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Neue jüdische Presse · 1907-10-18 · Heft 40 (18.10.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 40 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IraitkfitrLer ll'mrlitifilifs famtlirabliU. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4.--—- HsdaKtion irnd ^»efchäfrssstette Srunkfurl 2. M.. vilbelerßraße 4/6, Ecke Lleichstraße ^etefon 10507. — Herausgeber: Kals H>e1s. r "" Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzelle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nevereinkunst. ' ' 5. Jahrgang. Freitag» den 10. ChescliAvan 5668 $18. Oktober 1007). Ro. 40. Inhalt des Hauptblattes. -Artikel: Widerspruch und philosophische Ausreden. — Fräulein Bertha Pappenheim und die Stellung der Frau im Judentum. — Die Frau im Judentum. — Brief aus Odessa. — Aus aller Welt.— Personalren. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Wie einst. — Bunte Chronik. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familienkalender. Widersprüche und philosophische Ausreden. Bon Maxime Le Maitre. Die halbtote Hydra erhebt noch ihr .Haupt. Die innerlich verlotterte, und äußerlich entblößte Assimilation, dieser Wille zum Tod, gibt noch Lebenszeichen von sich und macht alle Anstrengungen, am Leben zu bleiben. Die erwachte Judenheit scheint ihre Geistesfaust nicht wuchtig genug ans sie niedergcsaust zu haben. Die Assimilation will wieder aufleben. Aber auf den ewigen Tafeln der Natur und des Geistes steht geschrieben: Die Masse will leben und kann nicht sterben wollen. Also: wie slößt man der Masse Liebe zum Tod, zu ihrem eigenen Tod ein? Der platte jüd. Freisinn, der in Wirklichkeit weder jüdisch noch freisinnig ist, hat schon manches liberale Herz zu ködern gewußt, und so glaubt er auch jetzt, die lebensbejahenden Massen fangen zu können. Die weißen Rabbiner genießen schon seit lange nicht mehr das Vertrauen des Volkes —, Rechtsanwälte und beordete Kommerzienräte ziehen auch nicht — also bleibt nur ein Ausweg: In diesem Kampf um den nationalen Tod muß der Philosoph seinen Manu stellen! Der große Mann, der Philesoph, der nach Plato und Kant das Geschick der Völker und Staaten lenken soll — der Philosoph soll in die'Arena treten. Welch' ein toller Widerspruch! Der große Germane und der noch größere Grieche haben den Wunsch geäußert, die Philosophen mögen das Leben der Völker befruchten, an ihrem Leben und Erlebeil tcilnehmen, und der würdige Vertreter der Lehren dieser beiden Größen will durch das ausstrahlende Licht seines Genius die Massen blenden, unk sie zu töten. Der tolle Widerspruch ist noch nicht klar genug angcdcutet. Die deutsch-jüdische Assimilation, zurückgedrängt und zusammengeschrumpft, von den Wellen des erwachten nationalen Bewußtseins überflutet, sammelt alle ihre Kräfte, um noch das zu retten, was zu retten ist. Kaum hat sie sich gesammelt und zusammengetan, als sie wieder die Sehnsucht nach dem Grabe, das sie geboren, überkommt. Und sie bittet den, der über diese toten Seelen seine Hände faltet, behend das Grabeslied anzustimmen. Verband Deutscher Juden. Sonst vereinigt man sich zum Leben — diese vereinigen sich zum Sterben. Es heißt, der Verband will, die jüdischen Interessen wahren. — Aber, wenn die Juden kein Volk sind, die Juden keine Kultur haben — wenn kein Körper und kein Geist — welche Interessen will er wahren? Oder gibt es auch gasförmige Individuen, die Interessen haben und deren Interessen gewahrt werden müssen? Der Verband Deutscher Juden will die verletzten oder geschädigten Interessen wahren. Also müssen doch Interessenten sein, die geschädigt werden. Nur das existierende, das lebende Individuum kann Schläge empfinden. Also gibt es doch Juden — eine jüdische Gemeinschaft. Werden Levy, Cohn, Rosenthal usw. vom Staate — vom „ethischen Institute" zurückgesetzt, weil dein Staate ihre Kleidung oder ihr Gang nicht gefällt, oder werden sie als Glieder einer Gemeinschaft — einer jüdischen Gemeinschaft — zurückgesetzt? Oder ist vielleicht diese Zurücksetzung durch den Staat eine Gegenleistung für unsere „Mission"? Aus einen solch'genialen Einfall wird nicht einmal Herr Rechtsanwalt Mayer-Hannover kommen. Wenn der Verband! Deutscher Juden die Interessen der Juden und des Judentums wahren will, muß er doch eine Existenz von Juden und Judentum stillschweigend voraussetzen? So muß jeder denken, der nicht auf den Kopf gefallen ist — und doch war des Verbandes erstes Tun, durch den großen Hermann Cohen laut zu verkünden — es gibt keine jüdisch e Gemeinsch aft, kein jüdisches Volk, k einejüdische Kultur. (!?) Man wird aber einwenden, der große Marburger habe im voraus erklärt, er allein sei für die von ihm in seiner Rede niedergelegten Ansichten verantwortlich. Werden die deutschen Sozialdemokraten Herrn Spahn in ihrer Mitte reden lassen, in ihrer Mitte als ihren Man», oder werden die deutschen Nationalliberaleu Herrn August Bebel in ihrer Mitte und aus ihrer Milte reden lassen? Aus diesem Grunde glaube ich nicht an eine prinzipielle Gegnerschaft des Verbandes zu seinem ersten Konferenzredner. Im besten Falle hätten die Herren am grünen Tisch, da sie den Inhalt der Rede des Herrn .Hermann Cohen gekannt*) haben (man überreichte sie der Presse, noch bevor sie gehalten wurde), vor oder sofort nach der Rede erklären müssen — Herr Cohen spricht lediglich seine und nicht unsere Meinung ans. Das ist aber nicht geschehen, — und eine Diskussion, in der zahlreiche treue Verbandsmänner ihren gegensätzlichen Standpunkt mit Energie vertreten haben würden, ward nicht beliebt. Doch genug mit dem Verband. Hier interessieren uns vielmehr die Ausführungen unseres großen Kantianers, des Nestors der deutschen Philosophie. Hermann Cohen ist seinem philosophischen Zeichen nach Logist. Er hat es nur mit Begriffen zu tun — nicht mit Dingen. Daraus er¬ *) Wir gehen auf die Cohen'sche Rede nur, insofern sie unser Programm berührt, ein. Ihre religions-philosophischen und historisch - politischen Seiten werden wir eingehend besprechen, sobald sie uns gedruckt vorliegt. klärt sich der Mangel einer Soziologie in seinem Systeui. Seine Devise lautet: „Zurück zu Kant, zu Plato und zu den Propheten. Cohens philosophisches Ideal ist eine harmonische Vereinigung des prophetischen mit dem platonischen Geiste. Judentum und Hellenismus ist Cohen's Ideal. Bei diesem Bestreben, diese zwei größten Typen des Kulturbewuhtseins in eins umzumodeln, verfällt er in denselben Fehler des Maimonides. Maimonides toollte Aristoteles mit dem Judentum, Cohen will Plato mit dem Judentum aussöhnen. Mag sein, daß Plato dem jüdischen Kutturbewußtsein näher steht als ein Aristoteles, aber nichi zu übersehen ist es, daß von allen Griechen Plato 'dem Christentum gerade am nächsten steht. Tie Philosophie des Christentums mündet in den Neoplatonismns. Und so ist es erklärlich, daß die C o h e n' s ch e Ethik dem Christentum näher steht als dem Judentum. Tie jüdische Ethik ist vor allem eine Sozialethik und durchaus utilistisch. Tie Cohen'sche Ethik hingegen hat ihren Ausgangspunkt in der objektiven Idee. Tic aus dem reinen Logismus in seiner Cohen'schen Brechung sich ergebende Geschichtsphilosophie beschränkt sich mehr auf die Postulate des Sollens als auf die Erscheinungen des Seins. Dazu konrmt noch, daß Cohen von dem Postulate Kants, der Mensch habe Verpflichtungen der Menschheit und nicht, wie später Hegel lehrte, dem Volke gegenüber — noch nicht abgekommen ist. Aus dem Mangel einer Soziologie in der Cohen'schen Philosophie, aus seinen ethischen Postulaten des Sollens, ergibt sich eine politische Konzeption auf der einen Seite, eine 'Auffassung von der Geschichte auf der anderen Seite, die sich theoretisch fein aufbauen, für das praktische Leben aber völlig unbrauchbar sind. In der Soziologie, der theoretischen Politik, ist das Ding und nicht der Begriff vorherrschend. Ter Universalist Cohen sieht im Judentum nur die universelle Ethik und übersieht ihre streng nationale Eigenart, er übersieht, daß sich in diesem Universalismus die stärkste Eigenart eines Kultur- und Nationalbewußtseins ausspricht. Der Prophet sagt nicht: „Geh', Israel, unter die Völker und verbreite Licht", sondern: „An jenem Tage werden alle Völker zum Berge Gottes strömen — nach Zion werden sie ziehen, um dort seine Wege zu erkennen — denn von Zion wird die Lehre ausgehen — Und so hat es mit der Mission des Judentums unter den Völkern sein eigenes Bewandtnis. Wir sagen nicht, daß die Missionsidee ein prophetischer Gemütsluxus ist, vielmehr glauben wir, daß wir in geordneten Verhältnissen auf dem Boden der Väter lebend, den Völkern ein leuchtendes Beispiel von Sittlichkeit und Gerechtigkeit sein werden. Aber, und damit sällt die Cohensche Auffassung vom Judentum — vor lauter Wald den einzelnen Baum nicht zu sehen.

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