Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 40. Seite 2. ift doch gar zu arg — und vor lauter prophetischem Judentum das'jüdische Volk und seine Kultur — sein eigenartiges — schars ausgeprägtes Kultur- und Nationalbewußtscin nicht zu sehen, ist noch schlimmer. Die Art, wie Hermann Cohen Juden und Judentum als greifbare Kultur- und Gcschichtsgestalten eliniinicrt, ist nicht neu. Man leugnet die nationale und politischhistorische Eigenart von Juden und Judentum — und da bleibt nur noch von ihni ein blasser, nerven- und blutloser Universalismus. Und man nmß schon wahrhaftig gar zu „durchgeistigt" und „objektiviert" sein, um trotz „neunzchnhundertjährigcr christlicher Nächstenliebe", die wir in der Form von Inquisitionen und Pogromen zu fühlen bekamen, unser eigenes Ich nicht zu verspüren. Das ist ein Mangel an Organgefühl, ich möchte säst sagen an Persönlichkeitsgefühl. Die Völker lassen sich einfach von uns nicht missionarisieren, also wozu dieses zwecklose Martyrium? Die Juden sind kein Volk, sagt Hermann Cohen, aber auch keine Kantianer und Platoniker, sie haben keine Kultur — also was bleibt noch übrig? Eirie jüdische Börse? Doch ein: die. jüdische Religion. Aber-nicht die Religion des jüdischen Volkes — denn Hermann Cohen verschmäht jede „Küchenreligion", sondern die jüdische Religion, wie Abraham Geiger sie gelehrt. Das stinimt auch. Was Geiger gelehrt, sucht Hermann Cohen philosophisch zu begrüitden. Das ist sehr betrübend. Es ist betrübend, daß ein Kenner des Judentums und eine philosophische Persönlichkeit vom Range eines Hermann Cohen das seichte, assimilatorische Gefasel eines Geigers nicht nur nicht überwunden, sondern ihm iwch ein philosophisches Mäntelchen aibt. So sehr wir die anti-jüdischnationale Gesinnung Cohens aus seinem Plato und Kant, aus seinem Universalismus und Logismus begreifen, so sehr betrübt es uns, daß ein Denker von seinem Range vor lauter Begriffen und Postulaten des Sollens die Dinge nicht sieht und die Erscheinungen des Seins übersieht. Auch darin erkemien wir ein Zeichen des Golus. Jedes Volk hat in seinen großen Männern eine Stütze im Kampfe ums Dasein, nur wir haben immer unsere Großen, bewußt oder unbewußt, gegen uns. Der jüdische Nationalgenius hat schon nmnchen fremden Geistesriesen von sich gewiesen, und so wird auch der große Hermann Cohen an uns vorbeiphilosophieren. Frankfurt a. M., Mitte Oktober 1907. Fräulein Bertha Pappenheim und die Stellung -er Frau im Jndentum. Von Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Der Delegiertentag des „Jüdischen Frauenbundes" hat weniger durch seine Arbeiten, als durch einige Aeußerungen, die dort gefallen sind, Aufsehen erregt. Die Behauptung der Frau Henriette Fürth, „im alten Israel sei nur die Ehebrecherin, nicht aber der Ehebrecher gesteinigt worden", wurde glücklicherweise gebührend zurückgewiesen, und die Rednerin selbst sah sich genötigt, ihre Behauptung zurückzunehmen. Immerhin wirft die Aeußerung ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit, mit der diese redegewandte Dame über eine Gemeinschaft urteilt, der sie selber durch Geburt angehört. Nicht minder bedenklich erscheint aber die von Fräulein Bertha Pappenheim geäußerte Anschauung, die Frau sei im Judentum nur Geschlechtswesen. Herr Dr. Jakob Horovitz bezeichnete diese Aeußerung mit Recht als eine Schmähung des Judentums. Die Rednerin gab zwar zu, nur eine geringe Kenntnis des jüdischen Schrifttums zu besitzen, sie blieb aber bei ihrer Behauptung. Charakteristisch ist, daß der Antrag, bei der Drucklegung des Referats die Stellen, die als eine Schmähung des Judentums empfunden wurden, zu streichen, abgelchnt wurde. Damit hat die Versammlung den Standpunkt der Referentin zu dem ihrigen gemacht, und deshalb erscheint es notwendig, noch einmal mit einigen Worten darauf