Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-09-13 · Heft 36 (13.9.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 36 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692547--03450-2698145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Seite 4 die Möglichkeit schaffen müsse zu ihrem Recht zu kommen. Auf Anfrage wird erklärt, daß der Rabbiner den Standpunkt des Vorstandes teile. Ein Antrag rn allen Tagen, an denen aus der Thora vorgclescn würde, auch in der Synagoge deshalb Minjan zu machen, wurde zurückgezogen und beschlossen, daß derjenige, welcher am Jahrzeitstage aus dem angeführten Grund nicht in den Betsaal gehen tvollc, davon rechtzeitig Mitteilung an den Vorstand machen solle, der dann für ihn Gottesdienst in der Synagoge abhalten lassen werde. Rußland. Petersburg, 8. Sept. Es liegen Pogrome in der Luft. Der reaktionäre Chefredakteur des „Grashdanin", der in solchen Fragen Ivohl unterrichtet ist, hat neulich in den Spalten seines Blättchens ein wichtiges Geheimnis ausgcplaudert, das teilweis-' durch die Vorgänge in Odessa sich bereits bestätigt hat. Fürst Meschtscherski erzählt nämlich, daß es ganze Organisationen der äußer st cn Rechten gebe, die sich die Veranstaltungen von Pogromen in allen Teilen des Reichs zur Aufgabe gestellt haben. — Eine weitere Bestätigung der Nichtigkeit dieser fürstlichen Indiskretion ist darin zu erblicken, daß das Bureaukratenblatt Nowoje Wremja meldet, der Premierminister beabsichtige nur diesen Posten bcizubchaltcn, von der Verwaltung des Ministeriums des Innern jedoch zurückzutreten. Einerseits ist diese Meldung eine Art Ballon d'Essay. Man möchte erfahren, wie sich die maßgebenden Kreise zu einer solchen Kombination stellen, welche die Möglichkeit gebe, ohne Stolypin aus dem Wege zu räumen, den wichtigeil Posten des Ministers des Innern mit einer Persönlichkeit zu besetzen, welche ein gehorsames Werkzeug der Reaktionäre sein lvürdc. Alldrerscits kommt dieser Meldung eine noch größere Bedeutung zu. Stolypin trägt sich schon seit geraumer Zeit mit. dein Gedanken, nur die oberste Leitung des Kabinetts zu behalten, die Verantlvortung für die innere Politik jedoch einem anderen zu überlassen, und zwar den ihn ersetzende» Alinister des Innern so zu wählen, daß auch die echten Russen auf ihre Rechnung kommen würden. In diesem Falle würde er gewissen Kreisen Westeuropas als der „konstitutionelle" Premier gcgcnüberstchcn, ohne für die sich vorbereitenden Vorgänge iin Innern verantwortlich zu scheinen. Bis jetzt war die Eigenliebe oder sagen wir politische Eitelkeit Stolypins in der Pogroinfragc berührt. Er wollte um jeden Preis Pogrome verhüten, und nur infolge seiner Rundschreiben, deren kategorischer Ton von keinem Polizeichef anders auf gefaßt werden konnte, als daß in Petersburg Pogrome nicht gewünscht werden, ist eine ganze Reihe von Pogroms verhindert worden. Seither hat sich die Lage wesentlich verändert. Die Anhänger der Pogrompolitik, mit denen Stolypin nie entschieden zu brechen gewagt hat, sind erstarkt wie niemals vorher, — und da er deutlich seine Ohnmacht den Pogrompolitikern gegenüber fühlt, die bereits in Odessa begonnen haben, ihr „Programm" zu verwirklichen, so scheint er allen Ernstes entschlossen, mit der Wahrung eines gewissen Dekorums dem Ansturm der Reaktionäre nachzugebe» und ihnen das Ministerium des Innern abzutreten. Verwirklicht sich d ie sc. Ab si ch t, so steht Rußland am Vorabend einer