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Neue jüdische Presse · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr^ 42. Kultusbeamte - eingeladen werden, dein Gottesdienste beizuwohnen. Die Miujanlriite Zollen zur persönlichen und pünktlicheren Pflichterfüllung angehaltcn werden. Vielleicht verschwinde» dieselben völlig, wenn sich die .neue'Einrichtung betreffs des Frnhgottesdienstes einbürgern sollte. Wegen Neuregelung der Synagogen- Plätze wurde dein Vorstande nahe gelegt, eine Revision der sogenannteu „E r b s i tz e" vorzunchmen. Diese „Erbsitze" gründen sich auf alte Privilegien und befinden sich heute teilweise in Händen von Personen, die längst keine Juden mehr sind. Natürlich handelt es sich lediglich um bessere Plätze in den ersten Reihen, die, wenn die Inhaber nicht mehr in Köln wohnen oder die jüdische Religion abgelegt haben, von den Besitzern vermietet oder vergeben worden sind. In einem obsiegenden, neittleriveile rechtskräftig gewordenen Urteil' gegen einen nichtjüdischcn Inhaber in Charlottcnburg, ist dem Vorstande das Recht zugesprochen worden, den Erbsitz cinzuzichen. Aus biesem Erkenntnis wird die Geincindc die Konsequenzen betreffs der iveitcren 70 Erbplätze in der Glockengasse ziehen. Hohensalza. Stiftung. Die jüngst verstorbene Frau Caroline K r ö u e r hat der jüd. Gemeinde 15 000 Jf. für die Erbauung eines j ü d. Krankenhauses testiert. Pinne. Spende. Mühlenbcsitzer Ab r ah am Borchardt hat, nachdem er vor Jahresfrist beim Verkauf eines Grundstückes für die jüd. Gemeinde hier eine Hhpotyek von 15 000 M. als Geschenk überlassen, in dieser Woche ein ihm gehörendes Grundstück, welches neben der Synagoge liegt und einen Wert von 12 000 Jk repräsentiert, geschenkt. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die jüdiichnationalen Reichsratsabgeordueten Gabel, Stand und' Strauch er hatten mit Ministerpräsident Baron Beck auf dessen Einladung eine Besprechung. Neben allgemeinen Fragen wurde auch die Lage der jüdischen Bevölkerung besprochen. Budapest. Die orthod Zentral-Kanzlei erhielt von der österr. - nngar. Gemeinde in I e r u s a l c m eine Depesche, es sei eine ungewöhnlich große Teuerung her Lebensinittcl, und man möge zur Hilfe n-nigehend zwei Waggons Mehl absendcn. Stuhlweitzenburg. Antisemitische Flegelei. Gerichtssekretär Motkovsky kam dieser Tage in ein hiesiges Kafscehaus. Als ihn bei seinen! Eintritte ein schwarzgelockter Kellner begrüßte, ries Motkovsky: „Pfui, da riechts nach Inden!" Hierauf wendete er sich an den Besitzer des Kaffehauses und herrschte ihn laut an: „Sagen Sie mal, wie können Sie in Ihrem Lokale solche st..... . Inden anstellen?" Dieses Benehmen des Gerichtssekrctärs rief unter einem Teile der Gäste, besonders aber unter den übrigen Bediensteten des Lokales eine solche Empörung hervor, daß 'ihn kein Kellner bedienen^ wollte und der antisemitische RechtSsprccher das Kaffeehaus verlassen mußte, ohne etivas zu genießen. Interessant ist an der Sache, daß der betressende Kasscehansbesitzer selbst Arier ist und auch unter seinen Angestellten sich kein einziger Jude besindet. Da der beleidigte Kellner organisierter Sozialdemokrat ist, wird der Herr Gerichtssekretär Motkovsky in allen Lokalen der Stadt von den Kellnern boykottiert. Man fragt sich allgemein: Wie muß cs erst einem wirklichen Juden, der in die Hände dieses freien, ungarischen Richters gerät, ergehen? Rußland. Petersburg, 29. Okt. Heute