Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Serk 4. Frankfurter Israelisches Farmlienblatt. gresse anwesend sein, des ferneren eine Reihe von ehemaligen Mitgliedern der ersten rassischen Duma. — Eine besondere Eigentümlichkeit der Zionistcnkongresse ist die lebhafte Anteilnahme der Ocffentlichleit an ihren Verhandlungen, die sich vor allem in - einer starken Galleric ausdrückt. Auch in diesem Jahre werden viele Hunderte von Gästen ans allen Teilen der Erde ans dem Kongresse anwesend sein. Haag. Der Oberrabbiner von Haag hat über das im Kongreßgcbändc errichtete Restanrant, sowie über die gleichfalls daselbst errichtete Erfrischungshalle die A u s s i ch t ü b r r n o in m e n. In der Kongrcßpause zwischen 12 und 3 Uhr lvird für 250 Personen Gelegenheit geboten sein, die Mittagsmahlzeit cinznnchmcn. - "Für in ä ß i g c Preise ist vorgesorgt. — Im Kongrcßgcbände wird eine Filiale für P o st Telegraphen- und T e l c p h o u d i e n st errichtet. Postsendungen haben den Pcrinerk zn tragen: Zionisteiikongrcß, Geboniv Postc restante. Haag. Am Dienstag, den 13. August, findet im Haag, Zuid-Hollandsch Koffcehuis, Grocniyarkt 37 eine Versa in in l u n g der dem M i s r a ch i angehörendcn Delegierten statt, wozu alle gcsctzcstrencn Zionisten eingeladen sind. Die Stunde ivird noch durch Anschlag ii» Kongreßhanse bekannt gegeben. Wie». Der zum Generalmajor bebeförderte Oberst d. R. Alexander Ritter von Eist ist ein begeisterter Zionist und hat auch bereits für den jüdischen Nationalsond eifrig gearbeitet. Sk. Moritz. Der Großh erzog von Baden eiiipsing in P r i v a t a n d i c » z unseren Gcsinnnngsgenossen Reichsratsabgeordnetcii Tr. Mahler. Tic Audienz währte über eine stunde. Tarnopol (Galizien). Am 16. d. M. fanden hier K n 1 t n s w a h l e n statt, die mit einem großen Siege der Jüdisch-Rationalen schlossen. Troß des erbittertsten Widerstandes von Leiten der Gegner gelang es, den Präsidenten des jüdisch-nationalen Wahlkomitccs während der Rei'chSratSwahIcn, Herrn Dr. Jsak B 1c in er und noch andere Jüdisch-Nationale in den Knltnsrat zn bringen. Aus den Vereinen. Freiburg i. Br. Der „Verein jüdischer Studenten im B. D. Ii." an der Universität Freiburg - kann wiederum mit großer Befriedigung aus das verflossene Loiiiiner-Lemcster zurückblickcn. Die Scinestcrantrittskneipe, bei der n. a. der Freiburger Synagogcnrat, die U. O. B. B. Loge, die Verbindung im K. Z. V. Thora, die zionistische Ortsgruppe, der jüdische Lescvercin und der Straßburger Kartcllvereiu vertreten waren, nahm einen glänzenden Verlauf, ebenso das Somiiierscst in Littenweiler und die Schlustkncipe im großen Festsaalc des Kolosseums. Besonders erfreulich war es für uns, bei 'unseren Bcranstältungen weiteste Kreise der hiesigen jüdischen Akademiker- und Bürgerschaft begrüßen zu können. — Eine außerordentlich' große Mtiiiitas ermöglichte rege äußere wie innere Vcreinsarbcit, sodaß die Fiixcn- und Burschenprüsnngcn recht besriedigende Ergebnisse hatten. Wir beteiligten uns an den Vorträgen der zionistischen Ortsgruppe, veranstalteten in Gemeinschaft mit ihr und der Verbindung im K. Z. V. Thora einen jnngjiidischen Abend, der