Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692546--03433-2698127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 3× ep/1000834
OCR text
Nr. 35 Seite 4. Königsberg. Gegen 11% Uhr Abends wurde am Montag voriger Woche Feuer auf dem neuen israelitischen Friedhof gemeldet. Mit drei Löschzüge» und einem Dainpsspritzeiizng rückte die Feuerwehr sofort ab und fand bei ihrer Aiikunft die Leichenhalle auf dein Begräbnisplatz in Hellen Flammen stehend vor. Nach Ablöschen der Flamme» wurde ein Teil der verkohlten Dachverschalung cingerissen und dann aufgeräumt. Eine in der Leichenhalle aufgcbahrte Leiche einer Frau wurec von den die Nachtwache haltenden Frauen sofort bei der Entdeckung des Feuers in die offene Halle gebracht, während der an der Nachtwache beteiligte Mann nach der Zorkstraße lief und von dort aus die Feuerwehr benachrichtigte. Rußland. Odessa. Die jüngsten Taten der echtrusjischen Leute müssen das Mast ihrer Schuld zum lieberkaufe» bringen. Eine Bande von Räubern warf sich auf das spazierende Publikum und stcrprügelte jed c n, der i h nen I n d c z u s ei n s ch i c n. Dann schlugen sie einen Lehrer, der Juden verteidigte und belagerten ein Hotel, das sie niederbrenne» wollten. Wie viel Zeit, Plünderungen, Prügeleien und Blntvergiesten sind denn noch nötig, um die Negierung davon zu überzeugen, das; diese Bande nicht die Stütze des Staates, sondern eine gefährliche Seuche ist, welche das Land zu verheere» droht? — Odessa ist jetzt eine halbe W ü st c. Alle Einwohner flüchten aus dieser Unglttcksstadt. Die Geschäfte stocke», der Markt ist eingestellt, Import und Export sind bis a;;f ein Minimum znrückgcgangen. Die Arbeitslosigkeit ist fürchterlich. Zu welcher noch vcrzwciscltercn Lage will man Odessa treiben? Das sind die Folgen des „Kriegszustandes", der schon drei Jahre andaucrt. Der „Verrat" ist keineswegs entwurzelt, Bombenwürfe, Explosionen und Uebcrfälle sind an der Tagesordnung. Wozu, fragt inan sich, wendet man so harte, unnütze und demoralisierende Mittel gegen die Stadt an? „Rjetsch" bemerkt zu dieser Frage: „Es ist wahrhaft höchste Zeit, ernstlich über die Befreiung Odessas aus der Gefangenschaft der schwarze» Hundertschaften nachzudenkeu." — N a ch derVerabschieddungdcsGeneralsGricg o r i e w i st z u b e f ü r ch t e n, das; derTerror der schwarzen Hundertschaften den h ö chst e ii Gipfel erreichen wird. (Rufs. Korresp.) Ratschki (Suw. Gouv.) Zweihundert jüd. Familien sind durch eine F e u e r s b r u n st o bd a ch l o s geworden und lagern unter srcicm Himmel. Die Not ist sehr grost. Rumänien. Bukarest. Delegierte der amerikanischen E i n w a n d e r u n g s k o m m i s s i o n iveilten hier, um sich über die Ursachen zu informiereu, welche die Juden R u m ä u i c u s z u r A u s° wanbcrung treiben. Der „Adevcrul" bringt folgende Auslassung über diese Kommission: „Der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika hat im Hinblick auf ein vorzubercitcndcs Einwanderungsgcsctz eine Kommission aus seiner Mitte beauftragt, sich nach Europa zu begeben und die Ursachen der Auswanderung zu erforschen. Die Kommission besteht aus 19 Deputierten, von denen jeder einen Dolmetsch und vier Stenographen zur Seite hat. Die Kommissiou hat sich über ganz Europa verbreitet. Für Italien, die Türkei, Klcinasien, Griechenland, Bulgarien und Rumänien hat die Kommission Herrn W. S. Bcnnet entsandt, republikanischer Abgeordneter in Washington und Epitropos der presbyterianischen Kirche in New