Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 32 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692543--03385-2698075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 32. Seite 2. Frankfurter Israelitisches Fcmrilienblatt. Jahrzehnte der Not, der körperlichen Hinfälligkeit arbeitete er sich empor. Seine fiebernde Ersiudungslust, die Cyklopengebäude der Phantasie schuf, bewahrte ihm allein die Lebensenergic. Gequält vom ewigen Leiden verschrieb er sich dem slavophilen Nationalismus der Katkow und Aksakow, aus dem die Inkarnation der russischen Idee, der Zar, die Rechtfertigung für seinen Sultanisnms schöpfte. — So ward er zum Typus der Vergangenheit, die, wie ein Großer bemerkte, eine Apotheose des Muschik, des sklavisch ergebenen, tief geduldigen Bauern gewesen. Eine solche Natur mußte den Juden hassen, mußte diesen als Feind der glorifizierten Trinität von Autokratie, Nationalismus und Orthodoxie empfinden. Dostojewski war eine Natur des Unmöglichen und suchte eine krankhaft gesteigerte Seligkeit in Utopien, in ekstatischen, süßesten Gefühlen. Diese Erwägung darf uns mit ihm versöhnen. So wie dieses Genie über die Judenfragc urteilte, so erscheint es uns mit allen seinen Jrrgängen in den prachtvollen Werken des Schriftstellers : Geisterhaft, wildtobend, aufkeuchend, widerspruchsvoll, vor allem aber übermenschlich. _ Dr. I. Ak. . Die Woche. Gar viele sind die jüdischen Korporationen und Jnstitusionen, die von einem minimalen Erfolge ihrer Tätigleit zu berichten haben, doch am wenigsten von allen vermochte die „Jka", eine der größten unserer großen Organisationen, von Erfolgen zu sprechen. Von Anfang ihrer Tätigkeit an hatte sie Mißerfolg auf Mißerfolg und war beständig die Zielscheibe der öffentlichen Kritik. Einen der Hauptfehler, woran unsere Korporationen kranken, ist der autokratische Geist, der sie beherrscht. Sind sie doch zu meist von Männern geleitet, die keine Fühlung mit der Masse haben und als ungewählte Vertreter nicht das Vertrauen der öffentlichen Meinung besitzen: Auch der „Jka" haftet dieser Fehler im höchsten Maße an. Allein die beständige Krisik der Welt und vielleicht auch der Einfluß der gegenwärtig sich langsam, doch merklich vollziehenden jüdischen Regeneration haben auch auf diese vom Geiste der Bureaukratie getragene Verwaltung eingewirkt und siehe — zum ersten Mal hören wir die Verwaltung der „Jka" von Erfolg erzählen! Die Kolonien in Argenttnien — heißt es im Bericht des Präsidenten Leven — stehen bereits auf eigenen Füßen, sic sind sogar so weit, die alten Schulden der für ihre Ansiedlung .seitens der Verwaltung gemachten Unkosten zurückzuerstatten. Auch in Amerika sprechen sie von einer ersprießlichen Tätigkeit, und sogar ihre Kolonien in P a l ä st i n a, d e in L a n d e d e r assi - m i l a t o r i s ch e » Abneigung, blühen und gedeihen. (Man wundere sich nicht, wie eine von Assiinilattonsgeiste getragene Körperschaft zur Gründung von Kolonien, welche doch die Wiedergeburt der längst freiwillig aufgegebcnen Heimat ausmachen, kommt; die Kolonien, welche die „Jka" in Palästina besitzt, sind ihr von Baron Edmund von Rvtfchild zugefallen.) Wir freuen uns mit dem, wenn auch teilweise» Erfolg der Jka und erwarten noch weitere Erfolge. Vielleicht wird der Ersolg der Jka auch ein Ansporn für die anderen Körperschaften sein. Sicherlich