Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-08-02 · Heft 30 (2.8.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 30 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692541--03363-2698050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 Seite 3 komplizierte. In den Vereinigten Staaten hat inan mit derselben'Bevölkerung den Versuch gemacht, einzekne Farmen zu bilden, d. h. genauer gesprochen, mit dem umgebende» Volke sie zu vermischen. Doch ist man nach und nach davon abgekomnicn, da die Erfahrung gelehrt hat, dass die Gründung richtiger Kolonien vorzuziehcn sei. Nunmehr, Ivo das Leben der Ansiedler gesichert ist, wo jede Furcht verschwunden ist — was auch für Enttäuschungen die Bearbeitung des Bodens bringe — ihren Unterhalt nicht zu finden, da tonnen wir mit Vertrauen »nserm Werk eineil stärkeren Antrieb geben, Alles begünstigt feine Entwicklung, man kann in Argentinieil noch weitere Landstrecken erwerben; wir haben zuverlässige Arbeiter, eS sind die Leute, die ins Land gekviniiien sind, um als Ackerbauer ihr Leben zu fristen, die iit unser» Kolonien ihre Lehrzeit dilrchgeniacht haben und die wir nach einem oder zwei Jahren für reis erachten, als Ansiedler selbständig gemacht zu iverdcn. Nachdem so die Methode fcstgestellt ist, die eine Entwicklnng unserer Kolonien verbürgt, köniieu wir zum »lindeste» das sagen, daß wir über ihre Zukuiift ruhig sind. Ihre Blüte ist erleichtert lvordcn durch den gesamten Aufschwung des Landes. Argentinien hat seit einigen Jahren, vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus, eine benlerkenswerte Entwickelung genommen. Das Land bedeckt sich .mit einem Reh von Eisenbahnen, die Ilntcriiehninngen werden zahlreicher und unifasscuder, und Industrien, die auf die Landwirtschaft sich gründen, entstehen und blühen auf. Was braucht da der Landlilanit mehr? Die Kolonien in P a l ä st i 11 n, die ihr Gründer so reichlich bedacht hat, um sie am Leben zu erhalten, verbessern sich gleichfalls. Das Land ist gut, der Boden fruchtbar, die Ansiedler haben genug Land mib hinreichendes Kapital bekommen, um sich ohne irgend ivelche Unterstützung anS Schwierigkeiten zu ziehen. Wir haben die Mehrzahl unserer Verivaltiiiigen aufgehoben, die Koloiiicn verioalteii sich allein und die Kolonisten arbeiten in fleißiger, ernster Art. Die Regierung des Landes, die Art der Steuererhebung hemmen allein noch den Fortschritt der Besiedelung. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. AusdieBeschwerdedes Verbandes der Deutschen Inden über die Zur ü ck s e tz - n n g der Juden bei Auswahl der Schöffen und Geschworene n hat nun auch der p r c u st i s ch e I n st i z m i n i st e r, lvie er dem Verbände mitgetcilt hat, angeordnct, daß der tatsächliche Inhalt der Beschwerde zur Kenntnis der Vorsitzenden der bei den in Betracht kommenden Amtsgerichten zusanimentrctcndcn Ausschüsse gebracht 'wird. Ansbach. Am 28. Juli haben hier die Vertreter der orthodoxen y n a g o g e n von M tt n ch e n und 4t ü r n b e r g getagt, nin zu der in der Presse jüngsthin mehrfach erörterten Frage der Revision des Judenedikts Stellung zu nehmen. Seitens der anwesenden Delegierten kam übereinstimmend die llebcrzeiigung zum Ausdruck, daß die dermalige Fassung des Judeuedikts, bczw. die Auslegung, welche Verwaltung und Rechtsprechung den §§ 24 und 25 des Edikts gegeben haben, eine Gcwissensbcdrängnis für die orthodoxen Minoritäten in den Grostgemeindcn im Gefolge haben, und daß es insbesondere unerläßlich sei, für die bestehenden orthodoxen Minoritäten einen sicheren