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Neue jüdische Presse · 1907-10-18 · Heft 40 (18.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 40 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40_ im Herzen hes Volkes die Achtung vor der Frau wurzelte, bewiesen schon die Hirten am Brunnen durch ihr Entgegelikommen, mit dem sie ihrer Kollegin, der Rahel, begegneten. Mochten andere Völker des Altertums in ihren Frauen Dienerinnen sehen, die jüdische Frau ward stets als Priesterin des Hauses verehrt. In den Sprüchen Salomo's heißt es: „Hans und Vermögen kann man von Eltern erben, aber eine vernünftige Frau ist ein Geschenk Gottes." Und wem wäre das hohe Lied von dem Biederweibe unbekannt, mit dem der Hausvater am Freitagabend seine Gattin feiert! In diesem Liede wird nicht Nur der Ruhm der Hausfrau besungen, sondern auch ihre Tätigkeit nach außen hin hervorgehoben, sie pflanzt Weinberge und sinnt auf Erwerb zur Hilfe für den Unterhalt des Hauses. Immer wird der segenbringende Einfluß der Frauen anerkannt; es heißt sogar, daß durch ihr Verdienst Israel erlöst tvard. Mirjam die Prophetin und Deborah die Heldin stehen an der Spitze des Volkes, das verehrend zu beiden aufsicht, und im 2. Buche Moses vor der Gesetzgebung lautet der göttliche Befehl an Moses: „Sage dem Hause Jakobs und sprich zu den Söhnen Israels," das Haus Jakobs aber sind die Frauen, die das Familienleben würdig zu gestalten und die Jugend zum Guten zu führen haben. Das 4. Buch Moses erzählt von den Töchtern Zelafchads, denen die Gleichberechtigung mit Söhnen zuerkannt wurde, das Erbe und den Namen des verstorbenen Vaters, der keinen Sohn hatte, zu erhalten und die Rechte eines Sohnes in Anspruch zu nehmen. Auch der Talmud örzählt von berühmten Frauen und nennt unter anderen die Gattin des berühmten Rabbi Meier, die selbst sich des Studiums im Schrifttum befleißigte und dafiir anerkannt wurde. Wenn die Frauen von den religiösen Vorschriften, die sich 'an eine bestimmte Zeit knüpfen, ausgeschlossen sind, so haben sie dafiir andere ebenso wichtige zu erfüllen, z. D. die Pflege und Erziehung der Mnder, die Ueberwachnng des rituellen Haushalts, die Sabbatheiligung in demselben, sie werde,: sogar früher zu diesen Pflichten herangezogen als die Männer zu den ihrigen, mit dem 12. Lebensjahre ist ein Mädchen religiös großjährig, ein Knabe erst mit dem vollendeten 13. Das Gebot der Nächstenliebe, diese Grundlage der jüdischen Religion gilt für beide Geschlechter gleich, und Wohltätigkeit üben, ist eine so vornehme Aufgabe der jüdischen Frau, daß sie dafür nicht nur ihr Vergnügen, sondern ihre ganze Persönlichkeit einsetzt; sie übt dieselbe an Lebenden und Toten, an Reichen und Armen, und wer Gelegenheit hat jüdische Frauen an Kranken- und Sterbebetten walten zu sehen, der wird ihre Gleichberechtigung mit den Männern in Erfüllung der Gebote nicht mehr zu bezweifeln wagen. Nur der kann seiner Aufgabe voll und ganz gerecht werden, der sie als eine wichtige erfaßt, und dazu fordere ich meine Mitschwestern auf. Betrachten wir uns als berechtigt und verpflichtet 'zur Erfüllung als dessen, was wir von unseren Vorfahren übernommen, seien wir die Hüterinnen des Hauses und Familienlebens, und stellen wir unsere Kraft in den Dienst der Nächstenliebe, dann haben wir ein reiches Arbeitsfeld, auf dem wir segenbringend wirken können. Frau Rosa Meyer. Brief aus Odessa. (Von unserem speziellen Berichterstatter.) Die jüngsten großen Exzesse sind uns Odessaer Juden nicht völlig unerwartet gekommen. Seit Jahr und Tag haben wir uns an den systematischen, fortwährenden Terror des „Verbandes des russischen Volkes" gewöhnt. Es geht kein Tag vorüber, an dem nicht in einigen jüdischen Wohnungen und Geschäften die Fenster eingeschlagen, einige Inden mit Stöcken und Gummischläuchen, andere mit 'Messerstichen und Revolverschüssen traktiert werden. All dies - gehört hier schon zu unserem täglichen Brot, und die Registrierung von derlei Flegeleien bildet in der Odessaer Tagespreise eine beständige und regelmäßige Rubrik. Aber die Vorgänge am letzten Sonntag blieben an Umfang und Bestialität der Ausschreitungen hinter den großen Pogromtagen nicht zurück! Die Plünderungen und Mißhandlungen on masse, die Franksurter Israelitisches Familienblatt. vielen Schwerverwundeten, die Panik der Bevölkerung und