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Neue jüdische Presse · 1907-09-06 · Heft 35 (6.9.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 35 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 35 Bei Shakespeare tritt der Einfluß der Bibel noch deutlicher zu Tage. Ja, die Bibel war seine ganze Jugcndkultur. Goethe wurzelt ebenso in der Antike wie in der Bibel, Shakespeare hingegen nur in der Bibel, denn seine Zeitgenossen, die ihnl nahestanden, berichten über seine klassische Bildung: „8s know only a little greeks and a little lp,tin". Also mit; seiner klassischen Bildung war es nicht weit her, dagegen wissen wir, daß er in seiner Jugend die Bibel eifrig studiert hatte. Auch seine Sprache ist von biblischen Sprachclementen stark durchsetzt und, was er am meisten von der Bibel gelernt hat, ist die Präzision des Ausdrucks und der blitzartige Aphorismus. Bei Shakespeare macht die Form ein wesentliches Element seiner Größe aus. Aber was wir von diesem Bibelkind als dramatisches Genie besitzen, ist sein „Kausmann von Venedig". Schon Heine hat darauf hingcwicsen, daß Shylock die sympathischste Erscheinung im ganzen Drama ist. Aber, daß Shakespeare der einzige große Christ war, dem es gelungen ist, einen typischen Juden zu zeichnen, dürfte Heine, da er das Stück nur auf seinen ästhetischen Gehalt analysiert, kaum geahnt haben. Und in der Tat, Shylock ist nicht nur ein Jude, sondern der Jude. Shakespeare selbst hat keine Inden gekannt, und er mußte, um einen Juden zu zeichnen, auf die Bibel zurückgreifeu. Der biblische Jude steht auf dem Boden des absoluten Rechts, er huldigt absoluten Rechtsnormen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Shylock ist ein Jude des alten Schlages, ein echter Jude, nicht, >vie Nathan, liberal angekränkelt. Auch er verlangt „Auge um Auge". . . . .Hätte aber Shakespeare die Bibel nicht gekannt, dann wäre er ein englischer Calderon, ein Terzinendichtcr geworden, aber einen Shylock und einen Hamlet hätte er nie geschaffen. Und ich w e i ß n i ch t, w e l ch e Entdeckung für die M e n s ch h e i t s k u l t u r von größerer'Bedeutung war: Die Entdeck u n g A m e r i k a s d u r ch C o l n m b n s o d e r die Wicderentdeckung der Bibel durch die Reformation und den H n m a n i s - m u s. Im fünfzehnten Jahrhundert setzt der Kampf zwischen zwei großen Kultursystemen an; zwischen der greco-römischen Kultur, die die Renaissance auf ihre Fahne schrieb, und der biblischen Kultur, die die Reformation und der Humanismus auf den Schild erhoben. Heute lassen sich die Folgen des Kampfes genau übersehen. Die Renaissance hielt kaum zwei Jahrhunderte an und erlosch später, um nicht mehr aufzuflackern. Sie glich einem Blitz. Seitdem die Renaissance anfgchört hat, fruchtbar zu sein, befinden sich die südlich-romanischen Völker in voller Dekadence. Dagegen wirkt noch im germanischen Norden der biblische Kultureinfluß ohne Unterbrechung fort. Ohne Bibel kein Hamlet, kein Faust! Im Kampfe zwischen heidnisch-römisch-griechischcr Kultur und biblisch-jüdischer Kultur blieb letztere Siegerin. Die Woche. Mir ruft »lau zu: „Wächter! was bleibt noch von der Nacht? was'soll, was wird aus dieser Nacht?" Ein weiteres Jahr ist herum — und was bleibt noch von der Nacht? „Oso Banker" manchem Volk hat dieses Jahr gewisse Freiheiten gebracht, der Morgen bei ihnen ist im Anzüge; — doch uns Juden? hat es auch uns die Freiheit