Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 32 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrartkfirrker 3frorlitil'iiira fouiilirnliloll. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei' ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streijband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— AedaKtioil und Geschäftsstelle: Srankfurt a. ITC., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße ‘gctcfott 10507. Herausgeber: KalF H>els. 1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' Freitag, den 6. Mul 5667 (16. August 1S67). 5. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: ■ Dostojewsky und die Judenfragc. — Die Woche. — Aus allerWelt.— Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus derLehrerwelt. —Ausden Vereinen. — Feuill eton: Klotz-Geschichtchen. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Dostojewski und die Judensrage. Die Aufgabe des Kritikers dein Vollendeten gegenüber, das uns die Genies der Menschheit schenkten, ist darum so ungeheuer schwierig, lveil im besten Falle, die Kritik einzelne Phänomene der Gesamterscheinung zu analysieren vermag, diese aber mit allen verschiedenen Nuancen der Anerkeunung hingenommen werden muß. Ob >vir uns etwa für Dostojewski begeistern, ihm Widerwillen cntgegcnbriugen, freudig oder mißlaunig, rückhaltlos oder mit Einschränkungen ihm zujubeln, immer findet die Kritik eine Grenze an der unbestreitbaren Tatsache, daß wir cs mit einem Genie zu tun haben. — Um so größer sind die Komplikationen, die durch diese Situation des Beurteilers entstehen niüssen, je feiner und differenzierter das Problem der Untersuchung ist. Von Dostojewski und seiner Stellung zur Judenfragc soll hier die Rede sein, wenn mau will, zwei Riesen, die mit einander im Kampfe liegen. — Daß Dostojewski cum grano salis ein „Antisemit" tvar, ist eine ziemlich bekannte Tatsache, wenn auch zugegeben werden muß, daß mit derartigen Flüchtigkeiten einer solchen Geistesgröße gegenüber nichts gesagt ist. Dostojeivski, der harte, boshafte, der zynische, in Mord und Grauen Schwelgende, dessen Seele der qualvollsten Spannungen voll ist, rührt an so seinen Fragen Ivie dem Judenproblem. Und das Fac.it waren die Verirrungen eines Genies, tvie wir sie auf jeder Seite der gesammelten politischen Schriften, an deren Hand die vorliegenden Zeilen geschrieben wurden, konstatieren können. Dostojewski vertvahrt sich eingangs seiner Ausführungen gegen die Unterstellung, als wolle er „eine Lösung der Judensrage" geben, dieses Problem ginge, so meint er, wohl über seine Kräfte, tvohl aber könne er seine Ansicht über diese strittige Frage entwickeln. Er weist ferner die Behauptung einiger Juden, die in dieser Sache an ihn schrieben, zurück, daß er ein „Judenhasser" wäre; an all diesem Gerede seien nur die hypertrophischen Empfindeleien der Briefschreiber schuld, die trotz ihrer Bildung und Intelligenz die Nichtjuden vorurteilsvoll betrachten. Immerhin will Dostojewski gerne anerkennen, daß pro und contra in einer Betrachtung der vierzig Jahrhunderte jüdischer Geschichte sehr sorgfältig verteilt werden müssen. , Als eines der hervorragenden Kennzeichen dieser Geschichte wird die geschickte Ausnützung der Verhältnisse seitens der Juden angesprochen. Mit anderen Worten: eine Variation der bekannten Beschuldigung, daß >vir Exploiteure seien. So geriet der russische Bauer, dessen Leiden weit größer (?) seien als die der Juden, nach Aushebung der Leibeigenschaft in die Netze der Juden. Und ebenso sind die Neger Nordamerikas den jüdischen Plantageubesitzern zum Opfer gefallen. Als Quellen werden Zeitungskorrespondenzen angeführt, die einzige untrügliche Bürgschaft. Es sei nun natürlich, wenn der Russe gegen diese Ausbeutung protestiere, ohne daß auch nur ein Funke angeborenen Judenhasses vorhanden wäre. Im Gegenteil, die Juden „zeigen überall Widerwillen und Ekel" vor dem russischen Volke. Mit welchem Rechte fordern sie also Freizügigkeit, die nicht einmal der russische Bauer genieße, der „heute noch unter den früheren, ans der Zeit der Leibeigenschaft gebliebenen, unerwünschten Beschränkungen in der Freiheit der Wahl des Auseuthaltsortes" leide? Abgesehen davon, daß niemand in Rußland eine wirkliche Feindschaft gegen die Juden hege (?) weder das Volk, noch die Machthaber, seien ihre (der Juden) Verhältnisse lediglich eine Folge des Umstandes, daß sie stets einen st-atus in statu bildeten. Gewiß ist das kein klar umrissener Begriff, aber es lassen sich gewisse Kennzeichen dieses Phänomens aufzeigen: „Die bis