Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilrartkfrtrker iiftnrlitifitirs familtrublatt. He-aktion «nd H>efchafjSstslls: SranXkurt a. M.. VUbelerstraße 4/ö, Lcke Bleichstraße Gerefon 10507. Hörausgeber: KatL ^eis. i " Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— < -- , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile .. 100 Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. , Beilagen: Preis nach Uebereiirkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 22. Aw 5667 (2. August 1907)» Ro. BO. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Zwei Psalme. — Das Judentum in Frankreich. — Die Kolonie der .Jca". — Aus aller Welt. — Feuilleton: Klotz-Geschichten. — Aus der Lehrerwelt — Vereins- Kalender. — Wochen-Kalender. — Fa» milien-Nachrichten. Zwei Psalme. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, Preuß. Stargard. Wenn der Jude seine Mahlzeit an Ruhe-, Fest- und Freudcntngen beendet hat, so singt er vor dem Tischgebete den Psalni von der Rückkehr der Gefangenen nach Zion; zu sonstigen Zeiten, die das Zeichen des Alltäglichen an sich tragen, ist es der 137. Psalm von den Bächen Babels und von den Harfen, die man an Weidenbäume hängte. Das Volksbcwußtsein hat hier mit einer Sicherheit sondergleichen zwei Psalme herausgegriffen, in denen es den Ausdruck seiner Schmerzen und seiner Hoffnungen sah; zwei Gesänge, die! scheinbar im schroffsten Gegensätze zu einander stehen und die doch in Wirklichkeit nur Teile eines und desselben Leides ansmachen. An den Bächen Babels, Dort saßen wir und weinten auch. Wenn wir an Zion dachten. An die Weidcnbäume, die dort, Hängten wir unsere Harfen. Stimmungsvolle Umgebung! Die träumerischen Bäche Babels, zu denen sich die Trauerweiden hinabbeugen, sich in ihnen spiegeln, mit ihnen zu klagen scheinen. Was Wunder, daß sie „dort" saßen und „auch" weinten, wenn sie rmpfindungsvoll ihren Blick zu dem verlorenen Vaterlande zurückschweifen ließen, dessen letzter Anblick beim Abschiede ihnen so entsetzlich gewesen war. Aus dem Wogen der Großstadt Babel hatte cs die Unglücklichen hinausgetrieben in die Einsamkeit, wo Bach und Baum, unsere trauten Genossen überall, mit ihnen klagten und sic sich so gewissermaßen in der Heimat befanden. „Denn dort" in der Großstadt, dein hochtönenden und dröhnenden Babel selbst „Denn dort hatten von uns Unsere Schergen Worte des Liedes, Unsere Peiniger Freude verlangt: „Singet uns von Zions Liedern!" Der Jude wird verspottet: „Singe uns doch dein Zionslied, das heißt dein Judenlied! Wir wollen nicht, daß du betriibt seist! Voll Freude singe uns das Lied, das dich ja erfreuen muß — ist es doch das Lied, das der Stadt deines Stolzes gilt!" Das aber dünkt dem Juden der tiefste Spott, wenn sein Peiniger von ihm die Heuchelei eines frohen Angesichts verlangt, als würde' er von seinen Qualen nichts empfinden! Die Alten verstanden das noch nicht. Sie verleugneten nicht Schmerz und Judentum, und so wiesen sie stolz den Spott der Gewaltigen zurück. Wie sollen wir das Lied des Herrn Ans dem Boden des Fremden singen? Und hier sind die Gewalthaber machtlos. Seineil Stolz und seinen Schmerz können sie Keinem rauben. Da hängen die Harfen untätig an den Weidenbäumen, ein Denkmal der Lieblosigkeit, unter welcher Israel zu singen verlernt hat. Aber eines hat doch gerade das Leid bewirkt. Vergäß' ich Dein, Jerusalem, Vergesse meiner Rechten, Die Zunge kleb' Air dem Gaumen mir, Wenn ich Dein nicht gedächte, Wenn ich nicht mir wahrte Jerusalem Als meiner Freuden Gipfelpunkt! Eins hat das Leid bewirkt: Es hat die Erinnerung an Jerusalem, die zuerst einer Regung des Heimwehs entsprach, zu einer Pflicht gemacht! Entsetzt bei der Vorstellung, daß er beim Leide Jerusalems Lieder singen und sich selbst so in seiner Umgebung verlieren könnte, will er keinen Schatten mehr air seiner rechten Seite haben. — Der Sonnenbrand der Wüste (s. Klagelieder 5) soll ihn drum verzehren. Wenn ihm nicht die Mahnung an die Gottes stad t den einzigen Quell der Erquickling im Leide bieten soll, dann soll die