blutigen Reihe von Pogromen, die alles bisher auf diesem Gebiet Geleistete in den Schatten stellen werden. Das würde kurz vor Beginn des Wahlkampfes ein Signal für die echten Russen sein, die sich diesmal keineswegs allein gegen die Inden, die in ihren Wahlrechten bereits stark beschränkt sind, wenden werden, sondern gegen alle diejenigen, die nicht ihrer „Politik" zustiiniiicu. Die Einleitung dazu ist in den Vorgängen in Odessa zu erblicken. Als die Presse gnit aller durch das gegenwärtige Preßreglement gebotenen Vorsicht über diese Vorgänge zu sprechen begann, hatte die offiziöse Rossija, die die 'ganze Zeit von der Notwcndigkcir einer starken Macht lcitartikelt, die Stirn, nur zu berichten, daß sie über die Odessaer Vorgänge „keine genauen ^Nachrichten" besitze. Selbst die sehr gemäßigte Sloloo, die vom Exininistcr Fcdorow redigiert wird, fragt zweifelnd, ob die Regierung, selbst wenn sie „mit fester Hand die Ordnung wieder Herstellen" wollte, tvie Rossija meint, dies zu tun imstande sei. Ihr Korrespondent aus Odessa zweifelt daran und hält dafür, daß die Munizipalität allein helfen könne. Die Bevölkerung habe ausgehört an den guten Willen dieser Administration zur Schlichtung des Bürgerkrieges in den Straßen Odessas zu glauben. „Und tatsächlich, schreibt das gemäßigte Blatt, das wir absichtlich gerade seiner regierungsfreundlichen Mäßigung wegen zitieren, hat die Konsequenz der Ereignisse die Bevölkerung zu solchem Zweifel fuhren müssen. Man braucht sich nur die Geschichte Odessas während der letzten Jahre ins Gedächtnis zurückzurufen, um über die Inkonsequenz der dortigen Verwaltung zu erstaune». Kaum hat Odessa begonnen, sich ein wenig von den Pogromen und den Mißhandlungen friedlicher Bürger in den Straßen zu erhole», kaum hatte der dortige Stadthauptmann eine relative Ordnung wieder Herstellen können und die erschreckte Bevölkerung. beginnt in die Stadt zurückzukchrcn, so wird dieser Stadthauptmann (Grigoriew) abgcsctzt und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 36. ein neuer ernannt^ Dieser neuernannte Stadt« hauptmann, General Nowitzki, ein redseliger Herr, der viel von Gesetzlichkeit zu sprechen liebt, genießt in Kiew, wo er bisher seine Tätigkeit entfaltet hat, den wohlbegründeten Ruf, Veranstaltungen wie Pogromen sympatisch gegenüber zu stehen. Die Abberufung Grigoricws ist eine Erfüllung der Forderung der „echten Russen". Die Regierung ist ihnen in Odessa cntgegengekommen und schickt sich an, ihnen duck) das Ministerium des Innern auszuliefern. Die blutigen Folgen für Rußland werden leider nicht ausbleiben. (Rnss. Korresp.) Odessa. In der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag Ivurde in der Nähe des Bahnhofes vom Verbände der echt russischen Leute eine ganze fliehende jüdische Familie beraubt und barbarisch verprügelt. Die alte Mutter wurde crs ch l a g e n, alle Mitglieder der Familie auf offener Straße g e f o l t e r t, bis sie das Bewußtsein verloren. Odessa, 10. Sept. Heute ist wieder Ruhe einge treten. Lodz, 10. September. Hier haben Pogromunruhen begonnen. Großbritannien. Manchester. Chief-Rabbi Dr. Adler-London iveihte die »euerbaute Higher Broughton- Synagoge ein. Die Kosten der Synagoge belaufen sich auf 6000 Pfund. Palästina. Jerusalem, 28. August Das Bikkur Cholim- Hospital, von dem gleichuamigcu Verein gegründet, besteht nunmehr seit zirka 40 Jahre». In einer engen -Seitengasse der hart anciuaudergcbauten Häuser