Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 34 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Nr. 34 Vorkonferenz, da es sich ja nm eine Kongrcßfrage handelte, über die man sich auf der Konferenz in's Klare kommen, bezw. ein einmütiges Vorgehen der russischen Landsmannschaft erzielen wollte, so lagen die Dinge anders in Bezug ans den zweiten wichtigen Punkt der Tagesordnung der Konferenz, nämlich die nationatpolitische Betätigung in Rußland. Hierin beanspruchte die Konferenz selbständige Bedeutung- Es ist dies eine Frage, die Iveder vom Kongreß behandelt wurde, noch auch, der Natur der Sache gemäß, vom Kongreß behandelt werden konnte. Man war sich darüber einig, daß eine nationalpolitische Betätigung der Juden in den Ländern der Diaspora ein Gebot der Notwendigkeit ist. Die Juden mußten auch in der Diaspora, natürlich insofern als dies überhaupt möglich ist, ihre bürgerlichen. Politischen und nationalen Rechte zu wahren suchen, dies ist aber nur möglich, wenn die Inden zur Selbsthilfe greifen und ihre eigene Politik treiben. Eine Meinungsverschiedenheit bestand nur in Bezug auf die Frage, ob die Zionisten diese nationalpolitische Tätigkeit selbständig unter eigener Flagge entwickeln oder Anschluß an andere Parteien suchen sollen, viele plaidierten für das Letztere, bezw. empfahlen die Gründung einer allgemein-jüdischen Nationalpartei. In diesem Sinne sprachen Dr. Schemarja Lewin, Dr. Bruzkus, Rechtsanwalt Rosenbaum und andere Mitglieder des Zentralkomitees. Für die eigene Flagge traten Jabotinsky, Ussischkin, 2. Jaffe und andere ein. Nach einer langen, durch mehrere Sitzungen hindurch geführten Debatte siegte diese letztere Richtung, die die Vorzüge einer konsequenten zionistischen Weltanschauung und eines glaubensstarken Enthusiasmus bietet im Gegensatz zum opportunistischen Kompromiß-Standpunkt der Gegner der eigenen Flagge. Die Konferenz sanktionierte schließlich die Hclsingforser Resolutionen und beschloß somit auch für die Wahlen in die dritte Duma: 1. „Die zionistische Organisation in Rußland entwickelt eine selbständige politische Tätigkeit, die sie als eines der Ivichtigsten Mittel zur Verwirklichung der Aufgaben des Zionismus betrachtet." 2. „Die Mitglieder der zionistischen Organisation in Rußland dürfen nicht anderen jüdischen politischen Parteien angchören." (Folgt eine Einschränkung in Bezug auf den Verband zur Erlangung der Vollüercchtigung.) Der Inhalt dieser selbständigen politischen Betätigung wird durch besondere Bestimmungen angegeben, die tvir wegen der interessanten theoretischen Begründung, >vie auch wegen des akuten Interesses, die; sie jetzt angesichts des Wahlkampfes zur dritten Duma bieten, in der nächstwöchcntlichcn Nummer folgen lassen. Die Konferenz beschäftigte sich ferner mit einer Reihe von Fragen, die das russisch-zionistische Leben angehen, so z. B. mit der Frage der Presse, der Propaganda und der Organisasation. In Punkto Presse wurde beschlossen, die in Petersburg erscheinende Wochenschrift „Ras'swjet" zum offiziellen Organ zu erklären, daneben mindestens zweimal jährlich eine Sammclschrift zur wissenschaftlichen Begründung und Vertiefung der zionistischen Doktrin erscheinen zu lassen, ferner wurde das Zentralkomitee beauftragt, eine tägliche billige Jargonzeitung, ebenso ein hebräisches Preßorgan zu gründen. Was die Organisation anbctrifft, so blieben im wesentlichen die alten Formen bestehen; das in Helsingfors geschaffene, Institut des Zentralkomitees wurde beibehalten. Aus den Wahlen ins Zentralkomitee gingen hervor die Herren Rechtsanwalt Rosenbaum, I. L. Goldberg, B. Goldberg, L. Jaffe, B. Jaffe, Dr. Bruzkus und Dr. Davidsohn. Alles in allem genommen leistete die russische Konferenz ein gutes Stück zionistischer Arbeit und gestaltete sich zu einem würdigen Pendant des Kongresses. Möge diese Arbeit, die so viel Opfcrwilligkeit .und Gesinnnngstreuc zeigte, auch von Erfolg gekrönt sein. Haag, Ellul 5667. Brief aus Ungarn. „Moses Kahan und Samu Sieber, beide etwa 14 Jahre alt, wurden auf dem Wege von Ragy- Källv nach Oros von mehreren Hirten überfallen und halb tot geschlagen. Kahan verlor die Sprache, während Sieber sich, zwar