Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Frankfurter JsraelitiDeL FamMeElaü- Seite 5. krankt man -schon nach der dritten, spätestens vierten Geburt; inan muß nun einen Arzt kommen lassen und ... es werden bald Geheimnisse gcsliistert und alles spuckt aus . . . Deswegen straft uns wirklich der Weltherr! . . . Er will nicht seinen Reichtum in den Sumpf werfen. Einkünfte gibt es keine, kleine Kinder erlöschen, siechen im Elende hin, doch zum Soldaten wird man gemacht. — Und die Gemeinde und der Rabbiner schweigen! Selbst die Sonne ist nicht mehr das, was sie einst war! Einst ging man die ganze Zeit von Pesach an bis zu Pfingsten mit bloßen Hemde in der Gasse ... Selbstverständlich ist dies nur eine Redensart, man war doch immer noch bekleidet, und die Unterröcke mit den silbernen und goldenen Fransen waren viel hübscher als die Mode von, heute . . . Jedenfalls aber war's warm, eine wahre Wonne! Wer wußte damals von Husten, von Atemnot und Gliederschmerzen? — * * * Die Sonne geht unter. Die Weiber gehen eiligst auseinander. Sie müssen das Abendessen bereiten, das Gesicht wegen der „Getreuen" den Feuersflamnien anssehen. . . Es erleuchtet ein Fenster nach dem andern, es erhellt eine Glastüre nach der andern. Mit roten Augen blicken die Hänschen in die Gasse hinein — iuii> am Kloß sitzen bereits Männer, die von „Minchc und Mariv" zurückkommcn. Sie reden von Politik, von Geschäft, von „jüdischem Massel" . . . Einer von ihnen streckt sich äuf der warmen Erde ans, lehnt seinen Kopf an das weiche, morsche Holz und blickt mit Wehmut und Andacht zu in Himmel empor — mnd schlummert so ein. Plötzlich erschallt ein Geschrei aus den Türen und Fenstern. Frauenstimmen rufen: Chaijim! Josscl! Ruwen! Andere — fügen dabei Flüche hinzu: Zum Teufel! Die Kartoffel werden kalt! — * * * Und erst in später Nacht, wenn das ganze Städtchen in Schlaf versunken ist, kommt schleichend aus seinem niedrigen Hänschen Neb. Schmer'l, der Landschadchen. l Vierzig Jahre lang ist er ans der Suche nach Bräuten und Bräutigamen herum gerannt, bis ihm endlich die Füße versagten: er schleppt sie kaum nach. Eine halbe Welt hat er verheiratet — nur seine eigene Tochter hat er vergessen: so lange vergessen, „bis der Zopf grau ward" . . . Schon -neunzehn Jahre ist sie alt! . . . : Er setzt sich und umhüllt sein graues Haupt in den zitternden Händen ... Er hat für sic Mitgift zusammengespart: er hat sich nichts zu essen, nichts zu trinken gegönnt, meitenweite Strecken zu Fuß znrückgelegt — und immer Groschen um Groschen gesammelt ... . Und jetzt — welch eine Schande, welch ein Schmach! Er hebt die Angen zum Himmel: „Immerhin ist es doch gut, daß sein Rachel cs nicht erleben mußte!" ' „O, Gott! — weint in ihm das Herz — wenn sic nur Tschuweh tun möchte . . . Ich würde mit ihr fortgehen . . . Ich würde für sie Mitgift noch zusammensparen... Mit meinen kranken Füßen würde ich mich von Tür zu Tür schleppen und für Hochnosaß-Kaloh (Hochzeitsspesen) um Spenden bitten. Ich würde sie verheiraten, standesgemäß verheiraten." „Sende, o Gott, einen Strahl deines Lichtes in ihr Herz! Sie hat ja ein gutes, ein gutes Herz! Sie ist sanft, sie war immer gut, herzlich . . ." „Tenfclswcrk ist's!. Tenfelswerk!" — seufzt der Alte inmitten der Nachtstille. . . Und —sobald er sortgeht, erzählt mir dann der Klotz