Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter JfraelitiWes Famllienblatt. Nr. 30. Einst hatten die Kerkermeister sie um der Lieder willen verspottet — nun brauchen sie von ihnen nicht erst die Sänge Zions zu verlangen — sie tönen freudevoll selbst aus ihnen hervor, nun „tv einen sie nicht, wenn sie an Zion denken", sondern sic lachen — wie der wörtliche Ausdruck besagt „aus vollem Munde". Und diejenigen, welche sie früher verspottet haben, >vas ttm sic nun? „Damals sprach's in der Völker Mitte: Der Herr hat Großes Getan an „diesen". „An diesen!" etwas verächtlich ausgedrückt — aber wir wollen nur nicht bemitleidet sein. Wir nehmen diesmal gern an: Nicht wir haben getan, sondern Gott! „Der Herr hat Großes An uns getan! Deß wurden wir froh!" Also freut sich Israel auch einmal — mag man seine Freude verspotten, wenn es sie nur selbst fühlt! Aber nun — mit einem Mal —!vie fährt der Dichter fort? „Führe zurück, o Herr, Unsere Gefangenen, Wie Wasserströme In dürres Land!" Wie ist uns denn? Sind sie, die Gefangeneil Zions, nicht schon zurückgekehrt? Sollen sie erst wiederkehren? So habeir wir falsch übersetzt oder ist der Anfang vieldeutig? Soll cs heißen: „Wenn Gott die Gefangenen nach Zion führen wird, ivcrden Ivir sein wie Träumende." Gewiß, wie die Zeiten im Tätigkeitslvort wechseln, so ist am Anfang sowohl von Vergangen heit wie von Zukunft die Rede. Es ist eben die Schilderung eines Traumes (deshalb auch die Uebersctzung „wir werden wie Träumende sein", richtig ist, und nicht „wir werden Genesende sein"). Dein Entschlummernden verwirren sich die Begriffe des Kommenden, was er erhofft, mit dem des Gewesenen, da im Traume der Wunsch zur Tatsache wird. Nun sind wir schon inmitten der Völker beneidet, wir jubeln, wir Iveinen nicht mehr — wir sind ja bereits zurückgckehrt. Und das Bild des Traumes erhält sich selbst dann, wenn man von vornherein alles auf die Zukunft deutet- Die Hoffnung nimmt das Kommende vorlveg! Aber die Wirklichkeit! Das Erwachen! „Führe zurück, o Herr, Unsere Gefangenen, Wie Wasserströme In dürres Land!" Wir sind nicht am Ziele — ivir glaubten es nur zu sein. Vielleicht ist ein Teil babylonischer Wallfahrer bereits in Jerusalem angelangt — aber es sind ihrer nicht genug, um wie Wafserströme ein dürres Land zu bewässern. Und doch müssen sie vorwärts! Sic können nicht zurück! Sie müssen Kanaan bebauen und müssen Aussaaten höherer Art bestellen für die Zukunft. Wieder sind wir an Wasserbächen, ivie am Anfang von Psalm 137, aber es sind nicht die Wasscrbäche Babels, sondern die Quellen des Negebh Palästina's. Vor sich sehen sie einen .Landmann, der Aussaat wirft. „Die da säen mit Tränen, Mit Jubel ernten sie. Er geht hinaus und weint — Er trägt der Aussaat Last. Mit Jubel kehrt er wieder, Er trägt seine Garben!" Der weinende Landmann! Wie schiver wurde ihm der Sack mit der Aussaat! Weil er so leicht war! Weshalb werden ihm die Aehren, die er trägt, so leicht? Weil sic so schwer sind! In beiden Psalmen ist Mensch und Gottcsschöpsnng eins — in Fluren, Bäumen, Bächen sucht der Mensch sein Spiegelbild. So tvird der Unglückliche aus dem Lärm der Menschenhaufen dahingeführt, wo er zu sich zurückkehrt und sich tröstet. — Wunderbare Lieder! Mit Recht leben sie am Tische des Juden fort, denn dieser Tisch soll selbst an den Altar, selbst an Jerusalem mahnen. Und diese Psalmen ergänzen einander — der zweite scheint erst den Abschluß zu bieten. Diese Psalmen widerlegen die immer wiedcrkehrcnden. Gedanken, Israel habe kein tiefes Natnrgefühl nnd keine wahrhafte Gestaltungskraft. Die ihr das behauptet — nehmt die Psalmen, lest sic und — behauptet cs dann noch weiter! Das Judentum in Frankreich. Ich hatte Recht, als ich in diesen Blättern