Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 gewöhnlich hohen Strafen verurteilt: der 18jährige Schereschewsky zu 10, der 21 jährige Umanski und der 20jührige Bätsch zu 6 und der 18jährige Chintschuk und der 10jährige Gotow zu 4 Jahren Zwangsarbeit und Deportation. Odessa. In die idyllische Ruhe dcs letzten Sabbats — utait schrieb den 13. Juli — brachten einige Explosiön'chcn mit ziemlich belanglosen Folgen etwas LÄen hinein. In der Melo-Ornauter Gasse hatten fünf junge Leute — Bebtschnk, Nachum Siratjiirsky, Wolf Kaincnetzky und die Mädchen Degtjar und Lcichterinann — sich die Langeweile eines sonnendurchglühten Mittags nicht anders zu verkürzen vermocht, als das; sie Bomben fabrizierten, zu ivelchcr amüsanten Beschäftigung ihnen einige gute Freunde zuschauten. Da ein Knall! — und Bcbtschnk's, Siratjinsky's, Kamenctzky's und zweier neugieriger Zuschauer Seelen befanden sich bereits auf der Reise nach der anderen Welt, während die anderen, wenn sic nicht ihren Wunden erliegen, wahrscheinlich erst von einem Kriegsgerichte nach droben befördert werden dürften. Natürlich hat man nach russischem Gcneralvcrfahrcn auch gleich noch die Bewohner der Nachbarhäuser mit eingestellt, denn lieber 10 Unschuldige hängen als einen Schuldigen laufen lassen, ist ein altes gutes Prinzip im Lande der Reußen. Wer cs war ja erst Mittag — und bis zum Wend ist noch eine gar lange Zeit. So entdeckte denn anr gleichen Tage der Spürsinn der Polizei noch eine nicht angcmcldcte Bombensabrik dcs Herrn stud. chem. Gurewitsch und des Fräulein Fleischmann, und so platzte noch schnell vor Hawdoloh eine Bombe vor dem Hause eines jüdischen Kaufmannes, durch die diesem dessen lOjähriger Kommis seine Unzufriedenheit ausdrücken wollte. — Kleinigkeiten bei den Begebenheiten, wie sie heute der Tag im Lande des Zaren mit sich bringt! — Und doch — bas Herz zieht sich zusammen, wenn mau hineinblickt in die Welt, in die das Kaleidoskop dieser Kleinigkeiten uns blicken läßt. Es ist die Jugend, die bei den grauenhaften Zuständen, die seit mehreren Jahren in Rußland herrschen, zu Grunde geht. In einem Lande, in dem die Heiligkeit der Kindheit, das Glück der Familie, das Recht des Menschen nicht respektiert wird, in dein bereits der Abc-Schütze die Kugeln knallen sieht, durch die ein geknechtetes Volk in der Kncchtheit niedergehalten werden soll, muß die Jugend aus dem Geleise einer vernunftgemäßen Entwickelung gerissen werden. Großbritannien. Leeds. Antisemitismus Der städtische Armcnrat wählte zum Arzt eines Distriktes, in dem hauptsächlich arme Jude» wohnen, de» angesehenen jüdischen Arzt Dr. Julius Fricnd. Auf dieses Wahlresnltat hin nahmen die „liberalen" Mitglieder Gelegenheit zu einigen höchst unpassenden Bemerkungen; so sagte einer dieser merkwürdigen „Liberalen", daß die Wahl eines Mitgliedes der jüdischen Rasse ein dauernder Schandfleck für die Stadt sei. Die Herren wollen sogar einen Protest an den „Local Government Board" senden, damit die Wahl kassiert werde. Amerika. New-Aork. .Jcwisl, Gazette", das gclesenste und verbreitetste Jargon-Blatt New-Porks, steht dcni vom Millionär Jacob Lchiss prvtegiertc» Plane der „Jto", die r u s s i s ch e n Juden in T e x a s a u - z ns jede ln, sehr skeptisch gegenüber. stliii die Oeffcntlichkeit über die Verhältnisse in Texas zu informieren, veröffentlichte sic eine Rundfrage: ,,S oll der Au s Wanderer in T e x a s s ei n Gepäck h e r u m s ch le p p e n?", zu deren Beantwortung in erster