Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 demselben Lokale wieder Gottesdienst stattfinden, und e* können Fremde, die sich melden, daran teilnehmen. Berlin: Spende Professor Dr. Jatrosinski- Charlottenburg spendete der hiesigen jüdischen Gemeinde zur Unterstützung früherer Zöglinge des Reichenheim'schen Waisenhauses 33 261 JL Berlin. Von je 100 de-jenigen Kandidaten des Höheren Lehramts, die in Preußen 1906 die Prüfung bestanden, waren 1,06 Inden (1905 —,31 und 1904 —,74). Berlin. Am 4. Septembex fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführcnden Ausschusses desHilfsvereins der Deutschen I u d e n statt. Mit lebhaftem Beifall nahm der Ausschuß die Mitteilung des Geschäftsführers im Ehrenamt, des Herrn Dr. Paul Nathan, entgegen, daß die Mitglied e r z a h l des Hilfsvereins von 13 000 am Ende des Jahres 1906 zur Zeit, also bis September 1907, auf 17 000 gestiegen ist. Die Ausbreitung des Hilfsvereins und die sich immer steigenden vielfältigen Aufgaben, die an ihn herantreten, lassen die Mitarbeit möglichst zahlreicher hervorragender und opferwilliger Persönlichkeiten aus allen Teilen Deutschlands als unumgänglich notwendig erscheinen. Demzufolge wurden für das Zentralkomitee 40 neue Mitglieder und für den geschäftssührcnden Ausschuß drei Mitglieder in Vorschlag gebracht. Herr Dr. Nathan gab einen Bericht über den Stand des HilfsWerks für die Opfer der Judenverfolgungen in R u m ä n i e n und M a r o k k o. Weitere Mittel für diese Zwecke tvnrden für evtl. Erfordernisse bereit gestellt. Die Hilfsaktion für die russischen Juden erfordert nach wie vor dauernd erhebliche Aufwendnngen. In dieser Sitzung wurde die Subvention für die Auswandererhcrberge in Königsberg i. Pr., die unter Verwaltung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereins steht, erhöht; die Subventionen für das Hilfskomitee für jüdische Anstvanderer in Basel und für den jüdischen Volksvercin in Berlin, die sich beide die Fürsorge für Auswanderer angelegen sein lassen, wurden erneuert; dem jüdischen Volksverein wurde außerdem ein einmaliger Beitrag von Jk 200.— gewährt. Die jüdische Studentenkasle Esrath Achim in Zürich, die besonders infolge oer noch immer tiestraurigen wirtschaftlichen Lage des Zarenreiches durch russische Studenten sehr stark in Anspruch genommen wird, erhielt wie im Vorjahre Frcs. 300.—. Für Galizien, woselbst der Hilssvercin der Deutschen Juden in engster Verbindung mit der befreundeten Großloge für Deutschland und in Kooperation mit dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien vorgeht, wurden Bewilligungen vollzogen, die den Ausbau des Hilfswerks speziell auf dem 'Gebiet der Jugendfürsorge weiterführen. Es wurden Mittel zur Begründung von Kindergärten in T a r n o w und K o l o m e a bewilligt, wo ein besonderes Bedürfnis nach diesen segensreichen Instituten besteht, die .sich auch in Galizien auss beste bewähren, und wo tatkräftige und hingebungsvolle Persönlichkeiten die Initiative zur Durchführung dieses schönen Humanitären Werkes ergriffen haben. Es wurden ferner dem jüdischen Zweigkomitec für die internationale Bekämpfung des Mädchenhandels zur weiteren Verfolgung seiner Zwecke durch Begründung von speziellen Komitees in Galizien, die dem Mädchenhandel im Lande selbst energisch entgegenwirken sollen, ein Betrag von JL 800.