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Neue jüdische Presse · 1907-10-04 · Heft 38 (4.10.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 38 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsriklitWks familinlilnlt. < - > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Äbonnementspreis pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ( —---—-—» KedaKttorr nnd chofchäftsDMo: Frankfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Terefo« 10507. AoransgeSer: Kalg H e i-s. . , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ' 5. Jahrgang. Freitag, den 26. Tischri 5668 <4. Oktober 1907). Ro. 38. Inhalt des Hauptblattes. A r t i k e l: Ist die Entwicklung der Geschichte ein mechanische? — Aus aller Welt. — Personalien. — AuS der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. —Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Am Tage der Erinnerung. — Nachklang. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten.— Barmizwohs. Ist die Entwicklung der Geschichte eine mechanisches Von Dr. F. Frankel. 1. Das Problem der sozial-historischen Gesetzmäßigkeit, wie auch das der individuellen Willensfreiheit ' schienen eine länge Zeit endlich gelöst zu sein, und zwar das erstere im positiven, das zweite dagegen im negativen Sinne. Es schien, als ob die unlängst entstandene und sich blitzschnell entwickelnde Moralstatistik mit klaren, jedem Zweifel enthobenen Ziffern das Vorhandensein einer. strengen, kausal notwendigen Gesetzmäßigkeit der historischen Erscheinungen, die jede Möglichkeit der menschlichen Freiheit undenkbar macht, endgültig festgestellt und bewiesen habe. Da das eine Laster mit dem Steigen und Sinken der Temperatur» das andere Laster mit dem Steigen und Sinken der Brotpreise steigt und sinkt, und zwar so, daß „Fahr für Jahr sich beinahe dieselben Zahlen und dieselben Schwankungen wiederholen", — so sei es klar, daß die kausale Notwendigkeit die alleinige Herrscherin im Reiche des sozialen Seins sei, und daß das, was .man als freien Willen zu bezeichnen pflegt, in Wirklichkeit nie existiert habe. Will man die Sache näher betrachten, so fällt vor allem Folgendes auf: Befinden sich wirklich die Willensakte in einer strengen gesetzmäßigen Abhängigkeit von den Milieu-Erscheinungen, woher kommt es dann, daß die konstatierten Zahlen sich nur beinahe wiederholen? Vernähe — also: es gibt Ausnahmen! Woher-diese Ausnahmen und wenn sie quantitativ auch -noch so gering wären? Wir wissen ja, daß jedes Gesetz ohne weiteres abgelehnt werden muß, wenn, es auch nur in einem Falle sich nicht rechtfertigen kann.*). : Man wäre also berechtigt, aus den Ergebnisses -der Moralstatistik einen dem angeführten diametral entgegengesetzten Schluß zu ziehen und die Behauptung aufzustellen, daß im sozialen Leben ZufAle bewiesenerweise zulässig seien und daß daher von der alleinigen Herrschaft der blinden Kausalität auf diesem Gebiete gar nicht die ' *) Die Beziehung der Moralstatistik zum Problem der Willensfreiheit wurden genau untersucht, in meinem Werke , über Buckle's Geschichte Philosophie (Kap. 3), wo ich — teilweise im Anschluß an andere Forscher — zu beweisen suchte, daß das Prinzip der Willensfreiheit keines-- Wegs als durch die, Moralstatistik widerlegt betrachtet werden kaum- - - - . Rede sein könne. Es wäre auch möglich, noch einen Schritt weiter zu tun und die Allgemein-;ültigkeit der Kausalität überhaupt in Frage zu 'teilen. Diese Art Folgerungen aus dem sich blos beinahe wiederholenden moralstatistischen Zahlen können nun wohl als eine Denkmöglichkeit, — keineswegs aber als eine Denknotwendigkeit gelten, und zwar aus folgendem Grunde: Jene sozialen Ereignisse, die jenseits des „Beinahe" bleiben müssen, sind zweifelsohne als zufällig zu benennen. Aber der Begriff des Zufälligen kann nicht nur absolut, sondern auch relativ gedacht werden. In der Tat, wir werden als zufällig bezeichnen nicht nur das absolut Willkürliche, Ursachlose, sondern auch das auf dem einen Gebiete selten, auf dem anderen häufig vorkommende Zusanimentreffen von zwei Tatsachen, „die weder miteinander im Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen, noch von einer gemeinschaftlichen Ursache abhängen". Jede von den zwei — oder auch mehreren — Tatsachen hat ihre besondere Ursache, und daher wirkt die Eoincidenz der Wirkungen derselben plötzlich und unerwartet auf den gewöhnlichen Gang der Dinge. Durch die von außen her kommende Einwirkung wird die innere Entwickelung jeder der in