Linie die jüdischen Einwohner von Texas cingeladen wurden. Nun stellt sich auch Israel Zangivill mit einer Antwort ein, indem er die Bedenken der „Jeivish Gazette" zu entkräften sucht. Dieser Brief lautet: „Ich habe den illustrierten Artikel Ihres Blattes über die Frage: „Soll der Ansivandcrcr in Texas sein Gepäck herumschleppcn?" mit großem Interesse gelesen. Ich entnehme daraus, daß Sie den Pia» des Herrn Schiff bezüglich der Regelung der Auswanderung nicht richtig verstanden haben. Wir verfolgen durchaus nicht den Zweck, Juden ausschließlich in Texas anzusiedeln. Wir wollen vielmehr de» ganzen prachtvollen Westen, der halb so groß ist wie Europa und der nur vou 100 000 Inden bewohnt ist, der jüdischen Einwanderung zugänglich machen. Warum sollen alljährlich hundcrttausende Inden in Ncw-Nork allein ansässig werden? Es ist weit besser, wenn sic im Hafen von Galveston den amerikanischen Boden betreten, um von hier aus in die Städte des Westens leichter zu gelangen. In Galveston erwarten sie unsere Agenten und stehen ihnen mit Rat und Tat bei. Amerika hat noch Platz für Millionen unserer unterdrückten Brüder und durch ihre Arbeit werden im Westen ebenso große Gemeinden entstehen, wie sie bereits im Osten vorhanden sind. Amerika mit allen seinen Fehlern ist doch die beste Zufluchtsstätte für alle, die der russischen Tyrannei entronnen sind und wer uns in unserem Bestreben, dieses Territorinni der jüdischen Einwanderung zu Frankfurter JsraelktWe» FamMmSlaö. sichern, nicht unterstützt, ist kein wahrer Freund unseres Volkes. Unsere Tätigkeit hat mit der Rcmoval Office nichts gemein. Dieselbe hilft bloß den Schiffbrüchigen New-Uorks zu neuen Existenzen in anderen Städten; wir aber wollen von vornherein verhindern, daß die Einwanderer sich in Newyork nicderlaffen. Der Jude hat cs nicht nötig, sein Gepäck in Texas hcrumzuschleppen. Er wird dort erwartet, geschützt, unterstützt und bleibt unter der Obhut unserer Organisation, bis er eine Existenz gefunden hat. Es ist daher nutzlos, bloß bei unseren Brüdern in Texas nachznsragen, wie es ihnen geht. Ihre Frage muß gerichtet sein an alle Inden des Westens und überall soll sic die fröhliche Botschaft hintragen, daß cs nicht nötig sei, im Kotmccr Netv-Iorks zu ersticken, Iveun so viele Städte ans jüdische Arbeitskräfte warten. Israel Zangwill." Palästina. Jerusalem. Am 12 d. Mts. tras hier aus telegraphischem Wege die Trauerbotschaft von dem plötzlichen Ableben dcs Herrn T h. Oschinsky in Breslau ein, die ei» tiefes Echo in der hl. Stadt weckte. Der Verblichene war hier von seiner Palästinareise her, die er vor ettva zwei Jahren in größerer Gesellschaft mitmachte, persönlich gekannt. Noch mehr aber wissen die Jerusalemer von seiner Wohltätigkeit, welche nie versagte, zu erzählen. Dem deutschjüdischen Waisenhause, uamentlich dem Berwaltnngsratc dcs „Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina", dessen Titz in Frankfurt a. M. ist, gehörte er lange Jahre hindurch als Mitglied an. Seine Verdienste um dasselbe sind sehr bedeutend. Zu Ehren seines Andenkens fand am 11. d. M. in der Waisenhaussynagoge ein TraiiergotteSdienst mit Predigt statt. H. Aus der zionistischen Bewegung. Nüruberg-Fürth. Ende Juni hielt unseie Ortsgruppe eine Versammlung ab, um über den Fall Cohn zu sprechen. -Obwohl bereits durch die politische Tagespicssc das Publikum aufgeklärt worden ivar — auch der sonst sehr zurückhaltende Frank. Kurier berichtete darüber — verstand es der