden. Alles Trennende — Religion, Nationalismus — muß in den Hintergrund treten. In den Ländern der Diaspora gibt es einen Ueberschuß von 4 Millionen Inden, für die ein Land ausfindig zu machen, das einzige Ziel sei. Herr I. L. G o i t e i n vermißt Palästina in den Ausführungen seines Vorredners, auch vermißt er das Nationale. Der Zionismus sei'nicht blo ßfür einige Millionen heimatloser Juden, sondern für Pas' gesamte jüdische Volk. Herr Rabb. Goldschmidt erwidert: Noch vor 25 Jahren sei er eifrig für Palästina eingetreten; heute