seine Geschichtchen... (Schluß folgt). Kunst und Literatur. Frühling. P. Haklström. Uebertragung von Francis Caro, Leipzig, Jnsclverlag. Dieses Buch wäre wohl kaum ohne Jacobsens Niels Lyhne entstanden. Die große Kunst Jacobsens, das Schwebende-im Fluge nachzukontnricren und es in all seiner Flüchtigkeit mit behutsam zugreifenden Worten zu bannen, das zu sagen, was hinter Gefühlen und Gedanken und Worten und Taten liegt — nicht zu allertiefst, wo wir uns daran gewöhnt haben, es aufzustöbern, sondern zwischen Grund und Schein — hat Hallström übernommen und damit die Geschichte einer schmerzlich verinnerlichten Sehnsucht nach dem Leben, nach dem Frühling geschrieben, mit allen Möglichkeiten, die so rasch welken. Er soll dieses Buch am liebsten von seinen Werken haben, wahrscheinlich wohl, weil er alles hineingelegt hat, was er selbstquälerisch und selbstbcobachtcnd durchkämpfen mußte, ehe er in den tiefen starken Strom geriet, von dem man - sich fortreißen lassen. muß, um glücklich zu werden und den wir Leben nennen. Eine Uebergangsnatur hat dieses Buch für andere Üebergangsnaturen erlitten. H y p p o ly t e -T a in e ' s R ei s e in Italien. Uebertragen von Ernst Hardt, Buchschmuck von Walter Riemann, Leipzig, Eugen Diederichs. Nun liegt auch dem deutschen Publikum Taine's Reise in Italien in einer Uebertragung vor, welche die ganze Empfangsfreudigkeit, Differenzicrnngskunst der Eindrücke, kritische Vorurteilslosigkeit, Wärme, Leucht- und Bildkraft in der Sprachkunst in einer Weise wiedergibt, als wäre die deutsche Sprache die Urform, in die diese Gedankenfülle gegossen wurde. Es gibt für den Jtalienreisenden, der für lange kunsthistorische Studien lveder Zeit noch Gelegenheit hat, keine» künstlerischeren Führer. Keinen, der jeder Stilart gleicherweise gerecht wird, ihr den gebührenden Platz anweist, ein sensibleres künstlerisches Gewissen haben könnte und den Quellen der Kunst tiefer in der Psychologie der Zeit, der Böller und ihrer Lebensbedingungen nachgeht. Keinen, der sich ebenso den berauschenden oder beruhigenden Bildern der Natur hingibt und die Vibrationen seiner Seele und nicht nur der ästhetischen Kultur ungeschwächt zu übertragen weiß. Keine Welle in den Kanülen Venedigs, die vorüberzieht, ohne ihre muschelschillernde Farbenpracht in ihm zurückzulassen, kein Himmelsschein in Neapel, der ihn nicht trunken macht, vor Glanz, Licht, Sonne, Luft. So plastisch steht alles im Raum, daß auch die schattenhaftesten Erinnerungen davon wieder Gestalt bekommen. > Taine's Bilder und Vergleiche sind yon schlagender Deutlichkeit und beinahe unerschöpflicher Fülle und dem Gehalt dieses Buches ist seine künstlerische Form vollkommen ebenbürtig. Nie hört dieser Kritiker auf, ein Dichter zu sein, und sein Buch ist infolgedessen ein vollkommenes Kunstwerk. Einige Jrrtümer im Tatsächlichen hätten leicht bei der Korrektur ausgemerzt werden können. So ist z. B. Michelangelos Sonett über die Nacht nicht am Sockel der Figur eingegraben und Cirnabnes Bild in den Uffizien stellt nicht die heilige Katharine, sondern die heilige Cäcilie dar. Ebenso sind auch manche sprachlichen Unebenheiten wohl nur auf Flüchtigkeit zurückzuführen, denn man kann wohl annehmen, daß ein Mann, der so subtil den Geist einer Sprache in den einer anderen übertragen kann, auch etwas von Grammatik