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Neue jüdische Presse · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 41. Seite 3. sieren hat sich das Schwergewicht der nun festgefügten und mit bestimmter Marschroute versehenen Organisation nach 'greif- und sichtbarer Betätigung hin verschoben, — und da fchlt's nun dem Aktiouskomitee an den Mitteln, für die man zu sorgen vergaß. Vor der ErkenutuiZ dieser Tatsache stand der letzte Kongreß, und er beschloß daher die Bildung eines Parteifonds durch einen einmaligen Beitrag von mindestens 4 Jt. seitens aller organisierten Zionisten, d. h. aller Schekelzahlcr. Dieser Beschluß war einer der wichtigsten des letzten Kongresses, und die schnelle Bereitwilligkeit und die Opferwilliglcit, mit den: die Zionisten ihm Nachkommen, wird zeigen, ob die Ideen des Zionismus in seinen Reihen, sich so vertieft haben, wie er nach außen hin an Ausdehnung gewonnen hat. Es wird sich zu erweisen haben, ob der Vorwurf, T>aß der Zionismus bei vielen seiner Anhänger über das Studium der Vereinsmeierei und tätigkeitslosen Kritisiere»-? noch nicht hinausgekommen ist, seine Berechtigung hat: erwiesen wird jetzt werden, inwieweit die zionistischen Ideen der zionistischen Masse bereits in Fleisch und Blut übergcgangen sind. Wenn man bedenkt, was andere Völker an Gut und Mut für ihre Befreiung opferten, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der organisierte deutsche Arbeiter jährlich 50 JL an festen Beiträgen für die Zwecke der Sozialdemokratie opfert, dann muß man konstatieren, daß für den Zionismus, der die Wiedererweckung und Befreiung des jüdischen Volkes zum Ziele hat, noch viel zu wenig geschieht. Möge deshalb jeder Zionist die Schaffung eines imponierenden Parteisonds zu seiner Ehrensache machen! Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 21. Oktober. Aus dem Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judent u m s" wird uns geschrieben: DaS am 1. April 1908 in Kraft tretende Schulnnterhaltungsgesetz vom 28. Juli 1906, das dem preußischen Volksschnlwcsen sowohl nach der konfcssiv- »ellen Seite als auch verwaltungs- und verinögensrechtlich eine sestere nnd einheitliche Gestaltung gibt, birgt auch'für die jüdischen! Geincinden die Notwendigkcir bedeutungsvoller Entschließungen in sich. Nachdeni es der Wirksanikeit der gesetzestreuen Körperschaften erfreulicherweise gelungen ivar, Regierung nnd Parlament für eine den jüdisch-religiösen Interessen verhältnismäßig günstige Gestaltung des Gesetzes zu gewinnen, hielt es der Vorstand der Freien Bereinigung für seine Pflicht, den jüdischen Gemeinden, auch .bei der Ausführung des Gesetzes nach Möglichkeit fördernd nnd beratend zur Seite zu stehen. Die zu diesem Zwecke eingesetzte Sonderkommission von erfahrenen Lehrern, Rabbinen und Juristen hatte sich zunächst mit der Gewinnung statistischer Unterlagen zu befassen, die es ermöglichen sollten, die Höhe der zur Förderung des jüdischen Religionsunterrichtes vom Staate .zu erbittenden Summe zu berechnen. Die Enquete ist abgeschlossen nnd es wäre lebhaft zu wünschen, daß die auf Grund derselben mit den zuständigen Regierungsstellen schwebenden Verhandlungen ein den Interessen des jüdischen Religionsunterrichts recht günstiges Ergebnis haben möchten. Indessen erachtet es die „FreieVereinigung" als ihre Harrptausgabe, die jüdischen Gemeinden vor allem zur Erhaltung .und Förderung der jüdischen Volksschulen zu ermuntern, denen gegenüber der hloße Religionsunterricht immer mir ein Notbehelf sein kann. Um in dieser Beziehung aufklärend zu wirken nnd vor allem auch die praktisch gangbaren Wege zu zeigen, welche