Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Seite 2. Frankfurter JsraÄitiWeS FaNrilienblatt. tion, die die Trägerin dieses universellen Kulturbewnßtsems ist, hinstellen. Daraus ergibt sich nur das nationale und politische Moment als Teil des Ganzen. Dieser Teil hebt den anderen, den religiösen, nicht auf, sondern er ergänzt ihn und umgekehrt. In der Ghettoepoche brauchte dieses Ideal — dieses Programm — nicht extra postuliert zu werden. Icker Jude hegte es instinktiv. Heute, wo wir von anderen mächtigen Kulturwogen umflutet werden, die den Einzelnen mitzureistcn suchen, kann dieses Ideal nicht genug ausposaunt werden, nicht genug auf den Schild gehoben werden. Nicht die Mauer des Judenviertels, sondern die Idee bildet heute die Grenze zwischen uns und unserer „Wirtskultur". Und die Grenze muß anfrechterhalten werden, es sei denn, wir gckcn uns den Launen des Schicksals preis. An diesem Werke 'mitzuarbeiten und cs zu vollenden, dazu ist die jüdische Orthodoxie Deutschlands berufen, sobald die in dieWegegeleitetcEinigung eine ganze und wirklich vollständige ist. Wird sie diesen Weg einschlagen, woran ich nicht zweifle, wird sie zur Fahnenträgerin der großen jüdischen Idee werden, so ist ihre Arbeit für die unmittelbare und nächste Zukunft in und außerhalb ihres Lagers unermeßlich. Sie wird zum Segen des Judentums und der Judenheit wirken, wenn sie das eine Wort auf ihr Programm schreibt: „Pflege desjüdischcn Kulturbewußtseins." Ll. Die Woche. Der VDI. Zio nisten - Kon grc s; ist vorbei und die Presse hat ihr Urteil über den Kongreß gesprochen! Und welches ist das Urteil? Es waren Zeiten, noch nicht lange her, während man mit mehr oder weniger Sicherheit von vornherein sagen konnte, wie das Urteil über einen Kongreß von Freund und Feind des Zionismus ausfallen werde: von ersteren gut — von letzteren schlecht. Doch nicht so der VlU. Kongreß; er hat uns eine Keine Ueberraschung gebracht: die Rollen haben gewechselt, und während die Widersacher des Zionismus znm größten Teil den letzten 'Kongreß günstig beurteilen, gibt sich ein nicht unansehlicher Teil der zionistischen Freunde, ja sogar selbst Zionisten, die nicht zu den Unbedeutendsten zählen, mit den Resultaten, die der achte Kongreß gezeitigt hat, nicht zufricken und weshalb? Man höre und staune! ,/Der Kongreß hat die Kluft zwischen Ost und West erweitert." Und wieso? „Das Machtwort Wolffsohns, des gegenwärtigen Präsidenten, nur in einem dreigliedrigen Komitee, und zwar mit Marburg und Jakobus Kann, arbeiten zu können, bedeutet die Ausschaltung der Russen aus der Leitung," so das Wiener zionistische Organ, die „Jüdische Zeitung". Und Marmore! und Greenberg — sind sie nicht gleichzeitig mit Ussischkiu und Tschlenow aus der Leitung ausgeschicken? Nun kann man zwar.sagen: man wollte der Ausschaltung der Russen den beleidigenden.Charakter nehmen und griff deshalb zur Ausscheidung Marmoreks und Grrenbergs. Doch — wie kann man von einer bedachten Ausschaltung der Russen sprechen angesichts der Präsidentschaft Wolffsohns, der ja selber ein Voll- Ostjude ist und erst im reifen Alter nach Deutschland kam? Wenn er es auch verstand, äußerlich das Ostentum abzulegen, so hat er jedoch das innere russisch-jüdische Wesen ganz beibehalten. Wie sonderbar. — Wolfsohn ein russischer Jude und Sokolow, der dem Präsidenten zur Seite gestellte Generalsekretär, ein russischer Jude, und dabei ist von einer Ausschaltung der russischen Juden aus der Leitung die Rcke! „Aller Orten müssen wir erkennen", schreibt Fnlins Simon in Nummer 36 der „Jüdischen Rundschau", „daß wir westeuropäische Zionisten die Empfangenden sind an allem, was den Inhalt der Bewegung ausmacht." „Die zionistische Organisation ohne die Russen," schreibt die „Jüdische Zeitung" in Nummer 7, „ist ein Torso und verliert ihren alljüdischen Charatter, der immer unser Stolz und unsere Stärke war." Diese Ansicht der zionistischen Zentralorgane Deutschlands wie Oesterreichs unterschreiben wir voll und ganz; der Zionismus in seiner ganzen Bedeutung ist ohne die Russen garnicht denkbar. Aber wie kann man dem VIII. Kongreß fälschlich nachsagen, daß er mit dem Einslus: der Russen anfräumen wollte; — hat doch der VIII. Kongreß einen Beschluß zu tage gefördert, der das Gegenteil beweist, wir meinen den Bcchluß der Bildung von Föderationen aus Fraktionen mehrerer Länder. Bedeutet doch der föderative internationale Ausbau der Organisation nichts anderes als eine Annäherung der zerstreuten Glieder der Diaspora, während di« Landsmannschaft eine 'title Saktionierung der künstliche» Zerrissenheit und Entfremdung ausmacht. — Das bisherige engere siebcner A.