verletzt, doch flüchten konnte. Ein dortiger Pächter sandte die verwundeten Knaben auf einem von ihm gemieteten Wagen nach Nyircgyhäza ins Elisabeth-Spital. Doch auf dem Wege stürzte sich der Fuhrmann auf die schwer verwundeten Knaben mit einem Messer, versetzte ihnen zahlreiche Messerstiche, raubte dem einen Knaben 2 Kronen, dem! andern 1 Krone 30 Heller und warf die bewußtlosen Knaben, wahrscheinlich in der Meinung, daß sie tot seien, ans dem Wagen und fuhr davon. Erst durch einen zufällig vorüberfahrcndcn Wagen wurden die unglücklichen Kinder ins Spital befördert, wo der Arzt bei dem 'einen Knaben eine schwere Gehirnerschütterung mit wenig Hoffnung auf Wiedcrgencsnng konstatierte und bei dem andern einen Bruch des Fußes und schwere Verletzungen am Kopfe scststellte. Die Gendarmerie hat die Ausforschung der Verbrecher cingeleitet." Dieser Bericht hat soeben die Runde durch die Presse Ungarns gemacht. Zwei junge Menschenleben sind vernichtet worden! Der Zeitungsleser jedoch läßt sich in seiner Ruhe nicht stören, er ist derlei Kost gewöhnt und längst abgestumpft gegen Unglücksnachrichten, die ihm die Druckerschwärze mitteilt. Mer die beiden Jungen sind Talmndsünger; ja noch mehr: sie sind nur deshalb überfallen worden, weil sie Talmndjüugcr sind; denn cs ist das Los der meisten Talmndjnngcr Ungarns, sich während der Ferienzeit, um sich die Mittel für die Bekleidung — einige Kostka ge hat jeder Bachur anl Orte der Jcschiwoh — zu erwerben, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt zu betteln. Durch diesen 'Umstand erst gewinnt der Vorfall seine besondere Bedeutung, durch diesen Umstand erst wird er ans einer Untat schlechter Menschen, wie sic tagtäglich vorkomnit, zu einer schweren Anklage gegen die gesamte jüdische Orthodoxie Ungarns. Die Orthodoxie Ungarns hat seit 37 Jahren die Trennung durchgeführt. Sie ist eine selbständige Organisation, ganz unabhängig von der Ncologie. Da sollte man denn meinen, daß sic ihre ganze Aufmerksamkeit ihrer inneren Kräftigung znwcnden würde! Doch weit gefehlt! Der innere Zerfall der „nngarländischen autonomen orthodoxen israelitischen Konfession" ist weiter fortgeschritten; heute gibt cs in diesen Gemeinden Vorstände, die den Sabbath entweihen, Rabbiner, die nicht einmal das Rabbinatsdiplom besitzen. Und so wird denn auch die Frage der Erziehung der Jugend vernachlässigt. Es soll rühmend anerkannt werden, daß in Ungarn noch Hunderte von Rabbinern in echt jüdischer Weise Tag und Nacht lernen und ohne materiellen Nutzen — mir nm ihrer jüdischen Pflicht zu genügen — eine Jeschiwoh unterhalten. Aber die. Rabbiner sind häufig zu lebensfremd, und die Gemeinden werden immer tiefer durch das Eindringen nichtjüdischer Anschannngcn und durch ihr geistiges Anpajscn an ihre nichtjüdische Umgebung cntjudet, sodaß zuletzt nur noch Formen ohne Idee» übrig bleiben. Der 37jährigc Enlioicklungsgang der nugarländischcn autonomen orthodoxen israelitischen Konfession hat gezeigt, das; nicht die Ncologie die Gefahr und das; nicht die Trennung die Rettung des gesetzestreuen Judentums bedeutet. Gefahr und Rettung liegen auf einem anderen Gebiete; die Gefahr ist die Assimilation, die Rettung die Nationalisierung. — Mögen die beiden Talmndjünger mit ihrem Unglück der jüdischen Orthodoxie Ungarns den Segen gebracht haben, daß sie zur Besinnung und Selbsterkenntnis kommt! Die Woche. Zwei internationale Kongresse tagten gleichzeitig nebeneinander, der eine der noch gegenwärtig tagt, im Haag; der zweite in Stuttgart. Beide befaßten sich mit dem internationalen Frieden; zwei Kongresse und eine Idee — und doch welch ungeheuerer Unterschied ist zwischen den beiden! In Haag beraten Männer der oberen Zehntausend, die im Vollbesitz der Macht sind, in Stuttgart dagegen berieten Männer, die nach Macht streben, nm den Machthabern die Macht zu entreißen: sind sie doch Vertreter der Besitzlosen, des Proletariats. Die Delegierten des Haager Kongresses wollen die Kriegsmöglichkeiten vermindern, die Delegierten Stuttgarts wollen die Kriegsmöglichkeit beseitigen. Und welches ist das Leitmotiv, das beiden Bestrebungen zugrunde liegt? Die Furcht vor sich . 