gebracht? „Wächter! was bleibt noch von der Nacht?" Ist etwa die Finsternis um ein Jota vermindert?! In Rußland, in Galizien, in Rumänien hat sich die Lage der Inden noch prekärer als zuvor gestaltet, auch in den andern Ländern sieht es nicht rosig aus — und „was soll, waS wird aus dieser Nacht?" Ein Jahr ist herum, doch ein neues ist im Anzüge — und seine Gestalt? Darf man neue Hoffnung schöpfen? Es sieht nicht danach aus, das; der gekrönte Hooliganenscheik eine andere Politik als die bisherige zu beginnen gedenkt; cs sind keine Anzeichen vorhanden, daß das liberale Ministcriuni Sturdtza eine wirkliche liberale Politik zu treiben gewillt ist; auch ist es unwahrscheinlich, daß die galizisch-polnische Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schlachta nunmehr ein ehrliches Verhältnis zu den Juden aukuiipfcn wird; auch wird der große antisemitische Block des österreichischen Reichsratcs nicht sobald gebrochen werden; — und ist etwa Aussicht auf ein baldiges Schwinden des Vorurteils und derAbneignng der Völker gegen uns Juden vorhanden? Bei weitem nicht! „Was soll also, was wird aus dieser Nacht?-- Ein Jahr ist herum; die Nacht hält au; das Volk schlief und 'träumte dumme Träume ... es wollte nicht erwachen . . . hie und da gab cs Zeichen der Aufrüttelung, man vernahm das Getöse einer Annäherungs-Bewegung; eS schic», als ob die im Traume versunkenen und von einander getrennten Glieder des Volkes erwachen zu wollen beginnen und sich einander nähern wollten — allein so schic es bloß . . . noch ist kein wirkliches Erwachen erfolgt . . . noch hat kein wirkliches Annähcrn stattgesunden ... der alte Kästenu n d T r ä u - m c r g e i st beherrscht die Schlafenden noch zu sehr. Und „was bleibt noch von der Nacht?" „Oso Banker wegam Loilo! Wenn auch die Nacht nicht ganz gewichen ist, so sind doch Spuren der Morgenröte zu merken. Der neue Geist kommt allmählich, der alte Geist wird weichen müssen und die dürren Gebeine werden erwachen und mit der Fahne ihrer Väter in der Hand den Weg nach Zion beschreiten! Dann bleibt nichts übrig von der Nacht! Aus oller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die jüdische Gemeinde von C a s s a b l a u c a, die vor kurzem 6000 Seelen zählte, ist durch Gewalttaten von Mauren und Kabylen sehr vermindert und unter namenlosen Greueln um all ihr Hab und Gut gebracht worden. Die Alliance Jsraölite Universell e, die sofort Hilfe leistete und erst jetzt wieder l5 000 Francs nach Cassablanca überweisen ließ, bittet alle mildtätigen Brüder und S ch >v e st e r n um Gabe ». Die Beträge sind an das „Deutsche Bureau der Alliance Jsraölite Universelle" in Berlin N. 24, Oranieiibnrgerstr. 42/43, zu senden. Frankfurt a. M. Aus der Tagesordnung des am 7. bis 9. Oktober in der Frankfurt-Loge tagenden zweiten Delegierte »tag es des I ü d i s ch e n Frauenbundes (Vorsitzende: Fräulein Bertha Pappenheim) entnehmen wir: Montag, 9 Uhr: Burcanbilduug usw. — 40 Uhr: Referat von Frl. Bertha Pappenheim-Frankfurt über „Zur Sittlichkeitsfrage". — 3Vi Uhr: Referat von Frau B. Leiser-Köln über „Stellenvermittlnng". — Sl/i Uhr: Vortrag von Frau Henriette May-Berlin über „Jüdische Vereinsorganisation". Dienstag, 9'/e Uhr: Referat von Frl. Sidvnic Werner-Hamburg über „Mädchenhandel". — 10V-t Uhr: Anträge »sw. — 8Vs Uhr: Vortrag von Frau Henriette Fürth über „Erziehung der Töchter". Mittwoch: Besichtigungen. Frankfurt a. M. Sonntag fand im