Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 die Wohnung der 72jährigen Witwe Hirsch ein Mann ei« und griff 'sie mit einem Messer an. Infolge der Hilferufe der Frau ließ der Verbrecher von seinem -Opfer ab und suchte das Weite. Er wurde sehr schnell in der Person des Arbeiters Ambroskiewicz entdeckt. Rendsburg. 'Stiftungen. Der hier jüngst verstorbene Rentier Nathan hat mehrere tausend Mark der Stabt, der israelitischen Gemeinde, dem Arbeiterverein, der Charlottc-Warteschule nsw. zu wohltätigen Zwecken hinterlassen. Aus den Zinsen des der Stowt vermachten Kapitals sollen alte, würdige und bedürftige Ehepaare bedacht werden. Oesterreich-Ungarn. Budapest, 12. Olt. Bei den gegenwärtig im Abgeordneten Hause erfolgenden Neuwahlen für die Ausschüsse wurden die sämtlichen jüdischen Abgeordneten aus den Kandidatenlisten gestrichen. Lemberg. Eine jüdischnationale Deputation sprach beim Landmarschall Graf Baden! vor, um demselben die Wünsche der galizischen Juden betreffs der Landtagswahlreform bekanntzugeben; sie verlangte ein allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht und den nationalen Kataster oder wenigstens eine gerechte Wahlgeometrie. Graf Badeni erkannte das Recht der jüdischen Bevölkerung aus eine Vertretung ihrer 'Interessen im Landtage an und sprach sich für das allgemeine Wahlrecht, aber gegen den Nationalkataster aus, da dieser die Gegensätze verschärfe. Essey. Ermordung eines Kantors De Kantor der israelitischen Kultusgemcinde in Slatina, Franz Friedmann, wurde ermordet. Eine Anzahl von Ziegelarbeitern überfiel den Kantor und schlug mit Knütteln und Steinen auf ihn solange ei», bis er bewußtlos zusammenbrach. Friedmann starb auf dem Wege ins Spital. Rußland. Petersburg. Ein Gesetz vom 8. Oktober d. I. ändert das Gesetz über die Sonntagsruhe vom 28. November 1906. Während bisher die Selbstverwaltungskörperschaftcn der Städte und Landkreise, nur in einzelnen Fällen den Handel in gewissen Betrieben an Sonn- und Feiertagen gestatten dursten, wird es jetzt ihrem Ermessen anheimgestellt, an diesen Tagen jede Art Handel und Beschäftigung zu gestatten. Das Sonntagsruhegcsctz war s. Zt. kurz vor den Dumawahlen erlassen worden, damit die Handelsangestellten .regierungsfreundlich wählen; da' diese Absicht aber nicht erreicht wurde, so hat mit den neuen Bestinunungen die Regierung die -allgemeine Sonntagsruhe z. T. wieder illusorisch gemacht. Mohllcw a. Dnjcpr. Die neuen Privatschulcn — es ist ein Gymnasium und eine Mittelschule von jüdischer Seite errichtet worden und beide werden trotz des hohen Schulgeldes von 100 Rubel sehr stark besucht — wirken auf die materielle Lage der Melamdim und hebräischen Lehrer sehr ungünstig ein; an 80 von ihnen sind dadurch existenzlos geworden. Personalien. Berlin. Der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife wurde dem Universitätsprosessor Geh. Regicrungsrat Dr. H e r m a n n Munk verliehen. Berlin. Nach langem Leiden verschied Sanitltsrat Dr. L i v i u s F ü r st. Er war der älteste Sohn des Leipziger Professors Julius Fürst, hat Studien über die jüdischen Acrzte in Italien geschrieben und hat die Dichtungen des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg und des Immanuel bcn Salomo nachgedichtct. Würzburg. Fab> ilant Hermann Reist ist zum kgl. bayerischen Handelsrichter ernannt worden. Es ist das erste Mal in Würzburg, daß ein Jude das Amt eines Handelsrichters erhalten hat. Breslau. Amtsgerichtsrat Dr. Josef Freund wurde in die K o m m i s s i o n f ü r d i e e r st c j u r i - stische Prüfung am hiesigen Oberlandcsgericht berufen. Bisher hatte noch nie ein Richter vom Amtsgericht dieser Kommission angehört. Budapest. Daniel Weiß, seit 30 Jahren Sekretär der orthodoxen Landesrcpräsentanz und Beamter ihres längst eingegangenen offiziellen Blattes, ist im Alter von 56 Jahren nach schwerem Leiden gestorben. Weiß war öffentlich ein Entweiher der jüdischen Gesetze; er hat nicht einmal den Jomkivpur gehalten, — und ohne diesen Mann hat in den letzten 30 Jahren keine Sitzung der leitenden Körperschaften der Orthodoxie stattgefundcn; in seiner Hand lagen zum guten Teil die Geschicke der ungarländischen jüdischen Orthodoxie! Es muß