Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692550--03495-2698196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— und ch-fchäftsMlr: Srankfurt a. m.. vilbelerstraße 4|6, Ecke Rleichstraße T-refo« 10507. Herausgeber: KalL Geks.!'. ... 1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzerle. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. , — 5. Jahrgang. Freitag» den 3. 61i686l^vuii 5668 (11. Oktober 1907). No. 39. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Neue Lieder. — Die Woche.— II. Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes. — Au8. aller Welt. — P ersonalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Am Tage der Erinnerung. — Sprechsaal. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Neue Lieder. Die alten Lieder sind verklungen und jetzt werden neue gesungen. Die alten, nunmehr verklungenen Lieder besangen den vereinten Marsch. Jede historische Abgrenzung sollte verwischt werden. Mindestens verlangten sie es von uns. Wir sollten mit dem historischen Beispiel vorangehen. Sich vermischen — alles verwischen — davon sangen die alten Lieder. Aber die alten Lieder sind verklungen, und seit kurzem werden neue vernommen. Oder waren jene Lieder der Totengesang matter Seelen? Noch vor einem Jahrzehnt schlief die deutsche Judenheit ihren ruhigen Schlaf, als befände sie sich in einer Lethargie. Sie schlief sanft und ruhig. Aber ein rauher Ostwind kam heulend dahergebraust und bestrich scharf das ruhige Tal. Seit diesem wilden Windcsbrausen regt es sich in Deutschland. Zuerst' waren die Leute ärgerlich darüber, daß man sie in ihrer Ruhe gestört, sie protestierten ganz energisch. Sie waren noch halb verschlafen — aber der Protest, selbst war das erste Lebenszeichen. So lange ein Jude reagiert, wenn auch nur negativ, ist er noch immer Jude. Es entstanden der Hilfsverein, die Judentags-Projekte, der Verein zur-Förderung der Wissenschaft des Judentums, der jüdische Frauenbund, eine geeinigte Orthodoxie usw. Sind diese greifbaren Tatsachen der Geschichte lauter Zufälle, ein blödes Zufallsspringen, oder haben sie ihren logisch zureichenden Grund? Was verkünden uns diese konzentratorisch sich entfaltenden Kräfte? Und welche ist ihre Sprache? All diese Institutionen und Verbände sind vorerst doch -nichts anders als der Ausdruck eines Wunsches: Separation. Wie heißt der moderne deutsche Judeder an der Wende des Jahrhunderts eine Absonderung zu fordern gewagt hätte? Obgleich die antisemitischen Wogen' hoch gingen, glaubte noch jeder an den Tod — an den Tod der Nation — der jüdischen Nation. Und wer von Natur aus etwas skeptisch veranlagt war, suchte in diesem Falle seine Skepsis zu überwinden. Und nur eine Parole hatte jenes Geschlecht: Zusammen mit den Andern zu marschieren. Heute marschieren sie aber getrennt und — was das Schönste an der Sache ist -— aus freien Stücken. Niemand hat sie zu dieser Absonderung gezwungen^ Der Antisemitismus ist nicht schwächer, aber auch nicht stärker geworden:. Also: wie ist dieser Prozeß vor sich gegangen? I Die alten Lieder haben nur Einzelne gesungen, die neuen Lieder werden von der Masse angestimmt. Hier handelt es sich um nichts anderes, als um einen Sieg der Masse, des Volkes über das Einzelindividuum. Das letzte Jahrhundert jüdischer Geschichte in Westeuropa wird vom Kampf des Einzelnen gegen die Masse ausgefüllt. Der Einzelne wollte seinen Jndividualwillen der Masse aufdrängen — Die Masse wehrte sich. Aber die Wogen des täglichen Lebens haben den' Einzelnen in die Masse zurückgeworfen. — Und in der Masse lebend, konnte er nicht gegen die Masse kämpfen. — Sie hat ihn mitgerissen, hineingezerrt in den Kampf für ihre Interessen. Jede Masse mit einem historischen Charakter will in der großen Allheit ein Sonderleben fristen — sie will selbständig sein. Sie will Leben und Macht. Das ist aber nur durch eine Konzentration der Kräfte möglich. So sehen wir jetzt, wie sie sich mehr und mehr vereinigt, sich innerlich stärkt, um ihrer buntscheckigen Vielheit einen ausgeprägten Einhcitscharakter zu geben. Nur so sind die Ereignisse zu verstehen, die sich vor unseren Augen abspielen. Diese Woche tagte hier der Jüdische Frauenbund, nächste Woche tritt hier der Deutsche Judentag zu einer Konferenz zusammen. An sich haben diese beiden jüdischen Organisationen wenig miteinander gemein, aber