Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Mittagsbrot; erstlich, weil die Hausfrauen mit den vielfachen Vorbereitungen zu sehr in Anspruch genommen sind, sodann aber, um den Appetit zu schärfen, ans daß die Festmahlzeit mit um so größerem Behagen verzehrt werde. — Heute hatte Iakob's Mutter nur eine einfache Kartoffelsuppe vorbereitet, die er, wählerisch und eigensinnig wie immer, gänzlich unberührt gelassen. Der Mönch — denn ein solcher war es — beobachtete ihn schweigend, und ein befriedigendes Lächeln unlspielte seine Lippen. Als der Knabe gesättigt war und schlaftrunken, das Haupt sinken ließ, nahm er ihn wieder in seine Arme, um ihir zur Schlasstätte zu tragen. Iakob's Herz erbebte und seine Zähne schlugen zitternd hörbar zusammen. Er glaubte wieder in die kalte Nacht hinaus zu müssen, um auf dem harten Pflaster zu schlafen, von Finsternis und bösen Geistern umgeben. Ihm kain die biblische Erzählung seines großen Namensvetters, des Erzvaters Jakob in den Sinn, der ja auch auf freien! Felde übernachtet und auch nur einen harten Stein hatte, um sein müdes Haupt darauf zu legen, dennoch aber, im Schutze des Allmächtigen, so sicher und geborgen ruhte! Bald aber bäumte sich sein ioilder Trotz mächtig auf, ihm lag nichts daran, ein Erzvater zu werden — und für ein solch geringfügiges Vergehen, >vie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, braucht er wahrlich nicht so schwer bestraft zu werden, um, wie Kain, unstät und flüchtig in der Welt herumzuirren. In seiner Verblendung vergaß er vollständig, daß er sein trauriges Schicksal sich selbst bereitet — denn anstatt über seine Missetat Neue zu empfindeu, Abbitte zu leisten und Besserung zu geloben und im schlimmsten Falte die wohl verdiente Strafe geduldig auf sich zu nehmen — hielt er sich noch selbst für einen ungerecht Leidenden, für einen unschuldig Verfolgten, und anstatt daran zu denken, welche Sünde er auch noch dadurch beging, daß er durch seine heimliche Flucht die Eltern in Trauer und Angst versetzt, und Kummer und Sorgen auf ihr Haupt gehäuft, da verstrickte sich noch sein böser Sinn in Grimm »nd Zorn, als er an die Schrecknisse und Ungeheuerlichkeiten der finsteren Nacht draußen dachte. Doch er hatte sich umsonst geängstigt. Sein Beschützer führte ihn jetzt in seine eigene Zelle, lvo eine einfache aber saubere Bettstelle anfgeschlagen >var. Kaum hatte Jakob sich hingelegt, da war er auch schon in einen festen Schlaf versunken; der Traum aber, den er zwar nicht begreifen konnte, der ihn aber auch am nächsten Morgen noch beunruhigte, er blieb ihm noch jahrelang in Erinnerung: Er befand sich ans einem weiten, freien Felde, wo unzählige Wetterhähne, riesengroß, herumhüpsten, die ihre ellenlangen Zungen nach ihm herausreckten und Ar spöttisches Gekrächze: „Judenjunge, Judenjunge" hören ließen. Und jenseits des Feldes stand sein Vater, mit einer mächtigen Thorarolle in den Händen, und ganz nahe neben ihm stand wieder der Schwarzrock von heute, der die vergoldete Holzfigur am Kreuze mit ioilder Bewegung um sein Haupt schwang; und Jakob lief von dem einen zum andern, doch