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Neue jüdische Presse · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 Seite 2. KrankstuLer FsraÄitisiHeS Familienblakt. gern — das ist unsere feste Meinung —, wenn er es hätte nur ermöglichen können, für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter eingesetzt, — und deshalb wird sein Name für alle Zeit in der Geschichte des jüdischen Volkes in dankbarer Erinnerung fortleben. II. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes. Montag, den 7. Oktober, trat hier in der Frankfurt-Loge der IL Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes, dem 87 Zweigvercinc, darunter anch einige national-jüdische Frauenvercine, angehören, zusammen. Schon die erste Sitzung, die dem Rechenschaftsbericht gewidmet war, lieh niemand über das den: jüdischen Frauenbund cntgegengebrachtc Interesse im Zweifel. Der Saal war überfüllt. Neben der Elite der Frankfurter Judenheit ivaren die Schichten des jüdischen Frankfurts vertreten: Kansleute, Akademiker, Schulmänner, Privat- und Gcmcindebeamte usw. Die um die galizische Judenheit und um die Waisenkinder der Pogromopser sehr verdiente Fräulein Bertha Pappen heim, eine sympathische und würdevolle Frauengcstalt, eröffnete die Vormittagssitzung. Es begrüßten den Ü. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes im Namen des Vorstandes der Franks, israel. Gemeinde Rechtsanwalt Dr. Blau, im Austrage der Frankfurt-Loge Herr Rechtsanwalt Dr. Richard Merzbach, im Namen des Hilfsvereins Deutscher Juden Herr Charles Hallgarten. Nach den kurz erledigten Mitteilungen ergriff Fräulein Pappen heim zu ihrem Referate über die Sittlichkeitsfrage das Wort. Die Referentin, eine wirksame Rednerin, wendet sich zunächst gegen die Behauptung, die besagt, cs gäbe eine besondere jüdische Sittlichkeit. Für die ganze gesittete Menschheit gibt es nur eine Sittenlehre, eine Moral. Unter tiefem Schweigen des Publikums behandelt die Referentin die drei Hauptfragen der Sittlichkeit: Die Wohn-, Lohn- und Erziehungsstage. Das gemeinsame Nebcneinanderscin in engen Räumen der großstädtischen Mietkasernen töte das Schamgefühl ab und gerade auf diesem Gebiete müsse Abhülfe geschaffen werden. Durch die Jahrtausende langen Verfolgungen 'habe sich bei den Juden eine Art Ghettogefühl hcrausgebildct, denn es sind Erinnerungen an das Ghetto, die in vielen Gegenden die Juden zum engsten Beieinanderwohnen veranlassen. Dieses Beieinanderwohncn ist oft von vielem Schlechten begleitet, und cs muß alles aufgeboten werden, um diesem Uebel zu steuern. Hier muß Zwang angewandt werden, jedoch ist jeder Fall individuell zu behandeln. In diesem Zusammenhänge kam die Rednerin auf die Wöchnerinnenheime zu sprechen. Die unehelichen Mütter dürfen nicht bei Hebammen untergcbracht werden, da sie da Gefahr laufen, aus jenen dunkeln Kammern unter die Räder zu kommen. Wöchnerinnenheime seien speziell für unverheiratete Frauen notwendig. : Was die Lohnfrage anbetrifft, befürwortet die Referenttn die Forderung der fortgeschrittenen Frauenvereine. Für uns, so betonte die Rednerin, handelt es sich darum, daß arme jüdische Mädchen den Anüsemttismus nicht verbreiten, wir niüssen verhindern, daß durch den Broterwerb vcrmürbte Mädchen den Bordellwirten in die Hände fallen. Es gibt eine Reihe jüdischer Arbeitgeber, die lieber christliche als jüdische Arbeiterinnen beschäftigen. Hingegen sind sie immer bereit, Almosen zu geben. Und das ist höchst unrecht, denn Arbeit geben, ist besser, als Almosen geben. Auch ist es Pflicht der Arbeitgeber, denjenigen jüdischen Arbeiterinnen