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Neue jüdische Presse · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Ahron Kohn blieb stehen und blickte ihr sinnenden Auges nach, wie sie schwebend dem Himmel zustrebte, um bald wieder zu ihrem Neste, das zwischen wallenden Halmen sich verbarg, zurückzukchrcn. „Ein Bild des menschlichen Lebens," sagte der Greis vor sich hin. „Auch/ wir leben so wie sie ein zwiefaches Leben, wir hängen mit zahllosen Fäden an der Scholle, und doch sehnen wir uns nach der höchsten Lichtwelt." — Und seufzend bewegte er sich weiter. * Die Fenster des Bethaniidrosch, die in den Hellen Hosraum hinausgchen, stehen weit offen. Eine vereinzelte Linde wirft ihren breiten Schatten auf die weißgetünchten Wände, auf die blassen Gesichter der Männer, auf die vergilbten Blätter der aufgcschlagenen Bücher. Der süße Wohlgeruch der Blüten umweht sie, sic trinken ihn, atmen ihn ein, doch sie wissen es Nicht. Denn die Männer, die da um den Eine» herumstchen, an seinem Dtunde hängen, trinken nur Geist von seinem Geiste, sein Wort ist ihnen der Baum des Lebens, der sie nährt und erhält. Ahron Kohn ist auch unter der Zuhörerschar. Der leidenschaftliche Bortrag des Redners, der hohe Gedankenpflug scheint auch ihn hingerissen zu haben. I» sich versunken sitzt er da, mit gefurchter Stirne, als wollte er die ewigen Lcbensrätscl, von denen der fremde Mann so überzeugend gesprochen, mit ihm lösen. Doch nein, der Greis hatte nur Worte gehört, ohne deren Sinn zu beachten. Er sah nur das Auge des Redners, das aus dem geheininißvollen Dunkel der zusammcngczogcnen Brauen flammte und glühte. Nur das leuchtende Gesicht, das vom imicrn Geiste erwärmt wurde. Denn vor Ahron Kohns Seele steht ein Bild, das ihn zurückführt, weit fort von dem Orte, an dem er sich jetzt befindet, ein Bild, das dem, welches er vor sich sieht, ähnlich ist, wie der Schatten eineni Körper. „Wesenlose Schatten, Schemen," murmelt er vor sich hin, „wie entfernt seid ihr von der Wirklichkeit." Ahron Kohn blickt auf. Der Redner hat aufgehört zu sprechen. Laute Beifallsrufe erschallen. „So sind sic auch auf mich zugekommcn, haben niir die Hände geküßt, haben mich umjubclt," sagt er leise. „Auch ich, sah in ihren Augen den Widerstrahl meines eigenen Geistes, entzündet von unserem heiligen Glauben, und spielte mit Menschenherzcn, wie dieser jugendliche Mann dort. Was bin ich jetzt, ein Wrack, ein Krüppel an Körper und Geist, unfähig, die Brosamen seiner Gedankenarbeit anfzufangen." Das Bethaniidrosch hatte sich allinählich geleert. Mau vergaß, die Fenster zu schließen. Ein aufsteigender Wind bewegte stärker die Zweige der Linde. Sie rauschten wie ferne Mcereswogen. Ahron Kohn saß aus der harten Holzbank, er achtete nicht darauf. Wie abwesend schaute er auf die Krücken, die an der Wand neben ihm lehnten. „Wie lange seid ihr schon meine Gefährten," begann er wieder sein Selbstgespräch, „wie lange ists, daß ich heimatslos geworden. Ihr könnt nicht sprechen, seid stumm, und doch könntet ihr so viel erzählen. Ihr seid nur aus kaltem, hartem Stoffe. Kann Holz cinpfinden, kann es fühle», lvciß es,!vas cs heißt: glücklich sein, so glücklich, daß man glaubt, der Hinimcl sei hier unten und nicht dort oben? lind wisset ihr etwas von Weh, von so tiefem, unnennbarem, schrecklichem Weh, daß man meint, die ganze Welt sei zu klein, um darin Platz zu finden. — — Beinahe ein halbes Menschenleben ist cs, daß ihr niir seid, statt der Füße. Damals, als ich euch zum crstenmale, sah, wußte ich noch nicht, daß ihr meine besten, treuesten Freunde sein Iverdct. Damals schien cs mir, als riefet ihr mir zu: Auf, Starker, auf! Und ich lies; mich nicht sinken, wen» ich auch zuin Bettler geworden bin. Ich habe Frieden mit mir, Frieden mit der Welt." Ahron Kohn schwieg, er schaute hinauf ans den glänzenden Sternenhimmel, doch bald ermüdete sein Auge und es senkte sich wieder auf feine Stützen. „Gerade so eine helle