konnte er weder den Schwarzrock noch den Vater erreichen, weil die Wetterhähne ihn in ihre Mitte nahmen und mit ihin im Kreise herumschwenkten; und als er wieder nach der Thorarolle blickte, da wurde .sie immer kleiner und kleiner, bis ,fie zu einer dünnen Blechkapsel zusammenschrumpste, während die Figur am Kreuze mehr und mehr die Gestalt eines Wetterhahnes annahm, und als er näher herantrat, da spie er viele, viele Silberrubel aus, die klirrend zu seinen Füßen niederrollten. (Fortsetzung folgt.) Vom Wege. Von H. A b r a h a m s o h n. Schwer humpelt ein alter Wagen auf holpriger Landstraße. Er ist voll Schwindsucht und Elend. Darum das schwere Stöhnen und tiefe Seufzen . . Eine pessimistische Schindmäre schleppt hinkend die elendige Pritsche mit samt dem leidenden Golus durch die Welt. Sie ist auch blind, darum führt e r den traurigen Zug ins Endlose . . . Sein Gesicht ist von Staub und Schmerz entstellt. Aus seinem Auge starrr stumpfe Resignation. Er hat die Verzweiflung überwunden. Zerlumptes Gewand. Geflickte, massive Kosakenstiefel. Die Mütze mehr aus dein Hiuterkopf, fast im Genick. Auf der Stirne eine noch nicht ganz verharschte Narbe, gerade bis zuin linken Auge . . . Als Couleurbruder ivird man durch solchen Schmiß interessant. So aber weckt er nichts als Schmerz und Groll. Ein bestialischer Huligan von der schwärzesten Bande hat ihm den verfluchten Stempel aufgedrückt. — Der rechte Arm in der Binde. Geld nimmt Lr mit der Linken. Wie hat seine schwielige Faust nur immer ehrlich gearbeitet. Ein Säbelhieb hat ihm die Sehne gesprengt. Er ist ein Krüppel und schleppt sein Golus von Byelostok bis zu nnr . . . Und vor gar nicht langer Zeit hat er noch gehofft und geblutet. Es war bei Nagasaki beim gewaltigen Aderlaß. Zerstampfte Leiber, zerschossene Gliedmaßen bildeten einen schaurigen Hintergrund für sterbendes Stöhnen und rohes Lachen. Beim Ivilden Stürmen und Stürzen in den schwarzen Tod >var auch er dabei. Als das blitzende Verderben aus tausend Schlünden dem tönernen Koloß Untergang kündete, hat er mitgehofft und mitgeblutet. Und wenn die gelbe Verzweiflung ihm heiser „Bausai" eutgegcilkreischte, gab er mit sausendem Kolbenschlag darauf die Antwort. Er hoffte und mordete . . . Für wen? Für was? — Die Brüder vom Wutki sagten: Fürs Väterchen . . . Sein Väterchen saß indes; tieftraurig hinter dem großen Buch, dem Schicksals-Buch, im Beth-hamidrosch. Es lernte. Sein krankes Herz hat sich wie ein Schwamnr an Trauen vollgetrunken. Er brauchte daran nnr zu rühren und er mußte weinen, bitter weinen . . . Hier stand verzeichnet, was sein Herz beklemmte: Kauchenu l e n o ch r i m: unsere Kraft dient den Andern, den Fremden . . . Seine Kinder in der Mandschurei. Für wen? Für was? Was ist ihm, was ihnen Hekuba? ES war nach der heißen Schlacht bei Portsmuth, wo Witte Graf und er befreit wurden, da kam er nach Hause. Er zog die Bilanz über die Häupter seiner Lieben — Shylok, wenn er echt ist, spricht kaufmännischen Jargon — und erfuhr, weshalb er auf zwei Umarmungen verzichten inußte. So viel Kinder hat ihm die Chewra Kadischa in Verwahrung geuommen. Vierzig