den jüdischen Gemeinden zur Neugründung von Volksschulen und zur Erhaltung der bestehenden derzeit ju Gebote stehen, hat die „Freie Vereinigung" soeben unter dem Titel: „Das neue Volksschul unter Haltungsgesetz, Material i e n n n d R a t s ch l ä g e f ü r d i e j ü d i s ch e n Gemeinden Preußens" eine Broschüre herausgegcben. Die sBroschüre ist an sämtliche preußische Gemeinden, an die mittleren' und größeren in zwei Exemplaren, versandt worden. Die Schrift, die sich an die Vorsteher der Gemeinden, nicht minder aber auch an die Lehrer wendet, entwickelt in übersichtlicher Weise die religiösen, pädagogischen, rechtlichen und finanziellen Gesichtspunkte, die bei der Erhaltung und bei der Nengründung jüdischer Volksschulen auf Grund des neuen Gesetzes in Betracht kommen. Es sei besonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Schulkomniission der „Freien Vereinigung" gerne bereit äst, die jüdischen Gemeinden und Lehrer Preußens durch Rat und Auskunft zu unterstützen, ihnen bei den Verhandlungen mit den zu¬ Frankfurker JfraelitWes Familienblaü. ständigen Verwaltungsbehörden zur Seite zu stehen nnd etwa notwendige Eingaben auszuarbeiten. Die Lieferung ausreichender -Unterlagen ist natürlich Vorbedingung. Frankfurt a. M. Die Gründung eines „Allgemeinen Liberalen Verbandes" zum Zwecke der Stärkung und Förderung des neologcn Judentums wurde gelegentlich der Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden von einer Anzahl Delegierten des Verbandes beschlossen. Eine Kommission ist bereits mit den Vorarbeiten zu einer größeren Delegiertenversammlung beschäftigt. Berlin, 23t Okt. Gestern mittag fand die E inweih ung des Gebäudes der im Jahre 1872 gegründeten Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums statt. Kultusminister Dr. Holle, der Provinzialschuldirektor, der Polizei-Präsident, Stadtschulrat Dr. Michaelis usw. wohnten der Feierlichkeit bei. Justizrat Dr. Herrn. Veit Simon, der Vorsitzende des Kuratoriums der Lehranstalt, betont den innigen Zusammenhang, den die jüdische Wissenschaft seit Mendelssohn mit der deutschen Kultur erstrebe. Judentum und Vaterlandsliebe bedingen einander. Im Geiste voraussetznngsloser Forschungsfreiheit wolle die Anstalt lediglich der Erkenntnis der Wissenschaft dienen und somit die Ausgleichung der Gegensätze fördern. Kultusminister Dr. Holle versichert, daß die Staatsbehörden mit entgegenkomniender Teilnahme die selbstlosen, ernsten und wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen allezeit verfolge» und wünscht der Anstalt ein gutes Gedeihen. Es sprachen ferner: Justizrat Dr. L a ch m a n n für die jüdische Gemeinde, Justizrat Dr. Fuchs für den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubclls und Rabbiner Dr. R o s e n z w e i g. Die Festpredigt hielt Professor Rabbiner Dr. Mayb a u m. Er skizzierte die jüdische Geschichte, das jüdische Schrifttum und seinen Einfluß auf die allgemeine Kultur. Berlin. Schalom Asch, der gegenwärtig wieder hier weilt, hat ein fünfaktiges Drama „Sabbatai Zcwi" vollendet. Berlin. Im antisemitischen „Khfhänserbund" sind jetzt 27 „Vereine deutscher Studenten" vereinigt, die etwa 1200 aktive Mitglieder nnd 2800 alte Herren zählen. Berlin. Nach einer statistischen Arbeit Dr. Arthur Ruppin's über die Juden im Gr o ßh erz o gtum Hessen, wohnten in hessischen Ortschaften unter 2000 Einwohnern 1828: 23 367 und '1905: 14 072 Juden, also eine Verminderung um 66o/o. Während 1828 noch fast % aller Juden Hessens in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern lebten, traf dies - im Jahre 1905 nicht mehr für ein Drittel zu. Berlin. Unter Vorsitz des Herrn