aber wird die Tatsache, daß man in Palästina mit Erfolg arbeiten kann, der Jka zur Mahnung gereiche», sich von ihren alten Vorurteilen gegen das Land unserer Zukunft zu befreien . . . Es sei bei dieser Gelegenheit rühmend darauf hingewiesen, daß die Jka sich jetzt nicht mehr scheut, ihre Unterstützung an tradionell geleitete Institutionen, wie „Jeschibos" u. a. m., zu gewähren. Auch diese Kursänderung kann nur auf die Aenderung der Zeiten zurückgeführt werden: andere Zeiten andere Vögel, andere Vögel andere Lieder! * * * Marokko ist ein unaufgeklärtes Land und ist bewohnt von unaufgeklärten arabischen Stämmen. Marokko beherbergt seit jeher Tausende von Juden. Araber und Juden — beide semitische Stämme; Grund genug, in Eintracht zu leben. Und doch! . . . m^asablanca, einer marokkanischen Hafenstadt, sind Araber über ihre stammesverwandten Brüder, über die dort in Massen lebenden Juden hergefalleu und haben sie ausgeplündert und in bestialischer Weise getötet. Und weshalb?? Marokko ist ei» unaufgeklärter Staat, Europa ist oder glaubt aufgeklärt zu sein und schickt sich an, in Marokko Ordnung zu schaffen. Aber weshalb grade in Marokko? Gibts wenig unaufgeklärte Staaten? Rußland, Türkei, Rumänien, Persien usw. schwelgen auch nicht in allzugroßer Jlufklärung. Und warum geht Europa bloß nach Marokko? In Marokko herrscht Unordnung — und in Rußland? — und in Rumänien? Marokkanische Araber haben einige Europäer überfallen und sie getötet. Und in Rußland? — sind etwa dort wenig fremde Staatsangehörige getötet worden? Doch Marokko har das Unglück schwach zu sein, der Schwache darf sich den Luxus der.Unordnung nicht gestatten . . . Also Europa ging nach Marokko, um die Ordnung dort zu erzwingen. Marokko wird also zwangsweise erzogen. Was im staatlich europäischen Sinne eine zwangsweise Erziehung heißt, weiß jeder Mensch . . . Die moderne Pädagogik will zwar von Züchtigung nichts wissen; auch muß jedenr Menschen, auch dem Schwachen, das Recht eingcräumt werden, in eigenem Hause die Ordnung nach Belieben zu halten; paßt sie andern nicht, können sie ruhig wcgbleibcu. . . Allein die europäischen Staaten überlassen die Ethik den unaufgeklärten Weltteilen . . . Also Europa, das heißt Frankreich und Spanien als Mandatare Europas, ging nach Marokko, um Ordnung zu schaffen; die Araber wurden ärgerlich und vor Wut überfielen sie — die Juden. . . Weshalb die Juden? Hat denn eine indische Regierung Casablanca besetzen wollen? „Weshalb!" Und weshalb schickt die russische Regierung ihre Hooliganen gegen die Juden? In Rußland herrschen Unruhen, die Revolution ist im Gange und die Regierung ist ärgerlich. Doch was hat dies mit Juden zu tun? „Weshalb"! In Rumänien hungern die Bauern, die Gutsbesitzer exploitieren sie, unb die Negierung hält zu den Gutsbesitzer» — und die Bauern stillen ihre Wut an den Juden . . . Also wir Juden müssen sorgen, daßalleWelt zufrieden sein soll; dem Zaren müssen wir den Absolutismus erhalten — den Völkern die Freiheit, den Bauern reichliche Nahrung — den Gutsbesitzern unermeßlichen Reichtum, den Marokkanern müssen wir Europa 'vom Halse schaffen — tun wir es nicht, dann weh uns, dann macht man gegen uns Pogrome! In den unaufgeklärten Staaten Pogrome physischer, in den aufgeklärten Staaten geistiger Natur. . . * Doch während man allerorts gegen uns Pogrome inszeniert, tagt