Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Istarlitislhk» familirublntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 7 HedaKtton imd Hefchäftsstelle: Srankfurt 2. M.. vilbelerstraße 4jö> Ecke Lleichstraße T-r-fon 10507. ——— HerausgeSür: Hali; Hefts. r* --- Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 27. Elul 5667 (6. September 1907). Ro. 35. Inhalt des Hanptblattes. Artikel: Unsere Jahresbilanz. — Bibel und Kultur. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine gute Nummer. — Wo ch en-Kalend er. — Familien- Nachrichten. Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5667. Von P e l i. I. Die allgemeine Lage. Wicdcrunl ist ein Jahr in die Ewigkeit eingegangcn, und wiederum blickeu wir je nach Temperament und allgemeiner Gemütsrichtung mit einem Gefühle wehmütiger Resignation oder schmerzlicher Enttäuschung ans die Ergebnisse dieses Zeitabschnittes zurück. Und traurig-monoton, wie das jüdische Leben, lauten die Berichte des moderitcii jüdischen Chronisten; immer und immer kehren die herzzerreißenden Motive: grausame Verfolgungen, kränkende Zurücksetzungen einerseits, dumpfe Resignation, Rat- und Kopflosigkeit andererseits, wieder; nur die kleinen Nuancen und Abschattungen wechseln, das Gesamtbild bleibt immer Schwarz in Schwarz, bestenfalls Grau in Grau gemalt. In R u ß l a n d — wir beginnen mit Rußland, da dieses Land noch immer als das Zentrum der Judenheit bezeichnet werden muß dem klassischen Lande der Judenmassakres, trat im nbgelaufcncn Jahre eine wesentliche Wendung zum Besseren nicht ein. Die Methode der Verfolgungen wechselte, die Sache blieb. Aus Rücksicht auf Europa und die jüdischen Bankiers stellte man die Massenabschlachtnngen, die diesen etwas unbequem erschienen, ein und trat statt dessen zu einem beständigen systematischen Terror i i kleinem über. Die gedungenen .Horden der „echt russischen Leute" stellten sich zur Aufgabe, der jüdischen Bevölkerung durch stetige Mißhandlungen das Leben sauer -ju machen. Täglich und stündlich durchzogen die Banditen die Straßen der größeren jüdischen Zentren und bearbeiteten zur Augenweide der Polizei die Juden mit Stöcken und Gummischläuchen. Ab und zu wurde eine größere Aktion vorgcnommen, indem man durch provokatorisches Schießen und dergleichen bewährte Mittel eine Panik bei der jüdischen Bevölkerung hervorrief, jüdische Läden plünderte, Fenster einschlug und einen kleinen regelrechten Pogrom mit Toten und Verwundeten veranstaltete. Diese Zustände sind zur besonderen Blüte in Südrußland gediehen, so daß die dortigen Juden sich immertvährend wie ans einem Vulkan fühlen. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, daß sich bei den Juden das lähmende Bewußtsein der eigenen völligen Rechtlosigkeit ausbildete; schlimmer aber womöglich war noch die Tatsache, daß auch die Hooligans in ihrer Ueberzeugnng, daß die Juden vogelfrei sind, bestärkt werden. Die Regierung tat ihrerseits nichts, um dieser Ueberzeugung cntgegenzutreten. Eher das Gegenteil. Die Bjalistoker Gerichtskomödie und dasliebevolleVerhältniszum Verband des russischen Volkes, das förmlich zur Schau getragen wurde — man denke nur an das Telegramm des Zaren an Dubrowin nach Auflösung der zweiten Reichsduma, ferner an die zahlreichen Subventionen, die dem Verbände zugewiesen wurden — waren geeignet, auch den hartnäckigsten Optimisten über die wahre Stellung der Regierung die Augen zu öffnen. War es nun für die russischen Inden klar, wessen sie sich von der Regierung und dem schwarzen Hundert zu versehen haben, so wurden re auch leider in ihren Hoffnungen auf die fortschrittlichen, oppositionell gesinnten Elemente der russischen Bevölkerung getäuscht. Die Wahlen zur weiten Reichsduma, auf die die Juden Rußlands so viel Energie und Arbeit verwandten, endeten mit einem vollständigen Fiasko für sie. Die von Regierung und Großgrundbesitzern gleich unterdrückten und ausgebeuteten Bauern, mit denen allein die Juden in ihrem schönen, aber unpraktischen Idealismus paktieren zu sollen glaubten, verrieten die Juden überall ini letzten Moment auf das Schmählichste, traten in Verbindung mit den Agrariern und entrissen den Juden die Mandate in den Gegenden mit starker jüdischer Bevölkerung, die sic während der ersten Duma inue hatten. Nicht besser erging es den jüdischen Wählern mit den anderen oppositionellen