Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 42 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692553--03541-2698246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zsraitkfitrter Ifrarlitifdirs familimblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr-. In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I --—---— Srsnkiun s. ttt., vilbelerstraße 4/6* Lcke Bleichstraße Telefon 10507. -'HW- Herausgeber: Karg Hsls. .-.- -- Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Wg. Die Reklamezeile .. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ' .. . 5. Jahrgang. Freitag, den 24. 61i686liivtin 5668 (1. November 1967). Ro. 42. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die jüdische Schulnot in Rußland. — Brief aus Ungarn — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — teutlleton: Der Stelzfuß. — Eine Fabel vom önig Salomo und der Königin von Saba. — Sprechsaal. —Zionist. Bewegung.— Wochen- Kalender. — Aus der Geschäftswelt. — Familiennachrichten._ Die jüdische Schulnot in Rußland. Bon Dr. M. G. — Uman. Einer der wundesten Punkte unseres im ganzen anormalen Volkslebens iin weiten Zarenreiche bildet ohne Zweifel die brennende Schulfrage. Man hat sich an diese Kalamität so sehr bei uns gewöhnt, daß man im Beivußtsein seiner eigenen Machtlosigkeit vor der ehernen, unerbittlichen Wirklichkeit sozusagen kapitulierte und jede Hoffnung auf Besserung aufgab. Indes, die Erziehungsfrage ist von so großer Bedeutung für unsere ganze nationale Zukunft, daß es. eine schwere Unterlassungssünde sein würde, hier untätige Resignation einreißen zu lassen. Es ist daher die Pflicht der jüdischen Publizistik, dieser Frage ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken, das öffentliche Gewissen unaufhörlich zu Ivecken, die maßgebenden jüdischen Organisationen und Parteien über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten und auf die eventuell zu unternehmenden Schritte hinzuweisen. Zwei Grundübel sind es, an denen das jüdische Schulwesen in Rußland schwer krankt: 1. die außerordentlich geringe Zahl der bestehenden Schulen; 2. die Unzulänglichkeit derselben in nationaler, bezw. allgemein kultureller Beziehung. Was das erstere Uebel anbetrifft, so ist zu bemerken, daß die russische Judenheit, als kulturell höher stehende Bevölkerungsschicht, den in Rußland allgemeinen Mangel an Schulen stärker empfindet, als die anderen Bevölkerungsgruppen. Wie die Verhältnisse in dieser Beziehung bei uns liegen, kann nian an einem Beispiel sehen: die Stadt Berditschew hat bei einer Bevölkerung von ca. 80 000 Mann keine einzige Mittelschule. Die dünngesäte christliche 'Bevölkerung besteht hier zum großen Teil aus besseren Beamten, die sich schließlich den Luxus leisten können, i., : Kinder auswärts in Pension zu geben; für tie große Masse der wenig wohlhabenden, dabei aber sehr bildungsdürstigen jüdischen Jugend existiert aber natürlich eine solche Möglichkeit nicht. Viel empfindlicher noch als durch diesen allgemeinen Mangel an Schulen werden wir durch die berüchtigten, für die Mittelschule noch ausnahmslos in ungemilderter Härte bestehenden perzentualen Normen betroffen. Nur wenige, sehr wenige — kaum einer von hundert Reflektanten — sind so glücklich, so geschickt und -— begütert, um die verschwindend spärlichen vakanten Stellen m den staatlichen Mittelschulen erobern zu können. Von der in letzter Zeit leicht zuMrlangenden Erlaubnis zur Eröffnung von privater Mittelschulen können leider die Juden Rußlauchs nW in dem ausgedehnten Maße Gebrauch machen, wie es zu wünschen wäre, da die Gründung und Unterhaltung solcher Schulen mit großen Kosten verbunden ist, die die ökonomisch schwache und durch die Besteuerung für die — ihr wenig zugänglichen — allgemeinen Lehranstalten stark belastete jüdische Bevölkerung nur selten bestreiten kann. Haben >vir nun eine jüdische Schulnot in dem Sinne konstatiert, daß den Juden der Zutritt zu den modernen Schulen außerordentlich erschwert ist, so kann man bezüglich dieses Typus von Schulen noch in einen: anderen Sinne von einer jüdischen Schulnot sprechen (wobei der Ton auf das „jüdische" zu setzen wäre), insofern als sie unseren jüdischen Anforderungen in keinem Falle entsprechen. Der trockene, magere, zu Unrecht sog. Religionsunterricht, der an russischen Gymnasien vom beamteten Kronrabbiner, „gelehrten Hebräer" und dergleichen „Religionslchrer" erteilt wird, ist vom lebendigen religiösen und