Zunge ihm an deni Gaumen kleben, die Zunge, die frohe Worte des Liedes zu sprechen imstande ist, wo Jerusaleni, das verödetet, nur in seinem Gemüte leben und dort den Gipfelpunkt der Freude ausmachen kann. Aus dieser Empfindung erzeugte sich die Anhänglichkeit an Israel, die Gemeinschaft selbst, die Sehnsucht nach dem in Jerusalem einst verkündeten Gotteswortc, der Trieb, sich an den Hoffnungen der Propheten aufznrichten, in Versammlungshänsern, in Lehrhäusern diesem Hange nachzukommen — in jener Stunde des Leides ward das erzeugt, was all' die Zeiten der Königsherrlichkeit nicht hatten hervorbringen können: Das Judentum, bisher vielfach ein auf nnbefolgten Buchstaben schwebender Nebenbegriff, wurde zur Hauptsache, für die alles Andere, was sie äußerlich gewaltig und geachtet machen sollte, verschwunden war. Etwas muß der Mensch sein Eigen nennen. Und schon hebt sich der Sinn zu Gott empor. Allerdings muß vor allem das bittere Gefühl des Gekränktseins hervortönen — unsere Väter waren noch nicht gewöhnt, „beleidigt zu werden und nicht zu beleidigen, ihre Schmach anzuhören und nichts zu erwidern", — noch waren sie nicht die „willigen Taubenopfer des Altars". Zahl' heim, o Herr, den Söhnen Edoms Ten Tag Jerusalems, den sie gerufen. Stürzt um! Stürzt um bis zu dem tiefsten Grund! Tochter Babels, verödete, Heil ihm, der Dir bezahlt, Was Du uns angetan! Heil' ihn», der ergreift Und Deine Säuglinge zerschmettert An dem Fels! Edam, die Stammesverwandten, die Helfershelfer aller Feinde Israels in den Propheten, in den Klageliedern. Edoms Teilnahme an den Feindseligkeiten hat Israel noch mehr erbittert, als Babels Grausamkeit selbst! Wir hören am Tage der Zerstörung Jerusalems die Edomiter schadenfroh und höhnend rufen: „Kehret um! Kehret um! Das Unterste zu oberst! Bis zu den Grundmauern! Dahin soll sie sein, die verhaßte Stadt, einst die Freude der ganzen Erde." Und Babel sollte leer ausgehen? Verwüstetes Babel! so wird es schon von den gefangenen Juden genannt, indem sie schon jetzt das Bild der Zerstörung sich vormalen und sich daran berauschen. Babel, das glänzende Babel, die Spitze der Zeit und Bildung, dessen alte Steine und Inschriften vor kurzem Zeugnis oblegen sollten von der Hoheit der Religion und dem sittlichen, hohen Sinne der Babylonier — die anmutig lächelnde Tochter Babels war, wo es sich nur jüdische Kinder handelte, doch so grausam, diese an den Quadern der Marmorhäuser zu zerschellen. Und nun rechte man mit jenen Unglücklichen darüber, daß sie Babel nicht segnen konnten, wenn die Mütter ihrer zerschmetterten Säuglinge gedachten! * Man hat von außenher oft schadenfroh aufdiese und ähnliche Stellen geblickt und daraus Folgerungen gezogen auf den Wert und Unwert der Lehre Israels. Nicht Jeder, der Berwünschungsworte ausspricht im tiefsten Leide, wird seinen Feind fühllos peinigen, wenn er machtlos vor ihm steht; nicht Jeder, der imstande ist, seine Feinde in solchen Stunden zu segnen, wird ihnen wohltun in ihrer Not. Fort mit diesem äußerlichen, ungeschichtlichen Denken! Sollen uns jene Augenblicke aus schwächlichen Schönheitsrücksichten nicht voll geschildert, jene Eindrücke verstümmelt werden? Ob jene babylonischen Gefangenen, oder der Lessing'sche Nathan —' sie werden ihren Peinigern „den unversöhnlichsten Haß schwören" und werden — diesen Eid nicht halten. Aber uns scheint hier gar nicht der Abschluß des Psalms sich zu befinden. Dem Leide muß der Trost folgen. Als Gott die Gefangenen nach Zion führte, — Wie waren wir träumend! Oft hatte sie die Sehnsucht im Traume nach der alten Heimat geführt, und wie viele Male hat das Erwachen sie getäuscht! Als nun wirklich die Zeit der ftohen Rückkehr nach Zion kam, da wollten sie es nicht glauben, um nicht wieder sich selbst zu betrügen — aber diesmal war es wahr. Einst hatten sie zu singen aufgehört — ihre Harfen hingen an Babels Weidenbäumen. Nun, da Zion zu leben beginnt und man seiner fteudig gedenken darf, in der Stunde der Rückkehr, Damals ward voll des Lachens unserer Mund Und unsre Zunge voll der Freudenlieder.