entgegenzukommen, die den Sabbat heiligen. Wir können uns nur freuen, wenn recht viele den Sabbat heiligen, denn allein die knltnrhistorifche Bedeutung des Sabba! ist kaum einzuschätzen. Die spärliche Anerkennung von Nichtjuden, der wir uns erfreuen, verdanken wir zum größten Teil dem Sabbat. Rechtsbeugung des Frauenrcchts sind oft Ursache der Prostitution. Rednerin erkennt zwar voll und ganz die Verdienste der fortschrittlichen Fraucnvereine an, aber — und in diesem beißenden Spott liegt eine tiefe Wahrhett — die heutigen fortschrittlichen Frauen haben zwar einen weiten Blick, aber ein kurzes Gedächtnis „die gleich den Automobilisten mit rücksichtsloser Zuversicht und zuversichtlicher Rücksichtslosigkeit vorwärts jagen: sie haben vergessen, daß sie viel von den älteren, in aller Stille und Ruhe arbeitenden Frauen enttwmmen haben". Auf die Stttlichkeit im Judentum zurückzukommend, konstatiert die Referentin mtt größtem Bedauern, daß infolge der niiserabeln wirtschafllichcn, sozialen und politischen Bedingungen, unter welchen das jüdische Volk lebt, dir Prostitution zugenommen habe und auch das Familienleben in vielen Fällen zu wünschen übrig lasse. Sie fordert deshalb eine Reform der Stellung der Frauen in der jüdischen Gemeinde, wo sie nicht einmal das Recht eines 13 jährigen Knaben hoben. Die Frau sei ja im Judentum überhaupt Geschlechtswesen und nicht Individuum. Referenttu tadelt scharf diejenigen jüdischen Mütter, die ihre Tochter nur zur Heirat erziehen. Die Ursache der Verbreitung der Prostitution unter den galizischen Jüdinnen fei vielfach aus ihren sozialen Rcchtskürzungen zu erklären. In Galizien lverden die jüdischen Mädchen nur als Gcschlechtswesen betrachtet. Von den jüdischen Frauen, so schloß die Rednerin ihren geistvollen Vortrag, sei zu fordern: „Einkehr zur Ehrlichkeit gegen sich selbst und Bewußtsein ihrer sozialen Pflichten. Das ist unser Programm, dieses Programm wollen wir durchführen." Lang anhaltender Beifall. Die Versammlung beschließt, de» Bortrag in den Druck zu geben. Nach einer kurzen Pause eröffnet die Vorsitzende die Diskussion. Als erste Nednerin spricht Obcrlehrerin Fräulein Deutsch. Sie spricht selbst mit gesundem Menschenverstand und plaidiert für den gesunde» Menschenverstand. Das höchste ist der Wille und die Persönlichkeit. Wir müssen weniger Gewicht auf das Pauckcn, als auf die Erziehung und Ausbildung des Willens und bes Charakters legen. Fräulein B a n e t h - Berlin bestreitet, daß die jüdischen Frauen weniger Rechte hätten als die Männer. Man solle nicht 'Rücksichten mit Rechtlosigkeit verwechseln. Das einzige Parlament der Welt, wo die Frauen Stimmrecht haben, sei der zionistische Kongreß. Hieraus erwidert Frl.'P a p p e n h e i m, im alten Israel sei die Frau nur als Gattin und Mutter geschätzt worden. Frau Henriette Fürth meinte, im alten Israel sei die Ehebrecherin, nicht aber der Ehebrecher gesteinigt worden, ein Beweis, daß die jüdischen Frauen keine Rechte hätten. Wenn es heute damit besser bestellt ist, so ist es lediglich der neuen Ethik zu danken, die die Nednerin eingehend preist. (Schluß in der Beilage). Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Stiftung. Rentier Moritz Manheim er überwies deni Magistrat 20000 Jk, um damit zwei Stellen in der Kaiser Wilhelm, und Augusta-Stiftung zu begründen und zu unterhalten. Vandalismus. Auf dem jüdischen Friedhose in Wcißensec wurden an zlvci Erbbegräbnisse» Zerstörungen ausgeführt und wertvolle Bronzeteile geraubt. Das R e i ch e n h e i m ' s ch e Waisenhaus hat nach 'seinem Jahresberichte für die Zeit vom 1. April 1806 bis 31. März 1807 70 Zöglinge (33 Knaben, 31 Mädchen) erzogen. Entlassen wurden 12 Knaben und 4 Mädchen. Zu den Ausgaben von 57 475 Jk. steuerte die Wische Gemeinde 27 670 Jk bei. Die Tagesverpflegung stellte sich ans 61,7 Psg., die Gesamtkosten pro Jahr auf 804,32 Jk pro Zögling. 