Saale des Hotels „Zum König von England" ein jüdischmusikalischer und literarischer Abend, veranstaltet von dem bekannten Humoristen und Schauspieldichter S. Goldfaden, statt. Der Saal und die Rebeuräume waren übersüllt. Trotz des niedrig gewölbten Raumes und trotz eines Unwohlseins gelang cs dem Künstler, die Zuhörer mit seiner Kunst hinzureißen. Berlin. Auf Grund' der Nachrichten, die de, Hi'lfsvcrcin der Deutschen Juden aus Casablanca erhalten hat, beschloß der geschästSsührendc Ausschuß 5000 Frc. zunächst für UuterstütznugSzwecke den dortigen notleidenden Glaubensgenossen zur Verfügung zu stellen. Die nötigen Verbindungen für feine zweckmäßige und zuverlässige Verteilung der Gelder sind hergcstellt. Berlin. Verband der Deutschen Juden. Die Hauptversammlung findet in diesem Jahre, wie schon kurz mitgeteilt, am 13. Oktober 1907, in Frankfurt a. M. statt. Sonnabend, den 12. Oktober soll gegen Abend in den Räumen der Frankfurt-Loge eine Vorbesprechung der anwesenden Delegierten stattfinden, der sich in dem großen Saale derselben Loge eine Begrüßungsfeier und Bewirtung anschlicßen wird. Sonntag, den 13. Oktober, beginnt frühmorgens die Arbeit mit einer.gemeinschaftlichen Sitzung der Korrespondenten des Verbandes, worauf um 11 Uhr die Hauptversammlung selbst in den Räumen des Saalbanes eröffnet wird. Auf der Tagesordnung stehen nunmehr, nachdem Herr Dr. Nathan durch eine Auslandsreise am Erscheinen verhindert ist, folgende Vorträge: 1. Geh. Rat Professor Dr. Cohen, Marburg: „Religiöse Postnlate". 2. Professor Dr. Philippson, Berlin: „Staatsinteressen und Judenpolitik". Korreferent Rechtsanwalt ■ Dr. Loeb, Mainz. Seite 3. Die Hauptversammlung ist eine öffentliche. An: Abend der Hauptversammlung werden die Teilnehmer zu einem Festmahl im großen Saal der Frankfurt-Loge nochmals znsammentretcn. Die Einladungen werden in den nächsten Tagen-verschickt; eine erfreuliche Beteiligung steht zu erwarten. Marburg. Die Vereinigung jüdischer Akademiker kann mit Genugtuung auf ihr erstes Semester zurückblicken. Sie hat schon in ihrer Jugend ihre Lebensfähigkeit bewiesen und alle Anzeichen deuten ans eine gedeihliche Weiterentwicklung. Die gesetzestrene akademische Jugend beweist in der V. I. 3t., daß die Orthodoxie auch bei uns im Westen gerade in der Jiigend noch einen starken Fond hat und läßt die Zukunft hoffnungsvoll erscheinen. Zunächst suchte man das positive jüdische Wissen durch S ch i n r i m zu mehren, die sich eines regelmäßigen und guten Besuches, auch durch Nichtmitglicder, erfreuten. Geleitet wurden die Schiurim von den älteren Akademikern in Marburg. — Daneben wurden auch in Vorträgen über die moderne W i s s e n s ch a f t u » d i h r c B e z i c h u n g e n z u m Judentum aktuelle Probleme berührt und Aufklärung darüber zu schassen gesucht, um die Weltanschanung der einzelnen zu kräftigen und sie für die äußeren und inneren Kämpfe des Lebens zu rüsten. An Vorträgen wurden gehalten: Judentum und Sozialpolitik von cand. jur. Edmund Meyer - Gclsenkircbcn, Zilsammcnhang und 'Bedeutung der Arba Parschauß in den T'sillin von cand. med. dent. Julius Baer-Halberstadt, Eine neue alte Weltanschauung vo» stud. jur. Carl Cohn-Altona. An die Vorträge schlossen sich lebhafte Diskussionen an, die alle — Mitglieder wie Gäste — bis über Mitternacht in regem Gedankenaustausch beisammen hielten. — Auch für die körperliche Entwicklung der Mitglieder wurde gesorgt durch