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Neue jüdische Presse · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JfraelttisHes Familienblakt. Nr. 41. jüdischen Angelegenheiten zn tun? Gibt es keine jüdische Presse? Der Unfug, die Tagcspresse mit internen jüdischen Angelegenheiten zu belästigen, ist in den letzten Jahren nachgerade zu stark geworden!" (k.) Kalmar 1. P. Legat. Der hiesigen jüd. Gemeinde fiel ans dem Nachlasse der in Berlin verstorbenen Frau Math m an n ein Kapital von 17,100 Mark zu. Die hiesige Stadtgemeinde erhielt aus demselben Nachlaß 750 Mark und 20,000 Mark für eine Brennmaterialien- und für eine Darlehensstiftnng. Oesterreich-Ungarn. Wien. Das schwierige Werk des Ausgleiches zwischen Oesterreich und garn ist zwei Juden, Sieghart und Sztereny — früher Singer und Stom — zu danken. Die „Jüd. Ztg." benierkt hierzu: ,Hallelujah! Freuet euch, Völker Oesterreichs, Männer Ungarns! Der Friede ist gekommen. Zwei Juden.haben ihn gebracht. Sieghardt wird die Baronie bekommen, Sztereny einen ganz großen Orden. Das Volk aber, dem die Netter entstammen, wird seufzen unter den blutigen Husen der Verachtung und Entrechtung. Wenn aber einmal die Zeit kommt, da den Großen aus Juda der Charakter mehr sein wird als die Titelehre und der Rangklassenkamvf, das Brudervolk lieber als der duldende Staat, — wer wird dann Frieden und Segen wirken im Land? Wer mit des Geistes Waffen die brutale Gewalt niederhallen? Wir brauchen nicht 'zu zittern, wenn unsere Geister unsere Kräfte leiten werden." Wien. Zur Verminderungder wirtschaftlichen Notlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens ist "die Daron-Hirsch-Stiftung („Jra") seit einigen Jahren an die Gründung von Darlehenskassen herangetreten. Die bereits gegründeten Kassen bcsinden sich wie nachstehende Zahlen zeigen, in sehr erfreulicher Entwicklung: Die Zahl der Teilnehmer ist von 5006 im Jahre 1001 und 6719 im Jahre 1905 auf 8639 uh verflossenen Jahre gestiegen. Diese 8639 Mllglieder haben 17 285 Anteilscheine gezeichnet, die ein Kapital von Kronen 172 850 repräsentieren. Die Kassen haben seit ihrer Gründung bis zum 31. Dezember 1906 Darlehen Kronen 1738000 ausbezahlt, und Kronen 3959 000 sind während derselben Zell zurückgezahlt worden. — Die Liste der im Monat September in Wien ausdem Judentum eAusgetretenen weist wieder eine große Anzahl Akademiker auf. Wir finden da verzeichnet: die Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Adolf Finkler, Dr. Sigfried Eibnschitz, Dr. Arnold Karner, die Kinder de» Dr. Alfred Schlesinger, Dr. med. Heinrich Boral, Realschnlprofessor Dr. Hermann Stanger und Schriftstellerin Dr. Anna Schapire. Budapest. Im Monat A u g u st sind in Ungarn 46 Ehen zwischen Juden und Christen geschlossen worden, — eine erschreckend hohe Ziffer. — Das Synagogenbau-Komitee der o rthod. Gemeinde beriet in seiner letzten Sitzung einen Plan, nach dem auf dem der Gemeinde gehörenden Grunde eine Synagoge mit 500 Männer- und 450 Franen-Sitzen, Schulgebäude und Nabbinerwohnung errichtet werden sollen. Budapest. Als vor einiger Z°it die neuerbaute große Kirche Budapests, die Basilika, ihren: Beruf übergeben wurde, konnte der Akt nicht feierlicher begangen werden als durch die M a s s e n i a n s e der hosfnungsvollen Stämmlinge der ncbbichuochjüdischcn Finanziers, die sich dort ihren „Glaubcnswechsel" eskomptieren ließen. Und auch die erste Trauung in jenen Hallen war eine deprimierende Manifestation der Selbstüberwindung der sogenannten Großen in Israel. Die Tochter Ncimanns, des Direktors des S. T. Bergwerks