Leichtfertigkeit gewesen sein, die den Mann auf einen der verantwortungsvollsten Posten der ungarländischen 'jüdischen Orthodoxie berief; nachher konnte man ihn selbstverständlich nicht wieder los werden. Weiß wurde, auf dem Friedhofe der neologen Gemeinde zur Rühe gebettet. — Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Auf der Jagd erschossen! Der jüdische Arzt Dr. Ignatz Moschkvwitz wurde von dem Stuhlrichter Stefan Gallotschik aus Versehen auf'der Jagd erschossen. Stvrozynctz l Bukowina). Bürgermeister und Kültuspräsident Dr. Isidor K a tz ist einstimmig zum Ehrenbürger unserer Stadt gewählt und ihm bei dieser Gelegenheit ein Fackelzug, an dem etwa 1000 Personen teilnahmen, dargebracht worden. London. Arthur Abraham David S a s s o o n wurde vom König zum Kommandeur des Viktoria-Ordens ernannt. Als König Eduard in der diesjährigen Jomkippur-Woche bei Sassoon weilte, begab er sich während des Jomkippurs auf eine benachbarte Besitzung, um seinen Gastgeber an diesem heiligen Tage nicht in der Andacht zu stören. In den letzten Tagen st a r b e n hier Henry A. Franklin im 81. und Albert Berl S atmen im 53. Lebensjahre, beides Persönlichkeiten, die an den Angelegenheiten der Londoner Judcnheit lebhaften Anteil nahmen. Paris. Hier verschied in hohem Alter die Philanthropin Baronin Joseph Leonino, Schwiegermutter Baron Gustav Rothschild's. Aus Der Lehrerwelt. Berlin. Die Bezirksgemeinde Schönebeck in der Provinz Sachsen wählte Dr. Julius Galla n d t aus Salzwedel, der aus der hiesigen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hervorgegangen ist, zum Rabbiner. Lemberg. Die Vorlage betreffend des Organisationsstatuts für das israel.- theolog. Lehrin st itut in Galizien ist nunmehr vom Landcsaiisschuß fertiggestellt worden. Der Landesausschus; hatte sich wegen der finanziellen Sicherung des Instituts — die polnischen Machthaber Galiziens wünschen die Errichtung des Instituts im Interesse ihrer polnischen Kultur, wollen aber für die nur als Wähler geachteten Juden die Mittel des Staates nicht allzusehr anstrengen — mit.den jüdischen Gemeinden in Verbindung gesetzt, und es stehen nunmehr für das Institut zur Bersügiing: 5330 Kronen zur Errichtung, 50 875 Kronen als Fond und 8030 Kronen als Jahresbeiträge. Die Gehälter der 3 Professoren und 2 Dozenten, die. zusammen 19310 Kronen uicht übersteigen dürfen, sollen von der Regierung gezahlt werden. Selbstverständlich soll die Unterrichtssprache des Instituts und die Amtssprache des Kuratoriuius polnisch sein, und geradeso selbstverständlich ist es, daß die Negierung sia; um die Existenz der au der Anstalt herangebildcten Religionslehrcr nicht kümmert. Pilsen (Böhmen). Dr. Ludwig Golinski, ein Schüler des Arcslaner Rabbincrseminars und Schwiegersohn des Hauptlehrcrs a. D. Herbst-Lissa, wurde zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt. Banjaluka. Rabbinatskandidat P i u k a s Keller, ein Zögling der Preßburgcr Rabbinatshöchschule, wurde zum Rabbiner unserer Gemeinde gewählt. Wie einst.... Skizze von Jenny Stiebet, Jerusalem. fenilleton Ganz leise senkt sich die Dämmerimg herab. Frau Elli Salden Hai ihren Lieblingsplatz am Eckfenster eingenommen. Hier verbringt sie fast täglich die DLinincrstnnde. Sie nennt den kleinen Erker in ihrem eleganten Salon: „mein Traumrcich". Aber heute träumt sie nicht. — Tic steht am Fenster, angestrengt die Vorgänge im Nachbarhause beobachtend. — Drüben hat man schon Licht angestcckt. Frau Elli schaut und schaut, dabei wechseln Schmerz und Freude, Sehnsucht und Trauer ans ihrem beweglichen Gesichte. — Sie rückt noch näher zum Fenster — und seufzt tief auf. Die beiden füiiszehn bis sechzehnjährigen Mädchen im Nachbarhause, die aus Fichtenreisern und Herbslblumcn Sträuße winden, und der alte Manu, der aus buntem Papier Vögel, Kette» und sonstige Herrlichkeiten verfertigt — müssen Erinnerungen in der jungen Frau geweckt haben. Erinnerungen, die nur schliefe», eingclullt waren, aber beim leisesten Anklang >vach werden. Ja einst! — — da hatte sie genau wie diese Mädchen mit den Schwestern und Brüdern aus Fichtenreisern und Astern, wehmütigen letzten Spätsommerblüten, Sukothschmnck verfertigt. — Und der Vater hatte