Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. ein Montesquieu den Versuch machte, die Ursachen der „Grandeur et Decadence desKomains" herauszufinden, schrieb Helvetius dagegen in einem Tone weltmännischer Ueberlegenheit: M. hatte in seinem Buche über die Ursachen von Rom's Größe und Verfall nicht genügend die Bedeutung der glücklichen Zufälle in der Geschichte dieses Staates geschätzt. Er verfiel in einen Irrtum, der so eigentümlich den Denken: ist, welche alles erklären wollen und in den Irrtum der Gelehrten des Studierzimmers, welche, die Natur des Menschen vergessend, den Volksrepräsentanten unveränderliche politische Absichten und gleichförmige Prinzipien zuschreiben. Und dennoch leitet oft ein Mensch nach seiner Ansicht diese wichtigen Versammlungen, Senate genannt. Sollen in Rom die „glücklichen Zufälle" diejenigen gewesen sein, die die historischen Geschicke dieses Staates bestimmten, so scheint es dagegen, daß in Israels Geschichte die unglücklichen Zufälle die leitende stiolle gespielt haben. In der Tat: ist schon die Geschichte aller Völker äußerst kompliziert, muß man die Bedeutung der Zufälle — oder der sogenannten variablen Ursachen — in dem sich beziehungsweise regelmäßig entwickelnden Lebensgang derselben anerkennen, — was soll man dann von einem Volke denken, das in den verschiedensten Erdstrichen zerstreut ist, unter den verschiedensten Volksstämmen lebt, den verschiedenartigsten Einflüssen und Zufällen immer ausgesetzt ist, allen Himmelswinden als Spielball dient? Wie sollte man die Gesetzmäßigkeit im Leben eines Volkes erkennen, dessen Dasein scheinbar von lauter Zufällen bedingt ist? Will man die geistige Entwickelung des jüdischen Volkes und die von außen her auf diese geistige Entwicklung ausgeübten Einflüsse in's Auge fassen, so braucht man sich nur an folgende Tatsachen zu erinnern: Zusammen mit dem palästinensischen Exil wurde das Prophetentnm aufgehoben, die gewaltige geistige Kraft, die seitdem in Israel auf keinem Gebiete wieder erreicht worden ist, wurde mit einem Schlage zerstört. Zusammen mit dem spanischen Exil verschwanden wenigstens für einen gewissen Zeitabschnitt die Mische Poesie, wie auch die jüdische Philosophie. Dagegen sehen wir seit den letzten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts die großen Scharen der unfreiwilligen Auswanderer aus dem Osten Europa's das erschlaffte Nationalgefühl und das schwindende Interesse für die geistigen Güter des jüdischen Volkes in allen Teilen der zerstreuten Judenheit wecken und aufleben. Die nationale Renaissance der westeuropäischen Judenheit wird vielleicht eines Tages aufhören, ein Objekt der Sehnsucht zu sein und eine lebendige, kraftvolle Tatsache werden. Wenden wir unser Auge auf die ökonomische Entwickelung des jüdischen Volkes, so sehen wir dieselben Erscheinungen. Immer wieder fiub es die Einwirkungen der äußeren Zufälle, die in den Vordergrund! treten und jede regelmäßige Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte unmöglich machen. Das Mittelalter hat in der Judenheit eine Klasse von Bankiers geschaffen. Das russische Gesetz ließ eine große Klasse von Arbeits- und Lumpenproletariern unter den osteuropäischen Juden entstehen. Wird dieses drakonische Gesetz noch lange bestehen und die künstlich hervorgerufene schreckliche Verelendung immer im Wachsen begriffen sein, so wird der