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Neue jüdische Presse · 1907-09-13 · Heft 36 (13.9.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 36 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Brief aus Ungarn. Wer in den letzten Wochen einige Stunden in der ungarischen Metropole zubrachte, mußte staunend wahrnehmen, daß diese Hochburg der Assimilation, deren 185 OVO jüdische Einwohner fast alle Merkmale der Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse abgestreist haben, im Handumdrehen zum Ghetto im Quadrat umgezaubert wurde. An allen Ecken und Enden wird man von jüdischen Emblemen überrumpelt. Der fadenscheinige Schundromankolporteur, der sonst die literarischen Produkte der Gosse mit überzeugender Dialektik an den Mann disputiert, hat es in der Elul-Metamorphose bis zum Machsor- und S'lichoshausierer gebracht und scheint keinen anderen Beruf zu kennen, als die Welt durch Gebet von dem Jom-Hadin zu befreien. Dort, wo sonst Melonen- und Gurkenpyramiden auf uns herabstarrten, erheben sich die Esrogimhügel und Lulosimbündel der Arbaminimhändler und laden den vom Turf nach Hause ellenden Judäamagyaren zur Deckung seines Bedarfs recht freundlich ein. Und das Geschäft mit der Palästinaware floriert. Die Leute flattern mit fliegenden Rockschößen von dannen und schleppen mit einer komischen Eile die spitzen LUlofäste davon. Als ob sie sich als Juden ' nicht erkennen lassen Ivollteu. Man wird vom jüdischen Milieu bis in den verborgensten Schlupfwinkel verfolgt. Und glaubt man sich schon vor seinen Brüdern in Sicherheit, dröhnt einem eine wohlgelungene Tkiogedaulo ins Ohr, daß man versucht ist, zu denken, in Kleinjerusalenr zu sein, wenn man nicht mit mathematischer Sicherhett anzunehmen gezwungen wäre, daß Budapest nur „Großbowel" sei. . . . In keiner Stadt der Welt wird vor Raschhaschano so viel, so nachdrücklich und so trommelfellerschütternd Schofor geblasen, als eben in Budapest. Legion ist die Zahl derjenigen, die mit dem Schofor bewaffnet, die Runde durch die Cafäs u. dgl. machen, um ihre Blaskunst in klingende Münze umzusetzen. Glücklich der, der gut geblasen hat. Seiner darbenden Familie ist über die dringendste Not hinweggeholfen, denn dem Manne ist eine Stelle in irgend einem Tingeltangel, wo sonst eine gepuderte. Diva ihre falschen Zähne und Lieder glänzen ließ, das aber nun zum provisorischen Gotteshaus umgestempelt wurde, gesichert. Diese Betbuden wachsen, dank der wohlweisen Fürsorge der Gemeindestubenpotentaten, wie die Pilze aus dem Boden hervor. Die Spekulation auf Andacht, die das Bedürfnis nach Erbauung auf Heller und Pfennig berechnet hat, und mit einer marktschreierischen Reklame sondergleichen arbeitet, verfehlt ihr Geschäft nicht. Die 185000 mosaischkonfessionellen Budapester können von den drei Synagogen nicht gefaßt werden, darum florieren diese Bet- und Bußbudicken. Und das berühmte Cafe „Orezi", die Börse der Erbauungsbedürftigen, macht den Preis: ist für Schofor und Bal tfilo tonangebend. ... Aber nicht nur in Budapest, auch in der Provinz weht zur Stunde ein konfessioneller Wind. So hat der Reformrabbi Löw aus Szeged in einer Anwandlung pinchosistischen Eifergeistes einen gelehrigen Schüler, der begeistert von seiner Sabbatpredigt mtt eingewcihtcm Stift seine Gedankenblitze nachstenographierte, in optima forma geohrfeigt. Und, daß dies nicht der letzte Schlag bleibe, der auf jüdisch-konfessionellem Gebiete verhallte und von der «semitischen Justitia zur Austragung gelangte, dafür sorgte die allwissende ungarische Landeskanzlei mit ihrer ins Fleisch der Orthodoxie schneidenden Entscheidung, „daß der Schulchan Aruch für Juden nicht mehr bindend sei und als längst abgenützter Rumpelkram fanattschen Observantentums den Platz in der „historischen" Ecke verdient!" Wenn nun dieselbe „Kanzlei" fast im gleichen Atemzug die Einsetzung eines vielköpfigen Rabbinatskollegiums mit autoritativer Kompetenz in „religiösen" Dingen