Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692548--03463-2698160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ZsmIiWes familimlilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streijband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50. sonstige Länder Mk. 2.— MedaKttoir imd Srankiurt a. IN., vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße -getcfon 10507. -- Herausgeber: Aaly ^ei-s. r , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Mg- Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. . .. t_ ‘ 5. Jahrgang. Freirag, den 12. Tiscliri 5668 (20. September 1007). No. 37. Des Suckothsestes wetze» erscheint die nächste Unmmer am Ireitag den 4. Oktober. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Voraussetzungen einer geeinten Orthodoxie. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Am Tage der Erinnenmg. — Vom Wege — Wochen - Kalender. — Familiennachrichten. Die heutige Nummer ist die letzte im laufenden Quartal. Erneuern Sie sofort das Abonnement bei Ihrem Briefträger oder bei der nächsten Pvstanstalt' Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes nehmen Aboiinenientsbcstellnngen entgegen! Das „Frankfurter Israelitische Familicnblatt" hat sich durch den Ernst, mit dem es seine Aufgabe als eine wahrhaft jüdische Zeitung ersaßt hat, und der in seiner unerschrockenen, nur von seinem Pflichtgefühl geleiteten Sprache beredten Ausdruck findet, alle denkenden Juden, denen die Zukunft des Judentums nicht gleichgültig ist, zu Freunden erworben. Es ist Pflicht der Freunde des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes", ihre Bcrwaudten und Bekannten zum Abonnement zu veranlassen; sie dienen damit beit hohen Aufgaben, die das „Frankfurter Israelitische Familicnblatt" sich zum Ziele gesetzt hat. Die Voraussetzungen einer geeinten Orthodoxie. Versuch eines Programms Die jüdische Orthodoxie Deutschlands stellte bis jetzt kein organisches Ganzes, keinen Organismus dar, sondern Teile — Teile eines Mechanismus — mechanische Teile. In dieser Form war sie ein kaum leserliches Blatt in unserer Geschichte. Weil sie nur mechanische Teile und kein organisches Ganzes bildete, verfiel sie eincin blutleeren Formalismus. Aeußerlich und auch teilweise innerlich zerstückelt und zerklüftet, auf einen engen Wirkungskreis beschränkt, „jeder Blutmischung entbehrend", konnte sie an keine großen Aufgaben und Probleme herantreten und mußte sich auf die Erhaltung des Status quo beschränken. Sie blieb eine zeitlang geschichtslos. Statt äußerer Expansion erfolgte eine innere Erstarrung. Sie blieb zurück. Die Judenheit vor 30 Jahren ist aber nicht mit der Judenheit von heute zu identifizieren. Die jüdische Geschichte ist in den letzten 30 Jahren um einige Kapitel reicher geworden. Allein die jüdische Orthodoxie blieb geschichtslos. Das letzte Blatt ihrer Geschichte war Samson Raphael Hirsch. Ihre Geschichtslvsigkeit brachte sie in ein Mißverhältnis zu dem letzten Kapitel jüdischer Geschichte Kapitulieren wollte sic nicht, denn sic hatte für ihren Bestand in dieser Form nichts zu fürchten. Das Mißverhältnis verdichtete sich zu einem Konflikt. Die eine Partei sagte Zentralisation, jüdischen Universalismus, jüdisches Kulturbemußtsein. Dazu konnte sich die andere Partei nicht verstehen und blieb trotz besserer Absicht manches Führers bei ihrer Forderung: Nur Ritus. Einzelne ihrer bedeutenden Führer, die ich als Menschen und Juden sehr hoch einfchätze, mögen wohl gesagt haben: Religion, denn sie sind Persönlichkeiten genug, um nicht nur nach rituellen Vorschriften zu leb e n, sondern auch religiös zu e mp f i n d e n. Aber die Masse setzt sich nicht ans solchen Persönlichkeiten zusammen. Um jüdisch-religiös zu empfinden, muß man von dem großen jüdischen K u l t u r b c w u ß t s e i n durchsetzt und d u r ch t r ä n k t sein. Davon kann bei der Masse, die rein formalistisch erzogen war, keine Rede sein. Sie wird zu sehr von der Kultur der Umwelt absorbiert. . . . Der Konflikt dauerte fort. Später verschanzte sich die andere Partei hinter „ich darf nicht wagen" und btieb in einer insularen Lage, von der jüdischen Masse abgeschnittcn. Einige „Hirten" trugen noch