— zur Verfügung gestellt. Eine hebräische Schule in R z c s z o w, die in kleinem Rahmen nüpliches leistet, erhielt eine Zuwendung von 200 Kr. Für Schüler der L e h r a n stakt des Herrn Rabbiner D r. Jung in 1l n g. B r o d (Galizier und Russen) wurden 600 Kr. Stipendien gewährt. Ein großer Teil der Tagesordnung, die sich ans Bewilligungen für Lehranstalten und andere Institute im Orient, insbesondere in P a l ä st i n a bezieht, lvurde znrückgestellt bis zur Rückkehr des Herrn Dr. Nathan von einer Reise, die er nach dem Orient, Bulgarien, der europäischen Türkei, Kleinasien, Syrien und Palästina zum Studium der wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Länder und der Lage der dortigen Juden und ihrer Aussichten für die Zukunft unternimmt. Unter Vertagung aller andern Anträge, die aus den Balkanländern und der europäischen und asiatischen Türkei Vorlagen, wurden für das hebräische Gymnasium in Jaffa, durch dessen Begründung einem lebhaften Bedürfnis entsprochen Ivorden ist, 1600 Frcs. zur Anschaffung von Büchern und Instrumenten bewilligt. Zur Ausbildung einer palästinensischen Kindergärtnerin in Deutschland — an Kindergärtnerinnen von Fach ist ein großer Mangel in Palästina — und zur Unterstützung eines Arztes, der sich in Palästina niederlassen will und der spezielle Kenntnisse auf ophtalmologischem Gebiete hat, — was für den Orient von besonderem Wert ist, — wurden entsprechende Beiträge gewährt. Mannheim. Nunmehr wurde gemäß dem Vorbild anderer Städte auch am hiesigen Platze eine „Unentgeltliche Arbeitsnachweis stelle f n r I s r a e l i t e n" ins Leben gerufen und bezüglich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. des Lokales mit der Passantenkasse vereinigt. Damit ist die Reihe jüdischer sozialer Einrichtungen um eine weitere vermehrt, die hoffentlich segensreich wirken wird. Hamburg. DieErweiterungsbauten der Auswandererhallen gehen nunmehr ihrer Vollendung entgegen. Statt der bisherigen 11 sind es nunmehr 31 Pavillons, die 4000—5000 Auswanderern gleichzeitig Unterkunft bieten. Wer die Answandererhallen durch das stattliche, mit einem Turm geschmückte Empfangsgebände betritt, gelangt zunächst in das Ausnahmebureau, in dem die ankommenden Auswanderer ihre Personalien anzugcbeu haben und die für ihre Unterkunft und Verpslcgung ziötigen Ausweise erhalte». Die für die Dauer des Aufenthalts in den Hallen streng durchgeführte Trennung nach Geschlechtern beginnt bereits hier. Zu beiden Seiten des Aufnahmebureaus liegen, niit diesem zusammenhängend, die Warteräume, in denen die ärztliche Untersuchung der Angekommcnen stattfindet, ferner 4 Pavillons mit zusammen zirka 300 Betten für die Unterbringung etwaiger noch nicht ärztlich untersuchter 'Auswanderer und endlich die mit heizbaren An- und Auskleidezimmern versehenen Baderäumc, nebst den Desinfektionsanstalten. Sind die angekommenen 'Auswanderer ärztlich untersucht und, soweit der untersuchende Arzt dies anordnet, gebadet worden, so betreten sie die sogenannte „reine Seite" der Answandererhallen. Hier erheben sich jetzt insgesamt 27 Unterkunftspavillons, die je aus einem Wohnraum, 2 oder 4 Schlafsälen und, von diesen zumeist durch einen breiten Gang getrennt, den nötigen Waschräumen und Klosetts bestehen. Sämtliche Räume sind hoch und haben Tageslichr. Die Ventilation wird in den neuen Pavillons durch sogen. Shedlüfter, in den alten durch Schaarendachentlüfter bewirkt. Zur Verstärkung der Lustzirkulation hat man außerdem die Trennungswand zwischen zwei Schlafsälen nur bis zur halben Höhe des Raumes ausgeführt und sie in ihrem oberhalb des Fußbodens befindlichen Teile durch Gitterwerk durck'brochcn. Der pro Kopf der Insassen vorhandene Luftraum stellt sich in den alten Pavillons auf ca. 14 Kubikmeter, ln den neuen, die infolge ihrer bedeutenden Höhe eine doppelte Belegung zulassen, auf ca. IOV2 Kubikmeter. Die Schlafsäle sind dort je mit 22, hier niit 40 Betten ausgerüstet. Insgesamt können in den 27 Pavillons der reinen Seite bei doppelter Belegung ca. 3700 Personen untergcbracht werde». Sämtliche Pavillons haben Dampfheizung und elektrisches Licht. . Getrennt von den