versteht. Karl Emil Franzos. Aus Anhalt und Thüringen. Deutsche Fahrten, Reise und Kulturbilder: 1. Reihe, 2. Auflage, Stuttgart und Berlin. I. G. Cotta. Anspruchslose Reiseschilderungen, die picht nur selten ausgesuchte Gegenden Deutschlands, sondern auch die ganze heitere Liebenswürdigkeit des verstorbenen Autors in's hellste Licht setzen. Franzos gibt die Eindrücke einer Reise aus dem Stegreif mit freundlichstem Humor, mildester Satire und der ihm persönlichen Erzählungskunst und Charakterisierungsgabe wieder und macht nicht .nur das reiselustige Publikum, sondern auch den betreffenden Landesherrn auf die seinerseitigen Unterlassungssünden den eigenen Kunstschätzen gegenüber aufmerksam. Hoffen wir, daß er das Buch gelesen hat. Wenn auch die Raturschildernngen in ihrem Mangel an Sinnfälligkeit, Farbe, Stimmung und vibrierendem Leben ein wenig veraltet wirken, so wird doch jeder Freund Franzosscher Bücher, die ihm liebgewordene Persönlichkeit auch in diesem Band wiederfinden. Ralph Waldo Emerson. Essays 2. Reihe. Jena. Diederichs. Buchausstattung von Schuhmacher. Der Essays zweite Reihe von Emerson, die sich mit Liebe,. Freundschaft, Umgangsformen und ähnlichen Interessen des Alltagslebens beschäftigen, sind trotzdem keine Literatur für Alltagsleser. Die würden sich an den Betrachtungen nur den Kopf wund stoßen, denn an die merkwürdige Technik seiner philosophischen Art muß man sich erst gewöhnen. Es ist kein Gewebe aus einzelnen Fäden gewirkt, keine Schnur aufgereihter Perlen, durch die derselbe Faden geht, kein Fackelschein, der unerforschte Gänge plötzlich mit Licht erfüllt, sondern Kristall an Kristall setzen sich die einzelnen Gedanken dicht aneinander und stoßen ohne Verbindung jeder in sich abgeschlossen an den Schneideflächen zusammen und so ein ganzer Komplex von Kristallen heißt dann Charakter oder Erfahrungen, oder geistige Kraft. Den Wert eines solchen Buches kann man in einem kurzen Referat nicht ansschöpfen. Eine Vertiefung und Bereicherung bedeutet es immer für jede», sich mit diesem Propheten des unerschütterlichen Optimismus auseinanderzusetzen. Nur für die Liebe und die Freundschaft fehlt ihm das gefühlsmäßige Erfassungsvermögen und daher die Einfachheit. Da genügt der hohe Standpunkt nicht und das Uebcrmaß von Tugend, Weisheit, Intellekt und die echt amerikanische Freude an der Uebertreibung selbst des Schönen stören sogar. Das Ganze wurde dadurch zu spröd und weiß und nicht erschöpfend genug. Gerade diesen Essays kommt auch die Uebersetzung — von Conrad — nicht zu Hilfe, während die von Nießner verdolmetschten Betrachtungen mit größerer Leichtigkeit übertragen sind. Vom ge-rnhigen Leben von Otto-Ernst. .Humoristische Plaudereien. Neuausgabe. 16. bis 18. Taufend. Mit farbigem Umschlag und Buchschmuck von Max Dasio. 12 Bogen. Jk 2,50 broschiert, Jk 3,50 gebunden. (Leipzig, L. Staackmann.) An Stelle der in den illustrierten Sammelband „Appelschnut" {Jk 6) übergegangenen „Appelschnut- Plandereien" enthält der Band jetzt 'neu: Humor und Erziehung — Sonntag eines Deutschen — Bon der Gastlichkeit — Vom Rauch- und Brandopfer — An die Zeitknicker. Die vorstehenden Plaudereien, welche dem Dichter bei Vorlesungen stets größten Beifall eingetragen haben, bedeuten eine ganz wesentliche Bereicherung des bekannten Novcllenbandes und dürften der