Nacht," sagte er wieder, „war es, als sie mich verwundet auf dem Schlachtjeldc fanden. Ich war nicht betäubt, auch hatte ich keine Frankfurter JsraeWWes FavMenblaü. großen Schmerzen. Ich freute mich über meine, wie ich glaubte, geringfügige Verwundung. Den» nun hatte ich ja die Hoffnung, daß man mich nach Hause schicke. Ich hatte mir dort, umgeben von Toten und Verwundeten, in der furchtbaren, von Blut und Moder erfüllten Lust eine Predigt erdacht, die ich in meinem Eigendünkel für das großartigste Geistesprodukt eines Menschen hielt. Ich sah mich wieder an meinem Platze, von wo ich die unvergänglichen Wahrheiten verkündete, hörte den Pulsschlag der tausendköpfigen Menge, die mich an ihre Spitze gestellt hatte. Ich war wieder der Kämpfer, wie es der fremde Mann heute war. Ich siegte so Ivie er, ohne Blut zu vergießen, mit Waffen, die jich für mein eigenstes Eigentunt hielt und die mir niemand entreißen konnte. — — Es waren dies Fieberphantasien. Nach einigen Monaten erhielt ich euch zu meinen Gefährten. Ich mied die Stätte meines früheren Wirkens. Ich konnte kein Führer, kein Leiter mehr sein. Die Schwingen meines Geistes waren gelähmt." — — — Die Stimme des alten Mannes verlor sich in unverständliches Flüstern. Sein Haupt neigte sich auf das schmale Fensterbrett, er war eingeschlafen. * Eine goldgelbe Helle erfüllt den Raum. Die Sonne ging auf. Frühe Beter erscheinen und wenden sich in Andacht gen Osten. Ahron Kohn erwacht und rüstet sich zum Gebet. Eine Fabel vom König Salomo und der Königin von Saba. Nachstehende, wohl nur Wenigen bekannte Fabel vom König Salomo und der schönen Balkis, Königin von Saba, ist von so poetischer' Schönheit, daß sie schon wegen der wunderbaren Form, in der sic wicdcrgegeben ist, meinem größeren Publikum erzählt zu werden verdient. Eines Tages, als Salomo, der bekanntlich der Vogclsprachc kundig war, in seinem berühmten, mit Gold und Silber ausgestatteten Palast, auf einem Teppich ausgestreckt, der Ruhe pflegte, während die Vögel über seinem Haupte hin- und herschwirrten, um den König mit ihren Flügeln zu beschirmen, erschien plötzlich ei» Falke und stürzte sich auf ihn. Salomo sprach zu dem Falken: „Wer bist Du, lvoher kommst Du?" „Ich bringe Dir," Hub der Vogel au, „Kunde von einem Lande, dessen Namen Du noch nie vernommen. Ich will Dir von dem Königreich Saba und von Balkis berichten." Und nun erzählte der Falke, daß Saba die Hauptstadt eines mächtigen, im Süden Arabiens gelegenen Kaiserreiches sei, und daß diese Stadt von dem König Abd-Schems crbant worden, dessen Siege der Stadt den Beinamen Saba verliehen hätten. „Die Stadt Saba," begann der geschwätzige Vogel, „ist die schönste und größte Stadt im Erdenrund; sic ist so stark gebaut, daß sie allen Feinden der Welt Trotz zu bieten vermag. An allen Seiten erheben sich Marmorpaläste und prächtige Gärten. Das Königreich Saba ist wie ein Diamant auf der Erde. Jetzt wird es von der jungen Balkis beherrscht, einer Königen von göttlicher Schönheit. Auf einem mit kostbaren Steinen besetzten Throne sitzend, hält sie mit ihren Ministern Rat, während sic durch einen Vorhang den Blicken der Neugierigen entzogen ist. i Wie alle anderen Herrscher dieser Gegend betet sie die Sonne an." Also sprach der Vogel. Salomo cntgcgncte: „Wir wollen sehen, ob Du die Wahrheit gesprochen." Dann betete er. Nachdem dies geschehen, entriß er eincin vorüberfliegendcn Adler eine Feder und schrieb also: „Salomo, Diener Gottes und Sohn des David, an Balkis, Königin von Saba. Im Namen des allbarmherzigen und mächtigen Gottes begrüße ich Dich. Folge meinem Ruf und begieb' Dich zu den Gläubigen." Der König übergab das Schreibe» dem gefiederten Boten, der cs in seinen Schnabel nahm und wie ein Pfeil davon flog. Die Königin erhielt das Schreiben, während sie gerade mit ihren Ministern zu Rate saß. Der Name Salomowar ihr völlig unbekannt. Die Nr. 42. Königin sprach: „Ich werde meine Gesandten mit Geschenken zu ihm entsenden. 