Rechtsbodcn zu schaffen. Die Bersaminlnug, welcher auch mehrere Gäste aus anderen bayerischen Kultusgemeinden anwohntcn, beschloß, unverzüglich ejne die Wünsche der Delegierten zusainincnfassende Denkschrift an das bayerische Knltusininistcriuin zu richten. Die Form und der Zeitpunkt, zu welchem die Denkschrift an den Landtag geleitet wird, soll späterer Beschlußfassung Vorbehalten bleiben. Oesterreich - Ungarn. Wien. DieUebergehung der jüdischen M a g i st r a t s b c a m t c n. — Der Vorstand des „Verein der Beamten der Stadt Wien" hatte jüngst auf Antrag seines Mitgliedes M o i s l den Beschluß gefaßt, gegen die Ucbergehung der jüd. Magistratsbeamten bei der Beförderung Einspruch zu erheben. Dieser Beschluß veranlatzte die Bcaniten der Magistratsdirektion und des Gemeinderatspräsidiums zu einer lebhaften Agitation gegen Moisl, dessen Ausschließung aus dem Vorstand sie verlangten; und da von den 2000 Vereinsmitgliedcrn sich kaum 30 bewegen ließen, ihre Unterschrift zu geben, so meldeten sie korporativ ihren Austritt aus dem Vereine an.. Jetzt schritteil die leitenden Persönlichkeiten Frankfurter ZffraeMsthes FamilienMatt. der Stadt, die ob der ungeahnten Anschauung bei einem beträchtlichen Teil ihrer Beamtenschaft in Schrecken geriete», ein. Natürlich war das Ende vom Liede, daß .Herr Moisl aus dem Vereine ausgeschlossen wurde. Vorgcschützter Grund hierfür: vorzeitliche Vcröffentlichnug des Beschlusses. Wien, 25. Juli. Der Obmann des jüdischen Abgeordnetenklubs D r. S t r a u ch e r hatte eine Unterredung mit de in Ai inisterpräsideilten Beck, der den Wunsch ausdrückte, mit dein jüdischen Klub trotz seiner numerischen Schwäche in Fühlung zu treten und sich über dessen Tendenzen zu orientiere». D r. iö t r a » ch c r erklärte, daß der Klub uneingeschränkte Rechtsgleichheit und Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichwertigkeit der Inden fordere. Die Verdächtigung der zionistischen Bewegung wegen angeblicher Staatsfcindlichkeit beruhe auf der Unkenntnis des Wesens der zionistischen Partei, die gut österreichisch und staatstren sei. Der M i n i st e r p r ä s i d e n t betonte, daß er die Gleichberechtigung der Inden anerkenue und durchführen wolle. Er sei konservativ und gut christlich und könne deshalb kein Judenfeind sein. Er wünsche auch fernerhin mit dem jüdischen Klub zu verkehren, um über dessen Wünsche und Beschwerden informiert zu sein. Wien. Der jüdische Klub bat in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 24. d. M. einen Antrag eingebracht ans Aufhebung des Hofkanzlcidekretes vom 22. Oktober 4844 und des Justizhofdekretes vom 49. Februar 4846. In der Begründung wird darauf hingewiesen, das; die hebräische und jüdische Sprache im Osten dcS Reiches, insbesondere in Galizien und der Bukowina, von der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung als Umgangs- und Verkehrssprache benützt wird, daß infolge der dirrch die genannten Dekrete festgelegten Ungültigkeit der jüdisch geschriebenen Dokuineutc das Verkehrsleben gehemmt und das Prozeßverfahren zuin Schaden der beteiligten Juden sehr erschwert ivcrde, endlich daß sonst keiner Sprache der Welt gesetzliche Gültigkeit und prozessuale Anerkennung voreuthalteu werde. Wien, 24. Juli. Das Vorgehen des Ausschusses deS Vereins der B e a in t e n d e r S t a d t W i c n gegen das Vorstandsmitglied Mvißl hat in den Kreisen der Magistratsbeamten eine tiefgehende Erregung hervorgernfen. Die Beamtenschaft erblickt in der Ausschließung Moißls ans dem Verein eine auf fremde Einflüsse zurückzuführeiide