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Neue jüdische Presse · 1907-09-06 · Heft 35 (6.9.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 35 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter IsraelitiMes Familienblatt. Nr. 35 leben, Hunderte ruinierte Gemeinden, Zehntausende vernichtete Existenzen sind die Früchte ihres schönen Schülereifers. Und als ob sie sich diese Erfolge dauernd sichern wollte, verfügte die rumänische Regierung, daß den Juden, die sich vor den Mordbrennern aus ihren Heimatsdörfern geflüchtet hatten, die Rückkehr in diese Dörfer verwehrt werde. In Galizien ist es in diesem Jahre wenig anders und noch weniger besser geworden. Die Politik der herrschenden Parteien geht nach ivie vor darauf aus, die Juden als politische Parias zu behandeln. Der Versuch der galizischcn Inden, sich politisch auf sich selbst zu besinnen und von deni neu eingcführtcn allgemeinen Wahlrechte f ü r s i ch Gebrauch zu machen, versetzte die edlen Polen in eine solche Wut, daß sie ohne Rücksicht auf die für ein unterdrücktes Volk so wertvollen Sympathien des „zivilisierten Europas" Wahlskandale und -sälschungen begingen, die alles, was bis jetzt auf diesem Gebiete geleistet worden ist, in den Schatten stellen. Ja, die Herren gingen so weit, auf die Wahl von vier nationaljüdischen Abgeordneten nach bewährter Taktik mit der Inszenierung von kleinen Pogromen und wirtschaftlichem Boykott zu antworten.' In den anderen sog. konstitutionellen Ländern ist auch in diesem Jahre alles beim alten geblieben: Gleichberechtigung auf dem Papiere und politische Rechtlosigkeit und gesellschaftliche Zurücksetzung in der Tat. In - der freien Schweiz machte sich eine starke Bewegung gegen die aus Osteuropa eingewanderten Juden — einerlei, ob Studierende oder Handelsleute —, geltend, die bisweilen einen geradezu radau-antisemitischen Charakter annahm. Aber nicht nur in der Schweiz, auch in den anderen Ländern lverden die Jmmigrationsmöglichkciten und -bedingungen immer mehr erschwert. In England wurde in diesem Jahre, trotz des liberalen Regimes Campbcll-Banncrmanns, die Alien-Bill außerordentlich strenge, ja geradezu mißbräuchlich gehandhabt. In A m e r i k a machte sich die gleiche antialienistischc Tendenz deutlich bemerkbar. In Australien sührtc schon das bloße Gerücht von einer geplanten jüdischen Kolonie zu einer lebhaften Protestbewegung. So stehen wir nun nach lvie vor dem in diesem Jahre vielleicht mehr als je brennend gewordenen Emigration sproülem ratlos gegenüber. Der in diesem Jahre erfolgten G r ü ndung des Emigrationsdcpartcmcnts derIto können wir leider nicht die einschneidende Bedeutung beilegen, wie sie ihr von itoistischcr Sefte zugeschricbcn wird. Die Ablenkung des En'iigrationsstromes nach Galvcston kann und wird nur in geringem Umfang geschehen. Bon einer Lösung des Emigrationsproblems in zionistischem, bezw. jüdisch-nationalem Sinne kann vollends hierbei schon deshalb nicht die Rede sein, weil das Emigrationsdepartcnient eine den Intentionen der philantropischen Gönner desselben entsprechende Zerstrcuungspolitik und keineswegs die vom nationalen Standpunkte aus notwendige Politik der Konzentration und der Sammlung verfolgt. Auch dieses Unternehmen vermag uns daher nicht beim Rückblick auf die allgemeine Lage im abgclaufcnen Jahre sonderlich optimistisch zu stimmen. Ucber das Fazit der nationalpolitischen und kulturellen Bestrebungen im Judentum — im folgenden Kapitel. Bibel und Kultur. Bon Maxime Le Ma!tre. Die Ideen wandern Ivie ihre Träger. Man kann die Spuren der Jdecnwandcrung eher verfolgen, den zurückgclcgten Weg leichter überblicken, als den der Völker. Der Weg ist oft gewunden und gekrümmt, aber er ist trotz seiner Windungen und Kreuzungen zu übersehen — allerdings nur von einer gewissen Höhe. Wenn aber dem Leser dieses geographische Gleichnis nicht bchagt, so kann er mit einem physikalischen fürlicb nehmen. Das Reich