'Wenn er sie höflich empfängt und die Geschenke anuimmt, so ist'er ein König, wie alle anderen, und ich werde ihn verachten. Wenn er sich jedoch durch meine.Geschenke nicht bestechen läßt, so ist er ein wahrer Prophet, und ich werde niich zu seiner Religion bekehren." So gesagt, ließ sic sogleich tausend in Gold und Silber gestickte Teppiche anfertigen. Auch eine Krone aus den kostbarsten Perlen, eine Ladung Bernstein und andere wertvolle Erzeugnisse Arabiens gab sie den Gesandten mit ans den Weg. Dann fügte sie der Sendung ein Kästchen bei, das eine undurchlöcherte Perle, einen Diamanten mit einer winzigen Oeffnung und ein Krpstallgefäß enthielt. „Salowon soll erraten, was dieses Kästlcin birgt. Er soll die Perle durchbohren, einen Faden durch den Diamanten ziehen und das Krystallgefäß mit einem Wasser füllen, das' weder vom Himmel noch von der Erde kommt." Der Falke, der alles mit angehört, kehrte mit Windeseile zu Salomo zurück und berichtete ihm, was geschehen würde. Bon strahlender Pracht umgeben, empfiiig Salomo die Gesandten des Königreiches Saba, die von der Macht und dem Reichtum Salomos geblendet waren. „Ich errate," begann Salomo, „was euer Kästlein dort birgt. Mit dem Beistände des Herrn werde ich 'aber die Perle durchbohren, einen Faden durch die Oeffnung des Diamanten ziehen und das Krhstallgesäß mit einem Wasser füllen, das weder vom Himmel noch von der Erde koinmt." Darauf befahl er einem Sklaven von hohem Wuchs, das feurigste Roß zu besteigen, auf das Feld zu jagen und mit' Windeseile wieder zurückznkehren. Als der Sklave wiederkehrte, waren die Flanken des Rosses mit Schweiß bedeckt. „Seht her," sprach Salomo, „hier ist das Wasser, das weder vom Himniel noch von der Erde koinmt." Dann durchbohrte er mit Leichtigkeit die Perle mittels eines Zaubcrsteines, und als ihm ein Dämon einen Wurm brachte, der einen seidenen Faden nach sich Zog, führte er diesen durch die Oeffnung des Diainanten. So geschehen, fragte der König den Wurm, womit er ihn belohnen solle. Der Wurm erbat sich einen schönen Lbstbaum, darin er seine Wohnung aufschlagen könne. Da gab ihm der König den Maulbeerbaum,. der seit jenem Tage den Seidenwurm ernährt und beschützt. Die Gesandten begaben sich nun, von der Macht Salomos überzeugt, zu ihrer Herrin Balkis zurück. Als die Königin die Kunde von ihren Gesandten vernommen, war sie aus's Tiefste bewegt, und sie beschloß, selbst zum König Salomo zu gehen. Bon einem endlosen Gefolge begleitet, machte sie sich auf den Weg nach Jerusalem. Salomo empfing die Königin huldvollst. .Die schöne Balkis, die in ein kostbares, schleppendes Gewand gehüllt war, setzte ihren Fuß auf den trystallenen Fußboden. Sie erschrak, denn sie glaubte sich im Wasser zu befinden, und sie hob daher den Saum ihres Kleides empor. „Fürchte Dich nicht, schöne Balkis," sagte Salomo, „Du wandelst nicht im Wasser, sondern aus reinstem Krystall. Unterwirf Dich meinem Glauben." Balkis verneigte sich tief vor dem König. Sie schwur ihren Glauben an die Sonne ab und unterwarf sich dem hebräischen Glauben. Salomo heiratete sie sogleich und schickte fick dann in ihr Königreich Saba zurück, wo er sie allmonatlich besuchte und sic mit Ehren überhäufte. Als Balkis starb, ließ Salomo ihr ein herrliches Grabmal in der Stadt Tadmor errichten. Jahrhunderte vergingen, als unter der Herrschaft des Kalifen Walid eine Hochflut die Stadtmauern von Tadmor umspülte und ein Sarg von sechzig Ellen Länge und 40 Ellen Breite an die Oberfläche kam. Der Sarg trug folgende Inschrift: „Hierist das Grabmal der" frommen Balkis, Königin von Saba, Gemahlin des Propheten Salomo, Sohnes des David." Den- Sohn des Kalifen Walid ließ den Sarg öffnen in» er erblickte eine Frau von fö schönem und frismem Aussehen, als sei sie erst eben zur letzten Rnhe bestattet worden. Der Kalif war durch den Anblfck >der schönen. Balkis derartig entzückt,

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