Beeinträchtigung der Selbständigkeit des Vereins, und inan ist allgemein darüber empört, das; die gegenwärtige Vereiuslcituug nicht den Mut fand, ihren Kollegen Moißl gegen nnvcrkennbar politische Quertreibereien zu schützen. Die Inkonsequenz der Leitung Ivird von der Beamtenschaft, und zlvar auch von den Anhängern der christlichsozialen Partei, lim so schärfer verurteilt, als der Ausschuß mit jene», Demonstrationsbeschlus; gegen die Zurücksetzung jüdischer Beamten sich ja ursprünglich einstimmig einverstanden erklärt hatte. In den Abteilungen des Magistrats zirkulieren bereits zahlreiche Subskriptionslisten, die den Zweck verfolgen, alle mit dem Vorgehen des Vereinsausschnsses unzufriedenen B e a in t e n zur Gründung einer neue n, von der christlichsozialcu Parteileitung unabhängigen Organisation zu veranlassen, die auch die Straßeiibahnbeamteu und die Beamten der Elektrizitätswerke sowie alle Tieuerkategvrieu nmfassen soll. ES haben sich bereits 326 Beamte bereit erklärt, sich dieser neue n Organisation anziischliesten, die einen um so größeren Aufschwung nehmen dürfte, als insbesondere von seiten der Straßenbahnbediensteteu, bei denen eine starke sozialdemokratische Gruppe besteht, ein bedeutender Zuzug zu erwarten ist. Arad. EineTrauungamTischo-boaw — dieses Kunststück hat der hiesige Oberrabbiner Dr. Rosenberg fertig bekommen. Die Orgel spielte, der Chor sang, — nur die Glocken 4>cr Synagoge — die Araber Synagoge hat nämlich Kirchcnglocken — schwiegen in Rücksicht auf die Bedeutung des Tages. Maros Bvsürhely. Bor dem hiesigen Kriminalgericht spielte sich eine zweitägige G e r i ch t s v e r - Hand l u n g ab, die als eine Entweihung des g ö t t l i ch e n N a in c n s bezeichnet werden muß. Der Fall ist folgender: Am Samstag, den 1. Juni, kamen während der Thoravorlesung — also vor offener Sefer Thora — der Rabbiner, Herr Aron Mandelbaum und der Präsident der Gemeinde, Herr Jakob K a tz e r, in einen Wortwechsel, bei dem nicht gerade sanfte Ausdrücke fielen und an dein sich noch mehrere Anwesende beteiligten. Der Rabbiner reichte nun die Klage bei Gericht ein — von einem orthodoxen Rabbiner sehr merkwürdig! —, und die Gemeinde erhob Widerklage. Zur Verhandlung hatte sich eine große Zuhörerschaft — mehr wie 200 Nichtjuden — eingefunden. Das Urteil lautete auf Geldstrafen bis 100 Kronen gegen den Rabbiner, dessen Frau, den Gemeinde- Präsidenten und ein Gemeinde-Mitglied. Gegen dys Urteil wurde von beiden Seiten Revision eingelegt, und fo kann die Welt das traurige Schauspiel noch einmal erleben. Rußland. Petersburg. Einer der Hauptherde der a n t i s e in i t i s ch e n und r e a k t i o n ü r e n Agitation ist bekanntlich das K l o st e r P o t - s ch a j c io im W olhyni s ch e n Episkopat. Hier haben die als Führer des schwarzen Hunderts berüchtigten Mönche Jliodor und B^t a l i ihre Residenz, von hier aus ergießt sich der Ltrom einer wilden AufrcizungSpropagaiida über den ganzen LÜdwesten Rußlands, von hier aus werden die rohen ans die niedrigsten Instinkte der Massen abzielenden Schriften Jliodors verbreitet, in denen er nicht selten seine Vorgesetzten, namentlich den Petersburger Metropoliten Antoni, aber auch den Premierminister und andere Würdenträger anfs siechste angrcisr, wenn es ihm scheint, daß sie zu Nachgiebigkeit ge-len die Liberalen neigen oder gar das LoS der ruisischen Juden erleichtern wollen. Jliodor, der bedeutendere der beiden Mönche, hat akademische Bildung. Von verschiedener Seite wird Jliodor, der nur einige 20 Jahre alt ist, als der typische demagogische Redner