gemeinschaftliches Rudern und T u r - II e n, und — last not least — kam auch die Gemütlichkeit zu ihrem Rechte. Wir hoffen, daß sich die B. J>. A. mehr und inehr;u einer Vereiingungg alter gesetzcstreuen Akademiker entwickeln wird. Schon haben sich für das kommende Semester neue Mitglieder gemeldet und es ist alle» nach Marburg kommenden gesetzestrcucn Akademikern der Eintritt in die B. I. A. zu einpfehlen, da er dort Anschluß an Gleichgesinnte findet, mit denen er sich über alle Fragen des jüdischen Lebens aussprechen kann. Die Ferieiikommission besteht aus den Herren: Dr. Schlesinger, Marburg a. L., Schwanalkee und cand jur. Edmund Meyer, Gelsenkirchen i. Wests., Schalkerstr. 26, die gerne bereit sind, ans etwaige Anfragen über die Ziele und Bestrebungen der V. I. A. Auskunft: zu erteilen. Würzburg. Vorige Woche tagte hier die 54. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. Wiederholt habe» auch jüdische Blätter Anlaß genommen, diese Tagung zu registrieren. Ist cS doch vor allem das religiöse Moment, welches die katholischen Bürger Deutschlands alljährlich zu einer so imposanten Versammlung einigt, wie sie dieser Tage in Würzburgs Mauern stattfand. Vor allein möchten wir den religiösen Ernst betonen, der alle Verhandlungen während der ganzen Woche durchzog. Sämtliche Redner ohne Unterschied dcs Standes, dein sie im bürgerlichen Leben angchören, waren darin Übereins. Unwillkürlich zieht man da den Vergleich zwischen diesen Vorgängen und Tatsachen und den mancherlei Erscheinungen im offiziell -jüdischen Leben. ES mußte uns oft mit Wehmut erfüllen, wenn bei großzügigen Maßnahmen der Gesamtjudenhcit die Religion eine so untergeordnete Rolle spielte, ja daß man sie geradezu ansschaliete. „Fragen religiöser Natur sind ausgeschlossen." So lautet die Formel, mit der man den Jiidiffercntismus bemäntelt, wenn auch fadenscheinig. Und nicht nur in sozialwirtschaftlichen Dingen, auch in spezifisch religiösen Fragen stellt man den Grundsatz aus. Unseres Erachtens könnte man hier so manches lernen von dem Geiste, der die Katholikentage beseelt: Selbstbewußtsein und religiösen Ernst. Mit Befriedigung konstatieren wir auch die Tatsache, daß man bestrebt gewesen, alles zu vermeiden, was die religiösen Gefühle Andersgläubiger verletzen könnte. Wir deutschen Juden wissen, daß der im Kulturkampf erstarkte Katholizismus wiederholt für unsere religiöse Ueberzeugung eintrat. Man braucht nur an die warme Verteidigung der angegrisfencn Schechita im Reichstag zu denken. Eine weitere Erscheinung auf dem Katholikentag war die allumfassende Tätigkeit der Glaubensgenossen. Da konnte inan.nach Tausenden zählende Vereine von Bauern, Handwerkern, Arbeitern, schmucken Studenten, Beamten usw. gewahren, alle vom gleichen Streben beseelt. Es wurde die Schulsrage, die Agrarfrage, die Frauenfrage, die Sittlichkeitsfrage, die Auswandererfrage usw. in besonderen Versammlungen Gehandelt. Auf allen Gebieten ist man ungemein rührig. — Sollte man nicht a v ch nnserscit s etwas ntehr agitieren, damit unsere heilige Lehre im wahren Sinne Volksgut werde? Zwar ist in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinjicht viel geschehen. Doch immer noch gibt es ans allen Gebieten mehr als genug zu tun. Posen. Die am Wronkerplatz errichtete Synagoge wird am Donnerstag, den 5. d. Mts., 'vormittags 11% Uhr eingeweiht werden.

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