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Neue jüdische Presse · 1907-09-20 · Heft 37 (20.9.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 37 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 37. dieser Gebethworte genügsam ausdrücken könnte" (Ziemlich, Eine Bncherkonsiskation zu Fürth, S. XIV). Es ist schmerzlich und zu bedauern, daß für diese von nichtjüdischer Seite bewunderte erhabene Fassung unserer Thefillah auf jüdischer Seite das Verständnis fehlt und immer inehr schwindet. Dieses mit Ernst und Begeisterung durch geeigneten Religionsunterricht wieder anzubahnen und zurückzubringen, wäre das lobenswerte Ziel, dem der Oberrat zustreben sollte. Durch Herausgabe des neuen Gebetbuches tut er gerade das Gegenteil, fördert die Verkennung «und den Abfall und ruft einen Zwiespalt hervor, der dem Geiste der alten Thefillah, der überall auf konfessionellen Frieden gerichtet ist, widerstreitet. Ich schließe mich: darum den Gutachten auf Verwerfung des neuen Gebetbuches an. Dr. Hermann Deutsch. Straubing. Die vor 10 Jahren mit 12 Mitgliedern errichtete und nunmehr 24 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde tveihtc ihre Synagoge ein. Die Festpredigt hielt Herr Tistriktsrabbiner Dr. Meyer - Regcnsburg. Züllichau, 11. Sept. Am letzten Sabbat fand die Einweihung der dank der hochherzigen Spenden unserer Gemcindemitglieder restaurierten Synagoge statt. Die Festpredigt hielt Rabbinatskandidat Feldmann aus Frankfurt a. Bi., der auch Rauschhaschonoh als Prediger fungierte. Oesterreich-Ungarn. Pilsen. Eine Pfändung am Rauschha - schonoh. Der jüdische Inhaber der Tnchsirma Lohn u. Konrp. ließ am 1. Rausch - ha - schonoh - Tage bei einem hiesigen Juden pfänden und veranlagte so dessen Konkurs. Budapest. Tausende jüdischer Existenzen sehen ihrer Vernichtung entgegen, denn die Verordnung einiger Komitate bezüglich Einschränkung bezw. Aufhebung des Branntweinvcrkanfes an Sonntagen wird voraussichtlich in nächster Zeit für das ganze Land cingeführt — und die meisten Branntweinschänker sind Juden. t Ungarn verseucht antisemitisch immer mehr, besonders waltet im fortgesetzt verschärften Matze das Bestreben vor, den Erwerb der Juden möglichst zu erschweren. Eine Folge davon ist das Z u r ü ck - gehen der Sabbat-Beobachtung bei den Juden. Rußland. Odessa, 18. Sept. Selbst die Heiligkeit des Gotteshauses respektiert die rusiische Regierung nichtl — Am gestrigen Koln;dre- Abend drangen während des Gottesdienstes Soldaten und Polizisten in die Svnagoge und veranstalteten eine sechsstündige Untersuchung. Moskau. In der .Großen S Y n a g o g f, deren Bau noch vor der Vertreibung der Juden aus Moskau im Jahre 1881 begonnen wurde und de,en Benutzung die Regierung erst jetzt gestatiet hat, wurde zum ersten Male diesen Rauschhaschono Gottesdienst abgehalten. Personalien. Berlin. Kommerzienrat Julius Goldsä) m i d t wurde der Rote Adlcrorden 4. Klasse, Fabrikbesitzer Georg Liebermann das Ritterkreuz des sächsischen Alörechtsordens 1. Klasse und dem Inhaber der Oelfirina S. Herz, Herrn P a n l H e r z, der Charakter eines Kommerzienrats verliehen. Königsberg. Geh. I u sl i z r a t Dr. Albert Masse, Oberlandesgerichtsrat und ordentlicher Honorarprofessor an der hiesigen Universität, hat die nachgesuchtc Dienstentlassung mit Pension erhalten. Albert Masse ist 1868 als Auskultator beim Kammergericht eingetreten und im März 1873 Gerichtsassessor geworden. Ende Oktober 1876 wurde er als Kreisrichter in Spandau angestcllt und am 1. Mai 1873 als Stadtrichter nach, Berlin versetzt, ivo er bei der Reorganisation der Gerichte als Amtsrichter beim Amtsgericht: I blieb. In der Mitte der achtziger Jahre wurde er nach Japan beurlaubt und war dort vier Jahre lang bei den Vorarbeiten zur Schaffung einer Verfassung, bei den Verhandlungen über die internationalen Verträge und auf dem Gebiete der Verwaltung tätig. Insbesondere sind die jetzt gültigen japanischen Gemeinde-, Kreis- und Provinzialordimngen unter seiner Mitwirkung entstanden und beruhen größtenteils auf seinen Eutivürfen. Seit Neujahr 1886 zum Landgericht I Berlin versetzt, rückte er 1888 zum Landgerichtsrat und 1890 zum Oberlandesgerichtsrat in Königsberg auf. 1901 erhielt er den Charakter als Geheimer Justizrat und 1904 'seine Ernennung znm