Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. dinand Michel, Adolf Rößmann und Joseph Meyer. Das Vereinslokal befindet sich im Restaurant Loh, Mlerheiligcnstraße. Berlin. Das Komitee für Volksküche n i n P a l ä st i n a (Vorsitzender: Siegb. Scckelsohn) veröffentlicht den Bericht über seine Tätigkeit in den Jahren 190-1—00. Es verausgabte in dieser Zeit für seine Volksküche in «a f e d 10 330 Mark. Die 8000 Juden in- Safcd sind meistens sehr arm. Die Volksküche vcrabsolgt täglich -10—50 Gratisportioiicn. .. '■_ Aus der Lehrerwett. (k.) Posen, 2. Scpt. Hauptlehrer cmer. Heini a n n N e u f e l d, in der Lehrcrwelt unserer ganzen Provinz gut gekannt, ist in Berlin gestorben. Neuseld in Schrimm geboren, amtierte in Xions, Kosten und Schrimm. Sein außerordentliches -Wirken an der Unterosfizierschule in Schrimm "wurde wicdcrhvlcntlich vom Offizierkorps durch Anerkennung und Aufmerksamkeiten ausgezeichnet. Nach seiner Pensionierung übersiedelte er nach Berlin.- Dort gehörte er dem Vorstände des Vereins der Schrimmer von seiner Begründung, zuletzt' als Ehrenvorsitzender, an. Die Lauterkeit seines Charakters, seine Pflichttreue und stete Hilfsbereitschaft war in der Ausübung seines Amtes als Mitglied der Armen - Verwaltung in der Ncsidenzstadt zu merken. Warschau. Die hiesige jüdische Gemeinde hat von Herrn I. Herz eine Spende von 100,000 Rubel zur Gründung eines Lehrerseminars erhalten. Das Seminar soll nach der Bestimmung des Spenders jedoch erst dann eröffnet werden, wenn sein Kapital so groß ist, daß es 12,000 Rubel Zinsen abwirst. Eine gute Nummer. Aus dem Englischen übersetzt von M. Pnlvermann. (Fortsetzung.) Inzwischen hatte sich Reb Jones Schnarchen noch etwas verstärkt, und er hatte dabei noch einen zweiten Traum. Zwei Träume aber in einer Nacht, sind, wie jeder, der die biblische Geschichte kennt, von Pharao her lvciß, eine gar schlimme Sache. Die sieben fetten, kugelrunden Kühe sind ja schön und nett. Doch ihr armen Kühe! — Das Verderben steht hinter euch, und euer Untergang ist nahe! Schon steigen ja die sieben magern, häßlichen Kühe ans dem nahen Nil, die euch mit Haut und Haar, bis auf den letzten Rest verschlingen, so daß keine Spur von euch znrückbleibt. — Und sö erging cs auch dem armen Reb Jone Lotter; der ziveite Traum verdarb den ersten ganz und gar und warf sein ganzes Glück über den Hansen. Dieses Mal befand er sich bereits direkt auf dem Wege zum Lotterie-Bureau, um den großen Gewinn sich zu holen. Schon von weither sah er jene himmlischen Zahlen mit goldener Farbe auf dem Aushängebrett hingemalt. Fieberhaft erregt beschleunigte er seine Schritte. Zu seinem großen Aerger und Verdruß aber gingen ein Mann und ein junges Mädchen langsam vor ihm her und versperrten ihm den Weg, so daß er widerwillig seinen Gang verlangsamen mußte. Er gab sich die größte Mühe, ihnen auszutveichen oder sie zu überholen; allein er konnte tun, was er wollte, sie verstanden es, den Platz vor ihm zu behaupten, und cs war ihm absolut unmöglich, sich vorzudrängen. Endlich, endlich war er im Schnecken-Schritt bei dem Lotterie-Kollekteur angelangt, und als er dem Mädchen die heftigsten Vorwürfe machte, daß sie sein Glück so lange verzögert -da stand seine Tochter Rachel vor ihm, und "der Mann an ihrer Seite Ivar kein anderer als Llljc Nowi. „Gib her Deinen Lotterie-Zettel!" rief dieser ihm mit barscher Stimme zu, die Reb Jone ivie Donnerschall in den Ohren klang. Reb Jone gehorchte willig; ehe er aber