Referent des Abends, Herr E. O b e r n d o c r f c r, dennoch, durch seine Ausführungen die Zuhörer zu interessieren. Das zeigte die lebhafte Diskussion im Anschluß an das Referat; cs beteiligten sich daran die Herren 2t. Ellern (2. Vorsitzender d. Ortsgr.), der die prinzipielle Seite der Angelegenheit sehr scharf charakterisierte; ferner Herr P h. H ciraa n n. Der ehrwürdige Redner ironisierte in töstlichcr Weise den Fall, aber er nies auch mit Recht darauf hin, daß schon sehr häufig jüdische K n l t n s b e a m t c aller Kategorien in ü h n l i ch e r W e i s e ihr Amt verloren hätten, ohne daß sich auch nur der leiseste Widerspruch dagegen geltend machte. Dr. Bamberg er beleuchtete den Fall vom allgemcin-incnschlichcn Standpniikte aus. Ein bckanntcr Sozialpädagoge der Gegenwart bezeichne mit Recht die gebildete Gesellschaft des k0. Jahrhunderts (u. auch des 20.) als die größten Heuchler: auf der ciiien Seite Sozialgesetzgebung, ans der änderen die selbstsüchtigste Ausbeutung der Massen; Freiheit der Persönlichkeit — Unterdrückung jeder selbständigen Regung bei den „Untergebungen" usw. Das ist auch das Typische im Falle Cohn seitens der Berliner Gemeinde: Mißachtung der rabbinischen Autorität (wie sic in der Einführung der Reformen auf allen Gebieten des religiösen Lebens znm Ausdruck kommt), andrerseits wünschen die Herren wieder Respekt vor ihrer Meinung seitens der Rabbiner nsw.?[:» drastischsten lomme die innere Haltlosigkeit und Prinzipienlosigkeit dcs Gemeindevorstandes znm Ausdriick in der Gegenüberstellung der Fälle Fromcr und Cohn. Fühlt der Berliner Gemcindevorstaiid außer „seiner Aufgabe, Deutkchtum unter seinen - Mitgliedern zu verbreiten", nicht auch die Notwendigkeit, Schritte zu niitcrnehmcn zur Stärkung des Judentums? Wie denkt er sich die Zukunft, wenw er cs ruhig hinnimmt, daß ein Gymnasialdircktor mit Vergnügen berichten darf, daß viele jüd. Väter ihre Kinder dem christl. Religionsunterricht an seiner Anstalt znsührcn? Ist es nicht zur Genüge bekannt, welchen Eindruck eine solche Stellungnahme eines Schulleiters auf schwache jüd. Eltern macht? Hat in dem Augenblick, wo der Gemeindeborstaiid von solchen Verhältnissen, sozusagen unter seinen Augen bestehend, Kenntnis erhielt, er keine andere Sorge empfunden, als geschwind diesen; Schuldirektor gegenüber die Solidarität mit einem in den Hauptfragen gewiß gleichgesinnten chnralterfcsten Rabbiner in Abrede zu stellen? (Das wäre ein eklatantes Beispiel der geringen jüd. Solidarität, das wir den „Akitteilungen zur Abwehr dcs Antisemitismus" zur Beachtung empfehlen!) - „Und wo bleibt die freisinnige Berliner Tagespresse?" fragte der Redner weiter. Wir spreizt sich sonst das „Berliner Tageblatt" n. a. Blätter, wenn cs gilt für gcmaßrcgclte christl. Pfarrer und Prediger ciiizutrcten! Es ist die gleiche Taktik, die man gegen den Zionismus im allgenreinen beobachtet: Totschweigen! Die jüdischen Herren sind bekanntlich überall „freisinnig", solange man ihrer Meinung Nr. 29. ist, in Berlin so gut wie in Nürnberg! Wie sagt doch der Prophet? „Deine Zerstörer und Verwüster gehen von dir ans!" Am Schlüsse der angeregten Diskussion unterbreitete Herr Oberndoerfer der Versammlung folgende Resolution: „Die zion. Ortsgruppe Nürnberg-Fürth erblickt in der Suspendierung des Herrn Rabbiners Dr. E. Cohn eine Vcrgeivaltignng und Beeinträchtigung der persönlichen Ucberzcugung. Die Ortsgruppe gibt sich der .Hoffnung hin, daß die gesamte deutsche Judenheit gegen diesen unjüdischen, intoleranten Geist, der in dem Berliner jüd. Gemeindeborstand zu herrschen scheint, energischen Protest erheben wird." Diese Resolution wurde mit überwiegender Mehrheit angenommen.