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Neue jüdische Presse · 1907-08-30 · Heft 34 (30.8.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 34 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 34 greß, für die geistigen Aufgaben der Zionisten geleistet haben. Namentlich verdient die Organisation der „Jbriah", die, dank der energischen und opferwilligen Tätigkeit des Zentralbnreaus in Bern, in der kurzen Zeit ihres Bestehens erstaunlich viel geleistet hat, besondere Anerkennung. Wir werden an anderer Stelle über Wesen, Aufgaben und Leistungen der „Jbriah", ebenso über die Konferenz derselben berichten. Hier möchten wir nur hcrvorhcbcn, daß der Grundgedanke der „Jbriah", die Wiederbelebung unserer nationalen Sprache, den Kongreß beherrscht hat. In den Konloiren wurde sehr viel hebräisch gesprochen und cs stellte sich heraus, daß ein sehr großer Bruchteil der Delegierten die hebräische Konversation meisterhaft beherrscht. In dieser Tendenz faßte auch der Kongreß auf den Antrag Sokolows. den Beschluß, die hebräische Sprache als offizielle Sprache der zionistischen Bewegung, ihrer leitenden Stellen, ihrer Kongresse und Konferenzen prinzipiell anzuerkennen und Praktisch successive einzuführen. Vielleicht war dabei auch der Einfluß der palästinensischen Delegierten maßgebend, die auf diesem Kongreß im Mittelpunkt des Interesses standen und ein Stück gesundes nationales Leben repräsentierten. r Eine Ausstellung der Werke der jungjüdischcn Künstler, die auf dem Kongresse anwesend waren (Pilichowsky, Glicenstcin, Schatz und Struck) zeigte uns, daß alles, was Leben und Schaffen im Judentum repräsentiert, sich um die Fahne der jüdischen Renaissaircebewegung schart. Alles in Allem genommen brachte uns der Kongreß den erfreulichen Beweis für das Erstarken und innerliche Vertiefen unserer Bewegung, er gab unseren exekutiven Organen das Programm einer systematischen, planmäßigen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Arbeit zur Erreichung unseres Zieles und brachte den sittlichen Ernst und die prinzipielle Einigkeit in unseren Rechen zum Vorschein. Der Kongreß stand im Zeichen der Arbeit und des Friedens, lind in diesem Zeichen werden wir siegen! . . . Haag,. Ellul 5667. Die vierte allrussische Zionisterrkonferenz in Haag. Von Dr. M. G. Fünf Tage vor der Eröffnung des Zionistcnkongrcsses war bereits die russische Konferenz zusammengetreten, und doch konnte sie vor Beginn des Kongresses ihre Arbeiten nicht zum Abschluß bringen. Während der Kongrcßwoche versammelte sich die russische Landsmannschaft — trotz der unzähligen Sitzungen der verschiedenen Verwaltungsorgane, der Kommissionen und Ausschüsse — tagtäglich und beriet gewöhnlich in ernster, sachlicher Weise bis spät nach Mitternacht die Probleme des Zionismus im allgemeinen und die Tagesftagen des Kongresses'im besonderen. Es kann hier nicht unsere Ausgabe sein, einen ausführlichen Bericht über die Traktanden der einzelnen Sitzungen zu geben, ja cs würde uns schon zu weit führen, wenn wir nur die bedeutendsten Momente der Konferenz streifen wollten. Es kann sich uns nur um die allgemeinen Eindrücke, um die hauptsächlichsten Lehren und Ergebnisse dieser in vielen Beziehungen mehr als interessanten Versammlungen handeln. Die Konferenz gab uns vor allen Dingen die befriedigende Ucberzeugung, daß der Pessimismus, der sich leider in letzter Zeit weiter Kreise unserer Freunde bemächtigt hat, unbegründet ist; sie hat uns den Beweis gebracht, daß zwar die Organisation als solche in den letzten Jahren infolge der inneren Krisis sowohl, als auch infolge der katastrophalen Ereignisse und der revolutionären Bewegung in Rußland gelitten hat, daß aber die Bewegung an sich, deren Stärke und Bedeutung sich nicht sowohl an der Zahl der Schekclzahler, als vielmehr an der vorherrschenden Stimmung, an der allgemeinen Geistesrichtung, man möchte fast sagen: Lebens- und Weltanschauung des Volkes messen läßt, diese Feuerprobe aufs