'elbst, vor der eignen, wachsenden Macht beherrscht die Machthaber, die Furcht vor der Macht der Andern, der Besitzenden beherrscht die Besitzlosen. Von Furcht getragen kamen die einen nach Haag, die andern — nach Stuttgart. Was Haag für die Friedensidee gezeitigt hat, haben wir in der „Wochen"-Rubrik der vorigen Nummer unseres Blattes bereits ansgeführt. Was aber hat Stuttgart für die Fricdensidcc getan? „Klassenkamps" lautet die Parole des Proletariats, durch Klajsenkampf will die Sozialdemokratie die ökonomische Konkurrenz und Ungleichheit der einzelnen Individuen beseitigen, . durch „Klassenkampf" will sie auch den beständigen Kampf der Völker beseitigen, also: durch Kampf soll der Kampf b e s e i t i g t w e r d e n! . . . . Doch die Sache wäre nicht so paradox, wenn der gegenwärtige Klassenkampf der Sozialdemokratie nicht ans dem geschworenen H a ß gegen die anderen Parteien basierte. Wie soll man da durch Haß zum ewigen Fr ieden gelangen?^ Auch ' das Christentum hat sich die ewige Liebe zur Aufgabe gestellt, — und was hat cs erreicht? Null! der Weg des Hasses und der Feindseligkeit, den es eingeschlagen hat, nm zur Liebe zu gelangen, mußte notwendigerweise das Gegenteil erzielen. Und doch . . . doch wird der Friede von unten kommen! Das erwachte, entrechtete Prol e t a r i a t, d a s z n s e i n e m R e ch t e g e l a n g e n will, kann nicht anders, als wie für die Gerechtigkeit ei »treten; die Gere chtigkeit aber hat de» Fr ieden zur Vorauss e tz u n g. Faßt man diese Erwägung ins Auge, so müssen Resolutionen, wie die des Internationalen Sozialisten-Kongresses, die von Männern der Tat gefaßt sind, als Resolutionen von großer Tragweite angesehen werden. Wenn das Gefühl der Gerechtigkeit und des Friedens die erwachten Massen ersaßt hat und die untere Schicht für die Friedensidee reif gemacht ist, so werden die oberen Machthaber gezwungen sein, Frieden zu halten. Unter den Fragen, die der Stuttgarter Kongreß behandelt hat, befand sich die Frage der Ein- und An sw and er nn g. Diese Frage hat für uns Juden eine eminente Bedeutung. Ahasver — und das Wandern sind identisch . . . Und auch hierin hat sich das „Internationale" bewährt. Eine intensive Einwanderung kann unter Umständen die einheimischen Arbeiter hart trcsfen, und da wäre es nicht verwunderlich, wenn die Arbeiter sich dieser Einwanderung entgegensetzten. Doch siehe! Der Kongreß faßte dahingehende Beschlüsse, daß keine Arbeiter-Organisation sich einer Einwanderung widersctzcn darf. Die Internationale, wie bekannt, fügt sich willig den Beschlüssen ihrer Kongresse. Herr Rechtsanwalt Meyer - Hannover, der „Quo Vadis"* Schreiber und Genossen, die die Tore ihrer A d o p - t iv-Hcimat für ihre unglücklichen, vor pharaonischem Druck fliehenden Brüdern schließen wollen, sollten bei der viel geschmähten Internationale in die Schule gehen . . . In einer Hinsicht müssen wir die „Internationale" rügen: Während alle Nationen und Natiönchen, selbständige wie unterjochte, bei ihrem Kongresse Sitz und Stimme hatten, ist dies den zionistischen Sozialisten verweigert worden. Alle» gegenüber soU Gerechtigkeit geübt werden, den Juden aber nicht. Alle sollen vor der Internationalen gleich sein ,Lromje Jewrejew" (mit Ausnahme der Juden), ganz wie bei der zaristischen Regierung . . . Die Internationale vergeht sich damit schwer gegen das jüdische Volk. Es waren Zeiten, zur Zeit Marx und Engels, wo die Internationale an einer „Gleichmacherei" krankte; Nationen gab es für sie einfach nicht, Nationalismus »nd Reaktion waren für sie identisch, sodaß der Sturz des einen, den Sturz des andern nach sich ziehen wird. Jetzt aber gilt dieser Standpunkt als überwunden, jetztgiltNational i t ä t als K n l t u r f o r t s ch r i t t, so hat der Kongreß zu Limoges ausdrücklich, wie wir seinerzeit in unserem Blatte hervorhoben, proklamiert, und auch in der Praxis wird so verfahren, die Polen, die Armenier nsw., werden als gleichgestellte Nationen anerkannt — und weshalb hat bloß das jüdische Volk keinen Anspruch auf ein eigenes nationales Leben zu erheben? Sind wir nur denn dazu da, den andern als „Schamosim" (Diener) zur Hand zu stehen? Und doch' trifft die Schuld der Ber-