der Altstadt gelegen, entspricht es längst nicht mehr den hygienischen Anforderungen der Neuzeit. Um nun ein neues Hospital, außerhalb der Stadt in freierer Luft, bauen zu können, hat Herr Valero dem Verein ein Terrain, welches sein Eigentum lvar, um Frcs. 15 000 unter dem Verkaufspreise überlassen. Die Baukosten sollen durch milde Gaben aufgebracht werden. Mit dein Unterbau ist bereits der Anfang gemacht worden. Dem Verlauten nach, soll auch das alte Hospital nach ivie vor im Dienste bleiben. — Zu viel des Guten kaim man ja in dem armen Jerusalem nie tun. Da haben wir neulich erst ein neues Altersversorgungshaus bekommen, welches unter der Leitung des Rabbiners Ch'urgiu steht, und schon ist dasselbe bereits überfüllt. Mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung werden neue Anstalten nötig. — Unter dem Zuzug befinden sich aber leider Eleinente, die hier böses Blut machen. So weigert sich ein gewisser K. aus Kischineo, sein neugeborenes Söhnchen beschneiden zu lassen — ein Fall, der bis heute beispiellos in der Geschichte der hl. Stadt dasteht. Vielleicht besinnt sich der Herr noch eines Besseren. lk. Personalien. Frankfurt a. M. Nach langem schweren Leiden ist in der Kraft seiner Jahre ein Manndahingerafst norden, der der besten einer gewesen ist. Simon W a l l e r st e i n hat zu den Schülern Samson Raphael Hirsch's gehört, bei denen das Wort des Meisters Wurzel geschlagen und üppige Blüten -getrieben hat, und so verband er die gewissenhafte Ausübung der religiösen Gebote mit einer vornehnicn Gesinnung und einem Hellen Mick für das Leben. Pflichttreue im jüdischen Sinne waren das Leitmotiv seiner Gedanken -und seiner Betätigungen. Als aufopscruder Bruder im Kreise seiner Geschwister, als stets hilfsbereiter Genosse für alle, die bei ihm Hilfe suchten — mochte es seinen klugen Rat oder seinen materiellen Beistand betreffen — und als durch ihre Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit mustergültige Persönlichkeit in ihrem Berufe, hat Simon Wallerstcin sich ein dauerndes Andenken gesichert. Berlin. Den Handelsrichtern Hugo Deutsch und Louis P a d e r st e i n wurde der Rote A d - lcrorden 4. Klasse verliehen. — Der persische Generalkonsul, Koiniiierzienrat Max Leon erhielt das Offizicrskreuz des italienischen Mauritius - und Lazarusordens. Rom. Primo Levi. zuerst Leiter der „Reforma" und seitdem Kunstkritiker der „Tribuna" unter dem Pseudonym „Jtalico", ist unter Ernennung zum Generalkonsul ins Auswärtige A in t berufen worden. Paris, 10 Sept. Heule starb die Witwe des verstorbenen Oberrabbiners von Frankreich Zadok- K a h n. New-Nork. Arthur A Housman, eines der populärsten und angesehensten Mitglieder der hiesigen Effekten - Börse, verschied im 52. Lebcnsjahre._ Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. »Vergnügungs-Gesellschaft j u n g e r L e u t e g c g r.. 1893" gibt bekannt, daß sie mit dem unterm 29. August d. I. neu gegründeten Verein „Vergnügungsklub junger Leute" nicht identisch ist. — Die nach Austritt verschiedener Vorstandsmitglieder stattgefundenc Ersatzwahl ergab folgendes Resultat: B. Blumenthal (1. Vorsitzender), A. Aschenbrand, L. Böttigheimer, N. K a u f m a n n, M. R o s e n t h a l, I. F u l d. — Das Vereinslokal befindet sich nach wie vor bei N. Seligmann, Breite gasse 2. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Frankfurter Israel. Familienblattes gingen für den Nationalfonds ein: Dr. med. Jacob Feuchtwangcr gratuliert Joseph Feingold, Warschau zu seiner Vermählung JL —.50 Saly und Selmar Geis, do. „ —.50 Familie S. H. Goldmann, do. „ —.50 zus. M 1.50 Bei der Nationalfonds-Koiiiiuission gingen ein: Herr I. L. Goitein "spendet einen Oelbaum im Herzlwald auf den Namen von Herrn und Frau Fritz Sondheimer Jk 6.— New-Aork. Sir William Marti m er Clark, Gouverneur der Provinz Ontario, der größten und bevölkerstcn Provinz Kanada's, hat in einem Briefe an C l arc n cc I. de So la, den Präsidenten der Foederation der zionistischen Vereine in Kanada, seine Sympathie für die zionistischen Bestrebungen ausgesprochen. Der Brief dieses hervorragenden Staatsmannes ist umso bemerkenswerter, als er so kurz nach dem jüngsten kanadischen Zionistentag in Ottawa, der durch den Besuch zweier Minister Kanada's beehrt wurde, geschrieben worden ist. Aus der Lehrerwett. Tilsit. Rabbiner Dr. A. Ehrlich beging seinen 70. Geburtstag. Krotoschin. Die jüdische Gemeinde erhöhte die Alierszulage ihrer Lehrer von 175 auf 200 Mark, was bei der hohen Belastung der Gemeinde und da die Schule, an der 3 Lehrer unterrichten, nur noch von 36 Schülern besucht wird, erwähnenswert ist. Betterjo-Nfalu (Ungarn). OberrabbinerA.Blum ist verschieden. Die Nachricht bedeutet für das gesamte Israel eine Trauerbotschaft, denn der Verewigte durfte zu den bedeutendsten Talmudgelehrten der Gegenwart gerechnet werden. Brody (Galizien). Rabbiner Abraham MendelSteinberg, bisher in Sniatyn, ist feierlichst in sein Amt als Rabbiner der hiesigen Gemeinde eingeführt worden. — Rabb. Steinberg hatte sich bei der letzten Reichsratswahl als Agitator für den polnischen gegen den jüdisch-nationalen Kandidaten bemerkbar gemacht. kik © Eine gute Nummer. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pulverniann. (Schluß). Der aussichtslose Brautstand seiner Tochter war Red Jone durchaus nicht gleichgültig; und war das Ziel seiner früheren Leidenschaft auf einen Gewinn für fia) selbst gerichtet, so hatte er jetzt einen moralischen Rechtfertigungsgrund für sein verschwenderisches Spiel, daß er die Mitgift seiner Tochter dadurch beschaffen wollte. Tagelang stellte er darum verschiedene Kombinationen aus passenden Bibelversen, aus Psalmcnanfängen nslv. zusammen —, doch bisher ohne Erfolg, und der sehnlichst erwartete Gewinn wollte nicht und wollte nicht kommen. Irgendwo stellte sich dann nach der Ziehung ein Fehler heraus, der die ganze Berechnung über den Hansen warf. — Er hatte „siebenundachtzig" gesetzt und das Unglück wollte, daß „achtundsiebzig" heranskam. — Manchmal war es nur eine einzige Zahl, die ihm die schiverc .Enttäuschung brachte; er hatte „sechsunddreißig" gesetzt und mit Schrecken nahm er war, daß „sünfunddreißig" gezogen wurde. — Kein anderer als Satan selbst konnte jihm diesen Schabernack gespielt haben und er nahm sich,' fest vor — was? Nicht mehr zu spielen? O, nein — er nahm sich fest vor, das nächste Mal — eine andere Berechnung aufzustellen, die unfehlbar sein mußte. — Man kann sich denken, in welch' elender Verfassung. Red Jone sich am nächsten Morgen nach der ereignisvollen Nacht befand. Nicht nur weil Hinde ihm den nötigen Einsatz verweigerte, sondern auch — o, Jammer und Schande! — er hatte die himmlischen Zahlen — vollständig vergessen. Er mochte tun, was er wollte, auch nicht auf eine einzige konnte er sich mehr besinnen Von dem ersten Trauine wap

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.