Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage W Nr. 40 -es Frankfurter Israelitischen FaMienblattes. Inhalt -er BeUage: Artikel: Jawitz Toldot bne Israel. — Die Zurücksetzung der Juden im Justizdienste. — Die Woche. — Verband der deutschen Juden. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Kunst und Literatur. — Vereins-Kalender. Jawitz Toldot bne Israel, Geschichte -er Israeliten als vorläufige Ergänzung zu Halevy's vorollr Iiarischonim. Der erste Teil dieses Werkes — 5 Bände und ein sechster Band als erster des Teil II, zusammen 1436 Seiten ebräisch, Kleindruck — liegt nunmehr vor. Derselbe behandelt die jüdische Geschichte vom Beginne bis zu R. Juda II., Enkel des Verfassers der Mischnah. Die Literarische Gesellschaft, auf deren Kosten beide Werke, Halevy's und Jawitz, gedruckt werden, hat somit dem großen Mangel einer „jüdischen" Geschichte der Juden insofern abgeholfen, als Jawitz die von Halevy noch auszufüllende Lücke der ersten Tanaitenzcit, ferner nach rückwärts die Hasmonäer, Griccheuherrschast, Perserzeit und schließlich die eigentliche biblische Geschichte durch seine von großem Fleiße und Talent zeugende Arbeit geschlossen hat. Die Geschichte der eigentlichen Diaspora mit ihren 1600 Jahren, für welche Halevy bis zu den Gaonim inklusive bereits vorgearbeitet hat (bis 4798 j. Zt.) hat Jawitz in der Arbeit. Es soll somit die Unterlage für die diutzbarmachung dieser ebrüischen Quellen in einer deutsch, modern wissenschaftlich zu schreibenden Geschichte der Juden geschaffen sein. Ich will hier nur untersuchen, wie Jawitz die in Nr. 35 dieses Blattes formulierten 10 chronologischen Fragen — die Zahlen bilden, wie ich gleich vorweg bemerken will, die schwache Seite in den Jawitz'schen Werken — behandelt. 1. Die Chronologie der Richterzeit, welche derart geordnet werden muß, daß das Plus der Perserzeit (irt Frage 6 inbegriffen) darin Platz findet. Die Hauptfrage bildet dabei die Perserzeit. Jawitz akzeptiert hier ohne weiteres das Datum der modernen Forschung 3174 als Jahr der Zerstörung Jerusalems durch Nebudkadnezar, anstatt des altüblichen 3338 und überläßt es Graetz durch eine nichtssagende Ausrede, die auch er gebraucht, die Notiz des Seder Olam als nur für den Beginn der Achämenidenherrschaft gemeint zu rehabilitieren. Durch Subtraktion der für die Davidische .Dynastie angegebenen Jahre vom Datum 3174 nach rückwärts erhält Jawitz das Datum 2702 für David's Antritt (nach Seder Olam wären nur 410, die der Tempel stand, 3 Salomo's und 40 David's, zusammen 453 Jahre, abzuziehen, sodaß, David's Antritt auf 2722 fiele). Aber abgesehen von dieser und anderer später zu behandelnder Differenz, rächt sich hier die Behandlung der Chronologie als guautüte negligeable auf's Empfindlichste. Gesetzt also, 2702 als Ende der Richterzeit inklusive Saul's Königtum, wäre richtig, und der Bau des Salomonischen Tempels hätte im Jahre 2746 begonnen, 480 Jahre nach dem Auszuge aus Aegypten, für welchen wir bei Jawitz vergebens ein chronologisches Datum suchen, obwohl dies das einzige Datum ist als Secher lijeziat mizrajim, dessen Kenntnis für uns von direktem religiösen Jnterx esse wäre und das auch dem ganzen Gebäude der Chronologie des Pentateuch als in Aussicht genommener Abschluß und als Krönung dient. Durch Ignorieren wird eine Schwierigkeit nicht behoben, eine Frage nicht beantwortet. Wenn Jawitz es dem Leser überläßt, sich das Datum selbst durch Rückrechnung zurechtzustellen — das erste chronologische Datum beginnt nämlich bei ihm bei David — dann bringt er ihn in einen unlöslichen Widerspruch mit der Thora. Denn nach Abzug der salomonischen Zahl 480 nach dem Auszuge, gleich erstem Jahre des Tempelbaues, I. 2746 nach Jawitz, ergibt sich als Datum des Auszuges 2266, d. h. das elfte Jahr nach, dem Tode unseres