einen erfreulichen Erfolg hatte, ferner einen Morris-Roscnscld- Abend. Wir planen auch bereits für den Winter eine Reihe ähnlicher jüdisch-literarische Abende. Daneben wurde melirmals wöchentlich geturnt Und gcsochtcn, und durch häufige Ausflüge und Exbnmmel fröhliche Geselligkeit und persönliche Annäherung unter den Bbr. Bbr. gefördert. — Wenn auch jetzt znin Winter eine große Anzahl unserer Mitglieder uns verläßt, nm andere Universitäten nnfznsnchen, so ivird doch unsere Korona im Winter wieder recht stattlich werden, sodaß wir mit froher Zuversicht dem kommenden Semester entgcgensrhcn können. (f) Pose». Israelitischer Armen - Hilfs- Verein. Aus dem Jahresbericht entnehmen wir: Die laufenden Monatsniiterstütziingen erhöhten sich von 5130.70 Mark im Jahre 1805 aus 5880.60 Mark, die Unterstützungen an Durchreisende von 5107.70 Mark auf 6018 Mark. Unter den Ausgaben für Durchreisende sind auch die Unterstützungen an Rückwanderer enthalten.. Die Weiterbeförderung derjenigen unserer nnglücklichcn russischen Glaubensgc- »ossen, die, von Verfolgung und Rot gepeinigt, den heimatlichen Boden verlasjcn mußten, ist vom Hilfs- Verein deutscher Juden übernommen worden, sonst hätten diese Ausgaben unseren Etat viel höher belastet. Wir betrachten cs nach wie vor als unsere Ausgabe, Gemcindemitglieder, denen wirtschaftlicher Verfall droht, wenn irgend inöglich existenzfähig zu erhalten. Die Ausweudungen hierfür sind unter „außerordentliche Unterstützungen" enthalten. Wir hatten die Genugtuung, in den meisten Fällen unseren Zweck zn erreichen: von einer Seite wurden uns die ausgewendeten Mittel nach kurzer Zeit wieder zurückgegeben. Wien. Das Kuratorium des israelitischen B l i n d e n i n st i t n t e s berichtet über die Wirksamkeit dce unter seiner Obsorge stehenden Anstalt in den Jahren I80l—00. I» diesem Zeiträume erhielten 75 ordentliche und 6 außerordentliche Zöglinge Erziehung und Unterricht. Die Ziele, welche die Anstalt anstrebt, bestehen darin, blinde Kinder zn religiös-sittlichen Menschen zu erziehen, sie mit jenen Keiiiitnisscii auszurüstcn, welche die Volks- und Bürgerschule vermittelt und sie, ihren 'Anlagen entsprechend, zu leistungsfähigen Handwerkern, Klavierstiminerii, Organisten, Musiklchrerii, Lehrern fremder Sprachen und im Maschinenschreiben auszubildcn. Diesem Ziele kommt die Anstalt mit einer außergewöhnlich reichen Fülle der verschiedenartigsten Lehrmittel zur Hilfe, und die Erfolge, die sie mit ihren Schülern erzielt, sind demciitsprechend impoiiierendc. Selbstverständlich sind die Ausgaben der Anstalt auch beträchtliche, sie betragen jährlich etwa 80 000 Kronen. Aus der Lehrerwett. Mannheim. Auf der 10. Generalvers a m m l u u g des L a ii ö e s v c r c i n s d e r i s r a e l. R e l i g i o u s l e h r c r Badens, die von 70 Mitgliedern besucht war, hielt Lehrer Rosenberger das Referat „Z u r Lag e". In dciiisclbcu zeigte er, daß trotz des größten Wohlwollens des Oberrats die Gehaltsvcrhältnisse der Rcligionslchrcr noch 'besser werden müßten. Zu diesem Zwecke sollte, ähnlich wie in Württemberg, der Staat einen Zuschuß von jährlich 20,000 Mark behufs Gewährung von steigenden