Schichten der Bevölkerung. Die „Kolo polskie", die cs in der zweiten Duma auf ca. 40 Mandate brachte, verschmähte cs, ihren „Mitbürgern jüdischen Glaubens", die in Polen zirka 14»/» der Gesamtbcvölkcrung ansmachen, auch nur ein einziges Mandat zu gewähren, ja sic drohten unverblümt mit Pogromen für den Fall, daß in Warschau eine Jude gewählt werde. Und die fortschrittlichste und radikalste Partei Rußlands, die Sozialdemokratie, die i m Gouvernement Kiew sämtliche 13 M a n d a t e e r o b e r t e, d a ch t e nicht daran, der jüdischen Bevölkerung die ihnen v o m S t a n d p u n k t e der von der Sozialdemokratie vertretenen Proporzioualitäts wählen zu stehenden z w e i M a n d a t e c i n z u r ä n m e n, oder doch wenigstens einen jüdischen Sozialdemokraten zu wählen, der die spezifischen Interessen des jüdischen Proletariats vertreten könnte, sahen sich die Juden von allen Seiten betrogen und wurden schließlich in der zweiten Duma nur von ein paar wenig bedeutenden Deputierten repräsentiert, die auch mehr zufällig denn als Vertreter der Judenheit gewählt waren. Die Folge davon war, daß die zweite allrussische Reichs duma von den jüdischen Vertretern in der Jndensrage nicht nur nicht jenes große weltgeschichtliche Wort, das wir erwarten dursten, jene vernichtende Anklage gegen Regierung und Gesellschaft ob all der Verbrechen, die an uns begangen werden, sondern überhaupt nichts, oder doch fast nicht: zu hören bekam. Sahen sich die russischen Inden schon beim Zusammentreten und während des Bestehens der zweiter: Duma in ihren Erwartungen getäuscht, so trat vollends nach der Auflösung d e r - selb e >l eine allgemeine vollständige Entmutigung und Depression ein. Man überzeugte sich, daß die finstere Macht des ivillkürlichcn, volksfeindlichen „Tschinowniks"-Regimes noch ungebrochen dasteht, daß Autokratie und Bureaukratie sich gegen den erbitterten stampf der Völker um ihre Freiheit siegreich behauptet haben und noch imstande sind, jeden Versuch, sie in ihren Positionen zu erschüttern, mit Gewalt zu unterdrücken — und verzweifelte an der Freiheitsbewegung überhaupt, lleberall stellte sich ein politischer Jndisfercntismus ein, eine dumpfe Resignation bemächtigte sich der Geniüter, und cs ist schließlich so weit gekommen, daß man den bevorstehenden Wahlen in die dritte Duma gar kein Interesse mehr cntgegenbringt. So sind die russischen Inden nun wieder auf den Punkt znrückgelangt, auf dem sie sich zur Zeit Plehwes befanden. Nach einer mehrjährigen hochgehenden Freiheitsbewegung, die die besten Kräfte verschlang, nach einem langen, verzweifelten Kanipf um die clenientarsten Menschenrechte, der ihnen vielleicht mehr Opfer gekostet hat, als allen anderen Völkern Rußlands zusammengenommen — stehen die Juden Rußlands ebenso rechtlos und cntmutigk, ebenso unterdrückt und resigniert da, als zuvor. Die wenigen kleinen Errungenschaften, die sie während dieser Zeit zu verzeichnen hatten, werden ihnen wieder entrissen. o hat der Minister der Aufklärung jüngst verfügt, daß die Zulassung der Juden zum Univerfitätsstudium, die seit der Einführung der Autonomie der Hochschulen erleichtert worden war, von nun ab nur noch riach den alten Normen geschieht und daß solange das ehemalige perzentnale Verhältnis nicht wieder hergestellt ist, kein Jude an der betreffenden Hochschule immatrikuliert werden darf. Daß die allgemeine Rechtlosigkeit und politische Unsicherheit auch auf das wirtschaftliche Leb eit betäuben lähmend zurückwirkt, braucht nicht erst gesagt zu werden. Der Abfluß von jüdischem Kapital nach dem Ausland infolge der Pogrome trägt auch nicht wenig zur. wirtschaftlichen Schwächung des jüdischen Ansiedlungsrayons bei. Das Elend und die 9iot der jüdischen Bevölkerung in diesen gottverlassenen Gegenden hat in den letzten Jahren geradezu grauenerregende Dimensionen angenommen. Das war die Lage in Rußland. Das andere Zentrum jüdischen Elends: Rumänien, bot in diesem Jahre ein womöglich noch traurigeres Bild. Das Land der königlichen Dichterin und der progressiven Phrase wurde offenbar neidisch auf die glänzenden Erfolge Rußlands in xunato Judenfrage und suchte nun, es dem benachbarten Zarenreiche nachzumachen. Und man muß sagen, die Rumänen sind gute Schüler. Sie haben ihr Examen auf dem Gebiete der „großen Aktionen" aufs Glänzendste bestanden. Zahlreiche Menschen-