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Neue jüdische Presse · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 42. Man kann sich leicht denken, wie hier der Elementarunterricht des Hebräischen soivohl, wie des Russischen, geleitet wird. Die Kinder lernen hier höchst unregelmäßig und sinnlos lesen und schreiben und bleiben nach achtjährigem Aufenthalt ini Cheder beinahe vollständige Analphabeten. So sieht es in Kiew aus, und andersivo ist es auch nicht viel besser. Daß auch die Talmudthora's und Jeschiwah's in der Hauptsache die gleichen Fehler auswcisen wie die Chadorini, lvurde bereits oben migcdeutet. Eine erfreuliche Ausnahme bilden die Jeschiwah's in Lida und Odessa, die unter Leitung und Aufsicht des Herrn Rabbiner Reines, Lida, bezw. Rabbiner Tschcrnowitz, Odessa, stehen. Hier haben wir es mit Anstalten zu tun, die den Zöglingen neben einer gediegenen talmudischen Ausbildung und umfassenden! jüdischem Wissen auch eine vielseitige und gründliche allgemeine Bildung geben. Leider sind diese Institute die einzigen in chrer Art, zudeni haben sie vorläufig noch mit großen-materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen. In der Chadorim-Frage trat freilich in den letzten Jahren eine gewisse Aendcrung züm Besseren ein, indem die Zionisten und sonstige Freunde einer vernünftigen nationalen Erziehung vielfach sog. „Muster-Chadorini" gründeten, die in erster Reihe die Beseitigung der pädagogischen und sanitären Schäden der Chadorim zur Aufgabe hätten. Allein über das Stadium eines vielverheißenden Versuches ist die Sache noch nicht hinaus: dazu fehlt es noch an den nötigen pädagogischen, inateriellen und — last not least — organisatorischen Kräften. * Was ließe sich nun machen? Was wäre für die Hebung des Schulwesens in Rußland zu tun? 1. Die Zionisten müssen mit ihrem Programm der Gegenwartsarbeit iin Sinne der Vorbereitung und nationalen Erziehung des Volkes Ernst machen und: a) für die weitere Verbreitung und Entwicklung des Instituts der Muster- Chadorim Sorge tragen; b) zur Gründung von Privatgymnasien mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Lehrfächer beitragen; c) auf die bestehenden Privatgymnasien Einfluß zu gewinnen suchen und sie zur Revision ihres jüdischen Lehrprogramms veranlassen. 2. Die berufenen jüdischen Organisationen, ebenso vermögende Private, die für großzügige nationale Aufgaben Sinn und Verständnis haben, müssen all' diesen Bestrebungen tatkräftige materielle Unterstützung entgegenbringen. Dem Wohlwollen opferfreudiger Privater ivärc namentlich die Unterstützung der erwähnten Mustcr-Jeschiwah's zu empfehlen, da die großen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen für talmudische, ausgesprochen orthodoxe Lehranstalten wenig Interesse haben dürften. Hier wäre ein Gebiet, wo westjüdische Wohltätigkeit mit o st jüdischem Kulturleben gepaart, schöne Früchte für die Zukunft unseres Volkes, den Juden zur Ehre, dem Judentum zum Heil, zeitigen würde. . . . Brief aus Uugaru. Der große Wellenschlag der Kultur, dem das llcrikale Oesterreich seine politische Umwälzung verdankt, hat auch bei den magyarischen Grenzpsählen keinen Halt gemacht. Das Drängeil nach