Port. Sein Dolmetsch ist Herr Dr. Maurice Fischberg. Herr Bcnnet hat damit begonnen, Italien in allen Teilen zu besuchen. Danach hat er sich nach Bosnien, Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Griechenland, Palästina, Syrien begeben und in Konstantinopel Aufenthalt genommen. Hier wurde Herr Beuuct vom Sultan in Audienz empfangen. Der Sultan übergab ihnr einen eigenhändigen Brief für den Präsidenten Roosevclt und überreichte Herrn Bennet, der als offizieller Abgesandter eine Auszeichnung nicht annchmen darf, einen Orden für seine Frau. Von Koiistantinvpel begab sich Herr Bennet nach Bukarest, wo er vom König und den Ministern der auswärtigen Angelegenheiten und des Innern empfangen wurde. Der Minister des Innern gab ihm ein Empfehlungsschreiben an die Präfekten der aufzusuchenden Städte. Da die Aufgabe der Kommission darin besteht, die Ursachen der Auswanderung zu ergründen, so mustten die Delegierten sich mit den Auswanderern, deren materielle, soziale und politische Lage sic kennen lernen wollten, in Verbindung setzen. Herr Bennet richtete naturgemäß seine Aufmerksamkeit aus den jüdischen Teil der Bevölkerung, weil dieser allein das Kontingent für die Auswanderung nach Amerika stellt. Herr Bennet besuchte zuerst die Stadt Jassy, wo er alle aus den Dörfern Vertriebenen, die zumeist nach Amerika gehen wollen, befragte. Von Jassy begab sich Herr Bennet nach T. Frumst und Podul- Jloiei. Der Maire von Podnl-Jloici erklärte Herrn Bennet, daß alle Juden, die in dieser kleinen Stadl sich nach 1904 niedergelassen haben, ausgewicscn werden, wenn sie nicht eine Aufenthaltserlaubnis für die ländlichen Gemeinden erhielten. In Botosani Frankfurter Israelitisches Familienblatt. unterhielt sich Herr Bennet viele Stunden lang mit bei. vom flachen Lande Vertriebenen und mit den Auswanderungsanwärtern. Die Koininissionsinitglieder erkundigten sich nach dem Schicksal der Leute, nach ihren Absichten und nach den Namen der Verwandten, die sie in Amerika haben. Die Delegierten wohnten auch der Verteilung der Unterstützungsgelder au die im vergangenen Frühjahr Geschädigten bei. Nachmittags besuchten sie die armen jüdischen Stadtviertel, namentlich den Stadtteil Calicimei, der die meiste Zerstörung aufzuweisen hat. Die Herren Beniier und Fischberg traten in mehrere Häuser ein und waren lebhaft bewegt von dem elenden Zustand, in dein sich die Bewohner befanden. Herr Bcnnet spendete 125 Francs zur Verteilung von Brot an die 'Armen, die er besucht hatte." Amerika. New-Aork. D e m ö st e r r. R e i ch^ r a t s - abgeordueter Professor Masaryk, der in Bridgcport gelandet ist und in nächster Zeit nach hier konimt, wird von der „Federation der galizischcn und Bukowinaer Juden" ein Empfangsabend veranstaltet. Die jüdische Presse Amerikas beschäftigt sich mit der judensreundlich politischen Tätigkeit Masaryks und hebt besonders die Beteiligung dieses „österreich. Zola" im Hilsner - Prozeß hervor. „Jewish Daily News" hat bereits. Professor Masaryk interviewt. Prof. Masaryk äußerte sich hierbei über den Zionismus: „Der Zionismus hat den Mut und das Selbstbewußtsein wachgerusen, die den wesentlichen Inhalt des jüdischen Volkes bilden. Diese Bewegung hebt den Juden aus seiner Sklaverei heraus. Der Jude soll st o l z auf seine Rasse u n d seine Nationalitätsein! Er müßte dem Christen sagen: „Wir sind nicht Besser, aber auch nicht ärger als Ihr!" Der Jude sollte alle Angriffe und Verleumdungen zurückweiscn. Der Zionismus lehrt ihn, seine