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Neue jüdische Presse · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41. Seile 5. Wien. Theodor Ritter von Golds ch nr i d t, Mitglied des Vorstandes der Israel. Gemeinde, feiert am 28. Oktober seinen 70. Geburtstag. - Paris. Im Alter von 74 Jahren verschied plötzlich der bedeutende Astronom Maurice Loewy, Direktor der hiesigen Sternwarte. Loewy war Mitglied der Akademie der. Wisscuschasten von Paris, Wien, Petersburg und London. Der Name. Erzählung von E r n st D. Detlefs. Der kleine Moses stand in der Tür seines bescheidenen Elternhauses, einen prächtigen Apfel in der Hand. Scheu, und doch ein wenig herausfordernd lugte er nach dem feingekleideten, blonden Christcnmädchen, das mit seiner Puppe auf der Haustreppe gegenüber sah. Ob er cs wohl wagte, die kleine Nachbarin zum gemeinsamen Spiel aufzufordcrn? Anna Müller hatte seinen Blick bemerkt. Mit ein paar Sprüngen stand sic vor dem einige Jahre jüngeren Knaben und sagte, mit kindlicher Keckheit auf jede förmliche Einleitung verzichtend: „Schenk' mir den Apfel!" — Der Kleine war sehr erschrocken, daß sie so plötzlich vor ihm stand. Abwechselnd betrachtete er die rotwangige Frucht und die freimütige Bittstellerin. „Den ganzen nicht — aber Du kannst mal übbeißen," antwortete er schließlich und reichte ihr den Apfel. Sie biß mit ihren weißen Zühnchen herzhaft hinein. Kauend fragte sie: „Wie heißt Du?" — „Moses," erwiderte er, zutraulich geworden, „Moses Schmuhl". — „Schmuhl? — Oh, was sür'n garstiger Name!" — Ihre blauen Augen funkelten vor Entrüstung. „Aber mein lieber Vater heißt doch auch so," verteidigte sich 'der Kleine. „Das is' ganz egal — es ist doch 'u häßlicher Name. Pfui!" Nach diesen Worten hüpfte sie wieder davon und verschwand in ihrer Wohnung. Den Apfel hatte sie mitgenommen. Der Junge aber lief weinend zu seinen Eltern, ihnen sein .Leid ■ zu klagen. Er liebte sie mit der ganzen Inbrunst, deren sein kleines Herz fähig war. Sie schienen ihm so grenzenlos gut und unantastbar, daß er garnicht begreifen konnte, loie jemand an ihrem Namen etwas Unschönes finden konnte. Doch die sanfte Mutter trocknete bald die Tränen ihres klagenden Lieblings. Sie beruhigte auch den traurig den Kopf schüttelnden Vater und meinte: „Kinder sind so leicht grausam, weil sie keine Einsicht haben." Indessen vergaß der Knabe jene harten Worte nicht. Mit blutendem Herzen mußte er auf seinem ferneren Lebensweg erfahren, wie allgemein gültig die Anna Müllcr'sche Kritik an seinem Namen auch in der großen Welt 'war. Schon als Schuljunge begann er sich desselben zu schämen. Mer als er einmal wieder die Rede darauf brachte, blickte ihn die Mutter mit ihren schönen, ernsten Augen tadelnd an und sagte: „Wenn Dein braver Vater und Großvater den Namen ohne Erröten getragen haben, wirst Du es wohl auch können. Werde nur ein ganzer, guter Mensch wie sie. Dann brauchst Du Dich nicht Deines Namens zu schämen!" — Moses küßte die Mutter und ' schwieg. Ganz recht gab er ihr allerdings auch noch nach Jahren nicht, denn sogar sein Glaubensgenosse und bester Freund, der Primaner Cohn, erklärte ihm gelegentlich: „Ich kann mich ja auch keines seltenen oder besonders schönen Namens rühmen, aber der Deinige wird Dir immer wie eine Bleikugel am Fuße hängen und Deine Laufbahn erschweren. Die Welt gibt nun einmal zu viel auf Aeußerlichkeiten." Moses erwähnte zu Hause nie wieder seinen Kummer, der ihm desto fester im Herzen saß. Mit glühenden! Ehrgeiz begabt, dessen Flamme durch 'hen heimlichen Groll nur genährt wurde, gelang es ihm durch eisernen Fleiß, weitschauende Klugheit und entbehrungsreiche Energie mit der Zeit eine schwindelnd hohe Stufe auf der Leiter menschlichen Glücks zu erklimmen. — Als er fünfzig Jahre zählte, ivar aus dem armen Knaben einer jener vielbeneidetey Könige des Handels Frankfurter JsraelitrsHes Fcrmilienblatt. geworden, welche die Welt beherrschen. Millionen landen ihm zu Gebot. Gekrönte.Häupter waren eine Gläubiger. Kein großes kaufmännisches Unternehmen, bei deni das Bankhaus Moses 'Schmuhl u. Co. nicht beteiligt war. Ja auch die hohe Politik mußte, wenn es dem Finanzgewaltigen beliebte, nach einer Pfeife tanzen. Natürlich fehlte es ihm auch nicht an den