Glänzendste bestanden hat. Man hat den Eindruck, daß der Rausch der russischen Freiheitsbewegung, der weite Volksschichten ergriffen und sie von ihren nationalen Aufgaben abgclenkt hatte, nunmehr vorüber ist; die allgemeine Verwirrung und Zerrüttung ist chescitigt, die Massen beginnen von neuem sich auf sich selbst zu besinnen, überall dringt der nationale Gedanke durch, und siegreich bricht sich die zionistische Erkenntnis Bahn. Große Verdienste hat sich dabei, wie aus den Berichten und Diskussionen unzweifelhaft hcrvorging, das zionistische Zentralkomitee in Wilna erworben, das sich vor sieben Monaten infolge eines Beschlusses der Hclsingsorser Konferenz konstituiert hat. In dieser kurzen Zeit verstand cs das Zentralkomitee, aus den Trümmern der Organisation, die es vorfand, ein neues stolzes Gebäude zu errichten, in die zionistische Arbeit Ordnung und Zusammenhang, neuen Geist und neues Leben zu bringen, so daß das große A. C. in einer Haager Sitzung unumwunden anerkennen mußte, das; die russische Landcsorganisation allen anderen als Muster dienen könnte. Zwar hat die Zahl der organisierten Zionisten Rußlands, trotz des unbestreitbaren Auf- 'chwungs in der jüngsten Zeit, noch lauge nicht die Höhe der vorigen Jahre erreicht, die allgemeine Ansicht geht aber dahin, daß die gegenwärtigen Schekelzahler Rußlands . durchweg vom zionistischen Geiste durchdrungen sind und eine unter allen Umständen zuverlässige und zielbewußte Kcrntruppc der zionistischen Armee bilden. Und doch sind die Führer der russischen Zionisten weit entfernt davon, sich einem selbstzufriedenen, einschläfernden Optimismus hinzngebcn. Sie sind sich dessen voll und ganz bewußt, welche ungeheure Hindernisse uns im Wege stehen, ja, sie sind sogar geneigt, die Lage schon etwas düsterer zu malen, als sie in Wirklichkeit ist. Ein charakteristisches Beispiel hierfür ist das Referat, das U s s i s ch k i» über die „reale Arbeit in Palästina" erstattet hat. Dieses Referat war, nebenbei bemerkt, von einer Tiefe und Gründlichkeit, von einem sittlichen Ernst und übcrzeugungstreucm Enthusiasmus, wie man cs selten findet. Mit schonungsloser Wahrheitsliebe und bewunderungswürdiger Auftichtigkeit deckte er, der eifrigste und markanteste Vertreter der realen Palästinaarbeit, all die Schwierigkeiten und Hindernisse auf, auf die eine solche Arbeit stoßen müsse und die er als fast unüberwindlich bezeichncte. Er hob nachdrücklich hervor, daß wir cs mit einem außerordentlich spröden Kolonisierungsstosf zu tun haben — er bezeichnctc geradezu die Juden als das denkbar schlechteste Kolonisationsobjckt — er betonte, daß die politischen Bedingungen in Palästina sehr ungünstig seien, die türkische Regierung unterdrücke überhaupt Bauern und Felachen, auch die klimatischen Bedingungen ließen sehr viel zu wünschen übrig, die kommerziellen Verhältnisse liegen darnieder, die Regierung tue nichts für die Entwicklung der Industrie, es gibt keine anständigen Kommunikationsmittel ustv. usw. in diesem 'Sinne. Die Folgerung, die Ussischkin aus diesen Prämissen zog, war aber nicht etwa die, daß wir nichts in Palästina unternehmen dürften, ehe sich die Lage gebessert hat, sondern umgekehrt, daß wir all unsere Kräfte anspannen und das Menschenmögliche tun müssen, um durch hartnäckige, unverdrossene Arbeit die Hindernisse allmählich zu überwinden und schrittweise neue, günstigere Bedingungen zu schassen, bis ivir endlich eine Macht bilden werden, nnt welcher man wird rechnen müssen. Das müßige Sitzen am Meeresstrandc in Erwartung einer günstigen Witterung könnte für uns verhängnisvoll werden. Durch allzu nüchterne, tatcnscheuc Besonnenheit Und Zurückhaltung werden wir nichts erreichen. Große geschichtliche Taten wurden nie von kühlen Skeptikern, sondern von starken Gefühls- und Willensmenschen vollbracht. Wir müssen uns ein für alle Mal darüber klar werden, daß der Zionismus die Lebensfrage des jüdischen Volkes bedeutet, daß cs keine andere Rettung für Juden und