Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Witz bei den Hohenpriestern der Königszeit, so kraß dieselben sind und so neu und interessant die Richtigstellung ausfällt, muß hier leider vorläufig unterbleiben. Im Rahmen dieses Artikels muß ich mich nur noch kurz über die 9 anderen Fragen äußern: sä 2. Sein Datum Jehu's 2877 ist falsch. Nach den fortlaufenden assyrischen Königsannalcn. die astrononiisch kontrolliert sind, trat Jchu 2917 an, war Achab's letzte Schlacht gegen Assyrien 2905 (im Tenach nicht erwähnt). Die Mcsastclc ist nicht, wie Jawitz in einer Nota meint, wegen Verstümmelung unbrauchbar, sondern ein äußerst wertvolles Dokument, das auch die schwankende Interpretation der 6 Jahre Omri's in Tirzah dahin entscheidet, daß Omri 18 und Achab 22 Jahre, zusammen 40 Jahre, regiert haben. Demgemäß ist sein Datum David 2702 richtigzustellen auf 2739 und das des Tempelbaues beginnt 2781. Ebenso steht seine Fußnote über Schcschanks (Schischak's) Eroberung Jerusalems in gar keinem Verhältnis zu dem ungeheuren Aufsehen, das dieser erste archäologische Fund in Judaicis durch Champollion 1828 in der ganzen gebildeten Welt 'mir Recht hervorgerufen hat. sä 3 hat Jawitz zwar für das durch die Assyrologie entdeckte Datum 3040 für Zerstörung Schvmrons annähernd 3043. Leider ist ihm Sargon so unbekannt geblieben, daß er ihn mit Sanherib identisizicrt und die Entdeckung der 7 Königspaläste scheint ihm ebenso fremd, wie deren Inhalt im Louvre und British Museum. Schlosser und selbst Josephus de Antiq. sind heute durch neue Quellen überholt. sä 4 finde ich bei ihni keine Berücksichtigung der neuen Funde. sä 5 muß die Kreierung eines Deutero Daniel ebenso energisch zurückgewicsen werden, wie der Irrtum, daß Daniels Darjawush bcn Achaschwerosch mit Darius Nothos identisch sei. Vergl. meine Abhandlung im literarischen Jahrbuch 1907. sä 6 Achaschwerusch ist bei ihm Cambyses, das ist falsch. Durch Diculafoi's Ausgrabungen ist die Identität A.'s mit Terxes sichergestcllt. Meine Hypothese, daß der erste Artachschachta, der bei Esra auf Cyrus folgt, Cambyses sei — der Name A. ist nur ein Titel „mächtiger Herrscher" — habe ich ebenfalls im letzten literarischen Jahrbuch sichergestellt. In der Chronologie zu Esra und Nehemia verfällt er in denselben Anachromsmus wie Graetz, der sic unter Longimanus setzt, während sic unter, Mncmon lebten, was ich im Barsilai nachgewicsen habe. Dadurch fällt die ganze Mißhandlung, welche Graetz diesen heiligen Büchern antut, in ihr Nichts zusammen. sä 8 folgt er Halcvy, der als Spiritus reotor der Gesellschaft in gewissem Grade für die geschilderten Extravaganzen mitverantwortlich ist. sä 9 und 10 sind erst die Fortsetzungen dieses sonst recht wertvollen und interessanten Werkes abzuwarten. Ahron Marcus. Die Zurücksetzung der Juden im Justizdienste. Am 13. d. Mts. ist der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden von seinem gcschäftsführcnden Ausschuß eine Denkschrift überreicht worden, welche der Schriftführer, Justizrat Bernhard Breslauer (Berlin), über die Zurücksetzung der Suben ira Iustizdienste gefertigt hat. Die Denkschrift, welche für Preußen die amtliche Laufbahn aller derjenigen Justizbeamten bis Anfang 1907 verfolgt, die in den Jahren 1875 bis einschließlich 1895 das Assessor-Examen bestanden haben, kommt zu folgendem Ergebnis: Von 3628 preußischen Justizbeanrten sind sonach 665 in höhere Stellen befördert worden, wenn man als höhere Stellen die Acmter der Direktoren, Oberlandesgerichtsräte und Präsidenten in Betracht zieht. Bon den 665 Beförderten sind 631 Christen und 4 Juden (von den 30 