Emigrationsstrom notwendigerweise immerwährend größer und gewaltiger werden. Die bedeutungsvollen Folgen dieses unfreiwillige» Exodus der osteuropäischen Judenmassen nach allen Erdteilen können gar nicht groß genug geschätzt werden. Selbst die zionistischen Anhänger des sogenannten historischen Monismus, welche das ganze Judentumsproblem in ein Magenproblem schablonisieren und die der Emigrationsfrage ihre besondere Aufmerksamkeit schenken, haben die Wichtigkeit derselben eher nicht genug erschätzt als überschätzt. Es genügt, um dies einzusehen, auf die folgenden drei möglichen Ausgänge aufmerksam zu machen: Wird die emigrierende Masse sich, wie es bis jetzt der Fall gewesen ist, in einzelnen Großstädten des Westen Europas Frankfurt« Jsraelitif^es Fanrikienbückt. und der Vereinigten Staaten sammeln, so wird zweifelsohne früher oder später der hier vorhandene offene und verborgene Antisemitismus gewisse Maßnahmen ergreifen. Wird es dagegen gelingen — wie manche Philanthropen wünschen — die Emigranten einzelweise oder in kleinen Gruppe» in den verschiedensten und weitesten Ländern zu zerstreuen, so wird gewiß diese Dissolution die Auflösung des größten Teiles der großen emigrierenden Judenmasseu unter anderen Völkern der Erde zur Folge haben. Möglicherweise kann aber auch die Emigration zu einer Konzentrierung der Massen in einem Lande führen und als Mittel zur nationalen Lösung der Judenfrage dienen.- Erinnert man sich, von wievielen zufälligen Umständen die Verwirklichung dieses oder jenes der angedeuteten Auswege abhängt — so, daß z. B. die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die russischen Juden — eine Tatsache, die doch auch eine historische Möglichkeit ist — der ganzen Frage eine neue Richtung geben würde —, dann sieht man klar ein, daß von einer erkannten historischen Gesetzmäßigkeit auf dem Gebiete der Geschichte nicht die Rede sein kan n.*) Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Jüdisch-Literarische Gesellschaft veröffentlicht ihren zweiten Rechenschaftsbericht, der die Jahre 1l>0-l bis 1906 umfaßt. Die Gesellschaft verausgabte in dieser Zeit auf Subventionen-Konto 8600 Jk, auf Jahrbuch - Konto 5700 Jk und für die Drucklegung von Halevy, Doroth Harischonim Io. 3500 Jk Diese Summen sind verhältnismäßig geringe zu nennen; es wäre deshalb, da die Gesellschaft eine der wichtigsten Ausgaben der Judenheit, nämlich: wirklich jüdische Wissenschaft zu fördern, zu erfüllen hat, sehr zu wünschen, daß ihr die Jahresbeiträge und Spenden reichlicher zufließen. Dem Rechenschaftsbericht geht eine Arbeit Provinzialrabbiners Dr. S. Bamberger-Hanau „Saddueäer und Pharisäer in ihren Beziehungen zu Alexander Jannai und Salome" voran. Frankfurt a. M., 2. Okt. Am 27. v Mts. begann hier die Tagung des Internationalen Kongresses für Sonntagsfeier, der, 1876 in Genf gegründet, nach seinen Satzungen folgende Ziele Hab: „Der Verband für Sonntagsfeier arbeitet für die Verbreitung der Grundsätze der Sonntagsruhe und der christlichen Anwendung des Sonntags. Die Durchführung dieser Sache, die zugleich eine soziale, eine humanitäre und eine christliche ist, scheint ihm unerläßlich für das materielle, geistige, sittliche und religiöse Wohl der bürgerlichen Gesellschaft und der Familien. Unser Zweck ist, den Bevölkerungsklasse» darzutun, daß es sich hier nicht um eine bloß kirchliche oder