fordert, ist das nur ein logischer „Schnitzer", den allein Dr. Schnitzer, der Jnittator dieses Anttags, erllären kann. Die Gewerkschaftsorganisation der ungarischen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Ncorabbiuer, die in der gleichen Sitzung angeregt wurde, hat bei den jüdischen Fleischbeschaucrn Budapests Nachahnrung gefunden. Die sechzig Koschcrfleischmaschgichim, die bei ILstündiger Tagesarbeit und monatlichen 50 Mark fast nur von der Idee leben, haben den Streik erklärt. Ihre Lohnbewegung wurde mit brutaler Faust gebrochen, denn der ritterliche Großmut unserer Hochjuden zeigt sich gewöhnlich nur jenen gegenüber, die außerhalb des jüdischen Bannkreises leben. Wir kranken an mittelalterlicher Romantik; — haben wir das vom Ungartum geerbt? Wenn nian auch uns, wie zuletzt bei Königsgeburtstag trotz Emanzipation und Gleichberechtigung mit den übrigen Konfessionen bei der Einladung zum Festbankett, wo wir alljährlich vertreten sind, vergißt, dann tun wir großmütig und vergeben. Daß sich aber dann noch der jüdische Lehrerverband die traurige Geschmacklosigkeit leistet, dem Grafen Apponyi, weil er Kultusminister ist, trotz seiner offenen Judenanimosität das „Ehrenoberlehrerdiplom" , jüdischer Prägung zu überreichen, zeigt uns,. wie weit der zersetzende Prozeß der Rückenmarksschwindsucht in diesen „intelligenten" Kreisen bereits gediehen ist. Die Herkunft unserer Ziffern. Unter diesem Titel bringt die „Frankfurter Zeitung" einen Artikel aus der „Naturwissenschaftlichen Rundschau" über einen Borttag des Dr. Karl Mischke in Yokohama „Naturgeschichte der Ziffern", worin es heißt: „Was nun unsere heutigen, sog. arabischen Ziffern betrifft, so wäre zu untersuche», ob sic bloße Symbole wie die griechischen Ziffern sind oder aber ähnlich den römischen aus Fingerziffern, d. h. aus mehr oder weniger deutlichen Bilden! der die betreffende Ziffer darstellenden Fingerstcllung hervorgegangen sind. Auf diese Frage wirst Mischke durch eine genauere Betrachtung der chinesischen Ziffern ein neues Licht. Abgesehen von der chinesischen 8, die bis jetzt jeder Ableitung spottet, gelingt es ohne allzu gekünstelte Annahmen, die chinesischen Ziffern als aus Fingerzeichen hervorgegangene aufzufassen. Stellt inan nun den chinesischen Ziffern die indisch-arabischen gegenüber, so erscheint es nicht unmöglich, daß die letzteren ans den erstcren hervorgegangen sind und daß die Umbildung, die bei einigen (6, 8, 9) sogar bis zur Unkenntlichkeit fortgeschritten ist, auf das Bedürfnis, die Ziffern in einem Zuge zu schreiben, zurückführt. Es ist auch möglich, daß beide von einer gemeinsamen Quelle abstammen, von der sich aber dann die chinesischen Ziffern weniger entfernt haben würden, als die indischen." Alle diese Hypothesen: nicht allzu gekünstelt, nicht unmöglich, auch möglich, bringen nicht nur kein neues Licht, sondern verdunkeln Tatsachen, die unbegreiflichcrweisc durch die Rückständigkeit der Forschung auf diesem Gebiete übersehen sind. Erstens sind die griechischen Ziffern keine Symbole, sondern einfach die Buchstaben des Alphabets, welches die Ionier von den benachbarten Aramäern und diese von den Ursemiten entlehnt haben, welche die Buchstaben gleichzeitig als Zahlen verwendeten. Beweis: Alpha, Beta, Gamma, Delta usw. sind die aramäischen Benennungen für ursemitisches Aleph, Bet, Gimcl, Dalet usw. Das Koppa gleich semitischem Koph, welches deni griechischen Idiom ftemd war, ist als Buchstabe ausgefallen, aber als Zahlzeichen bcibehalten. Während cs aber im Semitischen 100 bedeutet, zählt es im Griechischen 90, >veil das Griechische das nach dem xi folgende semitische taacke sowohl als Buchstaben Ivie auch als Zahlzeichen ausgestoßen hat. Die Ziffern 6, 8, 9 sind nicht nur nicht umgebildet, im Gegenteil, sie haben die Typen des altsemitischen Alphabets waw, chet, tet ganz unverändert bcibehalten, ebenso wie 4 äalst, nur 1, 2, 7 sind kaum etwas abweichend im Laufe der Zeit