Stammvaters Jakob. Da fehlen eben die Jahre, welche aus dem festen l Gefüge des Seder Olam für die Perserzeit ent-I nommen sind. Ich habe in dem letzten literarischen Jahrbuche, Seite 310, auf die einzige Möglichkeit der wissenschaftlichen Lösung dieser Frage hingewiesen, aber Jawitz verrammelt sich selbst diesen Weg, indenl er auf eine Schwierigkeit eine Unmöglichkeit pfropft. Anstatt einer Chronologie für die erste Geschichtsepoche liefert er nämlich eine genealogische Liste, die Jahre durch Generationen ersetzend. Anstatt aber zu der unvermeidlichen Reduktion der üblichen Chronologie der Richterzeit zu kommen, vergrößert er dieselbe noch durch seine Generationen und kommt dabei zu folgender, geradezu unerhörter Hypothese: Der Stammbaum der Hohenpriester sei bei diesen selbst so vollständig in Vergessenheit geraten, daß in demselben 14 Zwischenglieder fehlen, von denen 7 in die Richterzeit einzufügen wären, während er die anderen 7 durch Verstümmelung und Umstülpung der Hohenpricsterliste der Köuigszeit in diese hineinzupressen sucht. Da heißt es wahrhaftig: Een massau ponim batauroh. Da darf kein Pardon gegeben werden. Die Begründung, daß durch den Uebergang der Hohenpriesterwürde von der Linie Elasar auf die Jthamars zu Eli's Zeit, der Stammbaum Etasars in Vergessenheit geraten sei, ist nicht weniger absurd, als die Hypothese' selbst paradox, heterodox und bei einem Orthodoxen, der Traditiousgelehrter sein will, unbegreiflich. Wieso kommt er auf diese Idee? Durch jene Hyperfrömniigkeit, von welcher R. Tarson in der Tosifta Sabbat sagt, daß sie bei R. Sccharia ben Eukylos dazu beigetrageu habe, den Tempel zu zerstören. Demselben Buche der Chronik, das er mit seinen Hypothesen aus den Kopf stellt, entnimmt er eine genealogische Liste des Säugers Heman, Enkel Samuels, bis Levi hinauf, mit 22 Generationen, das heißt von Ebjassaf, Sohn des Korach, bis Heman 18 Generationen. Wenn Jawitz sich Rechenschaft über die Zahlen gegeben hätte, so lväre er zu folgendem Resultate gekommen: Unverrückbares Datuni des Auszuges ans Aegypten: 2448. Uebergang über den Jordan in der Generation Ebjassaf 2488, Heman als Zeitgenosse Davids 2702 macht für 18 Generationen 214 Jahre, kaum 12 Jahre per Generation. Das ist einfach unmöglich. Bleiben wir vorerst bei Hemans Stammbaum! Da demselben in Davids Stammbaum (Ende Ruth) fiir dieselbe Epoche nur 6 Generationen gegenüberstehen, so müssen nach Jawitz 12 vergessene substituiert werden. Ebenso gibt es bei der Hohenpriesterlinie Elasar nur 11, folglich müssen 7 substituiert werden. Alles wegen der Hemanliste. Nun stehen dieser Stammtafel in Chron. I 6 nicht nur die seines Kollegen Asaf mit nur 15 Generationen bis Levi, gleich 11 Generationen seit Ebjassaf's Zeit und die Etan's (Jedutun) mit 14 Generationen bis Levi, respektive 19 bis Ebjassaf's Zeit hart denselben gegenüber, sondern das Kapitel selbst beginnt mit dem Stammbaum Samuels (Heman's Großvater) von oben nach unten von Levi bis Samuel in einer jener, der Chronik eigentümlichen Aufstellungen, welche der Hemanliste ziemlich ausdrücklich widersprechen. Den Schlüssel zum Seser Jochasin, dem Buche der Stammtafeln, wie unsere Alten Chronik I nannten, hat vorläufig noch Niemand, es ist ein Buch mit sieben Siegeln und zwar aus zweierlei Ursachen: Erstens aus beabsichtigter Geheimhaltung, wie bei den letzten Listen des Davidischen Königshauses, damit nicht jeder xbeliebige Bastard sich einen königlichen Stammbaum zurechtlege. Man bedenke nur, daß bei 42,360 Seelen, die unter Serubabel heimzogen, nur diejenigen als jüdische Bürger anerkannt wurden, die ihre Stammeslegitimationen vorlegen konnten, 652, die dies nicht im Stande waren, abgesondert wurden. Noch weit rigoroser wurde dies bei den Priestern durchgeführt, wo bekannte, hochangesehene