James S i m o n fand am 17. Oktober eine »Sitzung des geschästsführenden Ausschusses des HilfsVereins der deutschen Juden statt. Mit lebhafter Befriedigung nahm der Ausschuß Kenntnis von den günstigen Berichten, die Herr Dr. Paul Nathan von den ersten Etappen seiner Studienreise nach dem Orient erstattet hat. Es wurden nach Vorschlag Dr. Nathans die folgenden Beschlüsse gefaßt: An die Schule der Deutschisraelitischen Kultusgemeinde in S o f i a, wo bereits ein vom Hilfsverein gestellter deutscher Lehrer wirkt, wird ein zweiter Lehrer zur Erteilung von hebräischem Unterricht geschickt. — Die Schule der israelitischen Gemeinde in Philippopel, wo zwei vom Hilfsverein entsandte deutsche Lehrer tätig sind, wird das gewünschte Fröbclmaterial und Material für Anschauungsunterricht zur Verfügung gestellt. — Die Mittel für die drei Schulen, die sich dem Hilfsverein in Konstantinopel angeschlossen haben, werden bcivilligt. Der in hohem Maße wünschenswerte rasche Ausbau der Or-Thoraschule in Kvnstantinopel zu einer sechsklassigen Volksschule wird durch die Bewilligungen des Hilfsvereins nunmehr ermöglicht. Für das Schuljahr 1907/08 werden der Or-Thoraschnlc 5700 Mk. und zur Deckung eines Defizits infolge von Uinzugskosten 925 Mk. gewährt. Die fünfklassige Schule lSeror ha Chajint und die vierklassigc Achri'daschule in Konstantinopel erhalten zur Ausgestaltung des Unterrichts nnd zur Vornahme notwendiger Restaurierung 1100 resp. 2900 Mk. Ferner ivurde beschlossen, die Subvention von 4000 Kr. für den in lG a l i z i e n zwecks Studiums der Verhältnisse ständig stationierten Sekretär des „Wiener Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" zu erneuern. Der Delegierte des Hilfsvereins hat die spezielle Aufgabe, weitere Möglichkeiten zur Vermehrung der Erwerbsgelezenheiten in Galizien, zur Einführung neuer und zur Ausbreitung 'schon bestehender Jndustrieen ausfindig zu machen. >' Für den Ausbau des Bremer Auswandein n g b u r e a u s des Hilfsvereins der Deutschen Inden werden die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt., Für das Kinderasyl in Odessa, das unter den Wirkungen der Pogrome und der Pogromfurcht ständig auf's Schwerste zu leiden hat, wird — gemeinsam mit dem Frankfurter Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden — ein Betrag von 5000 Mark bewilligt. Nach Mais ad (Gouvernement Kowno), das durch zwei Brände im Juni unb 'August schwer heimgesucht worden ist, wurden — gleichfalls gemeinschaftlich mit dem Frankfurter Hilfskomitee — 1500 Mk. überwiesen. Zwei jungen Leuten, die sich zum Handelslehrer resp. zum Zahnarzt ausbilden und nach Abschluß ihres — in einem Jahre beendeten — Studiums ihre Berufstätigkeit in Palästina bleibend ausüben wollen, wurden Stipendien gewährt. In der Sitzung wurde noch mitgeteilt, daß die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung von ,10,000 Mark aus dem Julius Bleichröderschen Nachlaß erteilt worden ist. Mainz. Erbauung einer neuen Synagoge oder Umbau der alten Synagoge? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Vorstand der israelitischen Gemeinde schon seit längerer Zeit. Es liegen zwei Kostenanschläge vor, nach dem einen derselben würde sich der Umbau der alten Synagoge mit einer Summe von 160 000 Ji. bewerkstelligen lassen, während der Neubau einer Synagoge eine Summe von 350000 JL erfordern würde, ein Betrag, den sowohl die Herren O. Hauswald und Gebr. Mertens, wie auch die Herren Architekten Jürgens und Bachmann-Berlin, die Erbauer der neuen Synagoge in Frankfurt a. M., für ausreichend erklärten. Aus einer dem Vorstande unterbreiteten Eingabe, welche sich für den Neubau