gelegentlich des neuen Kultnsregimc von der Möglichkeit einer Wiederbelebung des Judentums in Frankreich zu sprechen wagte. Tie Aufhebung der offiziellen Kontrolle, das Teilnehnien der breiten Schichten an der Rcligionslcitnng, der Zufluß zahlreicher jüdisch gesonnenen Elemente nach Paris, sowie die Notwendigkeit, welche von jetzt ab von den Rabbinern, die von Rcgicrnngsbeamten zu Gemeindcdieneru herab- oder eher emporgcstiegen sind, verlangt, etwas zu leisten, wenn sie nicht ihren Einfluß verlieren wollen: dieses alles find Faktoren, die nicht ohne Wirkung aus daS gesamte Leben des französischen Judentums Meißen konnten. Ich sagte ferner, daß in einem Lande, wo der Glaube gesellschaftlich und fast auch offiziell negiert wird, wo die rituelle Seite des Judentums nicht mehr Einfluß auf die Jugend ansübt, daß man in einem solchen Lande mehr Acht haben soll auf die anderen Seiten des Judentums, namentlich auf die Moral nnd auf das nationale Gefühl. Haben ja die offiziellen Vertreter des französischen Judentums •— mit einigen Ausnahmen — beinahe gerade diese Seite vernachlässigt, nnd hat doch das alte Rcginic fast zu eineni Untergange des jüdischen Glaubens in Frankreich geführt! Wahr ist es, daß man seit einigen Jahren unter den aus den slavischen Ländern Gekommenen eine gewisse Anstrengung bemerkt, das nationale Judentum auch in Frankreich einznpflanzen und damit auch denjenigen, die nicht praktisch religiös sind, ein „raison ck'stro", eine Sclbstbcrechtigung ihrer Treue zum Judcntnm zu verschaffen. Haben doch die Zionisten, mit Nordau's kräftiger Stinune an der Spitze, seit vielen Jahren von einer Existenz des jüdischen Volkes, von seiner Wiederbelebung, von der Illusion einer gänzlichen Assimilation, sowie von der großen jüdischen .Hoffnung gesprochen! Haben doch manche das Bcstchcn einer nationalen jüdischen Literatur nicht nur für die staunenden französischen Inden, sondern auch für die französische öffentliche Meinung aufgcdeckt, lvclch letzterer Umstand besonders die Anschauungen der gebildeten Klassen der Juden über das heutige Judentum umgewälzt hat. Hat doch ein russischer Maskil mit ungewöhnlicher Energie eine Schule „Ibrit be ibrit" geschaffen, und den erstaunten Vorstehern des französischen Judentums in diesem assimilierten Paris Kinder gezeigt, die hebräisch sprechen nnd singen, die hebräisch denken und sicherlich, wenn nicht immer sronnne, so doch mit Stolz und Eifer Juden sein wollende Juden sein werden. Dieses Jahr mit seiner Trennung der Kirche von: Staate und der Schaffting der neuen Knltusgcmeinden gibt auch durch eine hunderte Jährung Anlaß zu einem lvichtigcn geschichtlichen Rückblick. Gerade vor hundert Jahren hat Napoleon das Synedrioil einberuscn, dasselbe, welches einen so großen Einfluß auf die, weitere Weltanschauung des intelligenten Judentums ausgeübt hatte und — wenn vielleicht auch nicht immer praktisch — wenigstens geistig nnd theorettsch die Assiinilationspolitik förderte. In Frankreich hauptsächlich hat man für die Beschlüsse und sogar für die Taktil des Syncdrions immer geschwärmt, mit welchem Resultat — zeigt der Tiefstand des heutigen französischen Judentums! Da ist es denn bemerkenswert, daß gerade iiu gegenwärtigen Momente, da die neue Kultusverwaltung zunr erstcnmale über neue Wege für die jüdische Erziehung zu raten hat, der gelehrte Rabbiner Professor Israel Levi das System des Synedrion öffentlich anzugreifen ivagte. Er erklärte nämlich, daß die Konfirmation (anstatt Bar Mizwo) mit ihrem französischen Katechismus wenig geeignet ist, die Jugend an das Judentum anzuknüpfcn, daß aber die hebräische Sprache als das Fundament jüdischen Gefühls nnd die Sprache der Bibel hier eine Besserung schaffen kann. Er forderte