üblichen, äußerlichen Ehren. Er war Wirklicher Geheimrat und konnte seinen Frack bei festlichen Gelegenheiten mU vielen Orden schmücken. War schon in der internationalen Handelswelt der Name „Schmuhl" geradezu ein Schlagwort geworden, das infolge der weitreichenden Verbindungen des 'großen Bankiers immer und überall genannt wurde als ein mit größter Ehrfurcht behandelter Machtfaktor, so ließ sich Moses daran nicht genügen. Er brachte es allmählich dahin, daß er in der Lcuidcshauptstadt, seinem jetzigen Wohnsitz, auch im großen Publikum nur zu bekannt iourde. Durch ungeheure, fortwährende Schenkungen au Geld, Grundstücken und Prachtbauten, die alle seinen Namen kragen mußten, und den verschiedensten, gemeinnützigen oder künstlerischen Zwecken diente», war wirklich das verachtete Wort sozusagen in aller Mund. Freilich in ganz anderer Bedeutung, wie zu Moses' Jugendzeit. Das konstatierte er so recht mit Genugtuung, als eines Tages Anna Müller bei ihm erschien, die gleichfalls seit Jahren ihr Heimatstädtchen mit der Residenz vertauscht hatte. Sie kam als angesehene Vorstandsdame eines ivohltätigcn Vereins mit einer Sammelliste und meinte: „Wir möchten so gerne Ihren berühinten Namen, Herr Gehcimrat, an der Spitze haben und dadurch unserem Unternehmen von vornherein den Stempel des Erfolges aufdrücken." Schmunzelnd zeichnete Moses eine namhafte Summe, wobei er mit 'Betonung fragte: „Essen Sie noch gerne Acpfel, meine Gnädige?" Mer sie verstand ihn nicht. 2lls er sie scherzend, aber mit stolzleuchtenden Augen an ihre erste Unterhaltung erinnerte, entschuldigte sie sich errötend mit ähnlichen Worten, wie sie damals seine Mutter gebraucht hatte. — Möses Schmuhl war am Ziel. Sein garstiger Name glänzte in beispielloser Helle. Und doch, er wurde dessen von Tag zu Tag weniger froh. Dittbriefe überschivemmten ihn. Wo er sich sehen ließ, zeigten die Leute auf Um: „Das ist Moses Schmuhl, der reichste Mann der Welt!" — In den Zeitungen las'er täglich von seinen Erfolgen, Wohltaten und Plänen. „Schmuhl hier" und „Schmuhl da" ging es tagaus, tagein in allen Tonarten. Und der Vielgenannte begann, vor denr Klang seines Namens zu flüchten. — So kam es, daß, als er einmal wieder seine nun hochbetagte Mutter besuchte, die als einsame Witwe das schlichte Familienhans in ihrer Heimat nicht verlassen wollte und an deni Glück.ihres Sohnes nur bescheiden Anteil nahm, er ihr sein Leid klagte. „Du bist ein großes Kind, mein Moses," sagte die Greisin, sanft seinen Saieitel streichelnd, „und wie ein Kind weit übers Ziel hinausgcschossen. Einst hat Dein Name Dich bedrückt, jetzt erdrückt er Dich. Du wolltest ihn zu hohen Ehren bringen, aber Du treibst Mißbrauch, Götzendienst damit. Denn Du hast alle Deine guten Taten benutzt. Deinen Namen zu vergolden, damit Du Dich in seinem Glanze selbstgefällig spiegeln kannst. Du bast in Deinem Herzen ein goldenes Kalb errichtet, — sei ein zweiter Moses und zerschmettere cs mit starker Hand, ehe das Strafgericht über Dich hereinbricht!" — Wie Schuppen fiel es von den Augen des Milliardärs. Sein grenzenloser Siegerstolz wich tiefster, reuiger Beschänmng. Der ganzen Welt glaubte er genug getan 'zu haben, und nun war es gerade sein Liebstes auf der Erde, seine Mutter, die ex durch sein ehrgeiziges Leben so schwer betrübt hatte. Doch er fand' einen sühnenden Ausweg. Mit nicht geringen Opfern an Geld und Zeit erreichte er es, daß alle die segensreichen Stiftungen, die den Schmuhl'schen Namen prangend verkündeten, fernerhin einen Titel führten, der den Stifter nicht erkennen ließ. „Weiß ihn auch 'die Gegenwart, das zukünftige Geschlecht wird ihm nur zu leicht vergessen haben," dachte Mose's, der die Menschen kannte. Die Leute wußten sich sein Verhalten nicht zu erklären, als einige vorlaute Zeitungen seine bevorstehende Erhebung in den Freiherr« stand verrieten und dnrchblicken ließen, daß er bei der Gelegenheit, wahrscheinlich, wie üblich, den Namen wechseln würde, der ihm ja auch für seine Stiftungen nicht mehr gut genug zu sein schien. Sie fanden die Nenderung des Namens selbstverständlich, desselben Namens, den sie bislang in ihren Spalten mit so viel pomphafter Glorie umgeben hatten, und den sie nun plötzlich so unwürdig seines Trägers erachteten. Die