dem allgemeinen Wahlrecht beherrscht die Tagespolitik. Und da cs sich um Erlvciterung von Menschenrechten handelt, sind die Juden die lautesten Rufer im Kampfe. Das können die herrschenden Potentaten nicht verzeihen. Nur darum . mußte der Szcgcdiner Professor Kunfi, dem außer seiner Begeisterung für das geheime Wahlrecht nur sei» „geborener Kohn" vorgcworfen werden konnte, den Dienst quittieren. Und die Bedrohung mit Totschlag und Statuierung eines Exempels a la Russie war uns ein liebliches Bergißnreinnicht in dem Blumenstrauß, den Nagy Emil, ein ultra¬ Frankfurter JsraelitiWes Familienbkckt. liberaler Kossuthhusar, seinen! jüdischen Reichstagsgcnossen M c r z ö f i an den Kopf gcschlcnder hat, weil dieser es wagte, als „geborener Fcldmaiiii" ein Menschenrecht für alle rechte Menschen zu fordern. Der Plebs auf der Steppe hat den Wink von Oben verstanden. In Totfalu hat sich die behördlich konzessionierte Judcnhetze zu einem regelrechte» P o g r o m verdichtet. Einen taubstummen jüdischen Bettler haben sic dort halbtot geschlagen; dem Schauchet erst den Bart abrasiert und dann bestialisch verprügelt; dem letzten, trotz katholischer Konsumbude noch vegetierenden Greislcr die Hirnschale zerschmettert und die jüdischen Schulkinder — pro gloria Dei — jämmerlich zerschunden! — Und diese mit elementarer Kraft brutal hervorbrechendcu Volksinstinkte wollen unsere konventionellen Vordeuker durch patriotische Phrasen bannen. Sie tun, als ob sie von all' dem keine Ahnung hätten, und erwarten noch immer vom „Zahn der Zeit" und von der ritterlichen Großmut der rotweißgrünen Zehntausend das Heil Israels. Aber umsonst! Vergebens posaunt der unter der falschen „Zions"flagge segelnde ungarisch-nationalen Interessen dienende jüdische Selbsthilfsvcrein, daß er auch dieses Jahr 46 jüdische Mittelschüler für hervorragende Leistungen in Magyarice und ungarischer Geschichte prämiere. Es nützt nichts. Man hört in all' dem nur die Sirencnklänge des sich in den Vordergrund drängenden Majosiselements, das mit Gewalt erstickt werden muß. Man zittert nicht mal mehr vor dem europäischen Gewissen, wenn man nur das Ziel, die Rassenrcinheit eines sogenannten Kulturinstituts durchzufetzen, erreichen kann. Beweis: das ungarische Natioiialthcatcr, das erst die jüdischen Autoren hinauskomplimentiertc und jetzt deni genialen Heldendarsteller B e r e g i die Rolle des heimatlos wandernden einigen Juden in natura anfdrängte. Nach all' diesen traurigen Tatsachen ist es wie Hoffnungsschimmer, wenn man liest, daß die Budapest er Großgemeinde das erste M a l einen Ve r t r c t e r zu einem zionistischen Massenmeeting delegierte. Stillrcjervicrt hat das altzermorschte System geschwiegen, wo das wild pulsierende Leben init brennenden Forderungen tausendfach aufbrauste. Es war das tragikomische Bild des sterbenden Chcwragabbc, dem seine Umgebung viel zu rasch das letzte Gebet und Schma jisroel ablciert. Er macht noch eine letzte Kraftanstrcngung und spricht: „Sterben, das seh' ich schon, muh ich einmal; dagegen gibt's nichts. Aber jagen, nein, das laß' ich mich nicht." Und war tot! Z i o n i. Ans alter Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie uns mitgeteilt wird, waren das glänzend arrangierte Festessen und das Büffet der Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Inden" von Herrn Restaurateur Scheuer gestellt worden. Berlin. Die Namen der Mitglieder des Ausschusses des Verbandes der Deutschen Juden, dessen Zusammensetzung auf der jüngsten Hauptversammlung einige Acnderungcn erfuhr, sind: 1. Lachmann, Justizrat, Berlin W., Bendlerstr. 