deshalb die Verwaltung auf, in den jüdischen Konsistorialschulen nnd bei dem religiösen Unterricht das Hebräische' als eine mehr oder weniger lebendige Sprache behandeln zu lassen und einen ernsten hebräischen Unterricht den Kindern zu geben. Dieser Vorschlag, welchen Professor Lcvy mit Energie verfocht, wurde auch angenommen, zwar nur als Versuch und, wie manche es forderten, hauptsächlich für die Kinder der russisch-polnischen Inden. Aber: Mer Anfang ist schwer! Wir müssen bereits damit sehr zufrieden sein, daß schon in vier Schulen in Paris täglich ein hebräischer Unterricht nach der direkten Methode gegeben wird und daß einer der zwei Lehrer, die dazu gewählt wurden, gerade Herr Dimant, der wackere Gründer der Schule „Ibrit be ibrit" an der Volksnniversität, der als russischer Maskil nichts mit dem Rabbiner-Seminar zu tun hatte, ist. Dieser lvichtige Schritt, wenn er nur eininal gelungen, wird — nnd dies hängt mehr von dem guten Willen der Beamten des Seminars nnd der jungen Rabbiner, als von der Methode nnd, den Kindern ab, die beide schon in der Volksunivcrsität so vorzügliche Resultate erzielt haben — einen günstigen Einfluß auf das sämtliche Erziehnngswcsen der Alliance Jsraelitc und das der Juden Afrikas im allgemeinen ausüben. Der Erfolg wird aber auch als Probestein der wirklichen Lebensfähigkeit und des Lebenswillens des Judentums in Frankreich dienen Dr. N. Slouschz. Die Kolonien der „Jen". Der Jahresbericht der „Jca" (Jewish Colonization Association) schreibt über die.Kolonien dieser Baron Hirsch-Stiftung: Die Lage der Kolonisten in Argentinien ist heute gesichert, ihr Leben befestigt. Was für Unsicherheiten auch cintrcten mögen, was für Zufiflle sich in der Kultur ereignen, immer werden sie ans ihrer Arbeit genügende Hilfsquellen ziehen, nicht nur für ihren Unterhalt, sonder» auch um ihre Schuld gegen unsere Gesellschaft abzuzahlc». Der Wohlstand ist nicht überall derselbe; er wechselt oft — je nach den Kolonien und auch innerhalb derselben — unter den einzelnen Kolonisten. Einige befinden sich in sehr guter Situation; man nennt in Maritins einige Farmer, die aus ihren Molkereien jeder mehr als 30 000 Franken gezogen haben, andere sind tveniger glücklich'. Doch ist im Durchschnitt eine gewisse Wohlhabenheit in unseren Kolonien festzustcllen. Die Ansiedler leben gut, sie führen an uns von Jahr zu Jahr größere Summen ab: So 1900 Fr. 72 820, 1901 Fr. 221100, 1902 Fr. 189160, 1903 Fr. 175 780, 1.901 Fr. 21.4 060, 1905 Fr. 464 640, 1906 Fr. 614 900. Dabei lassen wir noch beiseite die verschiedenen Einkünfte aus Terrains, deren Wert in derselben Proportion wächst. Für das lausende Jahr sind noch erheblich größere Zahlungen zu erwarten. Außerdem schicken die Ansiedler noch beträchtliche Fonds nach Rußland, um dortgebliebcne Verwandte zu unterstützen (1906 Fr. 163 000). Sie verschaffen einer immer größeren Zahl jüdischer Landarbeiter Beschäftigung, als es das Bcvölkerungstableau des Jahresberichtes angibt; weiter machen einige sehr große Ausgaben, um ihren Boden zu verbessern, den Ertrag zu steigern. Endlich erlangt auch der Grund und Boden, auf dem sie wohnen und dessen Eigentümer sie werden, in besttnimtcn Gegenden einen bedeutenderen Wert. Diesem materiellen Wohlstand entspricht die Ent-' faltnng des sozialen Lebens. Es ist gerade so geregelt, daß es sich noch in voller Freiheit entwickeln kann. Die Kolonien sind gefestigt genug, um sich selbst zu verwalten. Sie sind bevölkert mit Leuten derselben Herkunft, derselben Sprache und derselben Bedürfnisse. Sie sind also so geartet, daß ein gutes Verstehen gegenseitig gegeben ist. Wir haben Gruppen gebildet, die aus durchaus gleichen Elementen bestanden, ein Umstand, der unsere Arbeit sehr