Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Qiinijitnet «cttqclwcicqgb QüuvmniDunL Sette 3 gedrückte ist, braucht nicht erst .gesagt zu werden. Schon das bloße Bewußtsein, daß man dem Feind ausgcliefert ist, genügt, jeglichen Mut zu nehmen. 'Mein die Stimmung der Juden Rußlands ist noch um das Hundertfachste gedrückter: von allen Seiten tönt schrill der Ruf zum Pogrom, zur Rache an den Juden! Und die Lage unserer Brüder in R u m ä n i e n? Auch ihre Lage hat sich unerträglich gestaltet. Wenn sie sich bisher in der ungesetzlichen vogelfreien Lage befanden, so sind sie nunmehr von der höchsten Justizbehörde des Landes — also gesetzlich — für vogelfrei erklärt worden,- sic könne» nach Belieben von kleinsten Schergen des korrunipierten Ministeriums des Landes verwiesen werden! Doch auch in dem gesegneten Oesterreich, unter der Aegide des demokratischen Reichsrats, feiert der Antisemitismus wilde Orgien. Fromme Kutte, Agrariertum und geschworener Antisemitismus, alle dreie km Bund haben sich zum Judenhaß verschworen, und in ihrer unheimlichen Macht finden sie auch int gelehrten Staude Helfershelfer. Sogar die Alma matcr treibt praktischen Antisemitismus: so hat jüngst das Rektorat der deutschen Universität zu Prag dem Dozenten Dr. Mahler, der als Zionist in Galizien ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde, aus „nationalen Gründen" die Benützung des Universitätshörsaales untersagt. Also: alles darf und soll national sein, der Jude aber muß Lakaiandererbleiben! Und doch . . . Wir befinden uns in den Tagen des Trostes — „Nachinu, nachmu Ami!" spricht unser Gott. „Saget" — heißt cs weiter — „die Zeit der Not ist vorbei, das Vergehen ist gesühnt, ja sogar zweifach gesühnt." — „Zweifach gesühnt!" Ist es nicht Tausendfach? — „Nachmu, liachmu Ami!" Und wo der Trost, womit sich trösten? — Doch eine Stimme ruft: „Verkünde!" — Allein: was soll man verkünden? Der Jammer ist ja itoch groß, so groß! „All das Fleisch ist Gras, all seine Gunst der Feldblüte gleich verdorrt ..." Und welches ist der Sinn dieser Worte? So lange eine Nation sich bloß auf die Gunst anderer stützt, ist ihre Ncttuirg unmöglich; sobald sic aber zu der Erkenntnis gelangt, daß die Krücken hinfällig siitd, daß nur „GraS ist das Volk" .und „all seine Gunst so rasch wie die Blüten welk werden", wird sic, anstatt sich auf die andern zu verlassen, sich auf sich selbst, auf die eigene Kraft und die Hülfe Gottes, zu stützen bcginncit — und die Rettung folgt alsbald. Und sind wir so weit? gibt es nicht noch viele Blinde unter uns, die jedoch Augen besitzen, viele Lahme, die gern auf Krücken gehen, obgleich sie gesunde Beine haben? — O ~ gewiß! ja sogar s e h r viele! Doch: „Siehe" — heißt es weiter — „Gott kommt mit Macht, und sein mächtiger Arm steht ihm bei, mit seinem Arm sammelt er die dummen Lämmchcit und die Unreifen führt er." Auch macht er die „Blindeit sehend." . . . Also: „Nachmu, nachmu Ami!" Mein Volk brauchst nicht zu verzagen, brauchst nicht zu sagen: „Mein Weg ist von Gott ungeachtet," „mein Recht ihin voreuthalten." „Ich schicke viele Fischer atts," verkündet uns der Prophet Jcrcmia, „um sie aufzufischen, ja von allen Bergen und Hügeln und sogar von den Spalten der Klüfteir sollen sie aufgcfischt werden, denn meine Augen sind auf alle ihre Wege gerichtet, sie sind mir nicht verborgen." Aus aSJCex WeLt. Deutsches Reich. Berlin. Ueber den ersten Transport der Emigranten, die durch die „Jto" und den „Hilfsverein der Deutschen Juden" von Bremen nach Galveston gesandt wurden, erhält der Hilfsverein der Deutschen Juden folgende Nachricht : Galveston, den 3. Juli 1907. Die ersten 54 Emigranten sind eingctroffen. Die Ausschiffung vollzog sich dank der vortrefflichen Vorbereitungen des amerikanischen Komitees ohne Schwierigkeiten. Der Einwauderungsiitspektor Holmann war außerordentlich entgegenkommend. Das Schiff kam Montag Morgen, den 1. Juli an, also am Tage, an dem das neue .Einwanderungsgesetz in Kraft trat, es wurde niemand zurückgewiesen. Bereits am Mittag waren sämtliche unserer Emigranten in