9 -(Vorsitzender); 2. Justizrat Dr. Horwitz, Berlin; 3. Prof. Dr. Philippson, Berlin; 4. Justizrat Breslauer, Berlin; 5. Landgerichtsrat Locwc, Berlin; 6. Rechtsanwalt Makower, Berlin; 7. Justizrat Eugen Fuchs, Berlin; 8. Rechtsanwalt Blau, Frankfurt a. Main; 9.Rechtsanwalt Dr. Cohn, Dessau: 10. Landgerichtsrat Wollstein, Breslau; 11. Geh. Ncgierungsrat Prof. Dr. Aron, Berlin; 12. Kommerzienrat Hirsch, Halberstadt; 13. Oberlehrer Dr. Ziegel, Charlottenburg; 11. Stadtrat Homburger, Karlsruhe; 15. Bankier I. Goldschmidt, Posen; 16. Justizrat Steinhardt, Danzig; 17. Sanitätsrat Dr. Apfel, Cöln; 18. Justizrat Berthold Geiger, Frankfurt a. M.; 19. Geh. Reg. - Rat Prof.' Dr. Pinncr, Berlin; 20. Justizrat Cassel, Berlin; 21. Stadtrat Aronsohn, Bromberg; 22. Prof. Dr. Apt, Berlin; 23. Prof. Dr. Schaefer, Berlin; 24. Prof. Dr. Maybaum, Berlin; 25. Rabbiner Dr. Horovitz, Frankfurt a. M.; 26. Oscar Berlin, Berlin; 27. Prof. Dr. Schneider, Berlin; 28 Eduard Sachs, Breslau; 29. A. Lewandowsky, Hamburg; 30. Sanitätsrat Dr. Jaffe, Frankfurt a. M.; 31. Justizrat Dr. Max Callmann, Cöln; 32. Justizrat Ofner, München; 33. Dr. Hirsch Hildesheimer, Berlin; 34. Rabbiner Dr. Eschelbacher, Berlin; 35. Rudolf Masse, Berlin; 36. Geh. Reg.-Rnt Prof. Dr. Cohen, Marburg; 37. Geh. Justizrat Prof. Dr. Masse, Berlin; 38. Sanitätsrat Dr. Ncumann, Berlin; 39. Dr. jur. Klee, Berlin; 4Ci Prof. Dr. Barth, Berlin; 41. Rabbiner Dr. Vogelstein, Stettin; 42. Geh. Hofrat Josephthal, Nürnberg; 43. Kirchenrat Dr. Kroner, Stuttgart; 44. Rabbiner Dr. Cohn, Kattowitz; 45. Wilhelm Langenbach, Darmstadt; 46. Geh. Banrat Pros. Dr. Landsberg, Darmstadt; 47. Prof. Dr. Lassar-Cohn, Königsberg; 48. Hermann Gnmpertz, Hamburg; 49. Justizrat Dr. Lewin, Stettin; 50. Geh.-Rat Svnncnthal, Dessau; 51. Senator Leopold Fischer, Hannover; 52. Rabbiner Dr. Werner, München; 53. Kommerzienrat H. Landauer, Augsburg; 54. Justizrat Berger, Königshüttc; 55. Fabrikbesitzer Max Elb, Dresden; 56. Rechtsanwalt Dr. Ernst Auerbach, Frankfurt a. M.; 57, Justizrat Lilienthal, Berlin; 58. Geh. Sanitätsrät Blnmenthal, Berlin; 59. Rechtsanwalt Eugen Beer, München; 60. Prof. Dr. Blaschke, Berlin; 61. Dr. Max Ginsberg, Berlin; 62. Prov.-Rabb. Dr. Leo Munk, Marburg; 63. -Rechtsanwalt Dr. Lippmann, Hamburg; 64. Prof. Dr. M. Silberglcit, Berlin; 65. Direktor Dr. Adler, Frankfurt a. M.; 66. Leo Hecht, Metz; 67. Rechtsanwalt Dr. Max Loeb, Mainz; 68. D. Magnus, Leipzig; 69. S. 