Neuansgabc des „Geruhigen Lebens" den Charakter einer Novität verleihen, jedenfalls die sowieso sehr bedeutende Msatzfähigkeit des Buches noch ganz erheblich steigern. Jede einzelne Plauderei ist wieder durch eine Anfangs- und Schlußvignette von Professor Max Dasio geziert worden, auch hat der schmucke und handliche Band zum Unterschied gegen die erste Ausgabe einen neuen wirksame» Umschlag erhalten. Otto Ernst hat als Erster die fenilletonistische Plauderei zur vollen Höhe des Kunstwerkes gehoben. Seine beiden Bände „Ein frohes Farbcnspiel" (17. bis 18. Tausend) und „Vom geruhigen Leben" (16. bis 18. Tausend) gehören zu den gangbarsten, und beliebtesten Büchern dieser Art. D a s B u ch d e r j ü d i s ch e n W i tz e von M. N n e I. 181 S. Preis Jk 2. — Gustav Rieckes Buchhandlung Nachfolger, Berlin W. 30. Daß dieses Buch in jüdischen Kreisen zahlreiche Freunde finden ivird, bezweifle ich nicht, wenn es auch meine Anerkennung nicht findet. „Jüdischer Witz" klingt etwas anders wie in diesem Buche der jüdischen Witze, dessen Verfasser das Geheimnis eines echt jüdischen Witzes fremd geblieben ist. Er war wohl ein eifriger Sammler, erzählt aber das, was er gehört hat, — wenn ich niich deutsch ansdrücken darf — „unbcchaint" wieder. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und ßheumatlsrans bewährt. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem l-nach.) Samstag, den 10. August (— 30. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 45 Min., in Berlin 8 Uhr 32 Min. Der Wochenabschnitt Re-ei gehört zu jenen» die sich durch besonders reichhaltigen und abwechslungsvollen Inhalt auszeichnen. Einleitend berichtet uns die Sidra von den Segnungen, die vom Berge Gerisiin aus, von den Flüchen, welche vom Ebalberge ans erschallen sollten. (Genaueres^ in späteren Abschnitten.) Es folgen Bestimmungen über Pflicht- und Privatopfer, über die als „Heben" oder „Zehnten" zu entrichtenden Abgaben, die Pflicht, solche in Jerusalem zu verzehren. Das Verbot des Blutgenusses von Vögeln und Säugetieren. (Daher unser Wässern und Salzen des Fleisches.) Warnung vor falschen Propheten und Verführern des Volkes» die Einzelne oder eine ganze Stadt zum Abfall verleiten. Die Bestrafung solcher Uebeltaten. Wiederholung der im 3. Bch. M. enthaltenen Speisegesetze, hier in verkürzter Form. Den Schlußteil der Sidra bildet das bekannte Fasttags-Kompendium: Asser te-asser. Inhalt desselben: der Feldeigentümer selbst hat einen Zehnten, und zwar den Maaser-scheini (2. Zehnten) in Jerusalem zil verzehren. (Sinn: Weihe des Genusses vor Gottes Antlitz!) Das Feld, der Weinberg hat im 7. Jahr brach zu liegen. (Lehre daraus: das Feld, der Weinberg gehören Gott, sie haben einen „Sabbat".) Die Unterstützung der Armen, Nachlaß der Schuld im Brachjahr, Schonung der Witwen, Waisen und Fremdlinge, Heiligung des Erstgeborenen beini Rind- und Kleinvieh. Die drei Wällfahrtsfeste nach Geschichte und den hauptsächlichsten gesetzlichen Bestimmungen. Am Schabbos ist der 1, Tag Rausch-Chaudesch- Elul — 30. Aw. — 2 Thorarollen anszuheben. Halb Hallel. Im Morgengebet das Jäuzer v. Neumond. Im Mnssaf Ato-jozarto. Sonntag — 2. Tag Neumond, d. i. 1. Elul.. Damit beginnt die Bußzeit vor dem nahen Rausch- Haschono. Man bläst Schofar, morgens und abends; ein Weckruf zur Buße! Moses weilte während Elul