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Neue jüdische Presse · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 41 4>ette 2. Judentums. Die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, dem Lande unserer Väter und unserer Zukunftshoffmingcn, fft ein gewiß erstrebenswertes Ziel. Darüber wird es m. E. nur eine Stimme geben, unter allen unseren Glaubensbrüdern, die sich als solche fühlen. Die gesetzesttcuen Kreise nehmen nur Anstoß daran, daß in dem offiziellen Zionismus der rein nationale Gesichtspunkt zum Ausdruck gelangt, die religiöse Aufgabe des Juden dagegen mtt Sttllschwcigen übergangen wird. Der Misrachi bemüht sich in anerkennenswerter Weise, diese Lücke auszufüllen und auf die Entwicklung des Zionismus in posittv-religiösem Sinne Eiirfluß zu gewinnen. Die Führung des Zionismus ' liegt aber in Händen von Männern, die diesen Bestrebungen ablehnend gegcnübcrstehen. Wer der Meinung ist, daß die Erreichung des zionistischen Zieles im Bereiche der Möglichkett liegt, der mag sich über die Bedenken hinwegsetzen, die in der Vereinigung mit solchen Männern liegen. Die gesetzestreuen Kreise, die dem Zionismus ablehnend gegenüberstehen, sind nicht Gegner seines Zieles, sie meinen nur, daß die Erreichung seines Zieles so wenig Aussicht auf Erfolg hat, daß die geringe Wahrscheinlichkeit, die dafür vorhanden ist, nicht ausreicht, uni ganz gewichtige Bedenken zu beseitigen. - Damit glaube ich, Ihre zweite Frage beantwortet zu haben. ad 3 glaube ich, daß es die Aufgabe des Misrachi ist, den posittv-religiösen Standpunkt innerhalb der zionistischen Organisation kräfttgst zu betonen und darauf hinzuweisen, daß der nationale Gedanke niemals hingercicht hätte, das jüdische Volk in seiner Eigenart zu erhalten und daß nur die Seele Israels, die Thora, dies Wunder bewirkt hat, denn sie ist unser Leben und die Verlängerung unserer Tage. Rabbiner Dr. I. M. Salkind, Cardiff (England): Folgendes zur Beantwortung der drei Fragen: ad l. Der Zionismus widerspricht in keiner Weffe den Ideen des gesetzesttcuen Judentums. Keine Stelle ist in unserer ganzen Literatur zu finden, die die Bestrebungen des Zionismus verdammte. Das gesetzestteue Judentum wird vielmehr zur Reform, sobald die zionistischen Elemente auf diese oder jene Weise vertuscht werden. Orthodoxie ohne Zionismus, ohne Nationaljudentum ist ein Unding, ein Widerspruch. Der Zionismus hat auch, sogar in seiner freisinnigsten Form, mehr zur Erhaltung des historischen Schulchan-Aruch-Judentums beigettagen, als die rabbinische Ltteratur des letzten Dezenniums zusammengenommen. ad 2. Aus 1 folgt, daß alle gesetzesttcuen Juden, denen das Wohl des Juderttums ihr höchstes Gut ist, ihre ganze Tatkraft für den Zionismus einfetzen müssen. In Fragen, die mit Religion und Gesetz nichts zu tun haben, soll den gesetzesttcuen Zionisten die weiteste Freiheit .eingeräumt werden. In Fragen jedoch, die geistigkultureller Natur sind, müssen die religiösen Zionisten als geschlossene, starke Partei handeln. Der Misrachi ist eine Notwendigkeit. — Er ist eine religiös-kulturelle Fraktion, die den offiziellen Zionismus zu überwachen hat, daß er nichts gegen das ttaditionelle Judentum unternehme, die eine intensive religiös-kulturelle Tättgkeit in der Diaspora entwickelt und die fiir die Errichtung von religiös-kulturellen Institutionen in Palästina sorgt. Nur religiöse Menschen können Länder kolonisieren. Bei dem herrschenden Geiste in den palästinensischen Schulen, mag auch die Unterrichtssprache hebräisch sein, werden die Kolonistcnsöhnc nach Paris und Australien auswandern müssen. ad 3. Der Misrachi nmß eine Macht werden, mit der der Zionismus zu rechnen hat. Eine Macht in quantitativem und qualitattvcm Sinne, und vor allem eine zionistische Macht, eine Partei, die nicht nur an den Zionismus frankfurter JsraelrtiWes Familienblatt. Forderungen stellt, sondern die auch für ihn etwas leistet. Der Alisrachi hat leider in diesem Punkte bisher sehr vieles vernachlässigt. Dr. L. Grün Hut, Direktor des deutsch-jüdischen Waisenhauses, Jerusalem: Ihre mir unterbreiteten Fragen will ich in Folgendem - beantworten. 