ist die erste Nummer der vom „Informations-Bureau" hcransgegebencn Halbmonatsschrift „D er jüdische Em igran t" erschienen. Odessa. Gründung einer jüdischmedizinischen Zeitung. Vier hervorragende jüdische Aerzte beschlossen, zu Beginn des nächsten Jahres eine medizinische Wochenschrift in russischer Sprache herauszugeben. Die Wochenschrift, die den Titel „Jewreiskij nccdicinskij Golos" („Jüdische medizinische Stilnmc") führeic wird, hat den Zivcck, die jüdischen Massen über die Ursachen und Forucen der hauptsächlich unter den Inden verbreiteten Krankheiten aufzuklären und sie mit der modernen Hygiene bekannt zu machen. Warschau. Der Korrespondent der Petersburger jüdischen Zeitung „Der Fraind", Herr L. Kohn, wurde auf der Straße verhaftet und nach der Citadellr abgeführt. Kiew. Es wird hier wieder stark gegen die Juden agitiert. Minsk. Ein interessantes Examen. Der Vorsteher des Kleinen Bes - Hamidrasch, Rabb. Salomo, ist der Raw von Mohilno geworden, und auf seine Stelle reflektierten zahlreiche Bewerber. Man lud die Bewerber nun zu einem Konkurrenz- Examen ein. Baalei - Battim, große Lamdonim und sämtliche Jeschiwa - Schüler bildeten, mit dem Talmudfolianten vor sich, das urteilende Publikum, und gewählt wurde Rabbi Abba Schiff. — Das Examen ist jedenfalls ein glänzendes Zeugnis für das unter den russischen Juden bestehende jüdische Wissen. Frankfurter Israel itrWes FamilienblM. Frankreich. Paris. In der jüngsten Sitzung der Akademie der I n s ch r i f t e n teilte P o g n o n eine a l t biblische I n s ch r i s t mit, in der ein armenischer König Bär-Hädad, der im Buche der Könige Ben- Hadad genannt wird, vorkommt. Ein ihm feindlicher König triumphiert über ihn und dankt dem Gotte Baal für seine Gunst. —> Z a r Nikol a u s II. hat dem hiesigen Bildhauer L B e r n st a m m ein Denkmal bestellt, das seinen Platz auf der Newabrücke in Petersburg sindeii und ein riesiges Marmvrwerk — Peter den Großen, Matrosen ans einem Schiffbruch rettend, darstellend — bilden soll. Amerika. New-Uork. Der Nationalrat der jüd. F t a u c li wird seine I a h r e s v e r s a m m l n n g r>o::i 4.—7. November im Hotel Fairfax, Norfolk, abhaltcn. Es ivcrden u. a. sprechen: Frau Carrie Wisc, Rcw-Pork, über „Die Religion der amerikanischen Jüdin" und Frau Envch 'Rauh, Pittsbnrg, über „Was tut Amerika für seine Jugend?" — Der Geary Street Tempel in S a n - Francisco, der während der großen Katastrophe im April 1906 zerstört wurde, wird infolge der energischen Anstrengung des Rabbiners Levy bald wieder a n f g c b a u t sein. Die Gemeinde, deren Eigentum der Tempel ist, besteht ans 250 meist gering bemittelten Familien. —. Der bekannte, jüngst verstorbene Aroßsleischpacker 3k e l s o n M o r r i s, der ein Vermögen von 20 Millionen Dollars hinterließ, vermachte verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten Legate im Gesamtbeträge von 65 000 Dollars, darunter 10 000 Dollars an das Jüdische Waisenhaus in Cleveland. — In Gloversvillc e r stickte Salomon Frank mit 5 Töchtern ini Alter von 21 bis 10 Jahren infolge eines furchtbaren Brandes, der plötzlich des Nachts in seinem Hause ausbrarh. Die Mutter und 2 kleine Söhne konnten sich noch rechtzeitig retten. Marokko. Mazagan. Herr Elmaleh, Direktor der hiesigen Alliance-Schule, hat an die Leitung der Alliance Israeli!