einzugchen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Man darf wohl die Frage aufwersen, welche Unterlagen Fräulein Pappenheim für dieses ihr Urteil hat. Die natürlichen Quellen, um die Stellung des Judentums zu irgend einem Gegenstand klarzulegcn, sind Bibel und Talmud. Sie waren das ganze Mittelalter hindurch auch die Norm für das Leben der Juden, sie sind es heute noch für die Anhänger des überlieferten Judentums, und haben deshalb nicht blos theoretische Bedeutung. Von diesen Quellen für die Erforschung des Judentunis weiß Frl. P. nach eigenem Eingeständnis lvenig. Daß in den jüdischen Kreisen, in denen sie vorzugslveise verkehrt, die von ihr geschilderte Auffassung gelte, tvird sie wohl kaum gemeint haben. Daß sic aber die galizischen Mädchenhändlcr, die sie bei ihren Studien kennen gelernt hat und die allerdings die Frau nur als Geschlcchtswesen betrachten, als Typus des Judentums ansieht, wollen wir zu ihrer eigenen Ehre nicht annehmen. lieber die Stellung der Frau im Judentum ist schon so viel gesagt worden, daß man glauben könnte, in jüdischen Kreisen wenigstens würde diese Stellung, richtig gewürdigt tverden. Die Verhandlungen des jüdischen Frauenbundes haben gezeigt, daß dies eine Täuschung ist, und daß Phrasen und Vorurteile eine stärkere Wirkung ausüben als wissenschaftliche Betveise. Für den Unbefangenen müßte cs genügen, auf einige Aussprüche aus Bibel und Talniud hinzuweisen, ivclche die ganze Haltlosigkeit jener das Judentum herabsetzenden Behauptung zur Evidenz dartun. „Haus und Gut sind Erbe der Väter, aber von Gott kommt ein verständiges Weib", heißt cs in den Sprüchen Salornos. Und Maleachi sagt: „Gott ist Zeuge zwischen Dir und dem Weibe Deines Bundes, gegen die Du treulos warst, und sie ist doch Deine Gefährtin und das Weib Deines Bundes". „Trug ist die Anmut und eitel die Schönheit; ein Weib, das Gott fürchtet, das werde gerühmt." (Spr. Sal. 31.) Man sollte meinen, bei einem „Geschlcchtswesen" würden lediglich äußerliche, körperliche Vorzüge hervorgehoben werden. Der Talmud sagt: „Der Mensch esse und trinke weniger, als seine Vermögens- Verhältnisse erlauben; er kleide sich nach seinen Verhältnissen, aber seine Frau ehre er mehr, als seine Verhältnisse erlauben". „Wer ist reich? Wer eine Frau von schöner Handlungsweise besitzt." „Ist Dein Weib klein, so bücke Dich und flüstere ihr in's Ohr" (um Dich mit ihr zu beraten). Auf die Bedeutung von Esches Chajil ist schon in der Diskussion hingewiesen worden. Aber vielleicht hat dieses Argument, weil cs von einem Rabbiner, noch dazu von einem orthodoxen, vorgebracht wurde, keinen Eindruck gemacht. Ich rate deshalb den jüdischen Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation, sich in das Studium des Buches von Nahida Remy „Das jüdische Weib" zu vertiefen. Die Verfasserin hat das Buch als Christin geschrieben, und es ist mit einem Vorwort von Prof. Lazarus versehen, der über den Verdacht der Orthodoxie erhaben ist. Die Auffassung, die hier über die Stellung der Frau im Judentum herrscht, zeugt von einer besseren Kenntnis des Judentunis, als die Delegierten jüdischer Frauenvereine sie bekunden. Ich kann mir nicht versagen, hier die Schilderung anzufügen, welche Nahida Remy nach dem Vorgang von Bogumil Goltz von den heutigen Jüdinnen im Gegensatz zu der „jüdischen Frau" entwirft: „Sie treiben Aufwand mit mancherlei: mit Geist, Witz, Kleiderstaat, bequemer Einrichtung, mit jeder Art von Lebensgenuß, es ist, als ob sie alle verbotenen und nie gekannten Freuden ihrer Vorgängerinnen nachttäglich für sich ausbeuten wollen. Sie erheben sich mit Bewußtsein — die einen mit dem Selbstgefühl, das aus ihren wahrhaft edlen und großen Seelenttäften entspringt, die anderen auf dem sicheren Piedestal, das der Geldsack bildet und das Vertrauen auf die Gewerbtätigkeit und Geschäftsumsicht ihrer Männer und