Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4 Irgendwo in Aegypten liegt ein alter, verzauberter' Klotz, welcher jeden Morgen — wenn die frische, klare Sonne aufgeht — und jeden Abend — wenn sie beschämt und blutig untergeht — sich auf« rafft und wundersame Töne aus sich hervorbringt. Mein Klotz erzählt gar manche Gcschichtchen. Alles, was ich vonr Städtchen erzähle, verdanke ich dem Klotz. Es sind alles Klotz-Gcschichtchcn. Der Klotz hat sie mir verraten. Doch den Anfang macht er mit sich selber. Und er hat Recht! Jeder ist sich der heilige Mittelpunkt, um den der Rest der Welt sich dreht. Es geht nachher Reihe: Ich — dann alles, was mein ist: Meine Familie, meine Kameraden, meine Freunde, meine Bekannte», meine Stadt, meine Gegend, mein Land . . . Alles, was mein ist! Später nehmen wir uns 'schon Kompagnons hinzu: Unsere Erde, unsere Welt. Doch sagen wir: Mein Gott! * Manche Seute glauben sogar, daß sie nicht nur der Mittelpunkt, sondern sogar der Brennpunkt 8er Welt seien; daß. alles Licht in ihnen zusammenfließe und erst Aon ihnen heraus sich über den Rest der Welt ergieße. . . Ohne sogar ein Talglicht iw der Hand zu haben, laufen die barmherzigen Keute in den Straßen herum und rufen: „Licht! Licht!" Wie einst der Schöpfer und nachher, l'hawdil, Goethe vor seinem Tobe... Andere wieder denken gar: Ob überhaupt außer ihnen noch etwas vorhanden sei? . . . „Ich bin Ich." — ich bin also da! Aber die übrige Welt — ist sie wirklich da, oder ist sie itur mein Traum, ein Traum einer Sommer- oder Winternacht, je nachdem? Und in der Tat, wer nötigt mich zu glauben, daß außer mir noch etwas existiert? Ich. fühle ja nur meinen Hunger, meinen Durst, meine Sorgen. Nun was denn.— etwa weil die Leute sagen?... Das genügt noch nicht! , Man Pflegte ja semst Zu sagen, — es gäbe in der Welt: Ehrlichkeit, Mitleid, Gerechtigkeit, Wahrheit und dergleichen mehr. > Und es stellte sich nun heraus — all das ist bloF ein Traum, ein eitler Traum . . . Wollen wir aber Zu unserem Klotze zurückkehren, zu seiner Autobiographie! -i- * * Es war einmal ein Baum. Ein saftiger, grüner Baum im Walde. Er wurzelte tief -in der Erde und reckte sich hoch gegen den Himmel. . . Frellich fliegt ein Adler noch, höher. Das Seinigr aber hat er. ganz getan: er erhob sich immer höher und höher und ragte über seine Kollegen empor . . . Er hat bereits ein großes Stück Himmel zu sehen bekommen! Ost schien es ihm, daß bald der Hinimclsteller herunterfallen und auf ihm ruhen bleiben würde — ja, eine Krone «auf seinem! Haupte! Und er ist 4>er Krone würdig: er reckt sich immer höher und höher . . . ( Er lebte nicht schlecht! Tausende von Blättern, ijim zu atmen, um gierig zu saugen. . . Biele Wurzeln unter der Erde, um Nahrung zu ziehen: Säst und Salz! Dies für den Körper! Und für die Seele: Vogelkonzert und Wolken- Maskerade... Zwischen den Zweigen summt und brummt cs, klingt und trillert es . . . Auf dem Himmel — ein ewiges Fliegen, Vorüberziehen und Rennen. . . Von der einen Seite kommt eine Herde wolliger Schäfchen herangeschwommen; ihnen entgegen rückt eine Menge schwarzer Zottiger Wölfe heran . . . Alle verschwinden nun — und über der Breite des Himmels streckt sich ein schlanker Deutscher*) aus mit großen Stieseln amd.mit einer messingnen Pickelhaube auf dem Kopfe. . . *) Ein Deutscher malt sich oft vor den Augen eines osteuropäischen Juden als ein Ungeheuer aus. Frankfurt» JsraMtftches FamMenblaft. Auch er zerfließt bald. Und —, Halt! — der Himmel hängt Wäsche zum Trocknen aus . . . Die Wäsche schüttelt sich, wiegt sich und schaukelt, als wollte sie herunterfallcn, um die Bedürftigen einer halben Welt zu bekleiden... * * Das alles int Sommer. Zur Winterzeit aber hüllt sich der Baum i» einen weißen Mantel — und schlummert. Er schläft