Getauften, die hiertzrankfurter JfraüittscheS KarnttkeMatt. her gehören, wird weiter unten die Rede sein). Das ergibt folgendes 'Verhältnis: 3628 Justizbeamtc, darunter 665 in höheren Stellen — 18,3o/0 3365 Christen, darunter 631 in höheren Stellen — 18,8»/o 155 Juden, darunter 4 in höheren Stellen — 2,6 o/o Es ergibt sich hieraus klar, daß die Juden in der Beförderung erheblich gegen ihre christlichen Kollegen zuriickgcsetzt sind. Die bloße Zahl beweist natürlich noch nichts bezüglich der Gerechtigkeit bei der Verteilung der Acmtcr, da Fähigkeiten, Kenutuissc, Eifer und Ausdauer mit in Berücksichtigung zu ziehen sind. Immerhin kann man sich aber an der Hand der Zahlen die Gcsanitlagc im tvcsentlichen klar machen: Die 155 Juden stellen 4,2o/o sämtlicher 3628 Justizbeamteu dar. Es gab in jenem Zeitabschnitt 316 Obcrlandcsgerichtsräte, darunter 4 Juden, es hätten aber 4,2o/o, d. h. 13 Juden darunter sein müssen. Es gab 280 Landesgerichtsdirektoren, darunter 0 Juden, cs hätten aber bei Berücksichtigung des Satzes von 4,2«/o 12 Juden darunter sein müssen. Es gab 69 Präsidenten, darunter 0 Juden. Es hätten aber, da 155 jüdische Richter — 4,2«/c> vorhanden waren, darunter 3 Juden sein niüsscn. Ergeben schon die bloßen Zahlen so erhebliche Unterschiede, wie sie hier gesunden worden sind, ergibt sich insbesondere, daß in 21 Jahren nur 4 jüdische Richter zu Oberlandcsgerichtsräten ernannt sind, und daß nicht ein einziger zum Direktor oder Präsidenten bestellt worden ist, so liegt die Absicht, die hiermit verfolgt wurde, klar zu Tage. Diese Absicht tritt aber noch deutlicher in die Erscheinung, wenn die Zahl der Getauften aus jenem Zeitabschnitt, die mehr oder weniger kurze Zeit nach der Taufe das erstrebte Amt erreicht haben, mit berücksichtigt wird. Von allen 3628 Jüstizbcamten sind in höhere Stellen befördert worden 665 — 18,3o/o Von den 3365 Christen sind in höhere Stellen befördert worden 631 —18,8»/o Von den 155 Juden sind in höhere Stellen befördert worden 4— 2,6 o/o Von den 108 Getauften sind in höhere Stellen befördert worden - 30 — 27,8o/o Von allen 3628 Jüstizbcamten wurden Oberlandcsgerichtsräte 316— 8,7 o/« Von den 3365 Christen wurden Oberlandesgerichtsrätc 290— 8,7o/o Von den 155 Juden wurden Oberlandesgerichtsräte 4— 2,6<>/o Von den 108 Getauften wurden Obcrlandcsgerichtsrätc 22 — 20,4 o/o Von allen 3628 Jüstizbcamten wurden Direktoren und Präsidenten 349 — 9,6<>/o Von den 3365 Christen wurden Direktoren und Präsidenten 341 —10,1 o/o Von den 155 Juden wurden Direktoren und Präsidenten 0— Q'Yo Von den 108 Getauften wurden Direktoren und Präsidenten 8— 7,4o/o Diese Zahlen ergeben zugleich das erschreckende Resultat, daß von der Justizverwaltung geradezu eine Prämie auf die Taufe gesetzt worden ist. Unter 258 Staatsanwälten befinden sich keine Juden, wohl aber 3 Getaufte. In Bayern allerdings werden die Juden zur Staatsanwaltschaft zugelasscn, aber es gibt auch hier, wie in Baden und bis Herbst 1907 in Elsaß-Lothringen, keinen jüdischen Direktor oder Präsidenten, während in Baden je ein Getaufter Landgerichtspräsident und Landgerichtsdircktor ist. In Württemberg gibt es 3, in O l d e nb u r g und Sachsen-Meiningen je einen Richter erster Instanz, in Sachsen dagegen und in den deutschen Klein st aaten (außer Meiningen) ist überhaupt kein Jude als Richter im Amte. Nr. 40 Auch in B r e m e n und Lübeck gibt cs keinen jüdischen Richter, während in Hamburg bis Anfang 1907 zwar 8 jüdische Richter erster Instanz, unter den 8 Getauften aber ein Oberlandesgerichtsrat und ein Landgerichtsdircktor vorhanden waren. Am Reichsgericht endlich ist