nicht zuletzt die Tatlosigkcit und das offenkundige Durchdiefingersehen der Polizei — alles spricht für das Charakteristikum eines regelrechten Pogrom. Ms Anlaß benutzten die Hooligans die Beerdigung des ermordeten Vize-Leutnants der Geheimpolizei Delphinsky. Ihre Tätigkeit begann vor der sogenannten kaufmännischen Tcewirtschaft Kleemanns, Ecke Troitzkaja- und Pokrowskaja-Straße, von wo die Ausschreitungen sich auf die Jekaterininskaja, Staro-Rjesnitschnaja, Prcobrashewskaja, Bvljschaja- Arnautskaja, wie überhaupt auf alle Straßen der Umgegend ausdehnten. Die Hooligans zertrümmerten überall in, Vorübcrgehcn die Fensterscheiben, demolierten Läden und mißhandelte» und verwundeten durch Messerstiche und Rcvolvcrschüsse die jüdischen Passanten, wobei sich die herzzerreißendsten Szenen abspielten. So umringten sie auf der Jekaterininskajastraße den vorübergehenden Schachet Gutowitsch mit Frau und Kind. Gutowitsch suchte nun diese nach Möglichkeit zu schützen und bat die Mordgesellen flehentlich, wenigstens seine Frau und sein Kind zu verschonen. Ein Messerstich in die Schulter war die Antwort der Unmenschen. Gutowitich stöhnte und geriet ins Wanken. Im selben Moment brachten ihm die anderen Hoolig'ans mehrere Wunden in Kreuz, Hinterbacken und Kopf bei. Blutüberströmt sank er zu ihren Füßen zusammen, und nur zufällig entgingen die entsetzten Blutzeugen, Frau Gutowitsch mit ihrem Kinde, dem gleichen Schicksal. Auf dem Hofe der erwähnten Teewirtschaft Kleemanns, wo die Hooligans an diesem Tage zweimal „gearbeitet" haben, gaben sie beim zweiten Besuche eine Salve ab und verwundeten schwer den siebzigjährigen Owsjanik, ferner Abraham Ornisch und Moses Ostrowsky. Dieser merkte zunächst die Verwundung in der Wange nicht und versteckte sich auf dem Abtritt? als cs etwas ruhiger wurde, wagte er sich hervor, hatte aber kaum einige Schritte gemacht, als der halbwüchsige Anführer der Bande aus einem Brunning feuerte: die Kugel zerschmetterte ihm den Unterkiefer, er sank um und stürzte in den Keller. Schwerverwuudet — darunter manche hoffnungslos — wurden n. a. ferner Hirsch Zep, Grögoire Silberstein, Samuel Goldsafinidt, Abraham Finkelstein und Schreibmann. Biele der Opfer wurden von den Banditen mit unerhörter Bestialität gefoltert, manche sind mit fünf oder sechs an verschiedenen Körperteilen gähnenden Wunden im Krankenhanse cingelicfert worden. Die Unruhen erneuerten sich wiederholt im Laufe der Woche. Am Montag wurde eine Gruppe von Juden, die sich auf dem jüdischen Friedhöfe anläßlich einer Beerdigung versammelt hatte, von Hooligans eingeschlossen und mißhandelt. Auf der Mjeschtschünskaja und Boljschaja-Arnautskaja wurden viele Fenster eingeschlagen; verwundet wurden Meier, Ahron und drei andere. Donnerstag kam wieder die unglückliche Bevölkerung von Moldawanka an die Reihe. Täglich >vird der Wieder«nsbruch von Unruhen erwartet. Die Stimmung ist ungemein gedrückt; Handel und Verkehr liegen darnieder. Ms man gestern — anläßlich der Wiederkehr ld'es Jahrzeitstages des großen Pogroms von 1305 — in der Synagoge „Jabneh" zum Maskir- Gebetc versammelt war, erfüllte das bittere, herzzerreißende Schluchzen der Gemeinde den Raum. — Wie solldas enden? Odessa, 13. -Oktober. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Im Anschluß an die Hauptversammlung hat der Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden beschlossen: 1. Es ist darauf hinzuwirken, daß an öffentlichen oder von einer jüdischen Gemeinde oder Körperschaft unterhaltenen oder unterstützten Schulen allmählich die Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes durch andere Personen als 'Rabbiner oder -solche Personen, welche entweder akademisch gebildet sind öder die Bolksschüllehrerprüfung Leite 3. und in letzteren beiden Fällen außerdem eine Religionslehrerprüfnng bestanden haben, aufhört. Schonende UebergangsbestimmNngcn im Interesse der schon angestelllen Personen sind jedoch geboten. 