ein jüdischer Kongreß in Haag. Die Männer dieses Kongresses gehen von der Erkenntnis aus, daß Pogrome gegen das jüdische Volk, so lauge es keine Heimat besitzt und ganz in der Diaspora lebt, unvermeidich sind! Und diese Männer beraten, wie inan die alte Heimat, in der einst Milch und Honig floß, wieder zum neuen Leben erwecken kann. Schwer ist die Arbeit, groß das Unterfangen; aber noch größer die Sehnsucht zur alten Heimat/ und noch 'größer ist auch die Not, das getretene jüdische Volk kann unmöglich ruhig in seiner unerträglichen Lage verharren, cs muß nach Mittel und Wege trachten, seine Freiheit zu erlangen. Und wenn nicht jetzt, wann denn; und wenn nicht wir, wer denn! Wahrlich schwierig ist der Weg, aber noch schwieriger das Golns! Die Arbeit des Kongresses zu Haag sei also eine gesegnete! Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Max Liebermann dürste in der Gegenwart der bedeutendste Maler Deutschlands sein, und da er außerdem — wie Hermann Struck, der gegenwärtig unser bedeutendster Radierer sein dürste — Jude ist, so glauben wir, unsere Leser aus die L i e b e r m a n n - A u s st e l l u n g im hiesigen Knust verein aufmerksam machen zu sollen. Diese. Ausstellung, die aus Anlaß des 60. Geburtstages des Künstlers arrangiert worden ist, enthält 183 Werke, darunter nahezu 80 Gemälde; sie ist die größte Liebermann-Ausstellung, die überhaupt je beisammen war. Frankfurt a. M. In dem Kunstverlag A. und M. Löwenthal sind 2 Ansichtskarten erschienen, die die neue Synagoge der Jsr. Religionsgesellschaft zum Gegenstand haben. Der Entwurf der einen Karte ist von Herrn Nathan I e i d c l, der der anderen von Herrn H. F r a n k, zwei jungen Künstlern der Religionsgesellschaft, die für ihre Laufbahn zu den besten Erwartungen berechtigen. Berlin. Die „Deutsche Zeitung" schreibt: „In holsteinischen Blättern findet sich die Mitteilung, daß der langjährige Herausgeber der im Verlage von Duncker und Humblot erscheinenden „Allgemeinen deutschen Biographie", der seit ihrer Begründung im Jahre 1872 bis zum' Ende des 53. Bandes die Redaktion überwacht hat, Geheiinrat Dr. Rochus Freiherr von L i l i e n c r v n, wegen seines hohen Ariers (er ist 87 Jahre!) nun davon zurücktrete. Das ist gewiß zu bedauern, doch muß man sich wohl oder übel damit bescheiden. Nicht ohne Befremden wird dagegen die Nachricht ausgenommen werden, daß die historische Kommission der bayerischen Akademie der Wissenschaften den Wiener Herausgeber des „biographischen Jahrbuches und' deutschen Nekrologs", Herrn Dr. Anton Bettelheim, zu Lilicücrons Nachfolger ausersehen haben soll. Mag die bisherige Herausgabe eines ähnlichen privaten Unternehmens mit Recht oder Unrecht als hinreichendes 'Befähignngszeugnis im wissenschaftlichen Sinne gelten, so kommt hier doch in hohem Grade auch das nationale Vertrauen in Frage, und dieses wird bei allen bewußt Deutschgesinnten dem Unternehmen entzogen werden müsse», wenn man einen Mann jüdischer Herkunft mit' einem solche Amte betraut. Wie man in diesem Punkte zu der getrossencu Wahl denkt, bringt uns die Zeitschrift eines Mitarbeiters mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Daß nun in Zukunft auch die Nekrologe aller hervorragenden Deutschen von Juden und Jndciigcuosscii geschricben werden sollen, ist doch ein starkes Stück. Als Lebender läßt man sich ja manches