llnterknnstspavillons liegen die Wirtschaftspavillons mit ihren gewaltigen Speisesälen irnd den geräumigen Küchen. In den für die Juden bestimmten Küchen erfolgt die Z u b e r e i t u n g der Speisen nach streng jüdischem Ritus unter Aufsicht eines vom Oberrabbiner bestellten Beschauers. Für diejenigen Auswanderer, die auf gesonderte Unterkunft und Mahlzeiten Wert legen, ist eine ganze Reihe besserer Wohnungen, meist zu 4 Betten, in zwei Sondergebäuden, den Hotels, vorhanden. Sic werden namentlich von den Passagieren 3. Klasse gern benutzt. Dem religiösen Bedürfnisse der Emigranten dienen eine evangelische und eine katholische Kirche, sowie ein jüdisches B e t h a u s. Posen. Synagogen-Einweihung. Die init einem Kostenaufwande von 600,000 JL — außer den 250,000 Jk Kosten für den Grund und Boden — an der Wronkerstraße errichtete Synagoge 'würde vergangenen Donnerstag in Gegenwart des Oberpräsidcnten von Waldow, des Regierungspräsidenten Kranrer, des Polizeipräsidenten v. Hellmann, des Stadtkommandanten v. Jssendorf, des Oberbürgermeisters Dr. Wilms usw. eingeweiht. Die Festpredigt hielt der greise Leiter der jüdischen Gemeinde, Rabbiner Dr. Fcilchenfcld. Die Synagoge dient als Ersatz der Alten und der Neuen Betschule in der Judenstraße. Auf dem Grundstück, auf dein sie sich erhebt, befanden sich die S. B. Latz'sche Studier-Siechenanstalt und eine städtische Schule, welch' erstere nunmehr auf dem Grundstück der Alte» und Neuen Betschnle errichtet wird. Die Synagoge ist ein monumentaler Kupvelbau in romanischem Stil. Ihre Lage ist zur Erzielung einer imposanten Gesamtwirkung sehr günstig, da sie von allen Seiten von Straßen begrenzt wird, also vollständig frei dasteht. Die innere Ausstattung des 650 Männer- und etwas weniger Frauensitze enthaltende» Gebäudes ist prächtig; besonders das Kuppelgewölbe, das die 12 Tore Jerusalems in künstlerischer Ausführung zeigt und der Oraun Hakaudesch, der gleichfalls mit Flächenornamenten versehen ist und in seinen Freskofarben vorzüglich mit dem inneren Kuppelgewölbe harmoniert. Von den Spendern seien besonders hervorgehoben: Frau Leonore Victor geb. Cohn und Familie (Oraun Hakaudesch), Frau Helene Guttmann geb. Jaffv (silbernes Löwen-Ornament über dem Oraun Hakaudesch), Salomo Friedenthal (Porauches), Familie S. D. Jaffe-Berlin (Almemor) und Michaelis Rosenthal (Ner Tomid). Posen. Eine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung hat die hiesige Königl. Regierung getroffen; sie hat nämlich entschieden» daß der Beginn einer Wahlperiode der Seite 3. Repräsentanten nicht, wie bisher angenommen wurde, vom Tage der Einführung in ihr Amt, sondern vom Wahltage ab zu rechnen sei. Oesterreich-Ungarn. Wien. Am 5. ds. Mts. wurde in Döbling. Dollimergasse 3, die neue Synagoge eingeweiht. Rabbiner Dr. Feuchtwang hielt die Festrede. Prag. Die hiesige .Selbstwehr" schreibt bezüglich des am 26. August in Wien verschiedenen Großindustriellen Emil Frhr. von Kubinzky: „Wie uns von verläßlicher Seite übermittelt wird, ist Freiherr von Kubinzky bis zwei Stunden vor seinem Tode noch Jude gewesen. Tatsächlich ist die gesetzlich vorgeschriebene Erklärung über den Austritt aus der mosaischen Konfession und den tkebertritt in die römisch-katholische vom Todestage datiert, beweist also, daß der Kranke in einem Zeitpunkte konvertierte, in welchem sonst alte Leute dies nicht zu tun pflegen. Dazu kommt, daß Freiherr von Kubinzky angeordnet haben soll, er wünsche auf dem jüdischen Friedhofe in Prag neben seinem Vater beigesetzt zu werden. Diese letzte Willensäußerung steht in einem schreienden Widerspruche zu der Konversion. Die Art der Traueranzeigen, in welchen dem Namen des Toten ein großes Kreuz beigefügt war, hat in Wien, wie in Prag großes Aufsehen