Väter. — Sie sind Kinder der Neuzeit, darum natürlich allem Modernen zugetan, im Guten wie im Schlimmen. Die' Zeit arbeitet an ihnen sehr merklich, und vielleicht zeigen sich an keinem menschlichen Geschöpf ihre Wirkungen merklicher, als an den jüdischen Frauen — wenn man die heutigen mit ihren Großmüttern vergleicht." Indessen, Fräulein Pappenheim hat sich vielleicht etwas ttasser ausgedrückt, als es ihren: Standpunkt entsprach. Vielleicht wollte sie nur sagen, im Judentum hätte das Weib nicht als individuelle Persönlichkeit hervortreteu können. Aber auch das wäre falsch. Man braucht nur an die Prophetin Mirjam und an die Richterin Deborah zu erinnern. Von beiden erfahren wir in der Bibel nicht einmal, daß sie verheiratet waren; ihre Bedeutung erscheint aber dadurch nicht im gcringsteu herabgesetzt. Es wird niemand die hervorragenden Verdienste verkennen, die Fräulein Pappenhcim sich auf dem Gebiet der Hilfstätigkeit erworben hat. Aber gerade diese Verdienste sichern ihren Aeußerungen eine Beachtung, welche ihnen bei der mininialen Kenntnis des jüdischen Schrifttums, über die sic verfügt, durchaus nicht znkommt. Und deshalb müssen unbegründete Aeußerungen, die von solcher Seite herrührcn und geeignet sind, das Jndentum herabzusetzen, um so schärfer zurückgciviesen werden. Mau darf erwarten, das; Fräulein Pappenheim bei ruhiger Ueberlegung erkennen wird, daß es gut wäre, wenn sie die von der Versammlung abgelehnte Tilgung der anstößigen Stellen ihres Referates vor der Drucklegung aus eigener Initiative vornehnicu würde. Blau müßte sonst allen Ernstes die Frage aufwerfen, ob nicht die moralische Schädigung, welche diese philanthropischen Danien dem Judentum durch solche Aeußerungen zufügen, ihre Verdienste um die materielle Besserstellung der Juden bei weitem überwiegt. Daß der galizische Mädchenhandel :uit dem Jndentum als solchem nichts zu tun hat, daß er nur aus den jammervollen ökonomischen Zuständen zu erklären ist, muß jeder objektiv Denkende einsehen. Wenn aber die Betrachtung der Frau als Geschlechtswesen als Auffassung des Judentums hingestellt wird, so wird jene traurige Erscheinung mit dem Wesen des Judentums in Zusammenhang gebracht; und welche Förderung man dem Antisemitismus damit gewährt, braucht wohl nicht näher erörtert zu werden. Die praktische Arbeit hilfsbereiter Frauen werden wir immer zu schätzen wissen; theoretische Erörterungen über die Anschauungen des Judentums. mögen sie denen überlassen, die eine bessere Kenntnis jüdischen Wesens besitzen. Denn ein Zeichen von Wissenschaftlichkeit ist es, nur über diejenigen Dinge zu reden, die man gründlich versteht. Die Frau im Judentum. Im Kongreß des jüdischen Frauenbundes gab man der Ansicht von der minder geachteten Stellung der Frau im Judentum Ausdruck, einer Auffassung, die nur auf Unkenntnis der Bibel zurückzuführen ist. In folgendem gestatte ich mir den Beweis für meine Behauptung anzutreten und beginne gleich mit der Schöpfungsgeschichte. IN derselben heißt es: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin schaffen." Also eine Gehilfin ihm gleichwertig zur Seite, beide zusammen bildeten erst ein Ganzes. Weiter führt uns das Buch 'der Bücher zu den Frauen der Patriarchen und zeigt uns zuerst' Sara, die Stammmutter in ihrer hohen Bedeutung. Warum konnte die göttliche Verheißung, die dem Abraham geworden, sich nicht durch seinen ältesten Sohn Jsmael erfüllen, warum inußte ber spätgeborene Sohn Sara's der Träger dieser hohen Aufgabe sein? Es ist klar, daß der Einfluß einer geistig und sittlich hochstehenden Mutter sich bei der Erziehung des Sohnes geltend machen mußte, dem eine große Mission zufallen sollte. Auch Rebekka und Rähel nehmen veftte hervorragende Stellung in der Geschichte des jüdischen Volkes ein, das mit einem Hinweis auf sie noch heute seine Töchter segnet. Daß