- An; 0. Juli hielt die Ortsgruppe eine Versammlung ab zur Wahl eines Delegierten für den 8. Kongreß. Mit '38 Stiinmcn wurde Dr. B. Bamb erg er in Nürnberg als Delegierter, Herr Dr. A. Friedemann in'Usingen als Ersatzdelegierter gewählt. (Das gleiche Wahlresnltat wurde auch in Metz (und Wnrzburg?), die zum Nürnberger Vorort gehörten, erzielt.) Im Anschluß daran wurde eine schlichte Herzl- Gedenkfeier abgehalten; D r. B a m b e r g e r sprach über die politische Bedeutung Hcrzls, und rezitierte aus seinen Schriften. Dann spendete die Gruppe 2 Bäume für den Herzl-Wald. Wien. Nelultaic der Delegiertenwahlen znm 8. Kongreß: Wien: Dr.. Isidor Margulics, Adolf 'Köhin, Heinrich Lederer, Dr. Isidor Schalit, Dr. David Rothblum, S. KaplanSky-Kaplan als Delegierte, Eisig Torczyncr, Dr. E. M. Zweig, Rudolf Nassau, Dr. Israel Wäldmann, Nathan Groß als Ersatzmänner. Graz — Leoben: Dr. M. Ehrenpreis. S t a n i s l a n: Dr. Markus Brande (Dr. Hillel Snßmann), Dr. Anselm Halpcrn (Jonas Aschkenasy). Stryj: Dr. Abraham Salz. Czortköw: Dr. Malz. N a d w 6 r n a: Dr. Snßmann. Lemberg: R.-R.-Abg. Adolf Stand (Professor B. Schatz). Radautz: Professor Dr. Alfred Engel (Oskar Lieben). C e r n o w i tz: R.-R.-Abg. Dr. Benno Straucher (Löbl Taubes), R.-R.-Abg. Adolf Stand (Dr. Beruh. Stecher), Dr. Salomon Kaßncr, Dr. Philipp Menczel (Emil Schecht). Troppau: Rudolf Nassau. F r i c d e k — Weißkir ch e n: Oberlehrer Kraus (Hugo Adler). Karlsb ad:^ Ludwig Steiner (Rabbiner Dr. Thicberger). Teplitz: Frau Elisabeth Pcrutz (Julius Kohner). Prag: Med. univ. Dr. Moritz Kohn (I. U. C. Ernst Gütig), Karl' Resek (Direktor Wertheimer). K o l i n: Dr. Kohn, R.-R.-Abg. Dr. Mahler. Warschau. Die Zionisten - Sozialisten richteten an das Zcntral-Komitee der R n s s i s ch e n s o z i a l d e nr o k r a t i s ch e n Arbeiterpartei das Ersuchen, daß sie in die russische Abteilung des demnächst in Stuttgart tagenden Internationalen Sozialisten-Kongreß ausgenommen werden mögen. Das Zcntral-Komitee wies das Ersuchen zurück, da die Hauptaufgabe» des jüdischen Proletariats andere seien, als die des Proletariats aller Länder, denn das jüdische Proletariat müsse erst ein eigenes jüdisches Territorinni besitzen, ehe cs sich selber befreien könne. Minsk. Hier wurden Advokat H. R o s e nb au m und Dr. I. B r u z k n s und in Jekateriuoslaw Ingenieur B r u k, Dr. L n r j e und Advokat Belkowsky zu Delegierten für den Haager Kongreß gewählt. ■ leuifMon. 0 MW» Zante Gute. Von Ernst Schwarz. (Schluß). Aber höher und höher schlugen die Flanimen, ein panischer Schrecken hatte alle erfaßt, die wilden Leidenschaften, die in den letzten Stunden getobt, waren urplötzlich verstummt, und alle die .Hunderte, die da in der Judengasse sich drängten, schienen nur von dem einen Wunsche beseelt, dem wild verheerenden Elemente Einhalt zu gebieten. Denn die Gefahr war groß für die ganze Stadt, in der noch sämtliche Häuser mit Schindeln gedeckt.waren. Zudem wehte ein starker Wind und trieb mächtige Funkcngarben weithin über die Häuser von Juden und Christen. Darum hätten sich auch alle sofort mit eifriger Bereitwilligkeit unter die Befehle dcs Bürgermeisters gestellt, und seine einsichtsvollen Anordnungen wurden rasch, und pünktlich vollzogen. Waren auch die Löschvorrichtungen