der Ideen ist konstant und u n v c r n i ch t b a r, w i e d a s R e i ch der Materie, und demgemäß b e st e h t die Evolution nur im Wechsel der Formen, in der Aendcrung der Distanz, in Substitutionen und in Lagerungen. Und das salomonische Wort „Es gibt nichts Neues unter der Sonne" hat einen tiefen philosophischen Sinn. Eine nur oberflächliche Analyse unserer gegenwärtigen gesamten Gcisteskultur wird mit Heller Deutlichkeit dartun, daß der Ben Akiba'schc Spruch eine gesetzcsähnliche Wahrheit enthält. „Schon alles dagewcsen" —. Kant greift auf Platon, Sokrates und die Phytagoräer zurück, Hegel auf Hcraclit, der Matcrialismus auf Demokrit, Nietzsche erneuert die Lehren von Zaroastcr, und Schopenhauer erschließt die altindischcn Upanishaden unserer Kultur. Alles ist schon dagcwescn. Aber nicht mir einzelne Idee», Jdeenatomc treten wieder nach Jahrtausenden in anderer Umhüllung in die Erscheinung, sondern sie erneuern sich auch in ihrer zusamniengesctztcn, molekülähnlichen Art. Nicht einzelne Ideen einer Kultur, sondern ganze Kulturidecn, Kulturkeinie in fester, geschlossener Lagerung kehren dem tausendsten Nachkommen ihres Schöpfers, bczichniigsweise Entdeckers in einer erkennbaren Gestalt wieder..Man denke z. B. an den Stoizismus und seine Geschichte. Der Weg von Zcnon bis zur Herausbildung des Christentums und von Scneca und vom grccorömischcn Historiker und ersten Gcschichtsphilosophen Polybus bis aus den Erneuerer seiner Lehre Grotius, und von Grotius bis auf die Encyllopädisten, die in ihren sozialen Lehren nichts anderes getan, als den Stoizismus ausgebaut und entwickelt — dieser Weg ist gewiß kein gerader, denn schon im Christentum hat er seine erste Krümmung — und doch ist er übersehbar. Ich hätte noch zur Bekräftigung meines ersten Satzes andere große Kultnrlinien ziehen können, aber ich muß auf mein Thema zurückkonimcn. Beim Kapitel nordische und germanische Kultur ist mir folgendes ausgefallen. Fast alle nordisch-germanischen Völker haben trotz ihrer äußerlichen Steifheit und Plumpheit eine große dramatische Kultur. Shakespeare, Goethe, Schiller, Ibsen, Björnson usw. Die südlich-romanischen Völker, insbesondere die vom Katholizismus stark durchsetzten Völker, entbehren dieser großen dramatischen Kultur. Die Caldcronschcn Dramen verdienen nicht einmal diesen Namen. Dann ist mir noch etwas aufgcfallen. Alle germanisch-nordischen Völker sind in ihrer Mehrzahl evangelisch, die südlich-romanischen katholisch. Der Knlturaufschwung der nordisch-germanischen Völker datiert seit der Reformation und dem Humanismus, d. h., seitdem die Vertreter jener zwei großen Kulturbewcgungcn des sechzehnten Jahrhunderts der Menschheit die Bibel w i c d e r g c g c b c n. — Unter der Herrschaft der Papocäsarie war die Bibel der Menschheit verloren gegangen. Es ist bekannt, daß Martin Luther, der ehemalige katholische Mönch, bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre die Bibel gar nicht kannte. Und noch heute ist die Bibel der katholischen Laicnwclt ein Buch mit sieben Siegeln. Der sichtbare Einfluß der Bibel auf die Kultur verliert sich mit Augustinus, denr eigentlichen Begründer des Katholizismus, und ihr Einfluß auf die Geister rind die Gemüter tritt wieder deutlich zu Tage, als sie Männer wie Richelieu und Erasmus der Menschheit wieder entdecken. Mancher gute Deutsche dürfte cs kaum wissen, daß cs d i c B i b e l und ihr Kulturcinflnß war, die aus unzähligen Idiomen der deutschen Stämme eine geeinte neuhochd e n t s ch c S p r a ch c und sr § o auch cin geeintcs deutsches Volk geschaffen hat. Die Geschichte der neuhochdeutschen Sprache beginnt mit der Luther'schen großen Bibelübersetzung. Luther hat bei seiner Bibelübersetzung die Sprachclcmcnte aller deutschen Idiome berücksichtigt. . . Wir wollen die deutschen Mystiker, die von biblischer Kultur durchsetzt sind, hier unerwähnt lassen — wir nennen aber nur die zwei großen Germanen Milton und