dem Krösus feindlich gesinnten Leute äußerten bei dieser Nachricht: „Da 'sieht inan cs wieder, was diese Emporkömmlinge wert sind. Am Ende schämen sie sich des Namens ihrer Väter!" Und Anna Müller sagte weise: „Das habe ich schon als kleines Mädchen behauptet, daß solcher Name unmöglich ist!" — Auch diese Urteile erfuhr auch Moses, aber er lächelte fein und dachte: „Was wissen doch die Meirichen von der Liebe eines Sohnes zu seiner alten Mutter!" — Dann lehnte er die Annahme des Adels rundweg ab. Auch feine laut verkündeten Wohltaten hörten jäh auf. Mlerdings gab er auch ferner mit vollen Händen, aber so geheim, daß niemand ihm auch nur danken konnte, und er für Plötzlich geizig geworden galt. Mer wenn auch sein jetziges Verhalten allen ein Rätsel war, gab es doch eine Mütter, die es voll inniger Freude und Dankbarkeit begriff. In einem langen jubelnden Schreiben, das 'ihm wertvoller dünkte, als der verschmähte Melsbrief, gab sie ihren Gefühlen Ausdruck und schloß mit ihren zittrigen, ehrfürchtigen Schriftzügen also: --„In meinen Augen bist Du jetzt geadelt; denn, mein Söhn, es kommt in allem stets nur aus den Menschen an, nicht — garnicht auf den Namen!" — Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach tu M. ——_ Gegen Gicht und Rheumatismus bewahrt. Wocherr-ÄaleuÄer. (Zeitangaben nach dem Lnacb.) Samstag, den 26. Oktober (= 18. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 50 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min., in Berlin 5 Uhr 33 Min. Am Anfang des Wochenabschnitts W a j e i r o wird uns von Mrahams großer Gastfreundschaft und edler Menschenliebe erzählt. Drei Engel, die er für fremde Menschen hält, bewirtet er in herzlichster Art. Dabei wird ihm die bald bevorstehende Geburt Jsaks verkündet. Die Engel wenden sich von Wrahams' Hütte Sodom und Amora zu. Beide Städte nebst deren Ilmgegend sollen mit dem Untergange bestraft werden infolge ihrer Zaster und Sünden. Auch hier zeigt sich Abrahams Herzensgüte. Unaufgefordert betet er für die Sünder. Gott ist gnädig, will verzeihen, wenn 20, '45, 40, 30, 20 ja nur 10 Gerechte sich dort finden. Nicht einmal 10 Fromme waren zu finden. Sodom und Amora gehen durch Schwefel und .Feuer unter. Lot wird gerettet. Er zieht in's Gebirge. — Abimelech, der Philisterkönig, raubt Sara dem Wraham. 'Auf Gottes nächtliche Mahnung aber gibt Abimelech wieder Sara zurück. Er beteuert seine vollkommene Unschuld und überreicht Mraham viele Geschenke. — Wir hören von der endlich erfolgten Geburt Jsaks. Seine Entwöhnung wird durch ein großes Gastmahl begangen. — Hagars Sohn Jsmael pflegt verführerischen Umgang mit Jsak. Hägar und Jsmael werden aus Mrahams Hans entlassen. In »der Wüste verkündet ein Engel Gottes der Hagar, daß auch ihr Sohn zu einem großen Volke werden soll. '— Der Philistersürst Wimelech schließt niit Abraham einen Freundschaftsbund. — Abrahams größte Prüfung: er soll seinen Sohn Jsak opfern. Er ist treugehorsam, zieht mit Jsak zum Berge Morija, legt ihn aus einen Mtar und will ihn schlachten. .Ihn hält aber der Zuruf Gottes in: letzten Augenblick davon ab. Durch besonderen „Mischeberach" werden drei nun folgende Fasttage verkündet: Scheni — chamischi — w'scheni, d. h. Montag, Donnerstag und wieder Montag soll ein halber Tag gefastet werden, also am 28., 31. Okt. und 4. Nov. (Dies geschieht auch nach dem Pesachfeste.) Zweierlei Gründe: Erstens wegen der Sünden, die wir etwa in Leichtfertigkeit an den vorausgegangenen Feiertage begangen haben, besonders durch Entweihung der Chaulhamoed-Tage. Gerade durch länger andauernde Freuden sündigt der Mensch. (Daher auch nach Schowuaus nicht diese Bußtage, weil nur zwei Tage Jaum-tauw.) — Zweiter Grund: wegen der in den lkebergangsjahreszeiten (Herbst, Frühling) häufiger stattfindenden Erkrankungen. Es werden bei der lauten Wiederholung der Schemono-Esrei in der Benediktion „Sela'ch-lonn" am Morgen Selichaus eingeschaltet, ebenso wird das Sündenbekenntnis (Widdui) gesprochen. ONrndseher Druckluft »JVnlag* Telefon 123. Off enbach a. M. Telefon 123. (Jnflbertroffene bewährteste TeppichrBilligung. Zum Prinzen D.iMien Weinrestaurant I. Ranges, Goeüiestrasse 10, Frankfurt a. M. Ludwig Stutz.

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