Pfarrer-Frage handelt, sondern um eine im weitesteil und edelsten Sinne christliche Frage, die zugleich eine solche der Menschwürde, der bürgerlichen Ordnung und des öffentlichen Wohls bedeutet. Darum bemühen wir uns, anzukämpfen gegen die Oeffnung der Bureaux und Läden am Sonntag, wie auch gegen den Sonntags-Mißbrauch, die allzuvielen Feste, die Fortbildungsschulen am Sonntag, die Löhnung der Arbeiter am Samstag Abend oder am Sonntag, die sonntäglichen militärischen Uebungen und Versammlungen für Geld-Interessen an diesem Tag." Internationale Kongresse fanden bisher statt: Genf 1876, Bern 1879, Stuttgart 1892, Chicago 1893, Brüssel 1885 und 1897, Paris 1881, 1889 und 1900, St. Louis (Amerika) 1904 und Mailand 1906. An der Spitze der Verhandlungen stand die Beratung über Ausdehnung der Sonntagsruhe für Handlungsgehilfen und technische Beamte, Berichterstatter waren die Herren Hitler- Leipzig, Ing. Sübenta n n - Berlin, Rot h- Hamburg. Während die Referate der Herren L ü d c m a n n und Roth von unserem Standpunkt aus keinen Anlaß zu Bemerkungen bieten, war dies uinsomehr bei den Ausführungen des Herrn H i l l e r der Fall. Dieser Herr, der als Vorsteher des Leipziger Gehilfen-Verbandes sprach, leistete sich Angriffe auf die *) Diese Erkenntnis stimmt mit dem transcentaten Gottesbegriff des Judentums, der nicht mechanische Gesetze, sondern Gottes freien Willen in der Geschichte wirken läßt, überein. Was häufig Zufall genannt wird, muß selbstverständlich vom Standpunkt des Judentums aus als Fügung betrachtet werden. . D. Redakt. Nr. 38, „orthodox-jüdischen" Kaufleute. Nach Ansicht des Herrn Hiller bilden die Bestrebungen der am Sabbat geschlossen haltenden Kausleute eine schwere Gefahr für die gesamte Sonntagsruhe, weshalb er die Versammlung ausfordert, sich entschieden gegen die Gewährung jeglicher Ausnahme zu wenden. Herr Hiller meint, das Arbeiten am Sonntag dürfe nicht gestattet werden, we.il jenen Kaufleuten durch die Möglichkeit der früheren Erledigung der Eingänge den anderen Kaufleuten gegenüber ein Vorteil geboten werde!! Als erster Diskussions - Redner meldete sich Herr Rabbiner Dr. H o r o v i tz - Frankfurt a. M. als Vertreter des Verbandes deutscher Juden zunl Wort, um auf eine Bemerkung des ersten Referenten zu antworten. Er bemerkte, daß gerade die gesetzestreuen Juden den großen Segen der vollständigen Sabbatruhe vollauf zu würdigen wüßten und deshalb trotz schwerer Opfer schon Jahrtausende hindurch durchgeführt hätten. Gerade die orthodoxen Juden begrüßte» die Arbeit des Kongresses mit warmer Anerkennung, und er habe an den letzten großen jüdischen Feiertagen während der Gottesdienste die Gelegenheit wahrgenommen und seine Glaubens-Genossen ermahnt, ihren christlichen Angestellten dock, nach Möglichkeit am Sonntag frei zu geben, damit sie eine richtige Sonntagsruhe bekämen. Er bedauere die Angriffe von Hiller-Leipzig gegen die „gesetzestreuen jüdischen" Kausleute außerordentlich. Es sei nur verlangt worden, daß jene jüdischen Kausleute an Sonntagen dort, wo völlige Sonntagsruhe herrsche, in geschlossenen Räumen durch, jüdische. Angestellte die dringendsten Arbeiten erledigen lassen dürsten. Von einer Konkurrenz der jüdischen Kauflentc am Sonntag könne unter diesen Umständen doch wahrlich keine Rede sein. Wer, wie die Teilnehmer des Kongresses dafür eintrete», das; jedem Menschen ein