Judentum gibt als die Rückkehr in die alte Heimat und deshalb dürfen wir vor keinen Hindernissen zurückschrecken; wir müssen vielmehr systematisch und unermüdlich daran arbeiten, schrittweise im Laude Boden zu fassen und ein Machtsaktor zu werden. Durch reines Diploniatisieren ohne reale Grundlage im Lande werden wir nicht vorwärts kommen, während uns indessen der Boden, stückweise verloren gehen kann. Ussischkin entwickelte nun ein ausführliches trogramm der Palästinaarbeit, das in der Hauptsache von der russischen Konferenz und späterhin von der Kongrcßkommission für Palästinaragen, bczw. vom Plenum akzeptiert wurde. Seine iraktischcn Vorschläge gipfelten in den Forderungen, es solle eine beständige Vertretung der zionistischen Organisation in Konstantinopel in Form einer Filiale der - jüdischen Kolouialbank geschaffen werden, der Schwerpunkt der Wirkämkeit der Bank und ihre Kapitalien sollen nach Palästina und den Nachbarländern verlegt, eine Reihe neuer Filialen hier geöffnet und die Operationen der Bank außerhalb dieser Gebiete auf ein Minimum reduziert werden, der Nationalfonds oll seine hauptsächlichste Tätigkeit „Geülaß Ho'orez" sofort aufnehmcn, ein Agrarkredit solle geschaffen werden —hier wandte sich Ussischkin gegen die einseitige Betonung der städtische», industriellen Kolonisation, die in der letzten Zeit Platz gegriffen hat —, die zionistische Organiation solle der Privatinitiative in jeder Weise, besonders aber durch einen groß angelegten und rationell geführten Jnfornlationsdienst cntgegenkommcn, in Palästina selbst soll, unabhängig von der Berliner Palästina-Kommission, eine beständige Kommission mit weitgehenden Befugnissen eingesetzt werden, die die Palästinaarbeit leiten und beaufsichtigen soll, durch die Schaffung eines Palästinaratcs soll die Grundlage für die Organisation der palästiucnsischeu Judcnheit gegeben werden, die zionistische Organisation soll ferner nr die kulturelle Arbeit in Palästina Sorge ragen, cs soll ein hebräisches Gymnasium da- 'elbst geschaffen, bezw. weiter ausgcbaut Werren usw. usw. Die Diskussion, die sich an das Referat Ussischkius anschloß und zwei Tage lang dauerte, bewegte sich aus einem durchaus hohen Niveau und legte ein glänzendes Zeugnis ab von der Intelligenz und der politischen Reife der Versammlung. Es zeigte sich dabei, daß ein eigentlicher prinzipieller Gegensatz in der Frage der Notwendigkeit der Palästinaarbeit nicht besteht; die Diskussion drehte sich einerseits um die Zweckmäßigkeit einzelner bestimmter Vorschläge, andererseits wurde von den Kontrarcdnern — wenn man von solchen sprechen darf — der politische Charakter unserer Bewegung schärfer betont, als es von Seiten des Referenten geschah und die — meines Erachtens: unbegründete — Besorgnis geäußert, unsere Bewegung könnte durch die allzustarke Betonung der realen Arbeit in Palästina, die in der ersten Zeit schließlich doch nur eine Kleinarbeit sein kann, ihren großzügigen und zugkräftigen Charakter verlieren und als gewöhnlicher Kolonisationsverein erscheinen. All diese Gesichtspunkte und Argumente, die für und wider das Ussischkin'sche Programm geltend gemacht wurden, sollten später auch die große Kongreßdebatte über diese Frage, die sich aus gleicher Höhe bewegte, beherrschen und ihr den ernsten sittlichen Charakter verleihen, von dem beide Parteien gleich angenehm berührt wurden. Daß ein eigentlicher prinzipieller Gegensatz nicht bestand, zeigte sich in den von der Konferenz gefaßten Beschlüssen über die Palästinaarbeit, die eine Konibination der Anträge Ussischkins und Tschlenows und der Helsingforser Resolutionen darstellten und die, wie bereits erwähnt, wenigstens dem Inhalte nach, von der Palästina-Kommission des Kongresses und, soweit sie vor das Plenum gebracht werden durften, auch vorn Kongresse akzeptiert wurden. Hatte die russische Konferenz in der Behandlung der Palästinafrage nur die Bedeutung einer

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