bunte Papierketten und andere Sache» hergestellt, — wie gut gelangen ihm nicht Vögel mii goldenem Schnabel und — nicht zu vergessen — __Nr. 40 der große reichgeputzte Mögen-Dovid? — Niemand konnte den so herrlich zustandcbringen, wie der Baker. Ordentlich vergnügt und gesprächig wurde der vergrämte, schwer sorgende Familienvater, wenn er seinen Sukothschmuck verfertigte. — Das war nun lange her, sehr lange. — Vieles hatte sie erlebt und erlitten, bis dann das große berauschende Glück kam. Dr. Salden machte die eigenartige Elli Steube zu seiner Gattin, führte sie in sein vornehmes Heim. Sie wurde viel um die gute Partie beneidet. Was aber lag der stolzen selbstbewußten Frau an guter Partie, sie liebte ihren Gatten mit der ganzen Kraft ihres Seins, und dieser Liebe mußte sie die alten trauten Feste opfern. — Er war ein Jude, aber Zeremonialgesetze, Feste, überhaupt alles Jüdische war ihm gleichgültig. Und die stolze Elli Steube, die trotz ihrer Mittellosigkeit jeden Heiratsantrag höhnisch ausgeschlagen hatte, dieselbe hatte aus Liebe zu ihrem Gatten Eltern, Heimat und die alte traute vielinnstrittcne Religion vergessen. — An das alles dachte die junge Frau beim Anblick der drei ruhigen heiteren Menschen. Sie meinte ordentlich, den herben Duft der Fichten zu verspüren, und mit dieser Vision traten ihr heiße Tränen in die Augen. Eine schier unbezähmbare Sehnsucht nach dem Elternhaus überkam sie. — Zum ersten Male seit ihrer vierjährigen überaus glücklichen Ehe traf Dr. Salden seine allzeit heitere Frau in Tränen. Er erschrak heftig, es mußte etwas vorgefallcn sein. Frau Elli konnte alle stürmischen Fragen vor Schluchzen uicht beantworten. Und als sie sich etwas gefaßt hatte, gab sie auch nur kurze ausweichende Antworten. Dr. Salden schlang den Arm um seine Frau und sah ihr ties in die Augen. „Elli, unsere Aufrichtigkeit zueinander hat den Grundstein zu unserem Glücke gelegt, — soll es von heute ab anders werden?" Diesem Ton widerstand sie nicht, auf diese Weise hatte der intelligente Mann ihr heftiges Temperament gezügelt, und sie wußte das, aber weil sic klug war und ihn wahrhaft liebte, ohne Eigennutz, fügte sie sich gerne seiner Ucbcrlegenheit. Er mußte neben ihr Platz neben, dann schüttete sie ihm ihr Herz aus. — Eine geraume Weile war es still zwischen Beiden. Dann ergriff Dr. Salden das Wort: „Elli, wir wollen zum Feste zu Deinen Eltern fahren." — Sie antwortete mit einem Freudenschrei. „Du willst, Erich?" sie hätte ihm am liebsten auf den Knien gedankt. In der frohesten, übermütigsten Weise wurde das Abendessen eingenommen, und zwei Stunden später saß man im Expreßzug. Eine schier andächtige Freude hatte sich der jüngere Frau bemächtigt. — Sie konnte vor Erwartung keine Ruhe finden. Endlich war man am Ziel. Da an dem kleinen Bahnhose kein Wagen zu haben war, ging man zu Fuße. Wie wohltuend kühl umwehte der Oktoberwind Frau Ellis glühendes Gesicht. „Wie einst," flüsterte sie ihrem Gatten zu, als man später am Frühstückstisch saß, — und Iran Steube sagte ein über das andere Mal: „Ich Ivußtc cs, daß meine Elli wiederkehrt, sie war ja immer so fromm und so gut." Dabei liefen der alten Frau die hellen Tränen über das treue Gesicht. — Nun ging cs ans Sukoth-Schmücken. Singend und tanzend wie ein sideler Backfisch machte sich Frau Elli an die Arbeit, und Dr. Salden, der bekannte und gefürchtete Skeptiker, hals seinem Schwiegervater den „Mögen Dovid" anfertigen." Sinnend blieb die junge Frau jetzt vor dem an der Längswand angebrachten großen Herzl - Bild stehen. Sie hatte es mit weißen Astern und schwarzen Schleifen geschmückt. — Es ivar das letzte Bild des großen Führers, das müde gequälte Märtyrerantlitz. Frau Salden wischte sich vrrstohlcu eine Träne aus dem Auge — dabei flüsterte ihr zuckender Mund, indem sie das Bild unverwandt ansah: „Ich bin heimgckehrt großer Führer!" „Wir auch!" ertönte eine volle, männliche Stimme hinter ihr. Ganz leise war der soeben aiigekommene Bruder Ellis, als er ihre Versunkenheit sah, eingetreten, Elli flog ihm um den Hals, lachte und weinte in einem Atem. Und nun kommen auch ihre beiden anderen Brüder, die mit dem Aeltesten zugleich angekommen waren, herein. Das war ein Wieder-