geschildert. Man sagt, er halte das Zeug, als Revolutionär an die Spitze einer aufständischen Masse zu treten, und sie auf die Barrikaden zu führen. Der Zufall hat ihn der Reaktion zugeführt, aber auch hier kann er sich nicht fügen. Er geriet sehr bald mit dem Vizepräsidenten deS Verbandes des russischen Volkes, dein berüchtigten Purischkcwitsch, in Konflikt, und beide schmähen einander in Wort und Schrift. Aber nicht nur mit Purischkewitsch kommt Jliodor nicht aus, er kommt selbst 'mit dem heiligen Synod in Konflikt, weil er in seiner gegen Inden und Liberale zu Pogroms anfreizende», publizistischen Tätigkeit auch das Ministerium, die konstitutionelle Regierung, gelegentlich scharf angreift, wenn sie nicht genügend entschieden zum alten Regime zurückzukehrcn scheint. Wegen dieser Angriffe hat ihm der Shnod die publizistische Tätigkeit untersagt. Aber was kümmert sich Jliodor um den Synod, der ebenso wenig etwas gegen Jliodor ausrichtcn kann, wie die Regierung, der er, wie gerne sie auch seine antisemilische und antirevolutionäre Tätigkeit sieht, keineswegs immer bequem ist. Der Synod zieht Jliodor zur Verantwortung. Aber der gegen Jliodor angestrengte Prozeß wird bezeichnenderweise bald niedergeschlagen, und Jliodor führt fort, die Spalten der „Moskauer Zeitung" des schwarzen Hunderts, „Wetsche" mit seinen fanatischreaktionären und antisemitischen Artikeln zu füllen. Jliodor ist sich seiner Macht vollkommen bewußt. Er kümmert sich im Kloster weder um den Abt, noch um die übrige Klosteradministration. Ohne die Er« laubnis der letzteren baut er ans dem Klosterhof seine Rednertribüne, von der aus er seine Pogcomreden an die ins' Kloster strömenden Wallfahrer richtet. Unter den Fenstern des Erzbischofs von Wolhynien ruft er die unaufgeklärte Masse seiner Hörer zur Ermordung der- Juden auf, bezeichnet er die Juden öffentlich (übrigens tut er dasselbe auch in seinem Leibblatt, „Potschaicwskije Jswestsie") als die, die zuerst „drankommen" sollen, wenn cs einen Pogrom gibt. Die jüdische Bevölkerung von Potschajew lebt in ständiger Furcht, eines schönen Tagc-s, wenn es Jliodor belieben sollte, massakriert zu werden. Und wenn es bis jetzt nicht zu PogromS in der tkmgebung von Potschajew gekommen ist, so verdanken die geängstigten Inden dies Glück hauptsächlich dem Einfluß eines der Potschajew-Mönche, der einem Pogrom nicht sympathisch gegenüberstebt, und der über genügend Popularität verfügt, um einstweilen das schlimmste zu verhüten. — Bis zum Erscheinen Jliodors lebte die christliche Bevölkerung im ungeirübten Einvernehmen mit der jüdischen. Jetzt wird stets Haß gesät, indem Jliodor und Vitali die gefährlichsten Lügen übec die Inden verbreiten und sie sogar des Ritualmordes beschuldigen. Fast das ganze Jahr hindurch ist das Potschajew-Kloster von Pilgern aus allen Gegenden Rußlands überflutet, die die Reden der Hetzmönche über das ganze Land verbreiten, und die, in ihre Heimat znrückgekehrt, die örtlichen Elemente des schwarzen Hunderts bei,» Ausbruch eines Pogroms zu verstärken gesonnen sind. 0 leniHefon. 0 Klotz - Geschichtchen. Von I. L. Perez. Autorisierte Uebersetznng von Jacob b. Elijah. I. Der Klotz selbst. In der Mitte des Marktplatzes liegt ei» alter, morscher Klotz . . . Scheinbar tot, tot wie alle Tote. Und doch — In stiller Sommernacht, wenn alles um ihn in tiefen Schlaf versunken ist, wenn Mond und Stern» unter einem leichten Silbernebel schlummern — da wacht in mir der alte Zauberer ans... „Hocus pocus!" — der Klotz lebt!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.