Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692547--03447-2698142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3tntnßfttrf<?r Zstaelilislhes fimilimlilntt. <! . Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— . .. edaKitsn und Hefchaftsstel! Srankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6> Lcke Bleichstraße Telefon 10507. Aeraitsgebev: Kalg chei-s. .! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, de« 5. Tiscliri 5667 (13. September 1907). No. 36. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Unsere Jahresbilanz. — Brief aus Ungarn. — Die Herkunft unserer Ziffern. — Die Woche. — Aus allerWelt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — As der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerwelt.— Feuilleton: Eine gute Nummer. — Wochen- Kalender. — Fa mitiennach richten. Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5667. Von P e l i. II. Die national-politischen und kulturellen Strömungen i m I u d e n t u m. Etwas erfreulicher als die allgemeine Lage ist das innere geistige und politische Leben unseres Volkes im abgelaufenen Jahre. Trotz der allgemeinen Zerrüttung und Zerfahrenheit, die zu Beginn des Jahres in weiten Volkskreisen herrschte und eine einheitliche, zielbewußtc national-jüdische Politik, ebenso eine tief ins Volksleben einschneidende kulturelle Wirksamkeit unmöglich machte, hatten wir doch im Laufe des Jahres einzelne erfreuliche Fortschritte nach dieser Richtung zu verzeichnen. Vor allen: verdient hier eine gewisse Klärung der Situation in Rußland, eine allgemeine Ernüchterung und Selbstbesinnung hervorgehoben zu werden, die auf den verwirrenden Rausch des vermeintlichen russischen Frühlings folgte und den Bann der blinden, einseitigen Hingebung an die allgemeine Freiheitsbewegung unter Vernachlässigung der eigenen nationalen Interessen und Bedürfnisse löste. Dies zeigte sich besonders während der Wahlen zur zweiten russischen Reichsduma. Unter Führung der zionistischen Partei entwickelten die jüdischen Wähler eine rege national-politische Tätigkeit, die von großer volkserzieherischer Bedeutung war. Und wenn - auch die praktischen Ergebnisse dieses -Wahlkampfes säst uns sehr minimale waren, so lag dies an den äußeren Zuständen, die nicht von unserer Macht abhängen; es lag an der trailrigen exceptionellen Stellung, die wir überall als Minoritätsgruppe einnehmen und die uns zum Spielball fremder Faktoren und Verhältnisse macht. Die national-politische Tätigkeit der Zionisten Rußlands hatte jedenfalls die Wirkung, daß sie die jüdischen Massen in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt, sie für den allgemeinen Kampf um die Lebensinteressen und die Zukunft des jüdischen Volkes geeinigt und diszipliniert hat. Die Wahlkampagne hatte freilich auch ihre Schattenseiten, indem sie die Erbärmlichkeit und die Skrupellosigkeit der Gegner der nationaljüdischen Bestrebungen von den verschiedenen Lagern und Richtungen ans Tageslicht förderte. Es verdient aber erwähnt zu werden, daß die Massen sich durch die Insinuationen und Verleumdungen der Herren vom „Bund" und von der sog. „jüdischen Volksgruppe" ebensowenig beirren, wie die Zionisten sich durch die Beschuldigungen, sie stünden in Verbindung mit Polizei und Regie- | rang, oder sie beabsichtigten die Juden in der Duma als Ausländer zu denunzieren, aus der Fassung bringen ließen. Durch die politische Arbeit näherten sich die Zionisten den jüdischen Vvlksmassen und die Masse» dem Zionismus. Das Volk erkannte in den Zionisten die treuesten lind konsequentesten Verteidiger des Judentums. Die national-politische Betätigung der Zionisten — gemäß den Helsingforser Beschlüssen — hatte somit nicht nur eine Vertiefung der zionistischen Doktrin im Sinne eines umfassenden Programms für alle Probleme des nationalen Lebens, sondern auch eine weitere Verbreitung derselben zur Folge. Dies wurde auch von dem in den letzten Wochen abgehaltenen Zionistenkongreß auf das Glänzendste bestätigt. Vom gleichen Erfolg war auch die national-politische Tätigkeit der österreichischen Zionisten gekrönt. Hier' wurde in diesem Jahre zum ersten Male in den konstitutionellen Kämpfen der verschiedenen Völker stolz und nmtig die jüdisch-nationale Fahne gehißt, zum ersten Male wurde eine jüdisch-nationale Vertretung im österreichischen Reichsrat geschaffen, die mit Würde und Hingebung die Ehre und das Wohl der Juden wahren wird. Die jüdische Bevölkerung Galiziens zeigte großes Verständnis für