G. in. b. H., die unter „geregelten konfessionellen Verhältnissen" zum Altar geführt wurde, dürste sich rühmen, daß mit Ausnahme des amtierenden Geistlichen kein Rassenaricr das erbauende Bild im Kirchenschiffe trübte. Daß trotz einer solch rasenden Entjudungssucht das Blutmärchen noch immer sein schauriges Gorgonenhaupt bei uns erhebt und wie zuletzt in Szolnok unserer schon fast ganz stocktauben Assimilautengarde ein donnerndes Memento znbraust, ist ein Rätsel, über dessen Lösung sich nur jene den Kopf zerbrechen werden, die mit fanatischer Konsequenz in der Dunkelkammer arbeiten und daher das Leben inimer auf den Kopf gestellt sehen müssen. Zioui. Krakau. Die Entführung jüdischer Mädchen zum Zwecke ihrer Unterbringung in dem Kloster der Felizianerinnen in Krakau wird ruhig fortgesetzt, ohne daß die Zivilbehörden den unglücklichen Eltern ihren Beistand leihen. Der neueste Fall ist 'der der fünfzehnjährigen Tochter des Herrn Fars in Dcmbica. Alle Bemühungen des unglücklichen Vaters zur Wiedererlangung seiner 'Tochter waren vergeblich; selbst der Rcich'sratsabgeordnetc des Bezirkes und der Bürgermeister von Krakau erklärten sich für machtlos. — Reichsratsabgeordnetcr Dr. Gabel wird die Regierung wegen dieser Untat interpellieren. Rußland. Petersburg. Um die Ansichten der Petersburger Dumakandidaten überr die Judenfrage zn hören, hatten Vertteter des Verbandes zur Erlangung der Gleichberechtigung der'Juden Unterredungen mit dem Exminlstcr der Volksausklärung Gras T o l st o i, dem General Ssubotitsch und dem Geistlichen P e t r o w. Tolstoi sprach sich dahin aus, daß er nicht nur die Rechte der russischen Juden verteidigen, sondern, daß er selbst die Regelung der Judcnfragc bei jeder Gelegenheit anregen werde. Die Rechtlosigkeit "der Juden sei nicht nur für die Juden allein schrecklich; sie verursache viel Schaden im ganzen Staate. * Ssubotitsch erklärte, daß er mit der Lage der Juden wenig vertraut sei, er halte jedoch ihre Gleichberechtigung für notwendig; die Rechtlosigkeit der Juden sei eine Schande für die russische Nation. Auch P e t r o w will für die völlige Gleichstellung der Juden niit der kernrussischen Bevölkerung cintreten, denn er betrachte es als eine tiefe Ungerechtigkeit, die Juden gesetzlichen Beschränkungen zu unterwerfen. Petersburg. Ministerialdirektor Stoff ist verabschiedet worden, weil er in Abwesenheit des H a n d c l s m i n i st e r s als dessen Vertreter dem Ersuchen des Professoren-Ausschusses des Kicwer Polytechnischen Instituts, 100 I u d e n ü b e r die Norm aufnchmen zu dürfen, stattgegcben hat. Die Pharmazeutische Gesellschaft in Moskau hatte an den B i l d u n g s m i n i st e r eine Deputation entsandt, die die Aufnahme von 53 jüd. Pharmazeuten an der Moskauer Universität erwirken sollte; der Minister schlug die Bitte ab. Raüomisel!Kiew Gouv.) Ein Notschrei! Der Titel, der diesen Zeilen vorangesetzt ist, ist dem jüdischen Publikum nicht unbekannt, und so mancher Philantrop mag beim Anblicke dieser Ucbcrschrift nach seiner Tasche greifen. Es^ handelt sich auch hier'um einen Notschrei, der durch jenen sonst so allmächtigen Faktor in allen gesellschaftlichen Fragen beschwichtigt oder auch nur gemildert iverden kann. Dieser Nvtfcijrct rrgeyt, wie gewöhnlich, von den gedrückten Volksschichten an die Reicheren und Höhergestelltcn. In Kiew und im' ganzen Gouvernement wütet eben die Cholera und rafft auch viele jüdische Menschenleben weg. Dazu kommt eine schreckliche Teuerung. Im ganzen Kiewer Gonvernenleut herrscht seit der neuen Ernte eine Tenernug, >vie sie schon lange nicht