Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. wird indes auf dem Kongreß selbst nicht zum Ausgleich, ja wahrscheinlich nicht einmal zur Erörterung kommen. Und dies aus gutem Grunde. Die Frage der Gegenwartsarbeit gehört ihrer Natur nach nicht vor das Forum des Kongresses. Die „Gegenwartsarbeit" variiert lokal und temporär zu sehr, als daß sich vom Kongresse aus in dieser Hinsicht gewisse für alle Landsmannschaften bindende Normen festlegen ließen. Der Streit über diesen Punkt wird sich daher lediglich und ausschließlich im engeren Kreise der einzelnen Landsmannschaften abspielen und dürfte wohl das Um und Auf der vierten allrussischen Zionistcnkonferenz bilden, die 11.—13. August d. I. iin Haag stattfinden wird. Hier werden sich Anhänger und Gegner der „Helsingforser Plattform" gegenseitig eine rhetorische Schlacht liefern, und von den Resolutionen dieser Konferenz wird das ganze weitere politische Verhalten der russischen Zionisten bestimmt werden. Wenn wir noch die üblichen Fragen der Agitation und Propaganda erwähnen, die in. diesem Jahre wohl mehr Anfmerksanikeit aus-sich lenken werden, als es gewöhnlich zu geschehen pflegt, so haben wir die wesentlichsten Punkte des nächsten Kongresses gestreift. Man sieht, es ist ein großes Pensum Arbeit, das dieser Kongreß zu bewältigen hat, und von dem Eifer und der Einsicht des Delegierten wird es abhängen, iniviefern seine Beratungen fruchtbringend sein und unser nationales Werk ein gut Stück weiter auf dem Wege zu seiner Verwirklichung bringen werden. Geht die Assimilation, zurück? Eine zeitgemäße Frage von Maxime Le M a 1 t r e - Grenoble. Die Herren Sonntagsjuden haben wieder die große Ehre, daß wir uns mit ihnen beschäftigen. Freilich auch nicht zu unserem Vergnügen. Das Geschlecht der Wüste ist dem Tode gewecht, — und wer mag die Lust verspüren, die Sterblichkeit eines ganzen Geschlechts in den Kreis seiner Betrachtung zu ziehen? Noch als Zehnjähriger habe ich vor dem „Wüstengeschlecht" ein Granen empfunden . . Sein Leichtsinn hat mich empört, und seine Strafe schien mir gerecht. Denn die Sehnsucht nach Sklaverei ist strafbar.- Und „waisorwu bagojim" ist doch nichts anderes als Schmarotzerlust, denn Selbständigkeit und Unabhängigkeit setzen Kraftentfaltung aus eigenem Antrieb voraus. Sklaven aber arbeiten nur, weil sie die Peitsche des Herrn fürchten. — — Der wackere Leser wird gewiß glauben, daß mir die .Hundstag-Langeweile solche altkluge Philosopheme diktiert. Nein. Sie gehört zur Sache. — Zunächst wollte ich andeuten, tvas ich unter Assimilation verstehe und dann ihren qualitativen Wert eiirschätzen. — — Und wo es sich uni Musterung der Kräfte handelt, muß man den Wert des „lieben" Nächsten kennen. Das Wüstengeschlecht in seiner modernen Gestalt, wächst es oder geht es zurück? Die Frage ist jetzt mehr als zeitgemäß uird ihre Beantwortung notwendig. Nicht wollen wir es wissen, tveil wir manöverartig kämpfen; wir kämpfen nicht, nur ben Feind zu besiegen, sondern für unsere Freiheit und Selbständigkeit. Gewiß, im Augenblick, wo unsere Freiheit und Selbständigkeit Gewand und Körper bekommen, bleibt die Assinnlation Staub — oder das Gerippe wacht, wie ehemals, zum neuen Leben aus. Wir kämpfen also nicht gegen die Assimilation, dies überlassen wir andern gutmütigen und beschränkten Menschen, aber ihr Stand interessiert uns doch. Macht die Assimilation Fort- oder Rückschritte? Nur diese zwei Möglichkeiten sind anzunehmen, denn stille Momente in der Geschichte gibt es nicht, wie es keinen leeren Raum in der Natur und im All gibt. Wenn wir die Persönlichkeit zum Maßstab' nehmen, dann freilich müssen wir zunr Schlüsse gelangen, daß die Assimilation nicht, nur znrückgeht, sondern eine noch uneingesargte Leiche ist. Die Persönlichkeit ist das Organ jedes sozialen frankfurter Israelitisches Familienblatt. oder historischen Gebildes, sein Lebensnerv, sein Zentralorgan, in dem das Leben des ganzen