'ad 1. Die Ideen des gesetzesttcuen Judcntiuns widersprechen nicht allein dem Zionismus nicht, sondern machen ihn uns sogar zur Pflicht. Schon das Denken allein an Jeruscholajim und an Eroz Jisroel ist eine Mizlvoh, nicht etwa Midrrbonon, sondern Midiwrci Kaboloh. Das ablehnende Verhalten gewisser orthodoxer Kreise kann höchstens den Leitern gelten, keinesfalls aber dem Zionismus selbst. Meines Wissens gelang es noch Keinem, in der Bewegung an und für sich was zu entdecken, was gegen das überlieferte Judentum spräche. Das wird aber auch Keinem gelingen. Im Gegenteil. Wären jene Kreise nicht gar so unpraktisch, hätten sie den Zionismus entdecken müssen. Meines Erachtens spricht gerade ihr Verhalten zugunsten des Zionismus. ad 2. Aus dein Angedeutetcn geht schon zur Genüge hervor, daß cs für jeden wahren Juden heilige Pflicht ist, sich dem Misrachi anzuschlicßen, denn nur dann, wenn das gesetzestteue Judentum die Ucbermacht erlangt hat, kann die Bewegung, die an die Ueberlicferung anknüpft, in die Bahnen geleitet werden, die eine echt jüdische Bewegung zu gehen hat. ad 3. Die Mittel, um Einfluß auf die Bewegung zu gewinnen, werden sich für den Misrachi erst dann ergeben, wenn er quantitativ so weit erstarkt sein wird, daß er vermöge seines Uebergewichtes berufen sein wird, eine führende Rolle zu übernehmen. Schlössen sich alle orthodoxen Rabbiner an, erlangte der Misrachi im Nu das moralische Uebergewicht. Das müßte einmal unseren geistigen Führern nahegelegt werden. Um aber die Massen zu gewinnen, müßte der Misrachi eine intensive Propaganda entfalten. Druckschriften, die das Volk über den Misrachi aufklärten, müßten in Massen versendet werde». Es empfiehlt sich auch, Wanderprediger aufzustcllen, indem das Gehörte immer eine Macht auf die Massen ausübt. Rabbiner Dr. Emil Levy, Berlin: 1. Ich glaube nicht nur, sondern bin überzeugt und durchdrungen, daß der Zionismus den Ideen des gesetzesttcuen Judentums in keiner Weise widerspricht. 2. Ich halte es im Interesse der religiösen wie der nationalen Seite des Judentums, die beide unauflöslich' miteinander verbunden sind, für durchaus erforderlich, daß die gesetzestreuen Juden sich an der zionistischen Arbeit beteiligen. Hierzu ist der Beittitt zum Misrachi nicht unbedingt erforderlich, da eine Mißachtung des jüdischen Gesetzes dem innersten Wesen des Zionismus widersprechen würde und die Bildung eines großen Gruppenverbandes innerhalb der zionistischen Bewegung aus taktischen Gründen nicht unbedenklich ist. Durch die Beteiligung der gesetzesttcuen Juden an der Bewegung und die Intensität ihrer Arbeitsleistung ergibt sich von selbst ihr Einfluß in religiösem Sinne. 3. Die drttte Frage ist eine eminent schwierige. Soll der Zionismus nicht gegen das jüdische Gesetz verstoßen, so darf er auch andererseits nicht zum Schildträger einer bestimmten religiösen Richtung werden. Ein Einfluß des Misrachi in posttiv-religiöseni Sinne kaunn nur in der Defensive bestehen: Abwehr und Vorbeugung eventueller jüdischer Gesetzesübertretungen seitens der offiziellen zionistischen Körperschaften. Alles andere muß der Privatinitiattvc und Einzelagitatton überlassen werden. Gründliche Vcrttefung und Belebung des religiösen Geistes kann mft auf organischem Wege erfolgen. Sie ist nicht Sache einer jüdischen Partei, sondern wird in der Mischen Nation dereinst von selber ihre Renaissance feiern. StadtratSalo m on Wiener, Kattowitz: Auf Ihre gefl. Zuschrift beehre ich mich, Ihnen die gewünschte Aeußerung über meine Stellung zu der zionistischen Bewegung zugehen zu lassen. Ich rechne den Zionismus zu den erfreulichen Erscheinungen der Gegenwart, da er weite Kreise der jüdischen Intelligenz, ganz insbesondere der Jugend, welche für jüdische Dinge und die Interessen unserer Gemeinschaft gleichgültig geworden waren, wieder mit jüdischen Idealen erfüllt hat. Ich betrachte cs als ein Verdienst des Zionismus, daß er die auf die Wiederbesicdelung des heiligen Landes abziclenden Bestrebungen mit solcher Energie ausgenommen und dadurch auch bewirkt hat, daß Organisationen, die ihm sonst fcrnstehen, sich jetzt der Kolonisation Palästinas mit verdoppeltem Eifer und in edlem Wettstreite widmen. Die wirtschaftliche Hebung des heiligen Landes, welche es möglich macht, daß daselbst eine wachsende jüdische Bevölkerung durch eigene Arbeit ihren Lebensunterhalt findet, das ist ein Ziel, welches meines Erachtens von jedem guten Inden angestrebt werden sollte, es ist ebenso lobenswert von religionsgcsetzlichem Standpunkte aus, lvie es zu den Imponderabilien für die Erhaltung jüdischen Volkstums iil den Ländern der Diaspora zu rechnen ist. Ich Ivüßtc nicht, von welchem Gesichtspunkte aus die Zugehörigkeit zum Zionismus mit den Anforderungen des jüdischen Rcligionsgesctzes nicht vereinbar sein sollte. Bedenken gegen die Bewegung würden vielleicht aus der Besorgnis herzuleitcn sein, daß, wenn den: Zionisuins reale Erfolge für absehbare Zeit versagt bleiben, eine Erkaltung seiner Anhäuger nicht nur für die eigenen Bestrebungen, sondern für jüdische Interessen überhaupt eintreten und dies sogar einen Abfall vom Judentum in erheblichem Umfange zur Folge haben könnte. Die jüdische Geschichte bietet hierfür mannigfache analoge Erscheinungen. Ich will jedoch dieses Moment nicht besonders unterstreichen, da Verhältnisse früherer Jahrhunderte mit der Gegenwart nicht ohne weiteres verglichen werden können. Wir wollen auf die göttliche Fürsorge vertrauen, daß sie unser Volk wie bisher durch alle Gefahren der Zeitverhältnisse glücklich hindurchführcn wird. Ich halte die Bestrebungen des Misrachi für löbliche. Er bildet eine glückliche und notwendige Ergänzung zu der zionistischen Bewegung, denn er hält das Prinzip aufrecht, daß wir Juden mit religiösen Hoffnungen und Erwartungen an Palästina herantreten. Das darf bei der Gegcnwartsarbeit, in welcher die Mithülfe jedes einzelnen Volksgenossen auf's Freudigste zu begrüßen ist, doch nie vergessen werden. Ich bin übrigens der Meinung, es wird schließlich auch noch im Zionismus die Neberzcugung zum Durchbruche gelangen, daß der Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina sich nur aus jüdisch-traditioneller Grundlage vollziehen kann. Schließlich gestatte ich mir noch, meine bestimmte Ansicht zum Ausdruck zu bringen, die dahin geht, daß der Zionismus mit unseren staatsbürgerlichen Pflichten gegen das Vaterland, deren Befolgung die Religion uns ebenfalls zur heiligen Aufgabe macht, in keiner Weise kollidiert. (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Die zehn Jahre Zionismus haben zionistischen Zwecken Millionen zugesührt. Aber merkwürdig: das ganze Interesse der zionistischen Masse konzenttierte sich nur aus Kolonialbank und Nationalsonbs, während die Bedürfnisse des Bcrwaltungsapparates vernachlässigt und die Leitung dadurch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeengt wurde. Solange Maßnahmen theoretischer Natur im Zionismus überwiegend waren, war der Mangel weniger spürbar; heute aber ist es anders geworden: man hat die.Bahnen praktischer Arbeit beschrilleu, vom Organisieren und Politi»

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