beide stehen unter einem Zeichen der Historie, unter dem Zeichen der Einkehr und der Kräftesammlung, unter dem Zeichen der Separation und der Sonderung. Es wäre weit gefehlt zu behaupten, daß unsere in Frankfurt versammelten Volksschwestern unter der reinen nationalen Flagge ziehen. So schnell wird aus einem Saulus kein Paulus! Wer aber die in der Frankfurter Loge gehaltenen Reden gehört und wer zwischen den Zeilen eines Skriptums lesen kann, der wird die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Reden nicht nur vom reinen sittlichen Willen, sondern auch von jüdischem Geiste dikttert waren. Für die Hebung der Volkswohlfahrt plaidierte die Eine, für die Wahrung der nationalen Würde die- Andere. Als Fräulein Werner die Worte sprach: „Wir müssen vor allem unseren Volksschwestern helfen, unserm Fleisch und Blut!" da ging eine Bewegung durch den überfüllten Saal, die jüdischen Geist auslöste. Alle Hände klatschten unaufhörlich und gaben damit ihre Zustimmung und ihren Willen kund, für die Volksschwestern im Geiste der Bolksschwestern zu arbeiten. Und eine andere Dame, die seit langen, langen Jahren im Dienste ihrer Volksschwestern steht, aber von einem nattonalen Judentum nichts wissen wollte, geriet in Zorn, als sie sich in ihrem Judentum angegriffen glaubte. Die paar Worte, die sie zu ihrer Verteidigung sprach, reden Bände von der großen Umwandlung, die sich seit kurzem vollzogen. „Mir geht nichts über mein Judentum!" sagte die in humanitären Werken ergraute Dame. „Was ich tue, gilt dem jüdischen Volk — und mich nennt man eine Schmäherin des Judentums?" Diese, wenn nicht nationaljüdische, doch volksjüdische Stimmung beherrschte den ganzen Kongreß. Das verdient festgenagelt zu werden. Diese Stinimung ist Bilanz. Noch mehr aber als über das Ereignis freuen wir uns über die Tatsache. Die Tatsache, daß von nun ab Jndividualgeist und Kollekttvgeift sich nicht mehr im scharfen Gegensatz befinden, sondern auch Gelegenheit nehmen, sich gegenseitig näher zu treten, bedeutet Kapital für die jüdische Volkspolitik. Der Einzelne erkennt die Masse von Angesicht zu Angesicht, die Masse mit ihrer kochenden Stimmung erwärmt den Einzelnen und veranlaßt ihn, sich in ihren Dienst zu stelle!- Sie informiert ihn über ihre Bedürfnisse und zieht ihn in ihren Jnteressenkampf hinein. Dadurch gewinnt sie zweierlei: Sie vernichtet den Feind und gewinnt einen Freund. Und die Masse als psychologische Kategorie kann nur ihre Sprache sprechen, ihren Geist ausatmen. Handelt es sich um die jüdische Masse, wird sie eben jüdischen Geist auslösen, wenn auch Einzelne ihrer Mitglieder außerhalb ihrer sich im Gegensatz zu ihr befinden. Nur dem Erwachen des jüdischen Massengeistes ist es zu danken, daß auch heute die Großen und die Einzelnen ein neues Lied singen — das Lied des Getrennt-Marschierens — das Lied der nationalen Kräftesammlung. Mit diesen neuen Liedern beginnen neue Tage für die jüdische Geschichte. Der Einzelne ist im Kampfe mit der Masse gefallen. Jetzt ist es an der Masse, sich allein den Weg zu bahnen. Maxime Le Maltre. Die Woche. Die jüdische Presse hat unterschiedslos den entschlafenen Großhcrzog Friedrich von Baden gewürdigt. Seine vornehme, liberale Gesinnung, der jede konfessionelle Aversion fremd war, die einen Berthold Auerbach zum Freunde seines Hauses und einen Moritz Ellstättcr zu seinem Finanzminister und vertrauten Berater machte, hat dem hohen Entschlafenen die Liebe nicht nur seiner jüdischen Landeskinder — diese hingen mit geradezu schwärmerischer Verehrung an ihm —, sondern der gesamten Judenheit überhaupt, erworben. Es hat sich hier wieder einmal gezeigt, daß der Jude dankbaren Gemütes und im Grunde seines Herzens ein ruhiger, loyaler Staatsbürger ist, der den gekrönten Häuptern Ehrfurcht zollt. . Doch Großherzog Friedrich war uns Juden mehr als der gerechte Fürst; — er "fiat ein feines Gefühl für unsere Lage gehabt und war deshalb ein warmherziger Freund der zionistischen Bewegung. Hat doch erst sechs Wochen vor seinem Tode das zionistische Mtionskomitee-Mitglied, österreichischer Reichsrats- Abgeordneter Mahler vor ihm in einstündiger Audienz über den Zionismus referiert! Wie Großherzog Friedrich einst seine Persönlichkeit für die Einigung des deutschen Reiches eiusetzte, so hätte er sie auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.