hervorgerufen; besonders hier hat man sich erinnert, daß Baron Kubinzky in einer Prager Snnagoge an jeder Seelengedächtnisfeier teilnahm und daß sich ckuf dem jüdischen Friedhofe in Wolschan eine prunkvolle Gruft befindet, die Emil Freiherr von Kubinzky, als sein Vater starb, erbauen ließ. Es ist unbekannt und wird wohl nie einwandfrei festgestellt werden können» ob der Kranke die Einwilligung zu seiner Taufe erteilt hat. War dies nicht derfFall, dann war die Anrufung der katholischen Seelsorge von Seite der Familie erfolgt, die seit Jahren bereits außerhalb des Judentums steht." Salzburg. Unerwünschte Gäste. Bei einem am 4. dss. stattgefundenen Hochschulkursball begann man, eiugeladeue jüdische Hörer und Hochschulvercsnsmitgliedcr gewaltsam aus dem Saale zu drängen. Sämtliche Juden erklärten sich daraufhin solidarisch und verließen gemeinsam das Lokal. Schweiz. Zürich. Die Generalversammlung der j it d. Gemeinde, bei der von ca. 411 Mitgliedern etwa 160 anwesend waren» beschäftigte sich zuerst und hauptsächlich mit dem Synagogenbau. Die bisherige Synagoge mit ihren 163 Männer- und 157 Frauenplätzen ist längst zu klein. Eine neue Synagoge mit 800 bis 1000 Plätzen würde aus etwa 1 Million Francs Kosten kommen, während eine zweite Synagoge mit einer viertel Million Francs sich erbauen läßt. Die Lösung der finanziellen Frage macht Schwierigkeiten, und die Versammlung beschließt deshalb, die Baukommission auf 10 Mitglieder zu erhöhen und ihr die weitere Beratung dieser Angelegenheit zu überlassen. Der Bericht des Präsidenten Dr. Guggenheim über das Aufrufen zur Thora an den Wochentagen rief eine lebhaste Debatte hervor. Der Bericht sagte folgendes: Die Gemeinde hat seit ihrer Gründung in den 60er Jahren in überwiegender Majorität der neueren Richtung angehört. Anfangs der 80er Jahre begann eine rührige orthodoxe Minorität sich zu regen; 1887 verlangte sie die Inspektion der Schule durch einen auswärtigen Rabbiner; 1893 verlangte sie einen Separatgottesdienst; der damalige Vorstand wollte keinen Staat im Staate und die Gemeinde änderte die Statuten dahin, daß, wer sich einer andern am Orte bestehenden Gemeinde anschlicßt, aus der Gemeinde ausgeschlossen werden könne; die Minorität focht diese Statutenänderung vor dem Bezirksgericht' an und ging, hier abgewiesen, vor das Obergericht; im letzten Moment wurde am 2. Mai 1896 der bekannte Vertrag abgeschlossen, wonach die Gemeinde sich verpflichtete, für 25 Jahre, sofern 10 Mitglieder der Gemeinde das Verlangen stellen, in dem neuerbauten Schulhaus einen Separatgottesdienst einzurichten, der den Bedürfnissen dieser Minorität entspricht, also ohne Harmonium und gemischten Chor u. dgl. Die Gemeinde verfuhr vertragsgemäß, aber es ergaben sich bald wieder Schwierigkeiten, die dennoch zur Begründung einer eignen orthodoxen Gemeinde führten. Nur Wenige blieben in dem Betsaal Auch mit diesen gab es ab und zu Differenzen. In den letzten Jahren war Friede. Aber neuerdings sind drei Beschwerden von Gemeindemitgliedern eingegangen, denen das Aufrufen zur Thora an Wochentagen bei ihrer Jahrzeit verweigert wurde, weil sie keine Tsillin trugen. Der Vorstand hat die Beschwerde für begründet gefunden, da darin eine Beleidigung liege; in Basel werden Jahrzeiter auch ohne Tsillin aufgerufen, und der orthodoxe Rabbiner Dr. Cohn sehe denr ruhig zu. Die hiesigen Orthodoxen weigern sich aber hartnäckig nachzugeben und erklären die Gemeinde für vertraglich verpflichtet, den Gottesdienst im Betsaal ganz nach ihren Bedürfnissen zu belassen. — In der Diskussion wurde von fast allen Rednern anerkannt, daß die Gemeinde den Betsaal in orthodoxer Richtung zu belassen habe, andererseits aber auch betont, daß man für die Beschwerdeführer ebenfalls