Altcrszulagcn beisteuern. Ferner wurde von dein Rcsercntcn gefordert, daß die Lehrer auch Sitz und Stimme im Shnagogenrat, auch 2—3 Abgeordnete in der Synode .haben sollten. — Rabbiner Oppenheimer- Mannheim, der sich zur Disiiissioii meldete, sagte, das; diese.Forderungen berechtigte seien und er als Abgcordneier der Lynodc für dieselben eintrcten wolle. — Es wurde beschlossen, an die im Herbst tagende Synode wiederum eine Petition wegen Gehaltsaufbesserung cinzureichcn. Nach diesem Beschluß wurden noch als D c l e g i c r t e zum Lehrerverbands tag in Hannover gewählt: Müller in Heidelberg, Hananer-Stcinsfurt und Frank-Mannheim. Hieran schloß sich eine Ncrsaminlnng des N a p h t a l i - E p st e i n s - V e r c i n s, welcher sich die Nntcrstützung kranker Lehrer und . bedürftiger Lchrcrwitwen zur Aufgabe gemacht, an. Der Vorstand, Direktor D r i c s e n, zeigte an Zahlen, was der Verein Gutes und Edles geleistet habe, und daß man bestrebt sei den Verein soweit zu 'bringen, daß derselbe allen badischen Lehrern, die cs nötig hätten, jährlich den Beitrag zn einer Kur gewähre. St. Ludwige Nachdem Herrn Rabb. Dr. Schüler von Seiten des Kaiserl. Ministeriums Ende vorigen Jahres die Erlaubnis erteilt worden war, seinen Wohnst tz von Hcgenhcim, das leider von Tag zu Tag abninimt, nach der ncugegründctcn Gemeinde St. Ludwig zn verlegen, ist nunmehr von Seiten des Kaiserl. Statthalters für Elsaß-Lothringen die landesherrliche Ermächtigung zur Verlegung des R a b - binates von Hegenheim nach St. Ludwig cingetr offen. Klotz - Geschichtchen. Von I. L. Pcrez. Autorisierte Ucbersetznng von Jacob b. Elijah. (Fortsetzung.) Er liegt und fault — und nützt noch immer der tleincn Welt. Holzwürmer 'beziehen ans ihm ihren Lebensunterhalt — Manche Dicnstmagd läuft auf ihn zn und reißt ihn: einen Kicnspan ab . . . Der Schreiber des Magistrats bröckelt von ihm jeden Tag nachmittags einen Zahnstocher ab. . . Und Freitags holt sich bei ihm mancher Gottesfürchtige einige Zeugen für das Vcrbrenncu der 'Nägel*). Kouunt in das Städtchen spät in der Nacht ein armes Kaufmännchen, ein Althändler oder sonst ein Bettler — so übernachtet er auf dem Klotz . . . Manchmal streckt sich auf ihm ans der Nachtwächter und schnarcht... II. Bei Tag. Ein Sonimermorgen... Mit Weinen und Geschrei, Lachen und Gesang stürzen sich die Kleinen aus den kleinen Hänschen hervor: — nackt und halb nackt, mit und ohne Brot in den Händen — Es läuft alles zum Klotz hin. *) Es ist in manchen religiösen Kreisen Brauch, die Nägel im Vereine mit einigen Holzsplittern zn verbrennen. -r^ssnsssSsss Nr 31. Sie spielen miteinander — Und das Spielen der Kleinen heißt: Die Welt der Großen nachahinen. Als Braut und Bräutigam machen sie Spazierritte auf Stöcken, küssen sich in den Verstecken und machen sich gegenseitig Geschenke. Genügen sic nicht, so wird noch eine Scherbe dargebracht, noch ein Stück Glas von einer grün oder blau gewesenen .Flasche, noch ein Stückchen Leder . . . Wenn nicht — geht die Partie auseinander, es wird ein Din-Tvra (Gericht) abgehaltcn; es wird Reugeld bezahlt. . . Als Mann und Weib zankt man, flucht und lärmt. Wird man müde, so ergießt sich