gesallen, aber im Tode will man zu seinem Rechte kommen." Auch wir sind der Ansicht, daß hier eine verkehrte Wahl getroffen ist, und daß man sich auf eine bessere besinnen sollte. Denn Recht und Gerechtigkeit im Sinne eines llnternehmens wie der „Allgemeinen deutschen Biographie" kann dem Deutschen nur ein Deutschgeborcner gewährleisten." Trotz des Jammerns der „Deutschen Zeitung" ist Dr. Bcttelheim inzwischen von der „historischen Kommission", in der nicht ein einziger Jm>e sitzt, gewählt worden. — Wenn die „Deutsche Zeitung" auch antisemitisch gesinnt ist, darf doch konstatiert werden, daß man immer und immer wieder beobachten kann, daß das „Andcrsgeartetsein" des Inden, das er sich nicht nehmen kann, und nicht seine Zugehörigkeit zu einer anderen Religion von dem Nichtjuden empfunden wird, aus welchem Grunde auch die Assimilationsbestrebungen sinnlos sind. Berlin. Ein tragisches Geschick. Im Hause Wielandstraße 13, in dem der bei dem Eisenbahnunglück von T r e in e s s e n ums Leben gekommene Herr Julius Isaak wohnte, herrscht allgemeine Trauer. Isaak war 38 Jahre alt und erst wenige Jahre verheiratet. Seine Ehe blieb kinderlos. Früher war er Inhaber der seit einigen Jahren erloschenen Firma Moritz Oppenheimer, in letzter Zeit betrieb er ein Baugeschäft, dessen Bureau sich Knrfürstendamm 20/21 befindet. Am Montag früh verließ Herr Isaak Berlin, um sich zur Beerdigung eines Verwandten nach Thorn zu begeben. Bei der Rückkehr benutzte er dann den llnglückszug, den er lebend nicht inehr verlassen sollte. In seiner Begleitung befailden sich zwei Herren, die Gebrüder L., nähere Verwandte des Verstorbenen. Diesen beiden wurde es in dein Abteil zweiter Klasse plötzlich zu heiß, sie begaben sich (in einen Wagen dritter Klasse. Diesem Zufall allein verdanken sie es, dem sichern Tode ciltgaugen zu sein. (k) Posen. Eine rechte Zwergschule ist die jüd. Volksschule in Zerkow. Monatelang hatte der dortige Lehrer nur einene i u z i g e it Schüler zu unterrichten. Gegenwärtig ist die Schülcrzahl wieder auf 4 gestiegen. Es muß rühmend anerkannt werden, daß die jüdische Gemeinde in Zerkow, - die doch nur wenige Mitglieder zählt und auch nicht besonders leistungsfähig ist, gern die schweren Opfer bringt, um die Selbständigkeit ihrer Schule zu erhalten. Von ruchloser Hand sind kürzlich auf dem jüd. F r i c d h o f e in R o g o w o etwa 20 Grabsteine umgcworfen und zertrünnnert worden. Alls Täter wurden 4 Schulknaben ermittelt. — In der Nähe der Orlabrücke in Kos ch m i n ging der Seminarlehrer B i d d e r mit dem Buchdruckereibesitzer Hermann T n ch spaziercn. Sic hörte» von weitem schon das Geschrei: „Nieder mit d e n I u d e n, Tod d e n I u d e n!" Da aber in der Dunkelheit noch niemand zu sehen war und man an eine ernstliche Gesahr nicht glaubte, gingen die beiden ruhig ihres Weges weiter. 8lls das Geschrei aber toller ivurde, drehten.sie sich um und sahen fünf gezückte Messer in der Lust schwingen. Herr Tuch hatte das spitze Dolchmesser nur höchstens 1 Zentimeter vom Halse. Durch eine geschickte Wendung bückte er sich, dann .schlug er mit' der Faust gegen den rohen Patron und flüchtete, um Hilfe zu holen. Einer der Rohlinge stürzte Herrn Tuch mit gezücktem Dolchmesser nach, während die übrigen aus den Seminarlchrer—Bidder mit den Worten: „Tod den Juden!" losstürzten. Trotzdem Herr Bidder