«: Universelle nachstehenden Brief geschickt: M a z a g a n, 7. Okt. 1907. Von allen jüdischen Familien, die anfangs August die Stadt verlassen haben, ist noch nicht eine zurückgekehrt. Der Umkreis von Mazagan scheint ganz ruhig. Mulay Hafid übt eine wahre Schreckensherrschaft über die Stämme aus, die ihm anhangen, und für den Augenblick wenigstens darf man cm eine Wiederkehr der Ruhe glauben. — Seit einigen Tagen haben wir einen ncncir Kaid. Der frühere, El Hamdonnia, ist in Keilen nach Marrakesch gebracht worden, um sich wegen seiner franzosenfreundlichen Haltung zu rechtfertigen. Auch alle anderen Beamten in Mazagan sind durch Kreaturen Mulay Hafids "ersetzt worden. Im Schoß der israelitischen Gemeinde hat sich seit August nichts geändert, nur das Elend ist' noch größer, die Verlassenheit eine vollständige geworden. Die Zahl unserer Armen hat sich beträchtlich vermehrt, nämlich um alle Flüchtlinge aus Casablanca, die wir von den Arabern frcigekanft und in unseren Schulen nntecgcbracht haben. Bis jetzt sind etwa 250 nach. Casablanca zurückgebracht worden, gegen 150 sind noch hier, und täglich treffen neue "ein. Bisher haben die an Ort und Stelle aufgebrachten Mittel für den Frcikauf 'der Gefangenen voll Casablanca ausgcreicht.. Jetzt aber ist cs unmöglich, neue Spenden zu erhalten, da die Vermöglicheii in rühmlicher Hilfsbereitschaft bereits alles entbehrliche hergegeben haben. Wir mußten deshalb bei'einem hiesigen Geschäftsinhaber eine Anleihe von 750 Pesetas aufnehinen. Diese Last ist für uns umso schwerer, als für den Freikauf unserer Glanbensgenossen noch weitere Mittel erforderlich sind und wir überdies für Nahrung, Kleidung und Beförderung nach Casablanca zu sorgen haben. Für die Armen von Mazagan selbst hat, abgesehen von den 'Spenden der Alliance und des Herrn Cohen, noch nichts geschehen können. Sie leiden buchstäblich Hunger. Seit meiner Rückkehr bin ich förmlich umlagert von den Unglücklichen, die ihr Leid mir zuschreien als der einzigen Person, die ihnen Hilfe bringen kann. Es ist ein klägliches Schauspiel. Zu allem Unheil hat der Winter mit Regen und Kälte eingesetzt, und die Aermsten, die alles, sogar ihre elenden Betten verkaufen mußten, haben nichts um sich zuzudccken. Ich bitte Sie deshalb um neue Spenden, sowohl für die Armen von Mazagan, wie für die Flüchtlinge von Casablanca, und um die Beträge, die erforderlich sind, diese Flüchtlinge in ihre Heimat zurückznbringen. Personalien. Berlin. Herr Siegmund Cohn und Frau geb. Fuchs, Potsdamerstraße 9, feierten die goldene Hochzeit. — Der vor einigen Tagen verstorbene Tänzer am Kgl. Opernhaus M a x H a r in o n i st, der Sohn einer armen Marktfrau, hatte eine auffallende Begabung Seite 3. für alle Theaterdinge. Er war hervorragend musikalisch und verstand viel von Gesang. Mit sicherui Instinkt fand er in dramatischen Werken das dichterisch Bedeutsame heraus, sein Urteil über Dichtwerke und schauspielerische Leistungen war oft frappierend. Ende der achtziger Jahre war er ein begeisterter Borküinpfer der modernen Realisten. Die Bedeutung Gerhart Hauptmanns hatte er mit am frühesten erkannt, und wo er mir konnte, trat er begeistert für ihn ein. JlN Cafe Kaiserhof versammelte er alltäglich eine größere Korona um sich, die seinen einfachen und doch so klugen Reden gern zuhörte. Wie viel Schauspielern und Dichtern hat er ihre Zukunft in gutem und bösem Sinne vorausgesagt. Paul Schlenther und Otto Brahm schätzten und würdigten ihn ihrer Freundschaft. Otto Brahm ließ ihm gestern durch Emanuel Reicher einen