der Rest der Wut über die Kinder, über die armen Kinder aus Holz und Lumpen. . . Diese sind „Bastarde" . . . Sie wollen nicht lcr-- nen, nicht froinin sein; sie wollen gar nichts arbeiten. Nur fressen und saufen möchten sie — und sie haben einen Magen ohne Grund. . . In großer Not sucht man sich „Stellungen" aus; flucht man nun fortwährend den Käufern: — Zum Geschäft — so wahr ein Gott im Himniel ist — muß man zusetzen, und zahlen muß man: Steuer, Lehrgeld, Miete — und obendrein Kinder verheiraten! Und sie, die Käufer, wollen jedoch abhandeln, sangen einem das Mark aus den Knochen! Dann kommt ein Leichcnzng . . . Eine Katze ist gestorben oder eine tote Maus wurde aufgefundcn. . . Währenddessen lonimt der „Bezelfcr" (Melameds- Gehilfe) —. * * * lim die Mitte des Tages besetzen den Klotz einige jnnge Weibchen: Kost-Kinder*) — Bei schönem Wetter sitzen sie in ihren weiße» Jacken, mit farbigen Tüchern an und anstandshalber mit einer Handarbeit auf dem Schoß. Und man verbringt lhier ein gutes Stündchen — Anfangs ist es still, dann aber hebt eine zn prahlen an und erzählt, wie gut. sie behandelt werde. Eine zweite hat noch uicinals einen so guten Mann gesehen! Eine dritte schweigt und errötet: die muß Ivohl die Glücklichste sein . . . Zuweilen jedoch schluckt da ein Frauchen eine Träne nach der .anderen herunter — sic ist wohl einem alten Melamed angetrant worden . | . Hernach wird die Stadtzeitung redigiert ... Es funktioniert jetzt das Mundwerk: jede Stube, jedes Häuschen ivird pfeilschnell ausgespäht und alles kehrt von dort ans znm Klotz zurück — aber vergrößert, verschönert; es ist nicht mehr zu erkennen . . . Erfahrene Leute meinen, daß der Klotz durchaus kein Gutes bringen dürfte . . . * * * Am Vorabend spazieren unsere jnnge Weibchen, in ihren noch neuen Hochzcitsgcivändern ansgeschinückt, hinter der Stadt auf der Chaussee, am Rande des Waldes, von dem unser Klotz hcrstamint. In den Wald hineinspazieecn, schickt sich nicht. ES wäre schon zu ausgelassen, unjüdisch ... Die „schöne Brajnd'l!" Pflegte im Walde spazieren zn gehen, da hat sie min erfahren,'was spazieren im Walde zu bedeuten hat — O, alle unsere Feinde mögen es so erfahren . . . Wahrlich, ihr alter Vater, der gewesene Landschadchen — er ist mit« leidcnswcrt; er wagt nicht, dem Licht der Sonne ins Gesicht zn schauen!" . , . Den Klotz besetzen mittlerweile einige alte Weiber, die für einen Augenblick herankoininen, um ein wenig Luft zu atmen, ein bischen Wonne zu schlürfe» und das Herz anszuschütten. . . Und ist das ganze Städtchen bereits fertig besprochen — so Ivird dann gesprochen von dem: „was einmal war und heute nicht ist". : Einst gab's treue Männer, heute aber — mag man sie den Hunden vorwcrfen! Jeder unter ihnen ist falsch und trügerisch. Kein wahres Wort kommt aus ihrem Mund . . . Bald nach der Hochzeit heißt es gar „Kätzchen-Mätzchen", es wird an einem Tische gespeist, ans einem Teller gegessen; aber — je älter, desto kälter, und — ach lieber davon überhaupt nicht -sprechen. Einst hielt eine Jüdin ihr llrenkelchen an der Schürze und ihr eigenes Kind an der Brust; heute er- *) d. h.: sdie,vonj den Eltern beköstigt, werden.