Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 34 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^rrituafntfetr Zsmlitislhes fomilinlilatt. <r-' 1 —. . .■""> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i.-. . . . —. , KsdaKrioil und Frankfurt a. M.. vttbelerstraße 4/6, Lcke Bleichstraße Tekefo« 10507. epEgeber: Sa lg Geks. i Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. — 5. Jahrgang. Freitag, den 20. Elul 5667 (30. August 1907). No. 34. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Nach dem Kongreß. — Die vierte allrussische Zionistenkonferenz in Haag. — Brief aus Ungarn. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine gute Nummer. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Nach dem Kongrest. Rückblick und Ausblick. Von Dr. M. G. Was hat der Kongreß geleistet? Was hat er uns gelehrt? Auf diese Fragen »vollen »vir versuchen in einer kurzen Skizze der »vichtigsten Momente die Antwort zu geben. Vor allen Dingen über den Stand der Bclvegung. Durch die offiziellen Berichte der Landsmannschaften und des Generalsekretärs der zionistischen Organisation, noch mehr aber durch den allgemeinen persönlichen Eindruck und durch private Gespräche mit den kompetenten Persönlichkeiten mußte jeder den Eindruck geleimten, daß der Zionismus in diesen Jahren der großen Wirren uitd Kämpfe nicht nur sich erhalten hat, sondern auch mit gestählter Kraft aus diesem Ringen hervorgegangen ist. Der Zionisntus ist mehr denn je der Träger und Erzeuger des nationalen Lebens gclvorden. Dies gilt besonders von Rußland und Oesterreich, Ivo sich die zionistische Bewegung mit Eifer und Erfolg an den konstitutionellen Kämpfen der Völker beteiligte. Die Folge davon »var eine Vertiefung der zionistischen Doktrin; der Zionismus wurde seinen Anhängern eine Weltanschauung, eine große historische Konzeption, die alle politischen, kulturellen, nationalen und staatlichen Fragen des Judentunis in ihren Gesichtskreis zieht. Diese Vertiefung des Zionismus zeigte sich besonders bei den russischen und österreichischen Delegierten, ‘ von welchen man ohne llebertreibung sagen darf, daß sie auf der Höhe ihrer Aufgabe standen. Aber auch bei den anderen hat sich ein tieferes Erfassen der zionistischen Probleme geltend gemacht. Man ist allgemein von der mechanischen, ich möchte sagen: katastrophalen Auffassung der jüdischen Staatsidee zu einer organischen evolutiven Auffassung übergegangen. So erklärt sich die Tatsache, daß der Kongreß der Frage der realen Arbeit in Palästina seine größte Aufmerksamkeit schenkte und in den Mittelpunkt des Interesses stellte. Man »var sich allgemein darüber einig, daß das, was bisher auf diesem Gebiete geleistet worden, blutwenig ist im Verhältnis zu dem, was »vir von unserer Organisation erwarten dürfen. Und wenn auch die Palästinakommission in den letzten zwei Jahren Bemerkenswertes geleistet und eine Reihe von Arbeiten auf verschiedenen Gebieten ausgeführt,. bezw. vorbereitet oder angeregt hat (Erforschungsarbeiten, Verbreitung der Palästinakenntnis, organisatorische; Arbeiten: Bezalel, Pflanzungsverein Palästina, Palästina-Jndustrie-Syndikat, Arbeiter-Heimstätten-Genossenschaft, Palüstina- Agrikultur-Gescllschaft, Palästinaverein, Oelbaumspende und Herzlwald nsiv. ustv.), so bestand doch kein Zweifel darüber, daß unsere Organisation umfassendere, einschneidendere Schritte unternehmen müßte. Die Meinungsverschiedenheit, die in der (nebenbei bemerkt: sehr sachlichen und ernsten, nach Form und Inhalt gleich gediegetten) Debatte znm Vorschein kam, lag (vergleiche unsereir Artikel über die russische Konferenz), auf ganz anderem Gebiete. In diesent Sinne wltrden auch die Beschlüsse der russischen Konferenz (vergl. dett erwähnten Artikel) und des Kongresses gehalten. Um aber die Garantie zu haben, daß diese Beschlüsse nicht, »vie leider bis jetzt häufig geschehen ist, aus Mangel ait Mitteln auf dem Papier bleiben, beschloß der Kongreß auf Antrag der Palästinakommission, daß von »tun ab 25°/» aller Einnahmen des A. C. sofort nach Eingang an die P. C. abzuliefern sind. Dieser Beschluß ist von umso größerer Tragtveite, als dieser Kongreß gleichzeitig den Grundstein gelegt hat für die Schaffung eines dauernden Parteifonds, der die Aufstellung eines regelrechten Budgets und somit einen normalen Gang der Arbeit überhaupt erniöglichen soll, ohne daß maiz fürchten müßte, daß irgend eine Katastrophe oder Störung inr jüdischen Lebert, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, den