einer Synagoge ausspricht, entnehmen wir folgendes: „Nachdem festgestellt worden ist, daß ohne weitere Erhöhung der Steuern ein Neubau durch Vermieten der Plätze finanziert werden kann, und nachdem festgestellt worden ist, daß ein unserer Gemeinde würdiges Gotteshaus für 350 000 JL gebaut werden kann, kann man nie nnd nimmer begreifen, wie man 160 000 JL zum Umbau einer alten Synagoge ausgeben kann, deren Lage heute eine geradezu unwürdige ist. Die Störungen des Gottesdienstes durch den Lärm in den engen Straßen, das Geschrei unzähliger Kinder und streitender Weiber braucht den Besuchern der Synagoge gewiß nicht erwähnt zu werden." In der Eingabe wird dann weiter mitgcteilt, daß bereits für einen Umbau die Zinsen von 160 000 '„ff durch Steuern Lcdeckt sind, daß mithin für einen Neubau nur noch 200000 JL fehlen, daß aber die Zinsen und die Amortisation dieses Betrags durch die Sesselmiete leicht gedeckt werden könne. Breslau. Leichenverbrennung und jüd. Ritus. Unter diesem Titel brachten die Tageszeitungen folgende Vorlage des Vorstandes an die Repräsentanten: „Die von Jahr zu Jahr steigende Zunahme der Leichenverbrennung hat auch für die Verwaltung der Synagogengemeinde zu Breslau die Frage der Beisetzung der Aschenurncn praktisch werden lassen. Ans eine Anfrage des Vorstandes der Synagogengemeinde hatten sich die Rabbiner übereinstimmend dahin geäußert, daß gegen die Beisetzung von Afchennrnen auf den hiesigen jüdische» Friedhöfen ohne religiöse Feier nichts cinzuwenden sei. Demzufolge sind bisher die Urnen von der Leichenhalle resp. von dem Vorplatz derselben aus an das Grab getragen und dort ohne jedes Zeremoniell beigesetzt worden, — ein Vorgang, der nicht bloß von den Leidtragenden, sondern auch von dem Trauergefolge überaus peinlich empfunden worden ist. Beim Gemeindevorstand ist deshalb angeregt worden, bei Beisetzungen von Urnen — wie dies u. a. auch auf dem Berliner Gemeindefriedhof geschieht — ein Gebet sprechen zu lassen. Die beiden hiesigen Kultuskommissionen, die in gemeinschaftlicher Sitzung über diese Angelegenheit beraten haben, haben sich in ihrer Mehrheit für Zulassung der Gebetverrichtung ausgesprochen, nachdem erklärt worden ^war, daß, wenn auch die Leichenverbrennung prinzipiell nicht erwünscht sei, die Verrichtung eines Gebetes vom religiösen Standpunkte aus wohl gestattet werden könne. Nur eine Bedingung wollten die Kultuskommissionen an die Gebets- Verrichtung geknüpft sehen, es soll auf keine der bei der Beerdigung beteiligten Beamten ein Zwang dahin ausgeübt werden, das Gebet Wider seinen Willen zu sprechen. Der Gemeinde - Vorstand hat jetzt eine entsprechende Vorlage für die Repräsentantenversammlung ausgearbeitet, wonach die Versammlung sich damit einverstanden erklären soll, daß bei Beisetzungen von Aschenurnen mit der vorhin erwähnten Maßgabe, auf Wunsch der Hinterbliebenen folgendes auch in Berlin eingeführte Gebet gesprochen werden kann: Seligck Ruhe wird unter dem Schutze Gottes den Lauteren und Reinen dort, wo des Hochthronenden Barmherzigkeit und Gnade walten. O, möge dort auch Seligkeit finden die Seele unseres Glaubensbruders . . . (unserer Glaubensschwester. . .), der Staub des (der) Vollendeten ruhe hier in Frieden, der Geist aber weile im Reiche der Seligkeit! Amen!" In der letzten Repräsentanten-Sitzung ist die Vorlage des Vorstandes nach langer Debatte unverändert angenommen worden. So führt sich langsam die „unjüdische" Leichenverbrennung in den „jüdischen" Gemeinden ein! — Eine Frage an den Vorstand der Breslauer jüdischen Gemeinde: Was hat die Tagespresse mit

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