voller Ruhetag gewährt werde, der könne unmöglich gegen Bestrebungen sein, die den Juden die Durchführung ihres Ruhetages ermöglichen wollen. Den gehaltvollen Ausführungen des Redners, die durch die stark begrenzte Redezeit (Höchstdauer 7 Minuten!) leider nicht ausführlicher sein konnten, folgte lebhafter Beifall. Alsdann ergriff namens der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums und des Verbandes der Sabbatfreunde Herr Moritz A. L o e b - Frankfurt a. M. das Wort. Er führte aus, daß der Verband der Sabbatsreunde für Deutschland Aehnliches anstrebe, tvie der Internationale Verband für die Allgemeinheit, allerdings für Juden. Der Verband umfasse nach zweijähriger Tätigkeit heute schon mehr als 80 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Er verfolge das einzige Ziel, die Beobachtung des jüdischen Ruhetages dort, wo sie verloren gegangen sei, wieder einzuführen und wo sie noch bestehe, zu ihrer Festigung beizutragen. Bei dieser Arbeit müsse die gesetzestreue Judenheit und insbesondere der Verband der Sabbatsreunde einer Körperschaft, die den christlichen Mitbürgern ihren vollen Ruhetag sichern wolle, die größte Sympathie entgegenbringen, klm so bedauerlicher sei es, wenn aus diesem Kreise Angriffe erfolgten, wie es soeben seitens des Herrn Hiller geschehen sei. Herr Hiller sei dazu umsoweniger berechtigt, als er die Materie nicht einmal genügend beherrsche. So gibt er den Juden den Rat, ihre Geschäfte am ^Samstag Abend zu erledigen. Er weiß also nicht einmal, daß der jüdische Ruhetag erst nach Eintritt der Nacht beendigt ist, wodurch ein Beginn der Arbeiten am „Samstag-Abend" im Hochsommer z. B. erst nach 10 llhr abends möglich wäre! Wenn Herr Hiller behauptet, eine den jüdischen Kaufleuten gewährte Erlaubnis, am Sonntag 2—3 Stunden zu arbeiten, notabene bei verschlossenen Türen, führe zu einer Schädigung ihrer christlichen Konkurrenz, so bedürfe es da keiner ernstlichen Widerlegung. Daß ein Kaufmann, der eben nach 25stündigem Schlüsse sein Bureau zu kurzer Tätigkeit öffnet, nicht imstande ist, seinen Konkurrenten, der inzwischen tätig war, auch nur einzuholen, geschweige denn gar zu überholen, liege für jeden Fachmann doch guf der Hand. Es sei denn auch in den Städten, in denen Ausnahmen für die gesetzestreuen jüdischen Kaufleute bereits zugelassen sind, wie München und Posen, Niemand eingefallen, hierin eine Schädigung zu erblicken und die dortigen Kaufleute müßten doch ihre eigenen Interessen mindestens ebenso gut kennen, als Herr Hiller aus Leipzig. Herr Loeb, vom Vorsitzenden an den Ablauf der Redezeit gemahnt, schließt mit einen: warmen Appell äu die Versammlung, nicht Bestrebungen die Unterstützung zu versagen, die so ganz im Geiste ihrer eigenen Aufgabe liegen. — Auch diesen Ausführungen folgte lebhafter Beifall. In seinem Schlußwort versuchte Herr Hiller sich gegen die Angriffe der Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Loeb zu verteidigen, doch blieb seine lendenlahme Erwiderung sichtlich ohne Eindruck. Auf dem Kongresse waren nicht nur Vertreter der Staatsregierung, sondern auch der obersten kirchlichen Behörden anwesend. So haben die Verhandlungei: des Kongresses, wenn sie auch die Gesetzgebung nicht unmittelbar beeinflussen, doch immerhin eine gewisse. Bedeutung^ 1km .so. wichtiger, ist es, daß wir durch den Mund berufener Vertreterdie Forderungen^