13 Knaben und 4 Mädchen besuchten höhere Schulen, 1 Mädchen eine Privattöchtcrschulc, 12 Knaben und 16 'Mädchen die Knabenschule beziehungsweise Mädchenschule der jüdischen Gemeinde, die übrigen städtische Gemeindeschulen. Außerdem erhalten die Zöglinge im Hause noch Unterricht im Gesang, Turnen und in der Handfertigkeit. Die ehemaligen Zöglinge haben einen Zusammenhang im Reichenheim - Verein. Berlin. Die jüdische Auswanderung n a ch. G a l v e st o n. Infolge der erhöhten Bedeutung, die die jüdische Emigratton nach dem Hafen Galvestou gewonnen, begaben sich der Präsident der Jto, Herr Israel Zaugwill, und der Ehrcnsekretär Herr Clement I. Salaman, nach. Bremen und hatten dort, zusammen mit den Vertretern des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Herrn Dr. R o s e n a k-Bremen und Generalsekretär Herrn Dr. B e r n h a r d K a h n- Berlin eine eingehende Besprechung mit Herrn Generaldirektor Dr. Wiegand vom Norddeutschen Lloyd über die Möglichkett, die infolge der vermehrten Auswanderung notwendigen Einrichtungen in den Bremer Logierhäusern und auf den Schiffen zu verbessern. Herr Generaldirektor Dr. Wiegand war außerordentlich entgegenkommend und besprach persönlich alle Einzelheiten. In Begleitung der genannten Herren inspizierte er auch die Logicrhäuser in allen ihren Einrichtungen und versprach, alle vorgebrachtcn Wünsche gerne zu erfüllen. Die Verhandlungen führten denn auch zu förmlichen Abmachungen, deren wesentliche Punkte folgende sind: Es steht dem Komitee frei jederzeit einen von ihm ausgewähiten, vom Lloyd bestätigten Beamten als Vertrauensmann der Komiteepassagkere mit dem Galvestontransport nach Ga.veston zu senden. Der Lloyd gewährt diesem Begleiter freie Hin- und Rückfahrt und Verpflegung. An Stelle der bisher ausschließlich üblichen Konserven soll sobald als möglich eine rituell jüdische Küche unter Rabbinatsausiicht von Dr. Roscnak eingeführt werden. Es sollen die Kapitäne und die Besatzung an ihre Pflicht, den Passagieren eine gute Behandlung, angedeihen zu lassen, aufmerksam gemacht werden, und von Zeit zu Zeit soll ihnen diese Pflicht erneut in Erinnerung gebracht werden. Es wird ein Logierhaus ausschließlich für jüdische Passagiere berett gestellt und dafür gesorgt, daß alle jüdischen Passagiere, soweit Platz in dem bereitgestellten Logierhaus vorhanden ist, auch dort untergebracht werden. 'Das Lvgierhaüs wird enthalten: einen Betsaal, einen Lesesaal, einen Raum zur Aufbewahrung der dem Komitee gehörigen Kleidungsstücke usw. Es muß dem Komitee das Recht eingerünint werdcn, die Einrichtungen des Logierhauscs im fortwährenden Einvernehmen mit dem Norddeutschen Lloyd ständig zu überwachen. Das Komitee wird seine Wünsche über Einrichtung, Beherbergung und die Einzelheiten der Verpflegung, der Verwaltung der Auswandererhallen bekannt geben, die ihrerseits dieselben nach besten Kräften berücksichtigen, wie iiberhaupl bestrebt sein wird, den Wünschen der Komitees wie auch der Auswanderer in jeder Weise gerecht zu werden. Bei der Art der Verpflegung, deren rituelle Beaufsichtigung wie bisher Herrn Dr. Rosenak unterstehen muß, ist aus die rituellen Gebräuche und das religiöse Empfinden der jüdischen Emigranten namentlich an Sabbaten und jüdischen Festtagen gemäß den Wünschen der Komitees besondere