nationalen Judentum so weit entfernt, wie diese religiösen Würdenträger etwa von den Männern der großen Synode. Leider ist es auch in den meisten in letzter Zeit gegründeten Privatgymnasien nicht viel besser. Nur in den wenigsten von chnen wird auf die jüdischen Lehrfächer in gebührender Weise Gewicht gelegt. Hier wäre ein dankbares Gebiet für die Zionisten, im Sinne ihrer Bestrebungen tatkräftig in die bestehenden Verhältnisse einzugreifen und die betreffenden Kreise zur Berücksichtigung der Forderungen der nationalen Erziehung zu veranlassen. Es wäre dies vielleicht eine viel dankbarere und wichtigere Gegenwartsarbeit als die Arbeiten für die Duma-Wahlen. Bei den Privatgynmasien ließe sich manches erreichen, wenn nur der gute Wille da wäre.- Dies beweist das. Beispiel der Privatgymnasien zu Wilna und R o m n y. * Ganz anderer Art sind die Fehler und Schäden, die!vir an den Schulen vom alten Schlage: an den Chadorim, Talmud Thoras und Jeschiwah's konstatieren können. Hier haben wir es leider mit Anstalten zu tun, die den elementarsten Forderungen der Pädagogik und der Schulhygiene, wie auch den dringendsten Bedürfnissen des praktischen Lebens geradezu Hohn sprechen. Die Lehrer sind häufig ohne jede berufliche Vorbildung, der Unterricht geschieht ohne jeden Plan, ohne jedes System, dem Zögling wird nichts von dem beigebracht, was der moderne Mensch unbedingt nötig hat, um kulturell und wirtschaftlich vorwärts kommen zil können. Man wird sich am besten einen Begriff über diese Verhältnisse machen können, wenn ich an einem bestimmten Beispiel exemplifizieren werde. Ich greife daher die Schulverhältnisse in Kiew heraus, wobei ich die von Herrn S. Rubinstein in der „Kiewskaja Myslj" veröffentlichten Untersuchungen zugrunde lege. Herr Rubinstein hat in verschiedenen Stadtteilen Kiews 50 Chadorim besucht, in welchen 1119 Kinder unterrichtet werden. Er hat die interessante Beobachtung gemacht, daß der jüdische Cheder sehr stark von der allgemeinen sozialen Differenzierung berührt wurde: in zehn Chadorim fand er ausschließlich Kinder wohlhabender Eltern, 17 wurden von Kindern solcher Eltern besucht, die zu den sog. Mittel-Klassen zählen, während die Schüler der übrigen Chadorim sich aus der ärmsten Bevölkerungsschicht rekrutierten. Durchschnittlich beträgt die Zahl der Schüler eines Cheders 20. Das Alter schwankt zwischen 4 und 13 Jahren. In einigen Chadorim des Stadtviertels „Podol" fand er zu seinem Erstaunen dreijährige Kinder. Solche Kinder werden von ihren armen Eltern, die den ganzen Tag fern von ihrer Wohnung zubringen, und niemand zu Hause haben, bei dem sie ihre Kinder lassen könnten, in den Cheder geschickt. Diese Kleinen sitzen bisweilen mit zehnjährigen Knaben in einer Reihe und an denselben Tischen. Welche physiologischen Folgen sich daraus ergeben, ist allgemein bekannt. lieber die hygienischen Verhältnisse dieser Chadorim weiß Rubinstein recht Bedenkliches zu berichten. Infolge der in Kiew herrschenden hohen Mietepreise befinde» sich die meisten Chadorim in schwülen, staubigen Botö- Midraschim (23 Chadorinr), und dunklen, feuchten und schinutzigen Wohnungen (19 Chadorim). Bisweilen dient der Cheder dem „Melamed" gleichzeitig noch als Schlafzimmer und Küche (4 Chadorim). Rubinstein hatte Gelegenheit, Kinder zu sehen, die mit dem Melamed am Tische nahe am glühenden Backofen saßen, in welchem die Frau des Melamed Brot buck. Und dies in den heißen Julitagen. . . . lieber den Unterricht selbst erhalten wir folgende Angaben: In allen Chadorim der Stadt lernen die Kinder lesen und schreiben; die Bibel wird nur in 37, russisch nur in 26 Chadorim gelernt. Wie es um den Unterricht in den inspizierten Chadorim bestellt ist, läßt sich aus der Tatsache beurteilen, daß von 79 Melamdim nur 8 eine mehr oder weniger regelmäßige Bildung erhalten haben, während alle anderen durchweg Leute sind, die auf den verschiedensten Tätigkeitsgebieten Schiffbruch erlitten. Nach ihren ehemaligen Berufen lassen sie sich folgendermaßen einteilen: 14 gewesene Ladenbesitzer, 12 gewesene Holzhändler, 21 Synagogendiener, 13 Kantoren, 8 Schadchonim, 3 Nikolaus'sche Soldaten.*) *) D. h. Leute, die unter Nikolaus I. einen 25jährigen Militärdienst absolviert haben. Es ist dies die Kategorie der sog. Kantonisten, die ihrem Hausherd als kleine Kinder entrissen und bei roher, unmenschlicher Behandlung für den Soldatenberuf abgerichtet wurden. Vergl. „Zur Genealogie des russischen MWarismus".