ordentlichen Honorarprofessor. Bon«. Herr Samuel Lazarus, Mitglied des Vorstandes der Synagogeugcmciiide und Vorsitzender des Israel. Armen - Vereins, ist im 53. Llbensjahre verschieden. Wie«, 17. Sept. Im Alter von 61 Jahren ist heute der Pianist und Komponist Ignaz Brüll, von besten Opem sich -.Das goldene Kreuz" einen bauernden Platz auf der Bühne erwarb, gestorben Wien. Im Alter von 66 Jahren verschied Herr David Spitz, Vorstand des Bethausvcrcins Brigittenau. Bern. Preisgekrönt. V> m hiesigen Internationalen F r i c d e n s b n r e a u ist die Arbeit: Ursprung, Theorie und Geschichte der F r i c d e n s i d e c mit Fr. 1500 prämiert worden. Verfasser der vortreffliche» Arbeit, die später im Druck erscheine» soll, ist Herr L. M. M e l a m c d in Bern, der bereits dcu zweiten Baud seines Fricdenswerkcs „Geschichte der Friedensbewegung" in Arbeit genommen hat. Wir gratulieren dem strebsamen Verfasser, der in 3 Jahren fleißiger Arbeit jetzt den wohlverdienten Lohn seiner Tätigkeit für die Friedcnsidee gefunden hat, herzlich zn feinem Erfolg, der uns um so mehr freut, als Herr Melamed ein gelegentlicher geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes ist. „Berner Tngblatt". Ufa (Rußland). Der Leiter der bissigen südlichen Irren - Klinik Dr. Jakob Kaplan wurde von Irren erstochen. — Dr. Kaplan, geboren 1875 in Minsk, war Assistent bei Professor Dr. Mendel irr Berlin gewesen. New-Bork. Edward I. Nathan in Pbilad e l p h i a wurde zum Konsul der Vereinigten Staaten in Patris (Griccheulano) ernannt. Hier starb vorige Woche Herr M o r i tz Ellingcr, eines der tätigsten Mitglieder der Bnci- Britb-Loge und Redakteur der Menorah. 0 fenüMon. 0 Am Tage der Erinnerung. Von S a in u e l G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulver m a n ». (Fortsetzung.) Heute, am Rüsttage des' Festes, war nachmittags keine Schule, und Jakob hatte genügend Zeit, um sich seiner Lieblingsbeschästigung mit vollem Eifer hingcben zu können. Aber gerade heute wollte ihm kein Wurf gelingen und nicht ein einziges Mal hat er bisher sein Ziel getroffen. Im ganze» Hofraum war kein Span, kein Ziegelstück, kein Stein mehr vorhanden, den er als Wurfgeschoß hätte verwenden können — — und gerade heute schic» der Hahn besonders spöttisch auf seine vergeblichen Versuche niederziiblicken. Aber auch Jakob's Eigeiisi»» war nicht klein zu bekommen. Mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache Ivürdig gewesen Iväre, setzte er seine Bemühungen unausgesetzt fort: er tvar lein versessen darauf, sein Ziel zu erreiche» »nd dachte nicht entfernt daran, dem Vater nach dem Tempel zu folgen. Schließlich erfaßte ihn ein nnbändiger Zorn: er hörte die Gemeinde schon das „Sch'ma Jisrocl" beten; inzwischen war es auch bereits dunkel geworden, Ivodnrch das Spiel sich iroch weit schwieriger gestaltete. Nur noch' ein einziges Mal wollte eres darum versuchen-und dann mochte es kommen, wie es wollte.-Einen gutgeeigneteil Stein von der richtigen Schwerkraft hatte er bereits in der Hand, vorsichtig nahm er seine Stellung, zielte lange und bedächtig und — krach — krach —hörte er cs Pald klirren und knattern! — — Wie vom Schlage gerührt stand er da, ohne ein Glied zu bewegen, und wie eine Gänsehaut fühlte er es den Rücken hinablaufcn. — Großer Gott, was war nur geschehen — —? Leider, leider; es toar kein Traum; er sah es'ja ganz deutlich-wirklich und wahrhaftig, er hat das einzige Fenster im Stübchen seiner Eltern total zertrümmert! — — Und nicht genug damit, der Stein war auch noch auf den Tisch gefalle», der bereits festlich hergerichtet tvar, und hat auch dort noch mancherlei beschädigt!- Alles noch gerade in dem Augenblick, als die Mutter, mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen, den Segen über die Lichter gesprochen und iinn bei dem Klirren und Krachen vor Schreck laut aufschric und beinah in Ohnmacht gefallen wäre!!! Eine namenlose Augst bemächtigte sich des Knabe»; nach einem solchen Geschehnis durfte er es nicht mehr wagen, dem Vater unter die Augen zu treten-dem strengen, ernsten Vater, der ihn, wie schon so oft, sicherlich auch jetzt wieder so schmerzhaft an den Ohren Hochziehen und so fürchterlich mit dem Lcdcrrieinen schlagen wird — erstlich weil er nicht zum Gottesdienste gekommen, zweiiens weil er den Feiertag entweiht, indem er etivas zerstört, und drittens, ivas eigentlich ganz besonders schwer ins Gewicht siel, weil er eine unnötige Ausgabe für ein neues Fenster verursacht, während sicherlich kein einziger Groschen im ganzen Hause vorhanden war. Und als diese große Zahl seiner Vergehen dem Knaben vor dem Gcistesauge aufstieg, da stieß er einen wilden Schreckensruf ans und floh von dannen, als ob eine Legion von Teufeln mit Lcderriemen ii> den Händen hinter ihm her wäre. Das dichtbevölkerte Jndcnviertel lag längst hinter ihm, und »och imiiier lief er, betäubt uub verwirrt, durch die ihm fremden, oft sich kreuzenden Straße», mit keuchender Brust, ängstlich nach allen Seite» sich umseheud. Wohin er lief, wußte er selbst nicht — mir fort, fort von dem unheimlich sansendeil und zischenden Ledcrriemen. — Inzwischen war die Nacht völlig hereingebrochen; der Verkehr wurde geringer, die Straßen immer stiller, und der Knabe lief noch immer weiter. Als er endlich einen Augenblick innehielt, um Atem zu schöpfen, da fühlte er seine Schulter berührt; ein Ausruf des Schreckens entfuhr seinen bleichen Lippen und blitzschnell warf er sich zu Boden. „Gnade, Vater, Gnade! — Nicht schlagen — ich konnte nicht dafür —," jammerte er mit geschlossenen Augen, die Hände ivie zur Abwehr-emporhaltend. — „Steh' ans, ich tue Dir nichts," hörte er eine fremde Stimme sprechen, während eine weiche Hand liebkosend sein Haupt streichelte. Und als er endlich Mut gefaßt und aufgeblickt hatte, da sah er eine» Mann in einem langen, schwarzen Rock über sich gebeugt, der ihn mitleidig anblickte. „Du hast Angst — Du fliehest vor einer Gefahr," sprach dieser mit sanfter Stimme; „Du kannst jetzt ganz ruhig sein; cs geschieht Dir nichts. Erzähle mir, ivas Du fürchtest." Hastig und »och immer ängstliche Blicke um sich werfend, berichtete Jakob, lvas ihm passiert sei. „Und wenn ich jetzt nach Hanse komme," so schloß er seinen Bericht weinend, „dann schlägt mich der Vater noch mehr als sonst, oder ec sperrt mich wieder in den finstern Keller —," er brach plötzlich ab; wie ein Bcrrnnkener taumelte er hin und her, er wäre z» Boden gestürzt, lvenn der Fremde ihn nicht aufgefangeil hätte. „Verhungert — so lvahr ich lebe!" murmelte dieser, den Knaben in seine Arme nehmend. Es war eine erbarnrungswürdige leichte Last, die er zu tragen hatte. Er schritt eilig dahin, und als er ein hohes, graues Hans erreicht, hatte Jakob sich so lveii erhol», daß er wieder den Kops cmvorheben konnte. Roch ganz verwirrt blickte er um sich. „Was ist denn das?" fragte er verwundert, als er am Eingang des Hauses, eine vergoldete, große Holzfigur au einem Kreuze bemerkte. „Das — das — ist — unser Türpfostcii-Amicket," erwiderte der Fremde verlegen. „Habt ihr nicht auch solche an euren Türen?" „Nein, dieses ist ganz anders," lvidcrsprach Jakob; „dieses ist ja ans Holz, unseres dagegen ist in einer feinen Blcchkapsel mit einem Feiistcrche», durch welches Gottesauge in die Stube schaut —. Das hat uns ja der Lehrer erst gestern gesagt. Aber vielleicht ist dieses eine neue Machart —." „Ja, eine neue Machart," wiederhvltc der Manu, wie zn sich selbst, „die aber noch andaucrn tvird, lvenn eure Blechkapscl schon längst voiil Rost zerfressen ist." „Das ist nicht wahr!" schrie der Knabe mit voller Stimme. „Unser Lehrer sagte, in jeder Kapsel wohnt ein Engel 'Gottes, und wenn sic zerbrochen wird, dann fliegt der Engel in eine neue hinein, die man bald wieder an die Tür befestigt, und das wird ewig fortgehen, so lange die Welt besteht und Menschen aus ihr vorhanden sind!" Jakob erschrak über den ivildblitzcuden Ausdruck in den Augen des Mannes, die ihn bisher so sanft und freundlich angeblickt; doch es dauerte garnicht lange und der Fremde sprach wieder lächelnd: „Das verstehst Du nicht; es ist so, tvie ich Dir sage. Doch jetzt setze Dich hin und iß —; vorher muß Dein Körper gepflegt werden — für Deine Seele werde ich schon später sorgen." Bald trug er auch verschiedene Speisen herbei, über welche Jakob, ohne sich, erst lange zu besinnen, heißhungrig hcrfiel. Den ganzen Tag über hatte er fast nichts gegessen. Wie üblich, gab cs an den Tage» vor Sabbat und den Festen nur ein mehr als frugales lV-*-*»SS93HB5

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