Rücksicht zu nehmen, wie überhaupt dafür Sorge getragen werden muß, daß eine Atmosphäre geschaffen wird, die den humanitären und jüdischen Ansprüchen voll gerecht wird. (k.) Posen, 3 Oktober. Im August d. I. hat die Stadtverordneten - Versainmluug über die S o u ntagsrnhe im Handelsgewcrbe verhandelt und auf Petition jüdischer Firmen einen Zusatz einstimmig beschlossen, wonach jüdische Firmen, die ihre Geschäfte am Sonnabend geschlossen halten, ihre Angestellten auch Sonntags von 7—71/» und von 1—2 Uhr beschäftigen dürfen. Der Bezirksausschuß hat das von der städtischen Behörde geschaffene Ortsstatnt über die Sonntagsruhe einschließlich der Bestimmung zugunsten der Sabbat geschlossen haltenden Geschäfte genehmigt. — Während der Andacht explodierte jüngst in unserer Nachbarstadt Schwerfen; eine Spiritus - Glühlichtlampe in der Synagoge, fiel zur Erde und setzte einen Teil der Läufer in Brand. Das Feuer wurde schnell gelöscht. Oesterreich-Ungarn. Prag. Ueber 200000 Kronen stiftete kaiserl. Rat Moritz Hahn anläßlich seines 70. Geburtstages. 100 000 Kronen erhielt die „Kaiser Franz Josef-Stiftung", 16 000 Kronen der „Frauenverein zur Erziehung armer isr. Waiscnmädchen", je 10 000 Kronen „Israel. Nächstenricbeverein", „Prager Isr. Knabenwaisenhaus" »sw. usw. Lemberg. Am 2. ds Bits, fanden im Sinne des von der Leitung der jüdisch-nationalen Partei gefaßten Beschlusses in ganz Galizien j ii - d i s ch e Volksversammlungen — es waren deren über fünf zig — statt, die sich mit. dem allgemeinen Wahlrecht und dem nationalen Kataster befaßten. Schweiz. Zürich. Die Schweiz zählt gegenwärtig etwa 15 000 jüdische Seelen, die in 22 jüdischen Gemeinden organisiert sind. Basel und Zürich haben je 2000, Genf 1200 und St. Gallen 700 jüdische Seelen. Rußland. Petersburg. Mit Erlaubnis des Bildungsministers haben mehrere Hochschulen auf ihr Ersuchen eine größereAnzahljüdischerHörer annehmen dürfen, wie ihnen gesetzlich zusteht; so die Petersburger Universität 350 und die Moskauer Tech? nische Schule 30 mehr, als die Norm ist. Petersburg. Der Vorsteher der Gesellschaft für den Verkauf der Holzarbciten von Taubstummen in Warschau richtete an den Minister des Innern, das Gesuch, dem stanbstummeii Juden A. L. Kordon während der „Allgemeinen russischen hauswirtschaftlichen Kunst- und Fabrikations-Ausstellung" den Aufenthalt in Petersburg zu gestatten; das ©cf« ch wurde abgelchnt. Petersburg, 9. Oktober. Der Direktor und die Dekane des Polytechnischen Instituts von Kiew haben ihre Abschiedsgesuche eingereicht. Der Grund ist darin zu suchen, daß durch eine Regierungsinaßregel eine Bestimmung des Instituts wieder in Kraft gesetzt worden war, derznfolge die Zahl der jüdischen Studenten nicht mehr als 15 Prozent der Znhörerzahl betragen darf. Diese Bestimmung war in letzter Zeit nicht beachtet worden. Odessa. Hier fand Sonntag aus Anlaß der Beisetzung des Gehilfen des Polizeipristaws Delfinsky wieder einmal ein Pogrom statt, der bis zum Abend andauerte. Banden halbwüchsiger Burschen unter Führung von Mitgliedern des' Verbandes der echtrussischen Leute durchzogen die von Inden bewohnten Straßen, überfielen die vorübergehenden Inden mit Messern und Knütteln, plünderten die 'Läden und schossen auf die jüdischen Bewohner der Häuser in diesen Straßen. Ein siebzigjähriger Greis und ein Lehrling wurden getötet, viele andere verwundet. Die Polizei erschien erst, als sich die Exzedenten verlaufen hatten. Gestern wiederholten sich die Mißhandlungen auf der Preobraschenskaja und anderen Straßen. __ .

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