-K. enthielt drei Richtungen aus zwei extreme» entgegengesetzten Bestrebungen, die 'durch Marmore! einerseits und Ussischkin andrerseits vertreten waren und eine m i t t - l e r e Linie Wolffsohn - Kahn. Der Stand der BewegungerheischteeineAkzeptierung der mittleren Linie; der Kongreß bewegte sich auck^ — bewußt oder unbewußt — ans dieser Linie, und die einzige Konsequenz konnte nur eine Ausschaltung der Extremen sein. Weshalb also der Lärm, wenn dies auch 'äs fakto eingetreten ist? Immerhin ist die Verstimmung der russischen Zionisten erKärlich: der russische Jude ist Dank seiner entsetzlichen Lage sehr empfindlich, und stets von tausenden Spionen umgeben, neigt er leicht znm Mißtrauen. Auch kann die Voreingenommenheit und das Vorurteil der westeuropäischen Inden gegen die „östlichen Barbaren" nicht hinweggelcugnet werden. Ter russische Jude — sei er mit seinem Idealismus, seiner Treue und Edelneut seinem westlichen Bruder noch so überlegen, — wird dennoch von letzterem mißachtet und mißtraut; schon Herzl, der das Echte, Ganze und Aufrichtige im russischen Juden bewunderte, tat diesen Spruch: „Es gibt einen gewissen westeuropäischen Hochmut, welcher die Juden anderer Länder als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt; immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird." All dieses blieb dem russ. Juden nicht vorenthalten und daher die jetzige — wenn auch ungerechte — Verstimmung. — Allein wie ist aber die Aufregung mancher Kreise der westeuropäischen Zionisten zu erklären? * Doch diese Verstimmung wird sich hoffentlich, so bald man einsehen wird, daß das einheitliche, dreigliedrige, aus einem Lande rekrutierte A.-K. besser als das vorige siebcner, ans aller Herren Länder zusammcngestellte A.-K. funktioniert, legen. Allein es gibt noch eine zweite Verstimmung, und ztvar rührt sie von seiten unserer Phraseologcn, den sogenannten Jntellektriellen, her. (S. die Welt, Nr. 35, Artikel: „Das Fazit des Kongresses".) „Wir hofften und glaubten," heißt es dort, „er, der achte Kongreß, werde mit sich eine neue Parole bringen. — Das Baseler Programm, jammern unsere Mystiker, hat einen Grundfehler." — Und was? Man höre und' — lache —: „das Baseler Programm macht die Sache zu e i n f a ch, zu k l a r, vor lauter Klarheit konnte man die Untiefen nicht sehen. — Eine Partei — wenn sie eine Volksbewegung sein tvill — muß ein Echo der inner» S t ü r m e s e i n. Die Zionisten mußten eine Sekte sein, den Enthusiasmus der Sekten haben, und kann das Baseler Programm als Leitmotiv eines Enthusiasmus dienen?" Und die. Befreiung eines großen, seit Jahrtausenden zerstreuten, hart bedrängten und verfolgten Volkes? Bietet sie keinen Enthusiasmus? Freilich für Mystiker, die in einer süßen Entzückung eines „Bescht-Glanbens der Idee" aufgehe», ist ist er zu e i n f a ch! . . „Es gibt zahlreiche — wie viele? — „Intellektuelle", die nach einem Ueuen Judentum, das der Stimmung des Wcltenakkords entsprechen würde, sich sehnen. Sie wollen auch, eine Renaissance" — aber? — „wissen aber nicht, wie." Ein wahrer Rachmonus! . . . „Die Aufgabe des Zionismus ist, dem Suchenden zu Helsen." Kann dem vielleicht nnt einer .Wasserheilkur geholfen werden? Wir hätten keine Notiz vozz diesem Phrasenbündel genommen, würden unsere Mystiker nicht öffentlich von einem „Kulturkongreß" gesprochen haben . . . Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Eine Auskunftsstelle hat der Für sorge verein für hilflose jüdische Kinder im Kinderheim, Artilleriestraße 36 b, unter Leitung der Lehrerin Dorothea Wormann eröffnet. Eltern, die für längere Zeit oder auch nur vorübergehend nicht in.der Lage sind, für ihre Kleinen in ausreichender Weise zu sorgen; Mädchen, die von der Familie verstoßen, der Zeit ihrer Entbindung entgegen ehen — sie alle sollen hier eine Stätte finden, an die sie sich vertrauensvoll wende» können. Die Auskunftsstclle erteilt jckoch.nicht nur mit ihrer reichen Erfahrung in der 'Wohltätigkeitspflege Rat, sie sucht auch zerrüttete Verhältnisse zu ändern, wenn dadurch die Zukunft des Kindes gesichert wird; sie nimmt den .Hilfesuchenden Schritte ab, die ihnen unangenehin sein müssen, und sorgt, wo es erforderlich ist, auch für die Mittel zur Unterstützung. Berlin. Literarische Gesellschaft »Sinai". Am 19. August hat im Haag die konstituierende Versammlung der literarischen Gesellschaft „Sinai" zur Förderung des hebräischen Schrifttums stattgcfunden. Das Zentralkomitee des „Sinai" konnte mit Genugtuung darauf Hinweisen, daß dieses gemeinnützige Institut viele Freunde und Gönner gründen hat. Neben einer namhaften Spende in Höhe von Jk 10000.