kein Jude als Richter angestellt, wohl aber sind ein Getaufter als Senatspräsidcnt und zwei Getaufte als Räte im Amte. Man kann aber nicht sagen, daß die jüdischen iRchter sich zu höheren Stellen nicht geeignet hätten, denn im Jahre 1907 ist in Hamburg und in Elsaß-Lothringen je ein jüdischer Richter zum Landgerichtsdirektor befördert worden und vertretungsweise haben Juden gar oft jene höheren Acmter! versehen. Ein Oberlandesgerichtsrat hat viele Jahre hindurch den Präsidenten des Oberlandcsgerichts in der Führung des Vorsitzes im Senat vertreten. Eine große Anzahl jüdischer Richter hat viele Monate, ja sogar Jahre hindurch den Vorsitz in Zivilkammern an Stelle des Direktors geführt, und an vielen Orten sind jüdische Richter Vorsitzende der Kammern für Handelssachen. Also die Leitung der materiellen Justizpflege hat nian den Juden anvertraut, nur in die Verwaltungsposten selbst hat man sie nicht hineingelassen. In 60 Jahren ist in dieser Beziehung alles beim alten geblieben, zum Schaden der beteiligten Justizbeamtcn, aber auch — wie ausgesprochen werden muß — zum Schaden der Allgemeinheit. Die Woche. Für die Beurteilung von Zeitcrscheinungen gibt cs zwei Maßstäbe: der Abstand zwischen einer Zeiterscheinung und ihrer idealen Forderung und die Untersuchung, ob die Zeiterscheinung eine Besserung oder Verschlechterung der Vergangenheit gegenüber bedeutet. Von dem ersten Gesichtspunkte aus ist die Tagung des Verbandes der deutschen Juden, die soeben in Frankfurts Mauern stattsand, scharf zu kritisieren; der zweite Gesichtspunkt jedoch läßt einen erfreulichen Fortschritt gegen früher begrüßen, einen Fortschritt, der den Verband in Bahnen geleitet hat, die, wenn er ihnen treu bleibt und sich in ihnen auswächst, zum Segen für die deutsche Jubenheit werden müssen. Denn die Resolution, daß der Verband in der Ausweisung ausländischer Juden, sowie in der Nichtgewährung ihrer Naturalisation eine Kränkung der deutschen Juden erblickt, dieses offene Bekennen einer Solidarität mit den vielgeschmähten Juden des Ostens wäre vor einem Jahrzehnte noch undenkbar gewesen, ebenso undenkbar wie das Wort „Jndentag", das man der Hauptversammlung des Verbandes 'zugelegt hat. Allein diese erfreuliche Erscheinung vom Erwachen des Solidaritätsgefühls wird von einem grauen Dämmerlicht getrübt. Ter Verband deutscher Juden glaubte, um der Versicherung, daß die deutschen Juden gute Patrioten sind, niehr Nachdruck zu verleihen, in aller Welt verkünden zu müssen, daß die Juden kein Volk sind und keine Kultur haben. Abgesehen davon, daß das nackte Alltagsleben diese Behauptung Lüge straft — ist dieses Beginnen des Verbandes sowohl politisch, als psychologisch falsch. Wir wissen, daß viele Mitglieder des Verbandes dieses Beginnen erbittert hat, und das kann nicht zu ■ seiner Stärkung und Innern Festigung beitragen. Es ist nicht Aufgabe des Verbandes, innere Politik zu treiben und in die Fragen des Judentums einzugreisen, sondern nur, die deutsche Juden heit nach außen zu vertreten und für ihre verfassungsmäßigen Rechte einzutreten. Sobald der Verband, statt seine Ziele zu verfolgen, in das geistige und religiöse Leben der deutschen Juden eingreift, legt er selbst den ersten Spahn zu seinem — eigenen Brand, denn er vereinigt nur juristische und nicht religiöse und nationale Interessenten. — Psychologisch ist dieses Beginnen falsch, weil gerade diese plötzliche allzustarke Versicherung, die die Antisemiten nicht glauben und die Andern nicht verlangen, Verdacht erregen muß. Kein ehrlicher Bürger wirb ohne weiteres seinen Mitbürgern zuschreien: „ich bin ein ehrlicher Mensch!"