2. Der preußischen Regierung ist für die Ucbergangszeit zu empfehlen, für die Verteilung des zur Unterstützung des jüdischen Religionsunterrichtes in den Staatshaushaltsetat einzustellenden Fonds die Richtschnur festzulege», daß a. für die Erteilung eines Religionsunterrichtes durch'Personen der zu 1 erwähnten Art höhere Zuschüsse mit Rücksicht auf die hierdurch entstehenden höheren Aufwendungen zu gewähren sind, als für die Erteilung solchen Religionsunterrichtes durch andere Personen, b. kein Zuschuß für die Erteilung des Religionsunterrichtes durch andere als die zu 1 erwähnten Personen in denjenigen Fällen zu gewähren ist, in denen ohne übermäßige Belastung der Gemeinde die Uebertragung des Unterrichts an eine am Ort vorhandene und geeignete Person der zu 1 erwähnten Art oder an einen den Erfordernissen zu 1 entsprechenden Wanderlehrer ausführbar ist. 3. Der geschäftsführende Ausschuß 'wird beauftragt, namens des Verbandes die Anträge zu 1 und 2 dem preußischen Unterrichtsminister zu unterbreiten und sie zu begründen. 4. Der Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden erachtet für dringend erwünscht, daß in Zukunft die deni Verband der Deutschen Juden angeschlossenen Körperschaften und Vereine, und soweit dies erreichbar auch die ihm nicht angeschlossenen jüdischen Körperschaften und Vereine, bevor sie mit einem auf Erlaß von Gesetzen oder allgemeinen Verwaltnngsvorschriftcn zielenden Antrag an die Staatsbehörde» herantreten, diese ihre Absicht dem Ausschuß des Verbandes der Deutschen Inden Mitteilen und Ahm Gelegenheit geben, auf etwa cntgegenstehende Bedenken aufmerksam zu machen. Berlin. Der Verband der deutschen Juden veröffentlicht seinen 3. Geschäfts-Bericht für die Zeit vom Oktober 1306 bis Oktober 1907. Zu Beiträgen für den Verband haben sich verpflichtet: 184 Gemeinden, 11 Verbände, 3 Vereine, 2 Stiftungen und 2 Einzelpersonen. Es wurden 13 öM JL an Jahresbeiträgen vereinnahmt, hierzu kommen 500 JL Zinsen, während 18 000 J(, für Gehälter, Bureauunkosten usw. usw. verausgabt worden sind. Der Verband befaßte sich mit folgenden Angelegenheiren: 1. Schulgesetz. 2. Handelsverträge, 3. 'schächtagitatisn,^. Lchöffen-- und Geschworenen» Auswahl, Zurücksetzungen im vreußischen Justizdienste, 6. Gemeindeorganisation und 7. Die Sabbatrirh im Verhältnis zur gesetzlichen Sonntagsruhe. Der Bericht gibt im Anhang den Wortlaut der Eingaben an die verschiedenen Ministerien. Berlin. Die Atter-Versorgungs» a n st a l t e n der 's ü d i s ch e n Gemeinde — es sind deren drei — beherbergten am 31. Mürz dieses 242 Personen. Die Verköstigung beansvruchte j-,-7 Psg. pro Kopf und Tag: die gesamten Betriebskosten belaufen sich ans 143000 JL d. s. pro Jahr und pro Person 589 . /»' — Ein Flugblatt an alle j ü d. Sauf» T eilte Deutschlands, das sich gegen den „Dentschnationalen Handlungs - Gehilfen - Verband" richtet, wird dom ..Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" verbreitet. Das Flugblatt klingt in die Aufforderung aus: „Warnt Eure christlichen Mitarbeiter vor dem Beitritt zu diesem hetzerischen Verbände, Ihr jüdischen Handlungs-Gehilfen! 'Haltet Eure Häuser rein von diesen antisemitischen Hetzern und Spionen, ihr deutschen Prinzipale jüdischen Glaubens! Tretet freimütig und fest jenen dünkelhaften Ehanvinisten entgegen, die sich etwas besseres zu sein rühmen als 'Ihr, nur weil sie das wahre Deutschtum in Erbpacht zu haben wähnen!" Berlin. Mit einer Hartnäckigkeit, die der Lösung der Frage, warum die Taufen und Mischehen unter den Berliner Inden ständig zunehmen, würdig wäre, läßt der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" nicht davon ab, die Einführung der Orgel in der Synagoge Rykestraße zu fordern. Auf der letzten Repräsentanteuvers a m m l u n g lag wieder ein dementsprechender Antrag vor. Es mar ein Antrag Veit Timon, Blafchke, Minden und Pincus, der da lautete: „Die Repräsentantenversammlung erachtet die Errichtung einer Orgel in der Synagoge Rykestraße für dringend erforderlich, bedauert die ablehnende Haltung des Gemeindevorstandes und ersucht ihn, den Gegenstand in nochmalige Erwägung zu ziehen." Nach einer lebhaften, langen Debatte wurde mit 11 gegen 7 Stimmen dieser Antrag angenommen, der, so der Vorstand ihm stattgiebt, Hunderte von Besuchern der Rykestraße-Synagoge aus dieser heraustreibt, Unfrieden stiftet und niemandem nützt. Wenn der Liberale Verein das Judentum nur durch die Aufstellung von Orgeln, die eine Nachäffung des Christentums'darstetlen und durch die der Sabbat entweiht wird, zu retten vermeint, dann kann er sich heimgeigen lassen. <k) Schönlanke. Versuchter Raubmord. In der Nacht von Sonntag zum Montag brach in

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