Siechte zu fordern." Personalien. Frankfurt a. M. Herr Joseph Wisloch erhielt den K r o n c n o r d e n 4. K l a s s e wegen seiner großen Verdienste um den Tanmis. Er ist bereits 16 Jahre Vorsitzender der Wohltätigkeitskommission des Taunus-Klubs, die durch ihre Kvrbflechtschule in Grävenmiesbach die Hausindustrie in den Tnunusorten sehr fördert und durch zahlreiche Krankenpflegerinnen-Stationen und Ariiicn-Unterstütziingcn ein Segen für die gesamte Taunus-Bevölkerung ist. Berlin. Regtrrungsbaumeister und Potizetbauinspektor g. D. Egon Rosenbaum erhielt den Noten Adlerordcn 4. Klasse. Berlin. Kommerzienrat I H. Goldschmidt erhielt den R o t c n Ä d l e r o r d e n 4. Klasse. Frau Cäcilie Langner gcb. Mendelssohn hinterließ der Stadt Berlin 15 000 Mark. Darmstadt. Der ordentl. Proseflor der Jngenicnrwissenschafteii und Baukunde, Geh. Baurat Theodor Landsberg, der seit 27 Jahren dem Lehrkörper der hiesigen Technischen Hochschule als Ordinarius angehört, hat um seine Pensionierung n a ch g c s u ch t. Hannover. Die Bankiers Emil L. Me her und Spiegelberg erhielten den Charakter eines K o in m e r z i e n r a t e s. Dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Senator Leopold Fischer wurde der Rote Adlerord e ii 4. Klasse und Herrn Bernhard Locwenst e i n der K r o n e n o r d e n 4. Klasse verliehen. Breslau. Die Kaufleute Siegfried Haber und S i e g m u n d Sachs wurden zu Handelsrichtern wiederernannt. — Hcrman n Cerini, der Sohn des hiesigen Oberkantors, ist tzum Kapellmeister an dem neuerbauten Volks - Schauspielhause in Hamburg gewählt worden. Der sehr begabte Künstler ist erst 21 Jahre alt. Schotten, 5. Sevt. Heute feiert Herr Jakob Bauer in voller Rüstigkeit seinen 100 st e n Geburtstag. Stratzburg. Ein altes Brautpaar. In W e st h o f e n vermählte sich der 80jährige Herr Jacques Meyer mit der 64jährigen Witwe Henriette Kahn. Auf dem Hochzcitsmahle in Bollweiler gab es nur Fisch und Sulzmatter Wasser. (5.) Lftrowo. Rentwr Moritz Roth st ein ist im Alter bon 73 Jahren gestorben. Ansgestattet mit tresslichen Geistcsgabcn, verbunden mit wahrer Frömmigkeit und echter Lauterkeit des Herzens, hat der Verblichene sein reiches Wissen und Können, das ihn zu einer Zierde der Gemeinde gemacht, mehrere Jahrzehnte hindurck! mit aufopfernder Hingebung, zuerst als Mitglied des Vorstandes und im letzten Jahrzehnt als dessen Vorsitzender in den Dienst der Gemeindeverwaltung gestellt. 16 Jahre lang gehörte er der Stadtverordneten-Vcrsammliing, sowie zahlreichen städtischen Kommissionen und anderen öffentlichen Körperschaften an. Wien. Zum Statthaltereirate und Landes-Sanitätsreferenten in Mähren wurde Regierungsrat und Landes-Sanitätsinspektor Dr. Salomon Spitzer befördert. Es ist das erste Aial, daß ein Jude dieses hohe Amt erhält. Der Direktor des Allgem. österr. israelit. Tanbstummeninslitutes Dr. Moritz Brunner wurde durch Verleihung des Titels Kaiserlicher Rat ausgezeichnet. Leeds. Der Präsident dcr großen Synagoge Jacob M y e r s und Frau feierten in Rüstigkeit die goldene Hochzeit. New-Nork. Ellas Bach, geboren zu Padenhcim in Hessen, der Chef der bedeutenden Tabaksirma Elias' Bach and San, starb im Alter von 81 Jahren. _ Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. SR. Bei der Expedition des Frankfurter Israelitischen Familienblattes gingen für den Nationalfonds ei»: I. Wertheini, Burgstcinfiirt 10,— M. Robert Gotischalk, Geilenkirchen 10,— „ Hermann Franken, Bedburg 10,— „ Dr. Kellner u. Dr. Marschack