umgebildet worden. Die Römer hingegen erhielten das Alphabet viel später durch die Phönizier, ohne die ihnen .Nr. 36 ganz unverständlichen Bildernamcn Alpha, beta, gamma, delta in den abstrakten Aiifangsbcycnnungcn, ohne Zahlenlverte, da die Fingerzcichen bereits längst eingebürgert waren. Vergl. das scniitische Alphabet, Barsilai, Abschnitt VII. A. M a r c u s. Die Woche. Wir befinden uns in den Tagen der Einkehr; der große Tag, id.er Versöhnungstag, steht vor den Zelten Jakobs. Juda soll verzeihen; — wie sonderbar! Juda wird mutwillig gepeinigt, getreten, verhöhnt — und es soll verzeihen!? Welch' Zumutung! — Herr von Taussig, ein Stammesbruder, streckt einer Hooliganen-Rcgierung Geld vor, u. dank dieses Geldes wurde sie in die Lage versetzt, uns abznschlachten, — und wir wurden auch in Massen abgeschlachtet. Und siehe! dem Brudermörder aus bloßer Gewinnsucht soll verziehen tverden! — Der zweite, Mendclsohn ist sein Name, ist eben im Begriff, es seinem qiigestamten Bruder nachzumachen — auch, ihm soll verziehen werden! Doch uicht genug damit, uicht genug, vaß man uns Versöhnung und Milde gegen die a n g e st a in t e n Brüder geboten hat, auch gegen die F r c m d e n sollen wir Milde üben. „Wenislach lechvl adas benei jisroc! welagcr, cs soll der ganzen jüdischen Gesamtheit, auch all den Fremden verziehen werden", rufen wir am „kol Nibre"-Abcnd. Also auch den Stolypins, den Dubrowins, den Kruschewans, den Luegers, Mercürs, Stöckers, Sturdzas — und wie all unsere geschworenen Feinde, die Unserer spotten und in zyni« ischer Weise uns unser Weib und Kind in Stücke reißen und reißen möchten, hcisen — soll vergeben werden! Wo bleibt die Logik, wo das Recht? „Ich, dein Gott, bin bin eifervoller Gott", so die göttliche Formulierung seines Wesens. Und seine Handlung? Die ganze Geschichte Israels vom Beginn seines Werdens bis heute bildet eine lange Kette seiner ihm von seinem Gotte auferlegten schweren Strafen. Noch am Chaureb drohte ihm die völlige Vernichtung seitens seines strafenden Gottes. Und w i r, sein -Volk, dem es geboten, in de» Wegen seines Gottes zu wandeln, — warum dürfen wir uicht Schlechtes mit Schlechtein vergelten? Weshalb müssen wir stets vergeben? Ist es nicht noch mehr wie sonderbar, den Bckennern der Religion des Vergebens und der Dcinut ivird von den Kanzeln herab Rache, Pogrom über unschuldige Greise und Säuglinge gepredigt; dagegen pen Bekennern der Religion der gerechten Vergeltung wird das ewige Vergeben ancmpsohlen! Dem Geschändeten wird Milde gepredigt, demSchändcrdagegcn Härte, — wo bleibt die Logik, wo das Recht?! Und doch siche, nichts ist logischer und richtiger als „Jaum Hakipurim". Unsere Vergebung gilt dem Sünder als Einzelindividunm, dem einzelnen Menschen als subjektiv Empfindendem steht es nicht zu, über eine i h m angetane Unbill zu Gericht zu sitzen. Nur Gott vermag seiner Rache Schranke zu setzen, der Mensch aber nicht. Unsere Rache gilt vielmehr dem Bösen; daS Unrecht, die Idole, die Götze» der Menschen, die die Menschen verführen, wollen wir unnachsichtlich vernichten. Da kennen wir als echte Söhne des „El Nelomaus" kein Pardon, keine Versöhnung! Erst wenn „Aulosso ttkpoz Piho wechol Horischoh keoschon tichlo, wenn das Unrecht verstummt und das Böse wie Rauch verduftet," erst dann werden wir uns beruhigen können. Wahrlich, den Bösewichtern wollen wir verzeihen; — ist doch ihr böses Handeln eine bloße Folge der falschen, als bar ausgegebenen Werte, und mithin muß cs als etwas Unbeabsichtigtes slechol hoom bischgogo!) angesehen werden; — allein deren Götzen nimmermehr! Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das russische Seminar hat an den beiden Rauschhaschpnoh - Tagen, da in den von der Gemeinde eingerichteten Synagogen nicht hinreichend Plätze zu bekommen waren, einen besonderen Gottesdienst in der Loge zum Adler, Seilerstraße 22, abgehalten. Am Janmkippur soll in

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