Klopstock, unl zu erinnern, welchen mächtigen Kriltureinfluß die Bibel ausgcübt hat. Miltöns verlorenes Paradies und Klopstocks Messias sind mächtig von biblischen» Geiste durchweht. Aber schließlich sind es lauter historische Hinweise, die für uns hier von untergeordneter Bedeutung sind. Uns drängen sich bei der Frage „Bibel und Kultur" weit bedeutendere Fragen auf, Fragen, die keines metaphysischen Hintergrundes entbehren. Warum entstehen die großen Schöpfungen des Weltgedankcns, Kopcrnikus, Columbus usw. zu einer Zeit, wo ein Teil der Menschheit der biblisch-universalistischen Gedankenwelt sich zuwendet? — Warum war es der Norden, der den Irrtum erkennend, zur Bibel griff, während der Süden durch die Renaissance seit Dante der heidnischantiken Kultur sich erinnert? — Warum hat ungefähr zum selben Zeitpunkt der tiesromanische Süden und Südwcsteu das Judentum elemiuiert und cs in seinem Kreise bis aus den heutigen nicht aufkommen lassen? Weder in Frankreich noch in Spanien »och in Italien noch in Portugal batten und haben wir, seitdem ein Halevy auf dem Boden der hispanischen Halbinsel seine ticffinnigeu, melodischen Weisen gesungen, einen Heine, Börne, Lassallc, Marx, Ricardo, Simmel, Hermann Cohen und viele andere, die einen elementaren Bestandteil der gesamten deutschen Kultur bilden. Wo ind unsere Bcaconsfield und Zangwill und Brandes in den romanisch-katholischen Staaten? Warum hat gerade der jüdische Genius in einer Kultur seine Macht entwickelt, die von der Bibel unmittelbar und direkt beeinflußt ist? Dürfte da nicht zwischen direktem biblischem Kulturcinflnß und der Entfaltung des jüdischen Geistes im biblischen Kulturumkreis ein gewisser Zusammenhang sein? — Und zuletzt die heikelste Frage. Warum ist gerade der Germane, den die Bibel großgezogen, der unter Begleitung der Bibel in den großen Tempel der Kultur seinen Einzug gehalten, warum ist gerade eben dieser Germane der größte Judentums-Feind? Denn sieht man voni Radau- und Bierwirts-Antisemitismns ab, so erscheint er nur .als eine Rebellion gegen den jüdischen, Geist, vielmehr eine Auflehnung gegen den Geist des Judentums. Die typischen Vertreter dieses- Kulturantiscmitismus sind Schopenhauer und Wagner, zwei mächtige Geister, die wegen ihres Antisemitismus hcrabzusetzen kindisch und kleinlich wäre. Eine Beantwortung all' dieser Fragen, sofern ich sie überhaupt zu beantworten vorläufig in der Lage bin, behalte ich mir in einem anderen Aufsatz „lieber den jüdischen Gedanken in der Weltgeschichte" vor. Hier will ich, um noch das Problem schärfer zu formulieren und ihm eine konkretere Fassung zu geben, auf zwei Germanen und ihr Verhältnis zur Bibel Hinweisen: Shakespeare und Goethe. Ich nenne Shakespeare und Goethe und nicht Lcssing. Dies hat seinen zureichenden Grund. Nathan ist ein sehr „anständiger Mensch", liberal, tolerant usw., vom Juden aber ist an ihm wenig zu merken. Wenn Lcssing biblische Kultureinflüsse in sich ausgenommen, so find sic überall, nur nicht in Nathan zu finden. Jeder, der des Großen „Dichtung und Wahrheit" gelesen und die betreffenden Stellen, die auf die 'Bibel Bezug haben, kennt, wird den enormen Einfluß, den die Bibel auf ihn ansgeübt, zugeben. Als kulturschöpferische Macht tritt uns dieser biblische Einfluß im Faust entgegen. Ich lasse es hier dahingestellt sein, wieviel Goethe speziell Hiob verdankt, aber die ganze Sprachgewalt, das Wuchtige und Elementare, das Kraftstrotzende und Riesenhafte im Gedankenflug und in der Nrplötzlichkeit seines Ausdrucks erinnert sofort an die Propheten. Im übrigen hat Goethe selbst an mehreren Stellen^ zugegeben, daß die Bibel für ihn ein Buch der Bücher und eine Lehrmcisterin war. Wäre aber Goethe ein Katholik gewesen und ihm so die Bibel ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, er wäre der größte deutsche Lyriker, nicht aber der Faustschöpfer geworden.

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