Kopeken den Kopf. Billig. Spottbillig . . . Freilich hat'» für den Grabstein nicht gereicht. Sie liegen im guten Ort unter laufenden Nummern: 2445 und 2440. Auch im dicken, schweinsledernen Vereinsbuch haben sein herschele und Lebele die gleiche Zahl: 2445 und 2446. Der Gabbe ist ein pedanter Mensch. Läßt sich nichts sagen. Ehrlich und jüdisch bis ins Grab. Sie sind tvd . . . War es Hunger? War es Luftinangel? Wer weiß es? Wer kann es wissen? Der Geschäftsgang stockt. Und sechs hungrige Magen knurren. , Dann fam der wüste Tag: der Tag des Geheuls. Sie haben die Häuser, die iGassen, die Luft angezündet und gemordet. Anfangs wehrte er sich, wie gegen Bausai. Man hat ihm de» Arm gelähmt. Mit seinem strömenden Blut entschwand ihm die letzte Hoffnung. Es peitschte ihn hinaus ins finstre Golus. Sein Ziel heißt: weit, weit weg. Alles, was er noch hat, trägt die elendige Pritsche, und schleppt sein satalisttscher Genosse, der philosophierende 'Gaul . . . Hat der aber eine fatale Gewohnheit, inimer init dem stoischen Kopf, aus dem der Hunger grinst, zu nicken! — Armes Tier. Ihm ist eben alles egal . . . Wozu noch weiter grübeln. Sein Schicksal ist ihm ja ins Fleisch gebrannt. Kraft und Jugend zerflatterte sich drunten beim?)alu; was noch blieb, ist ihni und der Welt Wurscht, — gemeine Roßwurst vom Proleten in Bukarest gefressen: der Ueberrest geht dann schließlich als schundiges Sohlenleder auf amerikanischem Pflaster zugrunde.Im Wagen sind ihrer nur vier. Die übrigen blieben unterwegs. Begraben. Wo? Wer kann die ungarischen Ortsnamen im Kopf behalten. Zwischen den Karpathen und der Adria . . . Im Rottzbuch muß ers haben. Sein Weib, das hat's in der T'filo. Er trägt sein Golus und bettelt uni Futter für den Gaul und die Kinder . . . Was er nimmt, nimmt er init der Linken . . . . Kaiser Friedrich Quelle — Offenback a. M. ■ Gegen Siebt and Rhenmatlsmns bewährt. Wohack Natttlger, Hofjuwelier, KäUetstr.1, Frankfurts. M. Inhaber: JSS. W"Stllcttl. Perlen, Juwelen, Goldwaren. Auf Wunsch Auswahlsendungen. ■ ■ ■ rr-1-; Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 21. September (= 13. Tischri): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 7 Uhr 16 Min., in Berlin 6 Uhr 50 Min. Die Sidra Haasinu ist eine poetische Darstellung der Geschichte und des Berufs Israels. Sie bedarf eingehender Erklärung, auf die wir hier uns nicht einlassen können. Am Schlüsse ist von Moses Tod die Rede. S u ck a u s (Fortsetzung ans voriger Nr.). DicSukko. Wände und Dach seien nach Vorschrift Mindestens 10 Tefach (Handbreiten) hoch. 7 Quadrat-Tefach Raum fassend. Bedachung aus Pflanzenwuchs, der vom Boden abgeschnitten sein muß. Sv dicht gedeckt, daß man noch Sterne durchsieht. Während der Sukkostage sei die Sukko unsere förmliche Wohnung. Schöne Ausstattung derselben. Essen, Trinken, Unterhaltung, Schlafen, alles in der Sukko. Beim Eintritt die Benediktion „Leischef basukkoh". Dies wiederholen, so oft man länger abwesend war. In der ersten Nacht auch.