nun ein und träumt von einer Welt. Während eines solchen Schlafes hört er manchmal: Krach! Krach! Ein Hieb oder ei» Donner? Ist er es, oder ein anderer? Ehe er sich noch besinnt — bums! er liegt nun schon ausgestreckt auf dem Schnee. . . Und er schläft wieder ein und träumt wieder. „Vorüber ist's! Jetzt beginnt ein neues Leben, ein ganz neues Leben! Nicht mehr im Heimatswalde, nicht mehr unter eigenen Brüdern, sondern in der ewigen Fremde!" „Nicht mehr Himmel und Erde, sondern Himmel und Wasser, besser gesagt: Himmel und Himmel, ein wirklicher Himmel oben und ein scheinbarer Himmel unten. . ." Ein Mast würde er sein; auf dem größten Schüfe würde er schwimmen; auf dem größte» Schiffe, auf dem größten Meer. Und welch eine Welt Ivürde er erblicken! Den Wald wird er doch nicht vergessen. — Wenn er sich einem Ufer nähern wird, würoe er nicken und den Wald begrüßen . . . Boil Zeit zu Zeit würde ihm der Wind den Duft von Nadeln und Blättern hinüberbringen. Auf dem Schisse würde sich wohl ein Käfig befinden . . . Und drinn — ein kleinsüßes Bögelchen... Er träumt und fühlt, >vie die Hacke in seine Seite eindringt; wie sie ihm die Haut abschält und abzieht. „Ertrage nur geduldig, Kosak! bu wirst noch mal ein Ataman werden!" Andere hat man gar in Stücke zerhackt, zuAsche verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, — er aber — Er würde ein Mast sein! * * * Als er erwachte, war er kein Mast — Aus ihm wurde eben ein Balken gentacht und in ein Haus eingemauert. Es ist ihm eng, schwül, düster — es drückt ihn von allen Seiten. Er verfällt wieder in einen Schlaf, in einen schatterlichen Schlaf; ohne Träume, ohne Hoffnungen, ohne Trost ... ■ Und so schläft er fünfzig und vielleicht hundert Jahre. Krach! Track! Er erwacht nun wieder. Er erwacht — er sieht sich wirklich iit einem Meer; aber in cinent roten, feurigen Meer ... Es schlagen Feuerwellen. . . „Das ist mein Ende!" — denkt er — „Ich bin in der Hölle!" Doch ein Klotz denkt und die Feuerivehr lenkt — Jetzt liegt er nun in der Mitte der Gasse . . . (Fortsetzung folgt.) A«S den Vereinen. Bruchsal. Der Badische Landesverein zur Er z i e h u n g i s r a e l i t. Waisen hat im Berichtsjahre 15 Kinder aus seiner Fürsorge entlassen und 22 neu ausgenommen. Von den in Fürsorge verbliebenen 95 Kindern sind 6 in Pflege bei geeigneten Familien, 2 erlernen Handwerke und 1 ist im Vorseminar in Tauberbischossheim, 3 erlernen die Kaufmannschaft, die übrigen siitd unter Gewährtuig von Erziehungsbeiträgen bei ihren Eltern, Müttern bezw. Verwandten 'verblieben. Die Ausgaben betrugeit ca. JL 20 000, die Einnahmen ca. Jk 27 000. Der Vorstand besteht zur Zeit aus den Herren: Stadtrat Louis Marx (Vorsitzender), Rabbiner Dr. M. Eschelbacher (Stellvertreter des Vorsitzenden), Stadtrat N. Katz (Schriftführer), Synagogenrat Emil Marx (Rechner), Synagogenrat G. Straus, Synagogenrat I. Kusel, Medizinalrat, Stadtrabbiner Dr. M. Appel in Karlsruhe, Rabbiner Dr. A. Leivin in Frciburg, Rabbiner Dr. L. Löwenstein in Mosbach, Rabbiner Dr. B. Maier in Bühl, Rabbiner Dr. Pinkuß in Heidelberg, Rabbiner Dr. M. Rawicz in Ofsenburg, Rabbiner Dr. I. Spitz in Gailingen. .—, Ät. 30. Aus der Lehrerwett. Berlin. Ein Komitee, an dessen Spitze Rechtsanwalt Dr. Friedländer steht, hat beschlossen, eine sogenannte „P r i v a t g e m e i n d c" ins Leben zit rufen und Rabbiner D r. Emil Cohn an ihre Spitze zu stellen. Zunächst veranstaltet das Komitee am kommenden Rosch Haschanah' und Jomkippur Festgottesdienst im Künstlerhause (Bellevuestraßc), bei welchem Dr. Cohn predigen wird. Stuttgart. Zum Rabbiner in Göppingen wurde Dr. Tänzer-Meran bernsen. Köln. Auf der Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes hielt Dr. Rvsenthal - Köln ein Referat über: „Praktische Erfolge im apologetischen