'Flörsheim, Dortmund; 70. Rabbiner Dr. Coblenz, Bielefeld; 71. Rabbiner Dr. Ireudenthal, Nürnberg; 72. Justizrat Friedcmann, Berlin. Berlin. Die Organisation des Hilfsvereins der deutschen Juden hat einen weiteren Ausbau erfahren, der infolge der Ausbreitung des Vereins und des ständig sich erweiternden Arbeitsgebietes sich als notwendig erwiesen hat. Durch Zuwahl einer Anzahl hochangesehener Persönlichkeiten ans allen Teilen Deutschlands, die sich bereits in hohem Maße um die Bestrebungen des Hilfsvereins verdient gewacht haben, find der geschäftsführende Ausschuß und das Zentralkomitee des HilfsvereinS verstärkt worden. Dein geschäftsführenden Ausschuß sind die Herren: Bezirksrabbiner Dr. Salvendi (Dürkheim), Prof. Dr. Schaefer (Berlin) und Manfted Berliner (Hannover) beigetreten; dem Zenkralkoinitee die Herren: - Rechtsanwalt Engen Beer (München), Salomon Berget (Posen), -s. Bergmann (Fürth), Ernst Carlcbach (Heidelberg), Landtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. Cohn (Dessau), Justizrat Cohn (Tilsit), Sal. Epstein (Frankfurt a. M.), Dr. W. Fcilchcnseld (Berlin-Charlottcnburg), Dr. G. F-eldmann (Stuttgart), Rechtsanwalt Gnnzenhauser (Stuttgart), Kammergerichtsrat Hammerschlag (Berlin), Gideon Heymann (Berlin), Siegfr. Jacob (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Jarecki (Posen), Tr. A. Klee (Berlin), Rabbiner Dr. Kopfstein (Beuthcn); Eugen Laaser (Tilsit), Gustav Levinstcin (Berlin)^ Max Levy (Worms), Simon Marx (München), Rabbiner Dr. Münz (Gleiwitz), Koimnerzienrat Sieginnnd Pincns (Berlin), Sally Reiß (Mannheim), Sartorius Rheinhold (Hannover), Stadtverordneter Max Salinger (Berlin), Stadtrat Schleyer (Posen), Dr. P. Schottländcr (Breslau), Moritz Simon (Wiesbaden), Dr. Moritz Sobernheiin (Berlin), Geheimer Kommerzienrat Sonnenthal (Dessau), Rabbiner Dr. Stein (Schweinsurt), Justizrat Boß (Ostrowo), Hermann Wahl (Barmen), Eniil Weill (Karlsruhe i. B.), Landtagsabgeordneter Justizrat Dr. Wolfs (Lissa), D. Wolfs (Thorn), Dr. Wolpe (Thorn), Julius Zadig (Bcuthen). Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zur Unterstützung des Hilfswcrks in Marokko der Alliance Jsraelite Universelle in Paris 12 500 Fr. überwiesen. München. Vom Kultusministerium wurde genehmigt, daß die orthodoxen Mitglieder der israelitischen Gemeinden in Münch e ü und Nürnberg einen für ihre Zwecke dienlichen, eigenen Geistlichen ans Kosten der gesamten Geincindekassen anstelleii dürfen. Diese ncugeschasfenen Stellen werden mit „Rabbinats- Assessoren", eine neue Bezeichnung, besetzt. Köln a. Rh. Am 22. ds. Alts, fand die 4. öffentliche Repräse n taute nversamml n n g dieses Jahres statt; ein Zeichen, daß die Mitglieder der jüdischen Gemeinde nicht allzusehr mit den Angelegenheiten derselben belästigt werden. Es kamen in der Verhandlung auch die Klagen über einen unw ürdigen Frühgottesdienst zur Sprache, und um diesem Ucbelstand abzuhelfen, wurde auf Antrag des Herrn Cohn beschlossen, den Wochcn-Frühgottesdicnst versuchsweise nur;in der Synagoge Glockeng a s s c abzuhalten, und gleichzeitig wurde der Vorstand beauftragt, demselben eine würdige äußerliche Form zu geben. Nachdem bisher die Synagogendiener als Vorbeter fungierten, werden in Zukunft wohl die Herren Kantoren zur Amtshandlung herangezogen werden, denn gemäß Vertrag sind sie' verpflichtet, an jeden Wochentagen den Gottesdienst zu besuchen, während sie nur an Feiertagen und Samstagen ihr Amt ausüben wollen. Vielleicht.werden auch höhere

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