war. Das Pfund Brot ko st et 6 Kopeken (gleich 13 Pfennig), und alle Lebensmittel sind unerschwingbar. Die Arbeiter sind arbeitslos und nagen anü Hungertuchc. Die Miete ist gesttegen, weil cs jetzt Niemanden einfällt, zn bauen, und da unseren armen Brüdern der Aufenthalt in den Dörfern immer sttenger untersagt wird, so ist ein starker Zuzug nach den Städten. Hier sind die Juden so eingepfercht und hier ist ihnen jetzt aller Lebenserwcrb so erschwert, daß viele einfach vor Hunger sterben. I. I. B r a u n. Schweiz. Basel. Die erste Kommissionssitzung des jüngst gegründeten „Vereins zur Förderung des gesetzestren cn Judentums in der Schwei z", zu der auch säst sämtliche auswärtige Mllglieder erschienen waren, beschäftigte sich hauptsächlich 'mit der besseren Organisierung der Stellenvermittlung zur Förderung der Sabbatheiligung. — Herr Abraham Erlanger- Luzern regte die Ausbildung einer jüdischen Krankenschwester an, und Herr Rabbiner Korn fein -Zürich sprach über die Notwendigkeit der Errichtung einer jüdischen Volksküche in Zürich, i Spanien. Madrid. Durch den Krieg in Marokko haben sich in den letzten Monaten ca. 5000 marokkanische Juden in Süd-Spanien an gesiedelt und sind von der Bevölkerung freundlich ausgenommen worden. — Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, das; die Vorfahren dieser Juden vor 100 Jahren für „ewige Zeiten" aus Spante» verbannt wurden. Amerika. New-Nork. Eine interessante Laufbahn. Die Laufbahn G. Tonkonogys, des Präsidenten der Opera Constrnction Conipany, die am 1. Dezbr. in Brooklyn ein niit einem Kostenaufwand von' über 1 Million Mark'errichtetes Theater eröffnet, zeigt, was ein junger jüdischer Einwanderer in Amerika mll Unternehmungsgeist und Intelligenz erreichen kann. Vor 20 Jahren hatte Tonkonogy in seiner Heimatstadt Pribuki (Rußland) das Gymnasiuni absolviert, wurde aber als Sohn armer Eltern, da nur 5»/» der Hörerzahl an russischen Universitäten Juden sein dürfen, von der Universität zurückgewiesen. Hierdurch veranlaßt, ging er nach Amerika. Sein Reisegeld reichte bis Philadelphia, in welcher Stadt er sich anfangs durch den Verkauf von Papier und Älnmen und dann als' Fuhrmann ernährte. Als er das Englische beherrschte und einiges Geld erspart hatte, ging er nach Newyork zurück, suchte und fand Schüler für Latein und Mathematik und 'bereitete sich in seiner steten Zeit zur Rechtsanwaltschaft vor. Er ließ sich dann in Brooklyn nieder und wurde bald einer der angesehensten und bekanntesten Rechtsanwälte. ' - Relv-Aork. Der vor einiger Zeit totgesagte Dichter M or r i s R o s e n s e l d veröffentlicht im „Jewish Conrment" ein Feuilleton, das die Tatsache des alschen Gerüchtes seines Todes mit seiner traurigen Lage verbindet und dem Publikum sein Unrecht dein lebenden Dichter gegenüber, den es verhungern läßt, ergreifend vorhält. Die folgenden Stellen mögen aus diesem Feuilleton wiedergegebcn sein: Die Zeitungen berichten, baß ich gestorben sei. „Das ist eine Lüge", sagt die Not. „Ich war eben bei ihm und sah, wie er litt. Ich sehe ihn immer, 'rüh und spät. Ach, der stirbt nicht so schnell, dieser Dichter, der Israels Lieder gesungen. Er lebt und leidet wie ein Jude." Die Zeitungen berichten, das;'ich gestorben fei. Es scheint fast, die Well könne die Zeit nicht erwarten, mir die letzten Ehren zu erweisen, obgleich sie noch weit davon entfernt ist, mich' der ersten teilhaftig werden zn lassen. Bedenke ich, Laß ich, als jüdischer Schriftsteller überhaupt noch nicht gelebt habe, so liegt 'in Wirklichkeit nichts Neues in der Mitteilung, daß ich tot sei. Aus