U n t e r r i ch t". Redner hat sich bemüht, die gegeirwärtig eifrig betriebene wissenschaftliche Apologetik für 2 Vortragszyklen junger Leute nutzbar zu machen, die er int letzten! Winter eingerichtet hat. Dabei zeigte sich, daß das bekannte Güdemann'sche Werk sich nicht dafür eignete, zu Grunde gelegt zu werden, besonders weil es den Begriff Apologetik teils zu weit, teils zu eng fasse. Zu weit, insofern darin die Behauptungen christlicher Theologen eineit ungebührlich breiten Raum einnehnten, zu eng, insofern wichtige Kapitel, z. B. die religionsphilosophischen Fragen, gänzlich ausgeschlossen sind. Referent mußte daher eigne Wege wandeln und sah besonders den Kursus, an dem auch Primaner der höheren Lehranstalten tcilnahmen, in einem eklatanten Beispiel aus dem Schulleben von schönem Erfolge begleitet. Es zeigte sich, wie dankbar reife Schüler die Gelegenheit im geschichtlichen und int deutschen Unterrichte ergreifen, ihr Judentum zu verteidigen, lvenn ihnen die Hilfsmittel an die Hand gegeben sind, und daß verständige Lehrer dies mutige Verhalten stets billigen werden. 1 In der Diskussion weist Dr. David darauf hin, daß auch die geschichtlichen Vorgänge, die die Entstehung und Ausbreitung des Christentums verursachten und begleiteten, ausführlich und ohne Scheu auf Grund der neueren Forschungen dargelegt werden sollten. — Dr. Jacob weist auf verschiedene Mängel des Güdemann'schen Buches hin, vermißt nicht nur die religionsphilosophischen Probleme, sondern auch Erörterungen in anthropologischer und sozial-ethischer Beziehung; also Kapitel wie: die Juden als Ackerbauer, Arbeiter, Soldaten; das Schächten, die Blntanklage u/w. — Dr. Levi warnt davor, alles und jedes, auch offenbare Mißbräuche und Auswüchse im Bannkreise des Judentums, verteidigen zu wollen; Kritik und Wahrhaftigkeit müßten obenan stehen. — Dr. Kaltscher bezweifelt, ob der apologetische Unterricht gesoitdert erteilt werden solle, da Rechtfertigung des Judeittums ja alle religiösen Lehrgegenstände beherrsche. Das Hatiptgcwicht müsse jedenfalls auf die Priorität und Superiorität der jüdischen Ethik gelegt werden, soweit sie geschichtlich und philosophisch sich erweisen lasse. — Um ein praktisches Ergebnis dieser Verhandlungen herbeiznführen, beschließt die Konferenz auf Antrag von Dr. Levi: „Der Rhein. Rabbiner-Verband erkennt die Notwendigkeit eines für den Religionsunterricht in den oberen Klassen geeigneten Handbuchs der Apologetik des Jttdentums an und beauftragt die Kollege» Jacob-Dortmund und Roscnthal - Köln, auf der nächsten General-Vers, des Verbandes den Entwurf eines solchen Handbuchs vorzulegen." Myslowitz. Rabbinatskandidat Dr. David Winter ans Köln wttrde e i n st i m m i g zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt. Rew-Aork. Die Union der orthodoxen Rabbiner der Vereinigten Staaten und Kanada hielt hier unter dem Vorsitze Rabbiner B. L. Levinthals-Philadelphia eine Versammlung ab. Vereins-Kalender. „Moutefiore"sBeretn. Mittwoch, den 7. August, abends 9 Uhr: Rcfcratabend. Thema: Medizin — Naturwissenschaftliche Fragen. Hieran anschließend: Besprechung über den neu einzurichtenden literarischen Abend. Vergnügungs-Gesellschaft junger Leute. Samstag, den 3. August, abends 10 Uhr: Moitatsversammlung. Restaurant Seligmanii, Allerheiligenstraße 34. Kaiser Friedrich Quelle — Offenbach a. M. - Oexen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wachen-Kalender. (Zeitangaben nach dem tmach.) Samstag, den 3. August (---- 23. Aw); Sabbat-Anfang in Frankfurt a. SR. 7 Uhr 30 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 55 Min., in Berlin 8 Uhr 47 Min. Die dieswöchentliche Sidra ist Eikev. Sie bildet dem Hauptinhalte nach eine Fortsetzung des Wochxnabschstittes Woes-chanan. Gott verheißt Segelt