—, die Herr S. Hurwitz, Mitglied des Zentralkomitees in Berlin, dem eisernen Fond zugewiesen hat, sind noch andere ansehnliche Beiträge eingelaufen, durch welche die Gesellschaft in den Stand gesetzt worden ist, schon jetzt ein bedeutendes Werk ins Leben zu rufen. Mit dem 1. Oktober beginnt in Berlin das Erscheinen der hebräischen Quartalschrift „Heatid", deren erstes Heft (15 Bogen tu Großoktav stark) jetzt im Druck vorbereitet wird. Diese ernste Zeitschrift will sich der wissenschaftlichen und ernst-publizistischen Behandlung aller Probleme des Judentums und des jüdischen Volkes widnien. Die bedeutensten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, alle, welche über Juden Und Jndentnm i» gediegener Form etwas zu sagen haben, werden als Mitarbeiter des „Heatid" herangezogen werde». Die jüdischen Denker und Forscher, welche nicht hebräisch schreiben, werden Gelegenheit erhalten, ihre Geistesprodukte durch gute Uebersetzungen zu veröffentlichen. Es wird ferner beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Werte ist, volkstümlich zu. machen. Außerdem sollen gediegene Schriften zeitgenössischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geistigen Lebens des jüdischen Volkes überhaupt mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Literarische Gesellschaft „Sinai" geht von dem Standpunkte aus, daß wir zur hebräischen Sprache zurückkehren, sie zum Organ unserer geistigen Einheit, zur Form unseres gemeinsamen Kulturlebens machen müssen. Die hebräische Sprache hat sich im ganzen Verlauf unserer Geschichte als Sprache unseres geistigen Schaffens bewährt. Alle Versuche, das Judentum in einem fremden Gewände zu stabilisieren, haben nur den Charakter des Provisoriums; die fremden jüdischen Literaturen haben nur eine zeitliche und örtliche. Wirkung aufzuweisen. Was ist im Laufe der Jahrhunderte aus der inhaltvollen jüdisch-griechischen und jüdisch-arabischen Literatur geworden? Was nicht rechtzeitig ins Hebräische übertragen wurde, ging entweder .ganz verloren oder fristet nur ein ephemeres Dasein. Die Gesellschaft „Sinai" gedenkt, schon in der nächsten Zeit ihr Programm zu verössentlichen. Um jedem Juden die Möglichkeit zur Anteilnahme an der Gesellschaft zu geben, wurde ein Jahresbeitrag von Jk 10.—- festgesetzt, wofür sämtliche Publikationen der Gesellschaft init einer Ermäßigung von 25<>/o geliefert werden. Beitrittserklärungen, Geldzuwendungen und Anfragen sind zu richte» an das Zentralkomitee des ,/Linai": Herrn S. H u r w i tz in Berlin IV, Kurfürstendamm 51. Berlin. Zu einer öffentlichen Versammlung behufs Propaganda für die neuorganisierte „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" hatte ein Komitee die gesetzestrene Judenheit Berlins am letzten Sonntag nach dem Vereinshaus, Wilhelmsstraße 118, cingeladen. Die von über 400 Personen besuchte Versammlung, die erste ihrer Art. in Berlin, gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung für die Bestrebungen zu einem Zusammenschlüsse der Gesetzestreuen. Die von Herrn Prediger Dr. Bleichrode geleiteten Verhandlungen wurden nach einer kurzen Darstellung ihrer 'Zwecke seitens des Vorsitzenden durch ein Referat des Vorstandsmitglieds Herrn Jacob Rosenheim aus Frankfurt a. M. eröffnet. Dieser führte etwa Folgendes aus: Wenn unsere Väter vor einigen Jahrzehnten die Notwendigkeit erkannt hätten, zu einer Vereinigung sich zusammenzuschließen und ihr den Namen einer „Freien Vereinigung für die Interessen des'orthodoxen Judentums" zu geben, so hätten sie das nicht etwa in dem Glauben getan, als hätten sie an Melle des attributlosen „Judentums" der Ahnen ein neues, ein „orthodoxes" Judentum zu vertreten. Die nähere Definition des Begriffes ,LUdentum" durch das Bei-