statt Telegramm zum Kongreß 1,— „ Bei der Kommission für den jüdischen Nationalfonds gingen ein von Moritz A. Loeb 1,30 Jk Henry Seligniaiin 50,— „ Dr. David 0,72 „ Dr. Stempa 1,45 „ Halbreich 2,— „ M. Speyer 1,25 „ Flora Mainz 2,20 „ Samuel Rosent 1,55 „ 60,47 Jk Haag. Die auf der 4 allrussischen Z i o n i st e n - K o ii f e r e n z in Haag sanktionierten Beschlüsse der Helsingforser Konferenz: lieber die politische Plattform der Zionisten in Rußland. In Anbetracht dessen, daß die Organisierung des jüdischen Volkes zur iiationalcn Selbstbestimmung gemäß dem zweiten Punkt des Basler Programms eines der wichtigsten Mittel bedeutet, die zur Verwirklichung der Aufgaben des Zionismus unentbehrlich sind: daß die damit verbundene partielle Hebung der jüdischen Bolkskräste in der Diaspora dem jüdischen Volke neue kulturelle, materielle und politische Mittel im Kampfe um die vollständige Wiederherstellung eines normalen nalionalcn Lebens in Palästina gewähren wird; daß eine gesicherte und dauernde Verwirklichung einer nationalen Organisation, ebenso wie die für die Entwicklung derselben erwünschte Sanktion des Staates nur bei einer Dciiiokratisicriing des betrcsfendcii Landes erreichbar sind: Saiiltivniert die dritte allrussische Zioiiistcn-Konfercnz den uatürlichcii Anschluß der zionistischen Massen an die Befreiiiiigsbewcgling in der Mitte der territorialen Völker Rußlands, und sieht als notwendig an, auf der Basis der vor sich gehenden Uiiigestaltiing der Staatsordnung Rußlands, die Vercinigiiilg des rußländischen Jiideiituins auf der Grundlage der Anerkeiniiing der jüdischen Nationalität und der gesetzlich bestätigten Selbstverwaltung in allen Angelegenheiten des jüdischen nationalen Lebens. Auf Grund dieses Beschlusses stellt die zion. Org. in Rußland ans und verteidigt bei ihrem weiteren Auftreten sowohl auf der politischen Arena, als auch innerhalb des Judentums die folgende Plattform: 1. Demokratisierung der Staatseinrichtiiiig auf der Grundlage des strengen 'Parlamentarismus, der weitgehenden politischen Freiheit, der Autonomie der nationalen Provinzen und der Garantierung der Rechte der nationalen Minoritäten. 2 Vollständige und unbedingte Gleichberechtigung dcr jüdischen Bevölkerung. 3. Sicherung der Vertretung der Minorität bei allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Abstiminiing bei allen Staats-, Bezirks- und lokalen Wahle». 4. Anerkennung dcr jüdischen Nationalität als eines einheitlichen Ganzen mit dem Rechte der Sclbstbestinimuiig in allen Angelegenheiten des nationalen Lebens. 5. Einberiifnng einer allrussischen jüdischen Nationalversammlung zur Ausarbeitung der Grundlagen einer nationalen Organisation. 6. Anerkennung der Rechte der nationalen und der Umgangs-Sprache in Schule, Gericht und öffentlichem Leben. 7. Ueberall gültiges Recht, die Sonntagsruhe durch Sabbatruhe zu ersetzen. Odessa. Der emz-ge leaalisterte 'zionistische Verein Rußlands, dcr hiesige 430 Mitglieder zählende Klub „K a d i m a h" ist in Ausführung des Senatsbcschlusses, der zionistische Vereine verbietet, von der Behörde geschlossen worden. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. B ergnügun gs -Klub Junger Leut e. Unter vorstehendem Namen wurde am 29. August ein jüdischer Verein gegründet, dessen Zweck aus dem Titel ersichtlich ist.. Der Vorstand des Vereins setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Carl Rosenthal (1. Vorsitzender), Isidor Glücksmann, Bruno Niklas, Herrmann Wetzlar, Fer-