wußte, wie ihm geschah, hatte der Prophet ihm schon den Zettel gewaltsani ans der Hand genommen, und diesen mit verächtlicher Miene in tausend Stücke zerreißend, warf er ihm die Schnitzel vor die Füße. Reb Jone fing an, bitterlich zu weinen. Das hörte seine Frau Hinde; sie lief schnell zu ihm, und während sie ihn heftig rüttelte, rief sie ihm, wie an jedem Morgen, zu: „Jone, mein Leben, warum weinst Du denn so stark? Geh', steh' auf, es ist bald Zeit, in Schul' zu gehen." - An jeden: andern Morgen pflegte Reb Jone sich noch' ein bischen zn dehnen und ein paar mal zu gähnen, um dann, gricsgräinig und verdrossen, endlich'aus dem B>.tte zn steigen; heute aber war er mit einem Satz draußen und hin zu dem Tische. — Kaum aber sah er diesen so fein sauber gewaschen und gescheuert, als er wild die Hände über den Kopf zusammenschlug und wie ein Wahnsinniger im Zimmer herumraste. „Hinde, Hinöe!" jammerte er herzbrechend. „Hinde, was hast Du getan? Du hast doch Rachels Mitgift weggewischt!- Gott soll sich meiner erbarmen! Nun ist alles hin — der schöne Gewinn futsch — die Hochzeit futsch — alles, alles ist futsch!"- II. „Jone, mein Leben, was fällt denn Dir schon wieder ein? Läßt denn Gott Papiergnlden vom Himmel regnen, daß Du schon wieder jünf Stück zum Lotterie-Menschen hintragen willst? Ich meine, es wäre besser, wenn wir dafür Brot für die Kinder kaufen möchten," so rief Hinde zürnend, als ihr Mann ihr den wunderlichen Traum erzählt und die Absicht geäußert hatte, jetzt gleich eineu Einsatz von fünf Gulden machen zu wollen. Doch Hinde hatte auch noch ein Wörtchen mitziireden, und da sie es eben in unzweideutiger Weise „geredet", sah Reb Jone das Vergebliche seines Versuches ein; er schnitt ein jämmerliches Gesicht, nahm den Talisbeutel unter den Arm, und die Türe hinter sich zukrachend, ging er in die Schul'. , Reb Jone ivar der Sohn eines reichen Mannes, dem der Vater bei seinem Hinscheiden ein beträchtliches Vermögen hintcrlasscn hatte. Doch Reb Jone fand keinen Gefallen an der Arbeit und zog cs vor, ein lustiges und fröhliches Leben zn führen, ohne sich um das ‘ Geschäft zn kümmern. Es dauerte darum auch gar nicht lange, bis das Geschäft anfing rückwärts zu gehen und Reb Jone sank immer tiefer und tiefer. Kurz nach dein Zusammenbruch chatte er noch das Unglück, auch seine Frau zu verliere» und er blieb mit seiner Tochter Rachel, deren Bekanntschaft wir bereits im Traume gemacht, allein und mittellos zurück Reb Jone aber, dem das gute Leben von früher noch im Magen lag und der noch immer einen guten Tisch liebte, entschloß sich kurzer Hand, seine Köchin zu seiner zlveitcn Frau zu machen; zumal diese ein paar hundert Gulden auf der Sparkasse hatte, was bei seiner jetzigen Mittellosigkeit gar stark ins Gewicht fiel. Es stellte sich bald heraus, daß dieses die einzige kluge Tat gewesen war, die Reb Jone je in seinem Leben getan hatte. Hinde zeigte sich als eine tüchtige, brave Frau. Ihr Mann erschien ihr noch immer im Nimbus seines ehemaligen Reichtums und sie fühlte sich eine zweite Engcnie, Gräfin von Montijo, die Napoleon allen Prinzessinnen von königlichem Geblüt vorgezogen und sic zur Kaiserin der Franzosen gemacht. Das Ehepaar lebte in vollkommenster Zufriedenheit; Hinde war fleißig und fromm; im Laufe der Jahre beschenkte sie ihren Mann mit acht gesunden Kindern; sie arbeitete von früh bis spät, um nicht nur ihre etwas zahlreich geratene Nachlommenschaft, sondern, um auch ihren faulen Gatten zn