Betracht kommenden Reihe von Ursachen und Wirkungen gestört, und es tritt auf solche Weise ein. Durcheinander ein, das jedes Voraussehen unmöglich macht und jede Hoffnung enttäuscht. Nun ist es klar, daß Zufälle im letztern, relativen Sinne am häufigsten in der Menschengeschichte, die das eigentliche Gebiet der allerkompliziertesten Wclterscheinungen darstellt, Vorkommen. Wäre es also auch zugegeben, daß die Abweichungen, die sich in den Zahlen der von den Moralstatistikern untersuchten Handlungen bemerken lassen, nicht als Produkte des freien Willens anzusehen sind, sondern als notwendige Wirkungen irgendwelcher Ursachen betrachtet werden müssen — so fragt es sich aber, ob das beständige Eingreifen der verschiedenarttgsten Kräfte in den Gang der Geschichte nicht die Erkenntnis der Gesetze unmöglich macht, die in derselben tätig sein sollen. Was nützt es, daß wir den Glauben an die sozial-historische Gesetzmäßigkeit festhalten, wenn die angedeutete Äomplizität die Auffassung der eigentlichen sozialhistorischen Gesetze — wenn sie auch vorhanden seien —‘ verhindert? Gewiß meinten manche, das Problem sei leicht . zu lösen. So sprach Quellet von „konstanten" und „variablen" Ursachen. Ebenso glaubte Buckle, daß „das große soziale Gesetz, daß die sittlichen Handlungen der Menschen nicht das Ergebnis ihrer Willkür, sondern ihrer Antecedentien seien", zwar „Störungen unterworfen" sei, daß aber dieselben die „Wirkung" des Gesetzes blös „trüben, ohne seiner Richtigkeit Eintrag zu tun".' " In Wirklichkeit verhält sich aber die Sache ettodä' anders. Es kommt nicht selten vor, daß „die -Magd ihre Herrin beerbt" und die vorübergehend sein sollenden untergeordneten Ursachen die Wirkungen der „großen Gesetze" schlechterdings aufheben. In einem anderen Zusammenhang wurde von mir nachgewiesen, daß Buckle selbst in der von ihm versuchten Geschichtsinterpretation ein solches Beispiel gezeigt hat. Er betrachtete namentlich die Tätigkeit einzelner Politiker und Gesetzgeber als etwas Unbedeutendes, dem sozialen Gesetze Untergeordnetes. Trotzdem leitete er selbst fast die ganze Geschichte des europäischen Mittelalters von einer falschen, von notorischen Jrrtümern durchdrimzenen Politik ab. Im Grunde genommen öffnet das „Beinahe" allen Modifikationen des „Gesetzes" Tür nnd Tor. Was, wenn der Ausnahmsfall einen Weltherrscher, oder gar einen Umwerter aller Werte, einen Universalgenius hervorbringt? Der eine Ausnahmsfall produziert ja eine totgeborene Mißgeburt, der andere dagegen bringt eine neue lebensfrohe Art zum Vorschein. So kommt es in der ganzen organischen Welt vor, so erscheint es nur allzu häufig in der Menschengeschichte. 2. Wenn uns die bekannte talmudische Sage in ihrer lakonischen Sprache erzählt: „Jerusalem wurde wegen Kamza und Bar-Kamza zerstört", wenn Pascal die Vermuttmg ausspricht: „Wäre die Nase der Kleopatra etwas kürzer gewesen, so hätte vielleicht der ganze Erdball ein anderes Aussehen gehabt", oder wenn Leo Tolstoi die etwas bizarre Behauptung mancher Historiker anführt: „Der Gang der historischen Ereignisse in Europa wäre ein anderer gewesen, hätte nicht Napoleon bei der Borodina-Schlacht an einem. Schnupfen gelitten" — so haben wir in allen diesen paradoxalen Meinungsäußerungen eine berechtigte Hindeutung auf die uns hier interessierende Tatsache, namentlich des Eingreifens fremder — und also relativ zufälliger — Elemente in die innere Entwicklung der sozial-historischen Erscheinungen. Der scheinbar unbedeutende Irrtum des Knechtes, der anstatt Kamza den Bar-Kamza zur Mahlzeit eingeladen haben sollte, die reizende Nase der Kleopatra, wie auch der häßliche Schnupfen eines Napoleon können an und für sich gar nicht zufällig gewesen sein; allerdings sind sie es aber gewesen in Bezug auf die großen sozialen Ereignisse, mit denen sie aus eine äußerst auffällige Weise zusammengetroffen und auf die sie ihren sonderbaren Einfluß ausgeübt haben sollen. Das war auch der Grund, weshalb selbst die Anhänger der mechanischen Weltanschauung nur selten von historischen Gesetzen sprachen. Die französischen Materialisten des XVIII. Jahrhunderts glaubten offenbar nicht an das Vorhandensein derarttger Gesetze. Vor allem nicht Holbach und Helvetius. Der erstere meinte sogar, daß das historische Geschick der Völker manchmal durch die Bewegung eines Atoms bestimmt werde, das im Gehirne eines machthabenden Mannes dumme oder mutwillige Streiche zu machen anfing. Und atz

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