die national-politische Idee und brachte den zionistischen Reichsratskandidaten großes Vertrauen entgegen. Nur dem Terror der polnischen Schlachzizen, den schamlosen' Wahlskandalen und -fälschungen ist es zuzuschreiben, wenn die Zahl der gewählten Zionisten sich auf vier beschränkt. Eine Folge der national-politischen Propaganda der Zionisten ist auch dieimmer mehr zuneh mend e Nationalisierung der ander e n jüdischen Parteien. Freilich geschieht sie nicht immer aus aufrichtiger Gesinnung. Beim „Bund" und bei der ,Hüd. Volksgruppe" z. B. ist sie nichts weiter als politische Heuchelei; nur notgedrungen und zähneknirschend geht man auf die Sprache der Zionisten ein und akzeptiert in seinem Programm die hauptsächlichsten nationalen Forderungen derselben. Bei vielen hingegen sind die nationalen Forderungen ein Produkt ehrlicher nationaler Gesinnung; so z. B. bei der in letzter Zeit aufgekommenen, stark zionistisch gefärbten jüdisch-sozialistischenArbeiterpartei (die sog. „Sseimisten"). Auch auf anderen Gebieten des geistigen Lebens machten sich die Fortschritte des nationalen Gedankens geltend. So z. B. auf demGebiete des Erziehungswesens. Im jüdischen Ansiedlungsrayon Rußlands wird vielfach von der in jüngster, Zeit gewährten Erlaubnis zur Gründung von Privatschulen in der Weise Gebrauch gemacht, daß private Gymnasien mit weitgehender Berücksichtigung der jüdischen Lehrfächer gegründet werden. In Palästina werden die bestehenden Schulen von modernem Schlage immer mehr von nationalem Geiste durchdrungen, die hebräische Sprache ringt sich immer mehr als Lehr- und Umgangssprache durch. Große Verdienste hat sich unstreitig auf dem Gebiete der nationalen Erziehung in Palästina der Hilssverein der deutschen Juden erworben, der auch im letzten Jahre gut geleitete Lehranstalten von verschiedener Prägung und Bestimmung öffnete. Das bedeutendste Lehrinstitut Palästinas ist aber nnzweiselhaft das hebräische Gymnasium in Jaffa, welches sich in diesem Jahre dank der unernrüdlichen, hingebungsvollen Tätigkeit der Herren Dr. Ehr. Bogratschow und Dr. Metman-Cohen aus kleinen Anfängen zu einem recht ansehnlichen, vielverheißenden Institut entlvickelt hat. Für die Pflege jüdischer Kunst und jüdischen Kunststiles, ebenso für die Entwicklung der Kunstgewerbe in Palästina sorgt die von Prof. Boris Schatz liebevoll geleitete Kunstschule „B e z a l e l", die im letzten Jahre einen großen Aufschwung genommen und eine wahrhaft segensreiche Tätigkeit entfaltet hat. Um die Pflege der nationalen Kultur hat sich in diesem Jahre der Weltverband zur Pflege der hebräischen Sprache und Konversation: Jbriah sehr verdient gemacht. Der Verband entfaltete im Laufe des Jahres eine sehr rege agitatorische Tätigkeit, verbreitete viele Flugschriften und Broschüren; es gelang ihm. Tausende von Anhängern in der ganzen Welt zu gewinnen und organisieren. Aus der ersten Jbriah-Konferenz, die von regelrecht gewählten Delegierten der Jbriah-Bereine beschickt wurde und während des Zionisten-Kongresses im Haag stattfand, wurde endlich das Programm der Jbriah ausgearbeitet und akzeptiert, die Organisation geschaffen und die Exekutiv-Organe eingesetzt, die das Arüeitsprogramm der nächsten zwei Jahre ausführen sollen. Gleichzeitig mit der Jbriah wurde im Haag auch die Gesellschaft Sinai konsolidiert, die sich die Pflege und Förderung der nationalen Kultur überhaupt und der hebräischen Literatur im besonderen zur Aufgabe gestellt hat. Der erste praktische Schritt des Sinai war die Gründung einer wissenschaftlichen hebräischen Bierteljahresschrift, die der Behandlung unserer lvichtigsten nationalen und kulturellen Probleme dienen soll und an der unsere besten literarischen und wissenschaftlichen Kräfte Mitarbeiten werden. Als Fortschritt auf dem Gebiete der nationalen Kultur ist auch das in den westeuropäischen Ländern wachsende Interesse für die hebräische Literatur zu registrieren. Die in diesem Jahre gegründete Wochenschrift des „Ha'olam" hat vornehmlich in diesen Ländern seinen Leserkreis. Freilich sind diese Länder ini großen und ganzen weit entfernt von jenem natürlichen, gesunden Erfassen des jüdischen Problems, das man als Nationaljudentuni zu bezeichnen pflegt. Der beste Beweis hierfür gerade aus jüngster Zeit ist der Fall Cohn und die analogen amerikanischen Fälle. Indes schreiten wir jedenfalls langsam, aber sicher vorwärts. Möge uns diese Ueberzeugung Mut und Hoffnung einflößen und in unserer schwierigen, unverdrossenen Arbeit stärken.