„Schehechijonu". Frauen haben auch zu „entzünden" in der Sukko. Die ersten Abende ist's besondere Pflicht, in der Sukko zu speise», selbst wenn's regnet, mindestens eine Olivengröße Brot. Nebensächlicher Genuß, wie z. B. einmal Wasser trinken, eine Frucht essen usw. auch außerhalb der Sukko gestattet. Kranke, Leidende dispensiert, wenn ihnen beschwerlich, ebenso deren Bedienung. Das L u l o v. Man nehme es beim Schütteln in die Rechte, mit dem Rückgrat vorm Gesicht. Esrog links. Brocho „al netilas Lulov", am ersten Tage euch „schehechijonu". Nicht zu kräftig schütteln, da das Lulov sonst unbrauchbar (poßul) wird. Am Jomtos zum Lulov Wasser nachschütten, am Halbfriertag neues nehmen. Am Schabbos wird nicht Lulov geschüttelt. Wer morgens nicht geschüttelt, kann's noch bis znm Abend nachholen. Manche nehmen täglich frische Bachweiden. Die Gebete. Ganz Sukkaus Schmono-Lsrei der drei Wallfahrtsfeste, ebenso Mussaf und ganz Hallel. Nach Mussaf täglich Umzug mit Thora und Lulov um den Almemor beim Beten der „Hoschaano". Letzteres Gebet die 7 Tage. Das Machsor bringt schöne Deutungen für das Sukkosfest. — Am Chaul-hamaued wie am Werktag beten bis nach Schmono - Esrei. I» diesem: Faale wejovan. Dann ganz Hallel, Thoravorlesung, Mussaf der Wallfahrtsfeste, die „Hoschano" nrit Umzug. Mincho u. Maariv wie sonst werktags, nur Jaale w'jovau einschalten. Schabbos Chaul-hamaued (Sabbat-Ausgang in Frankfurt 6 Uhr 50 Min., Berlin 6 Uhr 35 Min.) wie sonst am Sabbat, jedoch Machsor- und Jaale W'jovau-Einschaltung, ganz Hallel, Mussaf v. „Rcgoliin" die Hoschaano ohne Umzug. Man liest das Buch „Kohelet" v. Salomon. Inhalt: Die irdische Vergänglichkeit. — Der 5. Halbfeiertag ist Hauschano - rabo. Ernstheiligen Charakters, in Beziehung gedacht zum Bersöhnungstag. (Weltgericht!) Samstag (28. c.) Narbt das sog. „Lernen". Sonntag Morgen vermehrte Hoschanogebete, daher „Hoschano-Rabbo" gen. Bitten um Fruchtbarkeit durch Wasser, vieles auch geschichtl. Inhalts. Sieben Umzüge mit Thorarollen. Synagoge wie Jaum-K. weiß dekoriert. Auch wünscht man noch „Chasinio tauwo". Drei od. fünf Wcidenstengelchen abschlagen. Dieselben anfheben. In vielen Gem. beim Morgengebet Sabbat-Psalmen (Ps. 19 u. s. f.) eingeschaltet. Adaun aulom, boruch scheomar in d. Tonart d. jomim nauroim. Am Montag und Dienstag (30. Sept., 1. Okt.) das Beschlußsest — Schmink azeres. Eigentliche Bedeutung zweifelhaft. Gewöhnlich als Rückblick auf sie Feste im Tischri! — Am ersten Tage Schemini azeres das große Bittgebet um Segen. (Geschein.) Beginn der Einschaltung Maschif horuach im Mussaf. Das Festgcbet bringt in hübscher Fassung den Regen in Beziehung Zu den 12 jüd. Monaten und Stämmen. Weißer Vorhang an d. hl. Lade. Nach d. Thoravorlesung von d. „Gelübden" den Mischeberach v. „Matnas jad". Der 2. Tag Schmini azeres gewöhnlich S i m ch a st o r a genannt, Freude d. Thora. Der letzte Abschnitt derselben verlesen. Festgebet: Moses Tod, Ewigkeit d. Thora. Israels ewige Beglückung damit, »iw. Hohe Ehrenämter sind Choson - Thora, Choson Bereschis. (Bräutigam des Thoraschlusses und -anfangs.) — Im Gebete heißt Siinchas - Thora stets nur Schmini-azeres. Mittwoch (2. Okt.) ist die Nachfeier v. Sukkaus, Jsru-chag. Man fühlt die Weihe und Freude