Familien, deren Abstammung mütterlicherseits von dem berühmten Barsilai, Davids Freund, nicht anzuzweifeln war, aus Mangel an Dokumenten für ewige Zeit aus der Priesterschaft ausgestoßen werden mußten. Halevy hat diese peinliche Kontrolle nach Josephus und Mischnah herrlich beleuchtet, die in Babel so streng war, geschweige denn beim ersten Tempel und in Schiloh, wo der Hohepriester die Stelle des Königs vertrat, die höchste und einzige erbliche Autorität an Macht und Rechten. Zu demselben Resultate kommt Lepsius auf Grund der merkivürdigen Peinlichkeit der in Fels gehauenen ägyptischen Stammbäume, die von der Lagidenzeit bis in die Zeit Mosis hinanfreichen. Aber nicht nur die Erziehung in Aegypten, dem vielschreiberischsten Polizeistaate der Welt, mußte die Juden daran gewöhnt haben, auch ihre nächsten Verwandten, die illiteraten Araberstämme, stehen in dieser Beziehung als Merkwürdigkeit da, und dehnen diese Genauigkeit der Tradition selbst auf die Zucht der edelsten Pferde aus, bei denen 400jährige Stammbäume nichts Seltenes sind. Vergessen wir daher lieber die Hypothese, daß die Hohenpriester ihre Abstammung vergessen konnten. Qa pue nach den Hypothesen der Anti, die um jeden Preis ein kannibalistisches Zeitalter auch für die Juden konstruieren möchten. Zweitens: Gab es für die großen Massen, welche durch die furchtbaren Katastrophen, wie sie keine zweite Nation ausgehalten hat, in alle Windrichtungen zerstreut, der Vernichtung preisgegeben waren, ein wirkliches Vergessen. Deshalb sagt der Talmud Jerus. Megilla, zitiert Raschi zu Chron. I, 8, 29: Esra hat verschiedene Bruchstücke von Stammeslisten vorgefunden und darin Auswahl getroffen, und wo dies nicht möglich ivar, auch zwei widersprechende an verschiedenen Stellen wiedergegeben, so daß der Talmud Babli zu dem Ausspruche kommt: „lieber die Liste des Hauses Saul gibt es 13 Ladungen von Deroscho's" (die Jawitz um eine 14. vermehren möchte!). Aehnliche prägnante Aussprüche kann ja Jeder in Raschi aä hoc Nachlesen. Zu den betreffenden doppelten Levitenlisten redet noch der Redak ein Wörtchen mit. In der ersten Liste werden die 3 Brüder, die Söhne Korach's, in genealogischer Reihenfolge aufgeführt, so daß wir, wenn wir es nicht aus der Thora wüßten, dieselben für 3 Generationen rechnen müßten. Und wer schärfer hinsieht, findet die ganze Liste I in die einzelnen Stammtafeln dieser 3 geteilt. Danach ist auch Liste II zu beurteilen. Dazu kommt noch der Umstand, daß gerade im Gegensatz zu den Hohenpriestern — Samuel gar nicht stolz aus seine Abstammung von Korach war. In seinem Buche werden nur die nächsten Vorfahren erwähnt mit dem Schlußbeisatze Ephrati, aus edlem Geschlechts. Ohne die Chronik wüßten wir weder, daß er Levite war, noch daß er von Korach abstammte. Daher die Zweifel und Widersprüche der Listen. Endlich hat Jawitz einen Umstand gänzlich übersehen, der die „Königsliste" für Generationsstatistik ganz unverwendbar macht und dieselbe in den krassesten Gegensatz zur Hohenpriesterliste setzt. Dem Könige war Vielweiberei erlaubt, dem Hohenpriester strengstens verboten. Wir finden daher bei den Königen, von denen nur Wenige das 60. Lebensjahr erreichten, schon im Jünglingsalter männliche Nachfolger. Bei den Hohenpriestern hingegen war ein hohes Alter die Regel. Jojada erreichte sogar das 130. Lebensjahr, überlebte 7 Könige. Wie manchem Hohenpriester mag es so ergangen sein, wie Schimeon Hazaddik, der erst im höchsten Greisenalter einen männlichen Nachfolger bekam, sein Sohn Chonio (Onias) war im 5. Jahre, als sein Vater starb, so daß zwei Verwandte nach einander als Vormünder das Hohenpriesteramt Provisorisch bekleideten. Derselbe Umstand mag die Ursache gewesen sein, daß bei Merajoth die Hohenpriesterwürde auf Eli überging. Die Richtigstellung der Mißverständnisse Ja»