der zionistischen Bewegung. Hamburg. Die zionistische Ortsgruppe Hamburg- Altona veranstaltete am 11. ds. Mts. im Logcnhcinl eine Versammlung, die von ca. 300 Personen beucht war. - Oberlehrer Dr. C a r l e b a ch, der bis jetzt am Lehrer-Seminar des „Hülfsvereiiis der dentchen Juden" tätig war, sprach über das Thema: „2VS Jahre in Palästina". Wer, so führte der Redner aus, Palästina als den Boden betrachtet, der mit unserem religiösen und nationalen Einpsindcn ans das innigste verknüpft 'ist, der muß das Land trotz mancher unerfreulichen Erscheinungen liebgewinnen. Das Land selbst ist gut, fruchtbar, sein Klima mannigfach und gut erträglich; wer cs nicht bloß als flüchtiger Tourist kennen lernt, dem offenbart es sich in seiner ganzen Schönheit. Schlecht dagegen ist das türkische Vcrtvaltungssystcm mit seiner Feindseligkeit gegen alle Kulturerrungenschaften, mit seiner Bestechlichkeit und Gesetzlosigkeit. Diese kulturfeindliche Tendenz der türkischen Verwaltung ist daraus zn erklären, das; man eine stärkere Invasion fremder Nationalitäten verhindern will. Man will das Land künstlich ans .einer m'edcrcn Kulturstufe halten. Die Ansiedlung von Juden erfolgte früher nur aus religiösen Motiven; an der Stätte alten Glanzes wollte man ein gottgeweihtcs Leben führen. Erst mit dein Beginn der Anlegung von Kolonien erhielt diese Ansiedlnng nationale und wirtschaftliche Bebentung. Seit Inden mit ihren Händen den Boden Palästinas bearbeiten, seit dort die Sprache der Propheten in Gesängen über die Felder tönt und von Kindern gesprochen wird, hat .der »ationalc Gedanke in der jüdischen Bevölkerung Palästinas lief Wurzel geschlagen. Groß war die Begeisterung, mit der der Präsident der zionistischen Organisation, David Wolffsohn, überall empfangen wurde. Die Tätigkeit des „Hülfsvereiiis der deutsche» Juden" hat sich als sehr segensreich erwiesen, weil seine Leitung stets bestrebt getvesen ist, besonders bei Errichtung von Schulen, dem nationalen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung Rechnung zu tragen. Ebenso günstiges läßt sich von den Schulen der Allianz nicht sagen. Die zionistischen Bankinstitute haben zur Befestigung der wirtschaftlichen Stellung der Inden .wesentlich bcigetragcn. Die Chälukah, das System der Palästinaspcnde, fordert zur Kritik heraus; man darf aber nicht der Verdienste vergessen, die sich das System durch die Ansammlung .iind Unterhaltung -jüdischer Massen in Palästina erworben hat. — . Der Bortrag schloß mit einem begeisterten Appell an die Opfersreudigkeit der außerpalästinensischen Juden und forderte die Anwesenden ans, der Ortsgruppe beizutreten. Reicher Beifall folgte den gehaltvollen und interessanten Ausführungen bes Redners. — Die Ortsgruppe ehrte Herrn G n st a v Tuch wegen seiner Verdienste um die gcsammte Judenheit durch Eintragung in 'das Goldene Buch des Jüdischen N a t i o n a l f o n d s. Personalien. Hamburg. Der Seniorchef der Bankfirma E. Entmann, Herr Elias Calmanu und Frau geb. Bargevuhr begingen das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Calmanu, der vor 54 Jahren aus kleinen Anfängen heraus seine heute sehr bedeutende Firma gründete, ist ein überzeugt frommer Jude; dem Lcrnverein „Ohel Jizchak" steht er seit vielen Jahren als Präsident vor. tk.) Posen. Rentier Apolant feierte seinen 90. Geburtstag, Kgl. Anktionskommissar, Stadtverordneter Ludwig Monheim er und Frau das Fest ihrer goldenenHochzeit. (k.) Wreschen. Frau Jadesohn, Mutter des Herrn Joses Jadesohn, feierte den 90. Geburtstag.

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