zionistischen Mechanismus ins Stocken bringen könnte. Zu diesenr Zioecke Ivurde beschlossen, daß jedes Mitglied der zionistischen Organisation im Lause des nächsten Jahres einen einmaligen Beitrag von mindestens Fr. 5. zu leisten hat. Bon großer Bedeutung für die Palästinaarbeit ist auch der Beschluß des Kongresses, cs solle für das Erziehungswesen in Palästina und vor allen Dingen für die Enttvicklnng des hebräischen Gymnasium sin Jaffa, welches nach den Aussagen von kompetenten und durchaus zuverlässigen Zeugen mit Einsicht und Liebe geleitet wird und zu den besten Hoffnungen berechtigt, Sorge getragen werden. Im Sinne dieses Beschlusses spendete der Delegierte Moser zivecks Errichtung eines eigenen Gebäudes für das Gymnasium, das nunmehr den Namen Th. Herzls führen »vird, den ansehnlichen Betrag von Fr. 80 OÖO und viele andere Delegierte traten dem Gymnasialverein als Griinder bei. Auch für die Kunstschule „Bezalel", die eine Schöpfung der Palästina-Kornmission ist, bekundete der Kongreß sein lebhaftes Interesse und der erwähnte Delegierte Moser wies diesem Institut den Betrag von Fr. 10 000 zu. So hat nun der Kongreß gezeigt, daß er die Fragen der nationalen Erziehung in Palästina für einen wichtigen Bestandteil der zionistischen Arbeit betrachtet. Aber auch die Länder der Diaspora wurden nicht außer Acht gelassen und in den vom Kongresse akzeptierten Thesen Dr. Ehrenpreis' zur Frage der nationalen Erziehung in der Diaspora bekundet der Kongreß seinen Willen, endlich einmal ernst an diese Arbeit zu gehen. Für die praktische Richtung dieses Kongresses ist es charakteristisch, daß man keine allgemeine Redensarten über Kultur gemacht, keine prinzipielle Diskussionen über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der „Kultur" geführt, und dabei Kulturarbeit im eminentesten Sinne des Wortes geleistet hat. Eine Knltnrtat pur excellence ist auch der vom Kongreß mit großem Beifall aufgenommene Beschluß der Misrachifraktivn, eine Mittelschule misrachistischer Richtung inPalästina zugründ ett. Die Mitteilung, daß für diese Schule bereits Mk. 10 000 gezeichnet sind, hat gar manchen, der der Misrachifraktion Mangel an Initiative und Aktivität voriversen zu können glaubte, veranlaßt, seine Ansicht zu korrigieren. Die Inangriffnahme der praktischen Kulturarbeit war es ebenso »vie die taktvolle, versöhnliche Haltung der Misrachidelegierten, die das Ansehen und das Prestige des Misrachi auf diesem Kongreß bedeutend erhöhten, und ich glaube behaupten zu dürfen, daß die Misrachidelegierten ihrerseits gleichfalls keinen Grund haben, über die Haltung ihrer nichtmisrachistischen Gesinnungsgenossen zu klagen. So hat es sich denn gezeigt, daß die praktische Kulturarbeit, weit entfernt davon, einen Zankapfel der Parteien zu werden, im Gegenteil eine einigende, versöhnende Wirkung ausübt. Der Wille zur praktischen Arbeit, Einmütigkeit in Bezug auf die hauptsächlichsten prinzipiellen Fragen der zionistischen Praxis, ernste, würdige Diskussion und gegenseitige Achtung waren überhaupt die charakteristischsten Merkmale dieses Kongresses. Jeder von uns hat es gelernt, die ehrliche Gesinnung seines Gegners zu respektieren, ja sogar diesen „Gegner" aufrichtig zu lieben. Der Misrachist Struck wurde von dem radikalen Flügel der russischen Landsmannschaft ebenso lebhaft akklamiert, »vie der Poel-Zion Kaplan-Kaplansky, und cs »var keine leere Phrase, wenn der Vorsitzende des Kongresses beim Verlesen einer Mitteilung über eine Misrachiversammlung, zu der alle Freunde des Misrachi eingeladen wurden, bemerkte: so müßten wir denn eigentlich alle hingehen. Im Sinne dieser gegenseitigen Achtung und Anerkennung her Berechtigung der Fraktionierung nach politischen und religiösen Gesichtspunkten auf föderativer Grundlage akzeptierte der Kongreß mit großer Majorität einen Antrag der Misrachisten und der Poale-Zion, wonach § 25 des Organisationsstatuts der zionistischen Partei dahin abgeändert wurde, daß von nun ab schon 3000 gleichgesinnte Schekelzahler eine auch üb er meh rer e Länd er sich erstreckende Föderation bilden dürften, während früher eine Mindestzahl von 5000 Schekelzahlern für die Gründung einer Föderation in einem Lande erforderlich und eine interterritoriale Föderation überhaupt ausgeschlossen war. Praktische Kulturarbeit war es auch, was die Sonderorganisationen „Jbriah"*) und „Sinai" im Haag, im Anschluß an den Kon- *) Weltvcrband für die Neubelebung und Pflege der hebräischen Sprache und Konversation.