wundervollen Kranz mit der Inschrift: „Dem tapferen Mitkämpfer in dankbarer Erinnerung Otto Brahm" auf den Sarg legen. Auch die Mitglieder des Stammtisches im Künstlerziiumer bei Siechen hatten ihm einen Kranz gewidmet. Seine freie Zeit hatte Harmonist in frü- Ijcmt Jahren fleißig dem Schachspiel gewidmet. Er war ein sehr begabter Schachmeister. Harmvnist'jche Partien sind als besonders markant kn allen Schachbüchcrn aufgesührt. Argen««. Mühlenbesitzer Kallmann wurde der K r o n e n o r d e n 1. Klasse verliehen. Wien. Die »Wiener Zeitung" teilt mit. daß die Herren Theodor Ritter v. Taussig und Blum die Erlaubnis erhalten haben, den russische n S t a n i s l a u s o r d c n zu tragen. Die Auszeichnung ist ein geringes Acquivalent für die Mühen und Anstrengnngen, welche es die beiden jüdischen Financiers gekostet hat, die letzte russische Anleihe, d. h. den Beitrag der westeuropäischen Bankwelt zu den Kosten der Pogrome auszubringen. — Den Privatdozenten Dr. Egmont Münzer, Dr. Rudolf' W i n t e r n i tz, Dr. Gottfried Pick, Dr. Ludwig W a e l s ch , sämtlich in Prag, wurde der Titel eines a u ß c r o r d e n t l. ll n i v e r s i t ä t s p rose s s o r s verliehen. — Der Laudesgerichtsrat Dr. I o f e f L ö w n e r am hiesigen Handelsgerichte wurde zum Oberlandesgerichtsrat befördert. Aus der Lehrerwett. Berlin. Wie die .Allg. Ztg. d. Indent." berichtet, beabsichtigt die Regierung, sämtliche jüd ischenZiv erg sch ulen im Regierungsbezirk Kassel — d. h. solche mit weniger als 12 Schulkindern — anfzuldsen. Nur bis zur anderweitigen Verwendung sollen die Stelleninhaber noch in ihrer jetzigen Stelle verbleiben. München. Lehramtskandidat Dr. Siegmund Rinds köpf aus Würzburg ist zum Lehramtsassistcntcu ans hiesige Realgymnasium ernannt worden. Göttingen. Ablehnung der Errichtung ein er j übischen Volksschule. Die hiesige Synagogen-Gemeinde hatte auf Grund des mn 1. April 1908 in Kraft tretenden Volksschul-Unterhaltungsgesetzcs die Errichtung einer israelitischen Volksschule beschlossen und bei der Staatsregierung den Antrag gestellt, die Schule auf den Gemeindeetat zu übernehmen. Der Minister hat indes das Bedürfnis zur Errichtung einer israelitischen Schule nicht anerkannt; die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Kinder besuche doch die höheren städtischen Schulen. Nikolsburg in Mähren. Eine jüdische Schule mit christlicher Schnlermajorit ä t ist die Schule der hiesigen politischen Jsraelitengemeindc; sie wird nämlich von 267 katholischen und 91 israelitischen Schülern besucht. Der Stelzfuß. Skizze von S. Silenski. Feuilleton. 0 In der balsamischen Frühe eines Sommertages ging ans einem schmalen Steg, der sich durch blumige Wiesen schlängelte, ein alter Mann. Der Morgenwind spielte mit dem Silberhaar des Greises und hob den Blütenstaub wia eine dünne Wolke über die naheliegenden Aehrcnfelder. Ahron Kohn ging langsam, Schritt für Schritt, und doch kam er vorwärts. Hatte schon ein gutes Teil seines Weges zurückgelegt. Mit beiden Händen seine Krücken festhaltend, sie auf und absctzend, so kam er weiter, denn Ahron Kohn hatte nur Stümpfe, und die beiden Holzkrücken dienten ihm statt der Füße. Beinahe lautlos bewegte er sich weiter. Das leichte Aufklopfen der Krücken ans dem moosigen Fußpfad störte nicht die geschäftige Natur. Singend hob sich die Lerche aus dem Kornfeld empor und begrüßte den Morgen.

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