Gebildes pulsiert und vibriert. Wenn dieses Zentralorgan fehlt, dann hat das Gebilde den Beweis für seine baldige Sterblichkeits-Fähigkeit — oder sogar seinen . Totenschein geliefert. Wen nennt die heutige Assimilation ihren Führer? Etwa Maybaum? In diesem Herrn geht höchstens ein mittelmäßiger Schauspieler verloren. Oder die Volgelsteiner? Ihre anderen homiletischen Größen sind mehr als namenlos und nehmen höchstens im jüdischen Gemeindekalender ihres homiletischen Wirkungskreises einen Platz ein. Das ist wahrhaftig nicht viel. Einst war es anders. Damals lebten Männer, die gewaltig irrten, aber Männer von Geist und Willen. Wir können eines Geigers Tun verdammen, es wäre aber kindisch und falsch zugleich, chm seine Intelligenz und sein Wissen abzusprechen. Der alte Geiger würde bei all' seinem Irren sich kaum zum Denunzianten der deutschen Zionisten bei der deutschen Staatsregierung „herunterdenunziert" haben. So geistesarm und kleinlich waren Geiger und Konsorten nicht. Für sie war die Assimilation ein Ideal. — Ist noch heute die Assimilation ebenfalls ein Ideal? Was erstrebt sie? Im deutschen Volk aufzngehen? Das deutsche Volk hat ihr seit 30 Jahren dic gebührende Antwort erteilt, lind, wenn die Assimilation uns der lltopisterei zeiht, so sind ihre Bestrebungen achtfach ntopistisch. Die Orgel und der Chor von nichtjüdischen Theatersängerinnen können auch kein Ideal mehr sein, denn sie sind bereits traurige Wirklichkeit. Die Verfassung gestattet die Mischehe, wir haben keine Macht, ihr entg^genzutreten und, wer ein Kreolengeschlecht heranzüchten will, mag es tun, resp. kann es tun. Saget mir das Ideal der heutigen Assimilation — und ich berühre die Trabanten des größten Himmelskörpers. Der treibenden Kräfte jeder historischen Bewegung, der Persönlichkeit und des Ideals, entbehrt jetzt die Assimilation, sie hat nichts mehr zu postulieren und weist keine Gestalten mehr auf. Daraus schließen wir, daß die Assimilation — geschichtsphilosophisch begriffen — tot ist, tot znm Einsargen. Wie steht es nun aber mit ihrer praktischen Existenz? Es ist jüngst darauf hingewiesen worden, daß noch die Hydra ihr Haupt erhebt. Die freisinnigen Kommerzienräte „jüdischer Konfession" lassen auch am Samstag ihre Synagogen bauen, tvollen noch den Samstag', auf Sonntag (Das ist eher Dummheit als Frechheit) verlegen, kurzum die stumpfen dicken Herren zeigen, daß sie doch noch leben. Und dann die Masse. Achtzigtausend Mitglieder zählt der Verein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens. (Anbei bemerkt sind sie weder deutsch noch jüdisch und noch glauben sie an etwas.) Wie wirkt diese Masse, welche Erfolge hat sie aufzuweisen. Die Zahl der jüdischen Reserveleutnants in der deutschen Armee aufzuzählen ist gewiß keine große Leistung, noch Iveniger Leistung ist es, ein Sekretariat ausznhalten und ein Vereinsorgan herauszugeben. Ist man eineiy jüdischen Einjährigen nahegetreten oder hat ihn gar durchblicken lassen, daß man seinen Stammbaum kennt, dann verfaßt das Sekretariat ein untertänigstes Bittgesuch an das betreffende Kommando, in dem es um die Schonung der Rechte seines Glaubensgenossen bittet. Und hat die Frau Unter-Steuereinnehmer-Witwe Päpke ihre Nachbarn „Jud" geschimpft, dann kann, man in der nächsten Nummer des Zentralorgans des Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf eine Popularisierung der guten Frau Päpke gefaßt sein. Aber weh' dem Rabbiner, der den Mut hat, nicht zu lügen (und Herr Rabbiner Dr. Cohn hat diesen Mut gehabt); ihm wird der Garaus gemacht, denn wer nicht lügen will, der fliegt. Kommen aber „echt deutsche Leute", der Herr Kruschewan in der Gestalt seines deutschen Doppelgängers- und behaupten, die Juden brauchen Christenblut (Jeder Verbrecher wälzt immer die Schuld! auf den Unschuldigen), dann berufen sich die Sonntagsjuden aus die Kultur des zwanzigsten Jahrhundert und — auf die Bibel — dann kommen würdelose __ Nr. 31 Rabbiner und schwören Herrn Liebermann von Sonnenberg knieend, die Juden brauchten kein Christenblut. Wenn die Masse keinen Führer hat, keinem Führer folgt, wenn sie von keinem Ideale getragen wird, kann sie unnröglich schöpferische Arbeiten tun. Ist die schöpferische Kraft versiegt, die elementaren Gewalten der Persönlichkeit, die selbst ans den Bewegungen, Zuckungen und Erschütterungen der Masse hervorgeht, verschwunden, so ist die Bewegung nicht nur eingedämmert und zum Stillstand gebracht, sondern faktisch abgestorben. Sie sinkt herab zur Partei, zur Sekte und wird später von: Leben und seinen Wogen ganz ans he« Grund gezerrt. Jeder Leichnam, ja jedes totgeborene Kind füllt noch einen Teil im Raume ans. Wenn aber, tvas den Raum ansfüllt, lebt, lebt auch noch die Assimilation, lebt auch noch die Leiche. Ein solches Leben kann man der Assimilation nicht absprechen, um ein solches Leben beneiden wir sie auch nicht; aber Mensch und Menschen tvollen mehr als vegetativ und animalisch leben, sie wollen auch noch als Menschen in sozialen und politischen Gebilden leben, sie wollen im Leben ihre sittlichen und intellektuellen Kräfte entfalten und die Weltgeschichte des Geistes bereichern. Ein . solches Leben führt die Assimilation, nicht. Sie ist nur noch ein starrer Körper, eine versteinerte Masse, in der kein Leben mehr pulsiert, und die nur insofern lebt, als sie einen Teil des Raumes ausfüllt. Mit einem Defekt zur Welt gekommen oder totgeboren, konnte sie nicht leben und schaffen und noch weniger schöpferisch wirken und mächtige Reaktionen Hervorrufen, höchstens Proteste und Verachtung. Wie der Todesengel kein Anwalt des Lebens sein kann, so kann nichr ein soziales Gebilde, das den Tod, in unserem Falle den Tod des Judentunis, auf seine Fahne geschrieben, auf das Leben befruchtend wirken und es positiv bereichern. Die Assinnlation gehl nichr zurück, denn auch zum Rückgang gehört eine gewisse Kraft, sondern sie ist tot und gestorben. Sterben allein konnte sie, sich allein begraben kann sie nicht, und aus diesem Grunde liegt sie noch als Leichnam da. Alle Taten, die man heute der Assinnlation zuschreibt, sind Wirkungen der starren Trägheit, der trägen Massen. Auch der Trägheit wohnt eine Kraft inne. Als die Apostel der Assimilation vor 50 Jahren die Reform und den Untergang des Judentunis predigten, hatten sie noch für ihr Wort irgend ein leidenschaftliches Pathos gefunden, die Orgel war ein Ideal, der Singsang nichtjüdischer Theatersängerinnen ein heiliges Streben. Ob sie Betrüger oder ehrliche, aber beschränkte Menschen, die nicht historisch denken konnten, gewesen sind, *i|t eine andere Frage. Ganz anders ist es, wenn heute die Geldadligen mosaischer Konfession ihre Synagogen auch am Samstag bauen lassen oder ob sie Samstag oder Sonntag — nur ein Ruhetag postulieren. Was sie tun, geschieht aus Stumpfsinn und Trägheit. Samstag oder Sonntag ist ihnen „tourst", die Arbeiter sollen so lange an deni Bau der Synagoge tätig sein, bis sie die Polizei oder das Sonntagsruhe-Gesetz ztvingt, die Arbeit niederzulegen. Die Einsichtigen unter ihnen, und zu diesen zähle ich einen Nathan und einen Timendorf, die sich nicht lebendig begraben lassen wollen und den großen Irrtum oder das Verbrechen wohl erkennen, raffen sich allmählich zu wirklich sckiöpferischer Arbeit auf. Indirekt haben sie der Assimilation Valet gesagt. Wäre die Errichtung hebräischer Schulen aller Art in Palästina durch freisinnige deutsche Juden auch vor 30 oder 50 Jahren möglich gewesen? Bildet sich nicht der Hülfsverein deutscher Juden nach und nach zu einem national-jüdischen Institute aus? Hätte die Assimilation noch gelebt oder gar Fortschritte gemacht, solche Ereignisse wären einfach unmöglich. Aber die Assimilation ist tot,' und über ihrem Leichnam erhebt das nationale Judentum sein Haupt. Heute kann nicht mehr unsere Aufgabe sein, gegen die Assimilation zu kämpfen und. negative