zum religiösen Dogma erhobene Absonderung und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum ist, und die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, der Glaube, daß es in der ganzen Welt nur ein einziges persönliches Volk gibt — die Juden — und die Ueberzeugung, die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden sind, doch so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden wären". Also die Tatsache, daß die Juden einen Staat im Staate bilden, ist nach Dostojewski's Meinung keine Reflexwirkung der Verfolgungen, vielmehr eine Konsequenz gewisser positiver Momente und Anlagen. Diese Abgeschlossenheit führte dazu, daß im jüdischen Volke gewisse Eigenschaften sich ausbildeten, vor allem eine Unbarmherzigkeit den Minoritäten gegenüber und ein stetiges Bündnis mit allen Mächten der Ausbeutung. In dieser stilisierten Beweisführung wird dann die Anklage des Materialismus wiederholt, der von den Inden aus ganz Europa infiltrierte. „Der Materialismus triumphiert, die blinde, gefräßige Begierde nach persönlicher materieller Versorgung, die Gier nach persönlichem Zusammenscharren des Geldes und — der Zweck heiligt die Mittel —: all das wird als höheres Ziel anerkannt, für das Vernünftige, für die Freiheit, an Stelle der christlichen Idee der Rettung, einzig mittels der engsten moralischen und brüderlichen Vereinigung der Menschen". Und wenn dies auch vielleicht Nicht ganz durch die Juden bewirkt wurde, so hätten sie doch mindedestens „großen Einfluß" auf die Entwickelung dieser Verhältnisse. Aber derselbe Mann, der diese. Anklage mit einem gewissen teuflischen Hohne gegen die Juden No. 32. schleuderte, mußte dieser Betrachtung eine versöhnlichere Lösung geben. Schon darum, weil er denr Gedanken und Ideale des „Allmcnschentnm", das die ganze Gestaltenreihe seiner Romane repräsentiert, nicht untren werden durfte. Und so glaubt Dostojewski trotz allem an eine Versöhnung der Konfessionen. Er erzählt uns hier die wunderbare Geschichte eines christlichen Arztes, der in der Nacht sein eigenes' Hemd auszieht, um ein neugeborenes Judenkind darein zu wickeln. Dieser Mann, den Christen und Juden nach seinem Tode betrauerten, ist dem Dichter ein Repräsentant des versöhnlichen Abschlusses, den er seiner Kritik der Juden gab. — * Es ist von entschiedenem psychologischen Interesse, den Gründen uachzuspüren, aus denen diese widerspruchsvollen Ansichten Dostojewski's resultieren mußten. Die seltsamen Blüten und Früchte, die an dem Stamme eines genialen Wesens reifen, sind jedenfalls mit bloßen Worten nicht abzutun, hier muß man tiefer zu blicken versuchen. Dostojewski war Russe in des Wortes engster Bedeutung. Er hat immer nur Russisches geschaut und sich wahnsinnig nach der .Heimat gesehnt, als er sie für Jahre meiden mußte. Seine Gestalten sind photographische Nationaltypen, tief im Boden des Russentums wurzelnd, seine Ideale grauenhafte Mißgeburten einer europaflüchtigen Welt. Er war Slavophile und darum natürlicher Feind des Europäismus, der westlichen Kulturwelt. Seine unbändige Teufelsanbetung, das ewige Geisterbeschwören, seine patriarchalische Pricsternatnr erklärten den Idealen des Jahrhunderts den Krieg bis aufs Messer. Autokratie, Nationalismus und Orthodoxie waren für ihn die Grundpfeiler des russischen Lebens, lknd darum fort mit all dein jüdischen Pseudoeuropäismus! So verträumt und abseits von der Realität pries Dostojewski das winselnde Verbrechertum, das Knuten- und Stockschlägeregime, die ewige Sklaverei des eigener! Volkes dem jüdischen „Materialismus" gegenüber. Aber Dostojeivski ist ein Dichter, gewiß einer der genialsten aller Zeiten. Und aus dieser Wesensart erklären sich weiter seine Verirrungen. Seine Aussätze über die Judenftnge interessieren nicht wegen ihrer Beiveisführung, sondern wegen des Leitmotivs. Er konstruiert: Domänisnius, satanische Verruchtheit der Juden in der Geschichte. Und dieses hochpoetische Motiv diktiert ihm die Angriffe. Daher der starke Eindruck seiner Darstellung. Ist an diesem mit kühnsten Strichen gezeichneten Plane auch nur ein Wort wahr? Keine Ahnung! Unsere Geschichte war' menschlich, allzumenschlich und hat in den Beziehnngcn der Juden zu ihrer Umgebung nichts Mystisches. Man würde aber sehlgehen, diese Konstruktion einfach zu verwerfen. Sie war. ein Ausfluß von Dostojewski's innerster Natur, darum für ihn wahr und konsequent, sie war aus dem Gefühle und nicht aus Kenntnis des Geschehens geboren. — Und zu alledem kam noch eines. Dostojewski war ein Kranker, ein Epileptiker. Durch Jahre,