zu ihrer Isolierung bei. Nun soll die Zerklüftung weichen und eine Einigung soll Platz greifen. Welches sind da die Voraussetzungen? — Die Vereinigung wird es nicht unterlassen dürfen, auf dem Wege weiter zu schreiten, der sic so weit geführt: ich meine die Zentralisation, sowohl die nach außen als die nach innen. Wenn die neue Vereinigung an größere Aufgaben ivird herantreten wollen, dann ivird sic auch ihre insulare Position verlassen müssen; sie ist jetzt aus einzelnen Gliederir znsanimengesetzt, organisiert, und sie wird sich zu einem organischen Ganzen h e r a u s b i l d e n müssen. Als organisches Ganzes Ivird sie aber doch ein Teil des großen Organisnms sein müssen. Das Primäre ivird das Judentum und die Judenheit sein müssen Nicht mehr der Teil, das Individuum, sondern die Masse und das Ganze. Wenn die Bereinigung zu eineni mitrechnenden Faktor und zu einer mitbcstimmcnden Kraft sich ivird entwickeln wollen, ivird sic nicht umhin können, das alte Ideal der einzelnen Glieder dieser Vereinigung, wenn nicht gänzlich aufzugeben, so doch wesentlich zu korrigieren. Aus einer richtigen Korrektur wird sich ein wesentlich modifiziertes Problemschema ergeben. Lokale Nuancen werden verschwinden, und eine großmütigere — universelle Auffassung der Dinge wird an Stelle des bisherigen lokalen Moments treten müssen, lind nur ans einem Absatz wird das neue Programni bestehen: Pflege des jüdischen Kult ur b e w u ß t s e i n s, das u. a. das jüdische Natioualbemußtsein zur Voraussetzung hat. Komnit es auf eine wahrhaftige Pflege und Wahrung des gesamten jüdischen Kulturbewußtjcins an und nicht auf ein f o r m a l i st i s ch zugespitztes Judentum, werden die Kinder nicht nur zu deutschen Staatsbürgern erzogen, die noch nebenbei ehrlich und gewissenhaft, aber ohne die nötige Begeisterung den jüdischen Ritus ausüben, dann bekommt dieselbe Orthodoxie, ohne daß sie sich dieser oder jener Partei anschlicßt, eine ganz andere Gestalt. Sie wird mittreibcnde Kraft, sie bestimmt den Werdegang der jüdischen Geschichte. Bis heute war sic geschichtslos, von heute ab kann sie nicht nur mitreden, sondern auch tonangebend sein, denn sie stellt noch immer unser Kräftereservoir und unsere Elite in Deutschland dar. Sie hat noch ihre intellektuellen und sittlichen Kräfte gar nicht entfaltet: die Kräfte leben, aber sind aufgespeichert und müssen nur zur Entwicklung gebracht werden. Aber wie ist die Entwicklung großer seelischer Kräfte ohne ein großes an gestrebtes Ideal möglich. Wenn es nicht brennt, wird es auch nicht flackern. Ich sage nicht, daß sie bis heute ein überflüssiges Blatt in unserer Geschichte war. Im Gegenteil, sie war nur ein modifizierter Ausdruck der jüdischen Jdeenkontinuität und, da ich ihren Bestand in der alten Form als Gewesenes und der Geschichte gehörend ansehe, kann ich es jetzt offen aussprechen, ohne einen pädagogischen Fehler zu begehen. Sie war nicht nur notwendig, sondern in der Logik der jüdischen Geschichte begründet. Sic hatte eine Mission erfüllt und hätte noch eine größere Mission erfüllen können, wenn sie dem Wechsel der Zeit Rechnung getragen haben >vürdc. Sie selbst war in ihrer Aktivität nicht schöpferisch, denn sie war gar nicht aktiv, aber in ihrer Existenz barg sie einen Keim für eine gewaltige Produktivität. Durch ihre Existenz hat sie diesen Keim ausbewahrt. Dieses Verdienst wird ihr wohl niemand absprechen. Heute aber ist es ihre Pflicht, diesen Keim zum Gedeihen zu bringen, denn sie ist nicht mehr ein lebloser Mechanismus, sondern sie ist auf dem Wege, ein Organismus zu werden. Und alles Organische ist schöpferisch, während das Mechanische nur eine reservierende Kraft besitzt. Der Organismus hat zuerst das Ganze und dann seine Teile, das Mechanische erst die Teile und dann das Ganze. Will die neue Vereinigung ein Organismus werden, dann muß sie ein Ganzes a priori haben. Dieses Ganze a prior.i kann nicht ein Teil — der Ritus — sein, sondern ein Etwas, das alle Teile cinschließt. Das ist das jüdische Kulturbewußtsein, die große Idee des Judentums. Wer das jüdische Kulturbewußtsein als das Hdeal postuliert, wird als praktisches Korrelat die gesamte Judenheit, die jüdische Na-