erhalten. Reb Jone hingegen führte ein müßiggängcrisches Leben, das ihm besonders behagte. Seine Beschäftigung bestand darin: zwei resp. dreimal täglich »ach dem Tempel zu gehen, drei resp. vier mal täglich zu essen, die ganze Nacht zu schlafen und den ganzen Tag seine Pfeife zu rauchen. Sein Geist war fortwährend damit beschäftigt, Mittel und Wege zu finden, wie er seinen früheren Reichtumzurück erlangen könnte. Anstatt aber durch ehrliche Arbeit, verfiel er auf den phantastischen Plan, durch das Lotteriespiel sein Ziel zu erreiche». Er hatte sich in diese Leidenschaft so hineingcarbeitet, daß sie den Tag über sein ganzes Denken und Trachten in Anspruch nahm und in der letzten Zeit sogar auch noch den Schlaf in der Nacht beeinflußte. Er verstand cs auch, durch seine Ucbcrrcdungsknnst und durch Schmeicheleien, seiner Frau die schwer und sauer erworbenen Groschen aus der Tasche zu locken, um sie in trügerischen Lotterie-Zetteln zn verschwenden. Hinde errichtete sich eine „Koscher"-Restauration und speiste und beherbergte einheimische und auswärtige Gäste, um ihre Familie wenigstens vor drückender Not zu schützen. Als Rachel älter geworden war, bestand Hinde darauf, daß sie das Putzfach erlernte, um ans diese Weise zum Unterhalte der Eltern und Geschwister beizntragen. Unter den Kostgängern war auch ein sehr netter junger Mann, "Abraham Kirschner, der bald Gunst und Gnade in den Augen der schönen Rachel fand, — und die Verlobung wurde gefeiert. Doch die Verlobung dauerte bereits seit Jahren, und es war immer noch keine "Aussicht, daß sie Mann und Weib Iverden sollten. Denn der alte Kirschner, 'Abrahams Vater, hatte bei seinem Leben geschworen, daß sein ^ohn nur ein Mädchen'heiraten dürfe, das wenigstens eine Mitgift von fünftausend Gulden in die Ehe mitbringe. Das war eine hohe Trennungsnlaner für die jungen Leute, die sie sobald nicht übersteigen konnten. "Abraham ivollte anfänglich warten, bis — über hnnderr-Jahr — bis der Schwur seines Vaters diesem ain Leben keinen Schaden mehr zufügen konnte —. Doch der kräftige, kaum fünfzig Jahre alte Kirschner wollte sich noch lange seines Fettbäuchleins erfreuen. "Abraham sparte und arbeitete für zwei; dennoch aber hatte er es erst auf tausend Gulden gebracht, und er rechnete aus, daß er, wenn es weiter so gehen sollte, mit seinem sechzehnjährigen Brautstand sogar dem Erzvater Jacob den Rang ablaufen würde, der nur vierzehn Jahre auf seine Rachel gewartet hatte, — und er wollte den Erzvater nicht um seinen Ruhm bringen. Woher aber doch das Geld nehmen? War es nun, daß auch er, wie alle armen Leute, auf ein Wunder gehofft, oder war es die stete Unterhaltung seines zukünftigen Schwiegervaters; genug er besprach sich mit Rachel, doch einmal in der Lotterie zu spielen, »in dein Glücke ein Hintertürchen zu öffnen. Rachel sollte über eine richtige Nummer Nachdenken, ans die sie ihre Hoffnung setzen wollten. Große Hoffnung aber schienen sie beide dennoch nicht auf die trügerische Lotterie zu haben, und 'Abraham entschloß sich, doch lieber noch einmal es mit seinem Vater zn versuchen, und zu ihm hinzureisen. In der Nacht, als Reb Jone seine beiden Träume hatte, trat er seine Reise an, und als er das Köffcrchen zur Hand nahm, bemerkte er die Zahlen, die mit Kreide auf den Tisch geschrieben waren. Ihm siel dabei die Unterhaltung ein, die er gestern Abend uut Rachel wegen der Lotterie geführt und in der Meinung, daß sie es war, die die Zahlen hier aufgezeichnet hatte, da sie ihn vor der Abreise nicht mehr sehen konnte, notierte er sie sich vorsichtig und beschloß, auf diese zu setzen. (Schluß folgt). Woback Inhaber: Jf. 8LU.AVL. Perlen, Juwelen, Goldwaren. - Auf Wunsch Auswahlsendungen. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 7. September (= 28.Elul): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 30 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min., in Berlin 7 Uhr 27 Min. Wvchcnabschnitt: Nizowini. Moses ermahnt Israel, dem göttlichen ölesetze Treue zu wahre,:. Für den "Abfall stellt er jStrafeu in Aussicht: Krankheit, Zerstreuung unter feindliche Völker, Leiden dortselbst. Die Thora ist jeden: „nahe", er kann sie erfüllen. Aufrnf von Himmel und Erde als Zeugen, Israel das Gute und damit das „Leben" zur freien Wahl vorgelegt zu haben. Am Sonntag: Erew Rausch -haschonoh. Man steht früher als sonst zu den „Selichaus" auf, cs werden mehr Bußgebete als an de» übrigen Tage» verrichtet. Manche Bußgebete nehmen ausdrücklich Bezug auf den Jahreswechsel. "Am -Schlüsse der Selichaus Tachanun. Nach dem gewöhnlichen Schacharisgebet jedoch untcrbleibt's. "Auch wird kein Schofar geblasen, um einen »rerklichen Unterschied zu machen zwischen dem bisherigen freiwilligen Blasen während ganz Elut und jenem am Rausch - haschonoh. wo es Pflicht ist. Der Rüsttag zün: Neujahrsfeste sei ganz dem Ernste und der Buße gewidmet: Aussöhnung Befeindeter, Besuch des Friedhofs, Almosen spenden, Fasten. Manche nehmen Hasoras - Redorim vor, d. h. Auflösung von Gelübden, andere tnn's Erew jaum Kippur. (Man versteht darunter bei Leibe nicht — wie Judenfeinde böswillig behaupten und verleumden — Auflösung gerichtlicher Eide: es handelt sich lediglich um jene Gelübden und Versprechen, die mau freiwillig auf sich nah»: zur "Aneiferung zu guten Taten, zur Beherrschung der Leidenschaft. Also im Gegenteil, ein Beweis für die Heiligkeit unseres Wortes!) Am Montag u:id Dienstag: Rausch-Haschonoh — Neujahrsfest, weil das bürgerliche Jahr beginnt. (Das Jahr der Feste geht am 1. Nisa» an.) Diesmal die Jahreszahl 5008. So lange besteht die Welt, welche am Rausch-H. ihren "Anfang nahm. Dies nach der Tradition. Ebenso nach der Tradition ist es der Tag des Weltgerichts, Jaum Hadin» auch Jaum Hasikoraun. Tag der Erinnerung. In der Thora hingegen Jaum Tcruoh — Tag des Lärmblascns. Am Rausch-H. wird unser Urteil gleichsam geschrieben, am Versöhnungstag versiegelt. Daher unser Neujahrswunsch „Kesiwo-wachasimo-tauwo", gute Einschreibung und Versiegelung. — Mit R.-Hasch. beginnen die Asseres-jcmci-Tcschuwoh — 10 Bußctage, mir Jaun: Kippur schließend. Ernst begehe man die Bnßezeit, gebe sich an: R.-Hasch., nicht wie sonst, irdischen Genüssen hin. Löblich ist's, ganz „Thillim" zu lesen, nicht zu schlafen am R.-.H.; bei»: Kiddusch am Abend Schehechijonu, am 2. Abend eine neue Frucht dazu. Man genieße abends Honig und Süßapfcl als Symbol eines „süßen" ,Jahres. — Der Gottesdienst beginnt möglichst früh. (6 Uhr.) Die Festgebete sprechen von der Huldigung Gottes als Schöpfer und Richter. Das große Mnssafgebet enthält 0 Brochaus, darin „Olenn". Nach dem Schacharis die inhaltreichen Bitten „Drohn: malten::"; auch nach Mincho-Schmonv-E., und so während der ganzen 10 Bußetage, Sabbat und Eref I. Kippur ausgenommen. — Schofarblasen göttlich gebotene Pflicht. Tonarten traditionell. Nichts genießen vor dem Hören dieses Bläsens, wie auch sonst nicht vor d. Beten. (Frauen und Schwache ausgenommen.) Bedeutung: