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Neue jüdische Presse · 1907-10-18 · Heft 40 (18.10.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 40 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. Nr. 40. Frankfurter Israelitisches Familienblait. Wir glauben dem Verband in seinem eigenen Interesse raten zu sollen, künftighin von solchen lebhaften Demonstrationen abzusehen. Eine Organisation, wie er eine ist, zu schaffen, ist schwer — leicht kann sie aber in die Brüche gehen, denn sie vereinigt heterogene Elemente. — Verband der deutschen Inden. Eine imponierende Versammlung von 3000 Personen — darunter 400 Delegierte aus allen Teilen des Reiches — hatte der Verband der deutschen Juden zu seiner alle 2 Jahre stattfindenden Hauptversammlung, dem sogenannten „Judentag", im Frankfurter Saalbau vereinigt. Die glänzendsten Namen der deutschen Juden — so Charles Hallgarten (Frankfurt), die Landtagsabgeordneten Cassel (Berlin), Aronsohn (Bromberg), Cohn (Dessau), Wolfs (Lissa) und Peltasohn (Berlin), die Geheime» Regierungsrnte Aron (Berlin), Pinner (Berlin) und Cohen (Marburg), Geh. Baurat Landsberg (Darmstadt), Geh. Hosrat Gnndelfingec (Darmstadt) usw. usw. — waren unter der Teilnehmerzaht zu verzeichnen. Justizrat Dr. L a ch m a n n (Berlin), der Vorsitzende eröffnet«: die Versammlung. Er beantragte unter lebhaftem Beifall eine Ergebenheitsdepesche an Se. Pkajestät den deutschen Kaiser, auf die am folgenden Tage der allerhöchste Dank telegraphisch ausgesprochen wurde und begrüßte die Delegierten, Negierungsrat Walther als Vertreter der Negierung und Stadtrat Schaumann als Vertreter der Stadt. Er betonte dann, daß der Verband die Verwirklichung unsrer verfassungsmäßigen Rechte erstrebe, für alle auf unseren Glauben und unsere staatsrechtliche Stellung begründeten Ansprüche an Staat 'und Gesellschaft öffentlich namens der Gesamtheit eintrete, sich aber nicht in Angelegenheiten, welche Fragen der Religion, des Kultus und der inneren Gemeindeverwaltung betreffen, cininische, — ein Programm, bei dem es unverständlich bleibt, wieso der berühmte Marburger Philosoph Geh. Regicrungsrat Prof. Hermann Cohen auf der diesmaligen Tagung des Verbandes ein Referat über „Religiöse Postulate" halten konnte. — Redner geht nun zu der Tätigkeit des Verbandes über. Bor allen Dingen stand das preußische Schulgesetz im Vordergründe des Verbands-Interesse. Wenn in Zukunft "von einer jüdischen Volksschule und von einer Berücksichtigung des jüdischen Religionsunterrichtes bei 'Volksschulsindern in Preußen noch, die Rede sein wird, so sei dies auf die ernsten Bemühungen des Verbandes znrückzuführeu. Hingegen traten die Bemühungen bei Gelegenheit des T o l e r a n z a n t r a g e s im Reichstage, bei der Beratung des Reichs-Stempelg e s e tz c s, bei der Wahrung der Rechte j ii d i - scher Allslands reisen der, lvas den llmfang der geleisteten Arbeit betrifft, in den Hintergrund. Mit anderen Berbändell znsammcil wurde eine Kommission zur Abwehr dcr Augriffe aus die traditionelle jüdische Schlachtmethode gebildet. Im letzten, dem dritten Geschäftsjahre, stand die Arbeit des Ausschusses unter dem Zeichen der Abstellung st a a t l i ch e r Zurücksetzungen. Es wurden deinentsprechendc Erhebungen und Eingaben an die Ministerien gemacht. Außerdem wurde an den Bundesrat eine Denkschrift betreffend die Sabbatruye gerichtet, welche darauf abzielt, den traditionell-religiös lebenden Glaubensgenossen auch bei verschärfter Sonntagsruhe die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu ermöglichen. In 18 Sitzungen wurde mit dem Deutsch-Israel. Gemeindebunde die Organisation der jüdis ch e n G e m e i n d e n Preußens in erster Lesung durchberaten. Herr Regiernngsrat Prof. Cohen ergreift nunmehr das Wort zu seinem Referate über „Religiöse P o st n l a t e". Die Religion bedürfe der Philosophie, da ihr diese den Gottesbegriff begründe. Im Judentum ist der auf deir Gottesgedanken gegründete Zusammenhang des Ethischen ilnd des Religiösen inniger als in irgend einem anderen Glanbenssystem, denn der jüdische Gott ist das Prinzip der Sittlichkeit und in seinen Prädikate» „Einheit und Einzigkeit" spricht sich das Bewußtsein von der Einheit der moralischen Welt aus. Wer sich vom Gottesglauben abwendet und beim Monismus und Pantheismus sich seine Weltanschauung holt, der trennt sich von der Kultur, denn es gibt keine Kultur ohne den sittlichen Gottesgedanken. Vor oberflächlichen Schlagworten, wie z. B. ,Tlieue Ethik", sollte die deutschen Juden schon die Besinnung darauf bewahren, daß nach Kant Natur und Sittlichkeit verschiedenen Sphären angehören und ihre Einheit im Begriff Gottes liegt. Die Ueberzeugung, ohne die das Leben sinnlos wäre: daß das Sittliche durch die Arbeit des Menschen ' verwirklicht werden soll und kann, rnht auf dem jüdischen Gottesgedauken. Ist dieser in seiner universalen Bedeutung erkannt, dann wird alles das hinfällig, was inan gegen den jüdischen „Nationalgott" ins Feld geführt hat. Weit davon entfernt, ein Element der Trennung zu sein, ist der Gottesgedanke des Judentums in Wahrheit der Träger echter Vaterlandsliebe. Es gebe so wenig eine eigene jüdische Kultur wie einen jüdischen Staat. Versuche, sie zu schaffen, verstoßen gegen den Geist des Judentums, denn dieser verlangt, daß seine Bekenner mit hingcbender Liebe in den Lebens¬ und Kulturzusantmenhüngen ihres Vaterlandes Mitarbeiten, um ihre weltgeschichtliche Mission: Ausbreitung der sittlichen Idee nach dem messianischen Gedanken, ihrer endlichen Erfüllung ttäherzttbringen. Den deutschen Juden braucht das nicht erst als Pflicht vorgehalten zu werden, denn sie sind schon längst durch innige Pietät mit ihrem Vaterland verbunden. Das hat wobt seinen tiefsten Grund in der Wescusvcrwandtschaft des deutschen und jüdischen Geistes. Ganz unmittelbar hat sich diese in der klassischen Zeit Deutschlands, dem Zeitalter der Humanität, offenbart. Wie dessen Leitgedanke auf die Grundidee des Judentums hinweist, so haben dann die Werke der deutschen Klassiker wieder befruchtend und klärend auf das geistige Leben der Juden eiugcwirkt. Damit nun aber alle Kräfte des Judentums für seine große Ausgabe frei tverdcn, muß seine Religionswissenschaft heraus aus dem literarischen Ghetto. Geistige Werte müssen immer wieder neu erzeugt und fortgebildet werden. Beherzigen die Juden diese Mahnung, dann werden sie die feste Glaubensüberzettguttg getvinnen, deren sie neben der zu fordernden bürgerlichen Gleichberechtigung für ihr Leben bedürfen. (Scylutz folgt.) Aus den Vereine«. Frankfurt a. M. Heber „W ab re u. falsche Bildung" .sprach Sonntag Mend im Verein Mekor-Chajim Herr Dr. RaPhaelBreuer. Trotz der zahllosen Bildniigsstätten unserer Zeit, trotz ihres scheinbar gewaltigen Bildungsstrebens, ist die Bildung nicht Gemeingut des Volkes geworden; es besteht vielmehr ein heilloser Wirrwarr, so daß der Bauer nicht den Herzog versteht. Das' kann auch nicht anders sein, solange die geistigen Leistungen der Menschheit insgesamt wie im Einzelnett meistens nicht'die Absicht, den A(c>ischeu zu bilden, haben. Die Wissenschaft wird eben häufig nur um ihrcrselbst willen betrieben; sie läßt das religiöse Innenleben des Menschen unberücksichtigt, sie steigt nicht hinab zu dem arbeitenden Volke, Glauben und Wissen, Arbeit und Wissen werden nicht harmonisch vereint, sondern bilden Gegensätze. — Ganz anders das Judentum! Hier ist Bildung und Wissenschaft eins, hier hat alles Wissen nur den einen Zweck, 'den Menschen zu gestalten. „Taurol, im Dercch Erez", ist dir Devise des Judentums, durch die einfache Arbeiter zu den bedeutendsten geistigen Koryphäen ihres Volkes geworden find (so zahlreiche der hervorragendsten Gesetzeslehrer der talmud'ischen Zeit). Frankfurt a. Bi. Das Wintersemester dec Verein ig ti tt g Nachlaß Zw i wurde am 16. Oktober mit einem Referate des Herrn Gustav Kausiti a n tt über „D a s W e r k v e r b o t a in Sabbat u n d d e s s e n soziale und ethische Wirkungen in der Ge g e nw art" crössnet. Der Referent verstand es, in übersichtlicher temperamentvoller Darstellung die Sabbatidee nach ihren verschiedenen Seiten klar herauszuarbeiten. Herr Rabb. Dr. Breuer erläuterte eingehend den Begriff der am Sabbat verbotenen Melochoh, beleuchtete insbesondere in geistvoller^ Weise das Verbot des Tragens am Sabbat und schloß mit einem Ivarmen Apell an die zahlreich erschienene junge Hörerschar, das kostbare Gut des Sabbat allezeit in Ehren zu halten. Am Beginn der Sitzung hatte der Vorsitzende, Herr Leopold Schwab, dem allgemeinen lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß der verehrte bisherige wohlbewährte Präsident, der Mitbegründer der Vereinigung und ihr unermüdlicher Förderer, Herr Jacob Rosenheim, sich genötigt sah, von der Leitung znrückzntreten. Umfassende anderweitige Tätigkeit machten ihm seine fernere Mitwirkung im Vorstände des Nachlaß Zwi leider unmöglich. Herr Schwab entbot ihm den warmen Dank aller derer, die durch seine fortgesetzten treffenden Belchrttngen ohne Unterlaß zur Bereicherung ihres Wissens und zur Vertiefung ihrer Lebensanschauung in glücklicher Weise reichlich Gelegenheit fanden. Herr Schwab sprach die Hoffnung ans, daß Herr Rosenheim, so weit es ihm möglich ist, auch fernerhin der Vereinigung seine Kraft zur Verfügung stellen möge. Frankfurt a. M. Der Verein für j ü d. Geschichte und Literatur begann anc Montag Abend seine diesjährige Wintertätigkeit mit einem Bortrage des Dozenten der Musikgeschichte Dr. L e o p. H i r s ch b e r g aus Berlin, der uns voin vorigen Winter her bereits rühmlich bekannt war. Seine damaligen Ausführungen über „Die Bibel in der Musi k" führte er diesmal fort und gestaltete diese wieder durch 'seine instruntcntalen und gesanglichen Erläuterungen besonders fesselnd. Nachdem Redner kurz rekapituliert hatte, welche Episoden aus der biblischen Geschichte bis zü Moses' Auftreten vertont sind (Inhalt des vorjährigen Vortrages), erklärte er in geistvoller Weise, warum Israels größter Prophet nicht als Held eines Oratoriums oder musikaliscyen Dramas erkoren werden durfte. An seiner übermenschlichen Gestalt hätten Poesie und Musik eine unüberlvindliche Grenze gefunden, die nur von der Plastik und Malerei siegreich überschritten werden konnte. Die Dramatisierung Moses' ' in Verdis "'gleichnamiger Oper sei darum auch kläglich mißglückt. Nur die epische Schilderung der Bibel, wie Moses von der Höhe de? Berges Neboh vor seinem Tode das gelobte Land erblickt und dann von Gott in einer Wölke der irdischen Welt entrückt wird, wurde meisterhaft 'in Musik gesetzt und zwar von dem berühmten Balladen-Komponisten Carl Locwe i» seiner Ballade „Neboh", die der Redner vorzüglich zu Gehör brachte. Mit ilebergehting der Heldengestalten Jösuas, Simsons, Davids und Sauls, die alle musikalisch verherrlicht seien, aber ciiten Vortrag für "sich "allein erforderten, ivandte sich Herr Dr. H. der wunderbaren Sehergestalt der Deborah zu. Sie fand ihre musikalische Verklärung in Händels gleichnamigem Oratorium, dessen tonknnstlerische Bedeutung Redner rühmlichst hervorhob. Als besonders charakteristische Stellen dieses Werkes trug er den begeisterten Ruf Deborahs an Barak zum Streite für den Herrn und ihren ernsten, bescheidenen Sang vor, mit dem sie Sisra, den Führer von Israels Feinden, abfertigt. Dann ließ Dr. H. vor uns die zugleich liebliche und mntige, gottergebene Gestalt von „Jephtas Tochter" in dem gleichnamigen Oratorium Händels, sowie in der Vertonung eines der hebräischen Gesänge Byrons durch Rob. Schumann und Karl Loewe vor uns erstehen, indein er Teile ans diesen Werken sang. Nach einein Ueberblick über Händels Zaktiges ntusikalisches Drania „Salomon", in dem die Gestalt des weisen Königs musikalisch verewigt ist und nach 'flüchtiger Erwähnung von Goldmarks Oper „Königin von L-aba" unterzog der Vortragende noch einer eingehenden Besprechung und gesanglichen Erläuterung das Oratorium „Elias" von Mendelssohn. Auch 'die Gestalt dieses Propheten habe sich ihrer ilebersinnlichkeit wegen zur Dramatisierung nicht geeignet, und darum seien auch in dem Mendelssohn'schen Tonwerke die lyrischen Partiee» Glanzpunkte, ivähreiid die dramatischen stark „abfielen". Der Vortragende, dem bei seinen gesanglichen Darbictuiigen eine äußerst sympathische, trefflich geschulte Tenorstimme zu statten kam, fand bei den Zuhörern tvicderholt im Verlaufe seiner Ausführnngen und nach Beendigung derselben reichen Beifall. Hierdurch machte das Publikum einigerntaßen wieder gut, was die Gesamtheit unserer hiesigen Judenschaft versäumte, indem sie zu solch' interessantem Bortrage in betrübend geringer Zahl erschien. Wir wollen hoffen und wünschen, daß es der Bereinsleititng gelingen wird, zu ihren stets gediegenen Darbietungen künftighin ein größeres Auditorium anznlocken. — Dr. L. Frankfurt a. M. Der Talmud-Thor a- Verein hat seit 2 Wochen den Zyklus seiner Vorträge an den Freitagabenden nach dem Gottesdienst eröffnet und geeignete Redner für dieselben gewonttett. Der rege Besuch beweist, wie sehr diese Borträge die Zuhörer zu fesseln vermögen. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frkft. Jsr. Familienblattes gingen für den Nationalfonds ein: -Aus Anlaß der Barmizwoh ihres Sohnes Nachum spenden Herr S. H. Goldman» und Frau für 2 Oelbäunie ans die Namen Familie Gläser, Familie Barsach, Familie Gilwein und Familie liischiu -!k 12.— S. Levy, Bierstadt, Ablösung für Röschhaschono-Karten ., --.50 S. Jakob Roscnberg, Bierstadt „ —.50 Frankfurt a. M-, 17. Oktober. Bor einer sehr zahlreich besuchten Versammlung der Z i o tt i st i - schen Vereinigung referierte Herr I. L. Gvite in, über die „Abänderung der Bankstatuten", nachdem vorher Herr Fritz Sondh e i m e r, der Vorsitzende, in einigen begrüßenden Worten die Wintcrsaison eröffnet und dabei von verschiedenen Neueinrichtungen — so die Veranstaltung eines hebräischen Abends und die Behandlung von Artikeln der jüdischen Presse an den Bereinsabenden — Mitteilung gemacht hatte. Herr Gott ein führte kurz folgendes ans: In dem Statute der Jüdischen Kolonialbank, die aus dem 2. Kongreß gegründet Ivurde, heißt es, daß der Wirkungskreis der in London domiziliereiiden Bank Palästina, Syrien und die nächsten Nachbarländer ist; der englische Richter verlangte nun damals, daß es in dem maßgebenden englischen Texte heiße „oder in irgend einem anderen Teil der Welt", welchem Verlangen auch in dem englischen Statute entsprochen wurde. Dieses „Oder in irgend einem anderen Teile der Welt" wurde nun in 4 Generalversammlungen wieder ausgemerzt. Diese 4 Generalversammlungen tvnrdcn durch "den Protest Zangwill's und seiner Territorialisten notwendig, und infolge dieses Protestes ist nun ein Prozeß anhängig, der bereits 50000 JL gekostet hat und noch 100000 Jfe kosten kann. Referent wünscht in Rücksicht auf die hohen Kosten und auf den immerhin nicht sicheren Ausgang des Prozesses die Einstellung desselben, besonders da bei einer zionistischen Majorität der Aktionäre, eine Leitung der Bank im zionistischen Interesse gewährleistet und der Text der Statuten belanglos ist. — Nach einer kurzen Debatte, in der

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