unserem Hause. Nachdem jeder von ihnen ein Bad genommen, wurde ihnen ein Mittagessen gereicht und nachher erhielten sie ihrer heimischen Gewohnheit tu Rußland entsprechend Tee und Zigaretten. Die Auswahl der Auswanderer war gut. Ihre Ankunft erhielt dadurch eine besondere Feierlichkeit, dast der Mayor der Stadt Galveston die Gruppe begrüßte und eine kurze treffende Ansprache hielt, die durch Rabbi Cohen den Ankömmlingen übersetzt wurde. Der oberste Beamte der Stadt drückte darauf jedem einzelnen der Einwatiderer die Hand. Aus dem Bericht geht ferner hervor, daß reichliche Arbeitsgelegenhciteit in den Städten der einzelnen Südstaaten vorhanden sind, sodaß den Einwanderern recht bald lohnende Beschäftigung wird nachgewiesen werden können. Seit dem ersten Transport sind etwa 100 weitere Emigranten durch die Jto und den Hilfsverein nach Galveston befördert worden, die nach den Erfahrungen der crstett Grttppe auf einen guten Empfang und gute Unterkunft rechnen können. Berlin. Dem Hilfsverein der drutschen Juden sind von angesehener christlicher Seite aus R u m ä n i e n, von einem Pfarrer, zwei Briefe zur Verfügung gestellt worden, die in hohem Grade beachtenswert zur Beurteilung der dortigen Lage sind. Der erste Brief stammt aus den Tagen während der letzten rumänischen Inden-Pogrome. Dabei ist zu bemerken, daß der betr. Briefschreibcr sich in aufopferndster Weise dafür eingesetzt hatte, die Juden an dem Ort, an dem er sich selbst aufhält, vor Vergewaltigungen zu schützen. Die beiden Briefe lauten: 13. IV. 07. „ . . . Die Stadt hat heute circa 18—20,000 Seelen. Die Katholiken, (oder.wie sic hier heißen, die Ungarn, sind Vorstädter und zählen in runder Summe 700 Männer. Juden sind hier ca. 3000 Seelen. Die Kaufläden sind alle in den Händen der Juden. Da war etwas zu holen. Meine erste Sorge war es, meine Bauern zu beruhigen, ihnen klar zu machen, daß ich eine Teilnahme an der Revolution absolut mißbillige. Am 11. März sagte ich ihnen in der Kirche: „Jetzt ist die Zeit gekommen, daß Ihr beweisen sollt, daß Ihr wahre Katholiken seid. Beweist auch, daß meine Predigten, die ich Euch 9 Jahre lang gehalten habe, nicht umsonst gewesen sind. Ewige Schande über meine Pfarrgemeinde, wenn ein einziger sich unterstehen sollte, zu revoltieren. Sie gehorchten. Circa 8—10 Dörfer in der Umgegend waren in hellem Aufruhr, voit meinen Katholiken hat nicht ein einziger teilgenommen .... Wären die Katholiken losgegangen, die Stadt wäre heute eine Ruine. Die katholischen Bauern sind sehr kräftige, wild aussehende Kerle, vor denen sich die ganze Stadt fürchtete. Die anderen schismatischen Dörfer warteten nur darauf, daß die Katholiken ansängen, um dann gemeinschaftlich über die Stadt und besonders über die Juden herzufallen. Als ich am 12. März durch die Stadt fuhr, hatten alle Christenhäuser Kreuze und Bilder an die Fenster geklebt, damit sie kenntlich seien. Doch Gott sei Dank, alles ging gut vorüber. . . ." 22. VI. .07. ' „ . . . Wenn ich in den schweren Tagen der letzten rumänischen Bauernrevolution meine eigene katholische Gemeinde vor Raub itnd Mord bewahren konnte, so geschah dieses einerseits auf Grund des freundschaftlichen Verhältnisses, in dem ich zu den angesehensten Mitgliedern der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde stehe, andrerseits aber auf Grund eines bewunderungswürdigen Gehorsams, mit dem meine katholischen Bauern sich mir sügten. Es waren aber Tage des Schreckens, die ich nie vergessen werde. Katholiken und Juden leiden beide unter der Ungerechtigkeit der rumänische» Wirtschaft. Rumänien steht tatsächlich auf einem Vulkan, der eines Tages Schrecken verbreiten wird. . ." Berlin. Die jüdische Gemeinde wird für die Gemeindebibliothek ein eigenes Hans auf dem Grundstück Oranienburgerstraße 28 errichten. — Die Erben des Kommerzienrats He r m a n n R. Israel haben eine größere Anzahl mildtätiger Stiftungen mit Legaten bedacht, n. a. das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde u. die Jakob Israel-Stiftung, Pensionskasse für die Angestellten der Firma N. Israel (letztere mit einer Schenkung von 85000 JL). Nauheim. Mein jüngster Besuch des herzheilenden Nauheim führte mich auch in die I s r a e l. Kinderheilstätte, ein Werk der bekannten Freigebigkeit der Baron von Rothschild'schen Familie. Es fand gerade großer Einzug statt. Die Gäste des Juni waren bereits wieder in die heimatlichen Gefilde zurückgekehrt, und heute trafen mit jedem Zuge kleine und große Kinder ein — cs sind ihrer zusammen wohl 60. — Die einen kamen mit Hallo, sie waren schon einmal dageweseu und wußten^ daß sie unter der liebevollen Pflege der Vorsteherin Fräulein Beith vier Wochen heiteren Spieles verbringen würden. Die andern standen zaghaft da, noch harrend der unbekannten kommenden Dinge; wären sie nicht Kinder, so würde der wundervolle große Garten und die musterhafte Ordnung und Sauberkeit in dem stattlichen, einfach aber mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattetein Gebäude das Klopfen ihrer kleinen Herzen beruhigt haben. _ Wer zarte Kinder.hat, der möge sie ohne «orge der Rauheimer Anstalt anvertrauen. Aufsicht und Pflege sind musterhaft, und die heilsame, stärkende Wirkung der Rauheimer Soolbäder braucht nicht noch ausdrücklich betont zu werden. Heidelberg, 17. Juli. Darf man es wagen, in diesen Tagen der nationalen Trauer, wo neben den Erinnerungen an Israels Vergangenheit auch die jüngste Gegenwart zur Klage stimmt, ein günstiges Omen und eine Gewähr für die Zukunft darin zu sehen, daß gerade an Orten, wo der Abfall von den religionsgesetzlichen Vorschriften des Judeittums immer weitere Kreise zieht, daß da die studentische Jugend anfängt, sich auf ihre jüdischen Ideale zu besinnen? So fasse» wir die Konstituierung der neuesten „Bereinigung jüdischer A lade m i k e r", die am 15. ds. Mts. hier stattfand, auf. Sollen doch in ihr nach dem Borbilde der bereits in Berlin, München, Straßburg und Marburg bestehenden V. j. A. nächst „Limmud Hatauroh" alle jene Fragen und Probleme wissenschaftlicher, sozialer und ethischer Art, wie sie den modernen Jüngling beschäftigen, vom jüdischen Standpunkt verarbeitet und dadurch dem jüdischen Studenten die Kenntnis der jüdischen Welt- und Lebensanschauung geklärt und die Begeisterung für diese.gepflegt werden. — Der Vorstand der V. j. A. Heidelberg setzt sich zusammen aus den Herren Ai. Elias, stud. Phil., Vorsitzender; Ph. Franks stud. med., Schriftführer und C. Lchcucr, stud. med. dent., Kassenwart. Zuschriften sind zu adressieren: Uferstraße 48a. Breslau. Die Zuwendungen des Kaufmanns Norbert Levy von 12000 JL und des Kaufmanns Hermann Schottländer von 12 000 JL an die „Israelitische Krankenverpslegungsanstalt und Bcerdigungsgesellschaft" haben die landesherrliche Bestätigung erhalten. (k.)Nogasen. Vermächtnis. Der kürzlich zu Görlitz verstorbene Rentier Georg Schocken hat der hiesigen jüdischen Gemeinde 30 000 JL vermacht. Die Zinsen sollen zur Unterstützung von Armen, Kranken und Bräuten der Gemeinde Verwendung finden. Oesterreich-Ungar«. Wien. Alt-Wien. Chiavecci schildert in einem Feuilleton der „Oesterr. Rundschau" ansgestorbene und aussterbende Wiener Volkstypen. Zu diesen Typen gehören die seit mehr als 50 Jahren verschwundenen „Sesselträger". 1703 erteilte Leopold I. seinem Kaminerdiener die Erlaubnis, Tragsessel in Wien einzuführen. Die Verordnung enthält u. a. folgende Bestimmung: „Es dürfe indes in diesen Sesseln weder eilt Kranker noch jemand in der Livree noch eine andere geringfügige Person, viel weniger ein Jude getragen werden; nur die Pagen machen eine Ausnahme." Prag. Moderne Jugend. Die Abiturienten des Tetschener Gymnasiums veranstalteten nach der Mattiritätsprüfung einen Festabend, von welchem sie ihre jüdischen Kollegen ausschlossen. Budapest. In den großen orthodoxen Gemeinden S atm ar und Großwardein wurden die Chederschulen aus sanitären Gründen von der Behörde geschlossen. — Der „Municipat-Ansschuß des Pester Komitees" hat verfügt, daß an den Sonntagen die W i r t s - h ä u s e r von 9 Uhr früh! bis 4 Uhr nachmittags und die Branntweinschänken überhaupt geschlossen sein m ü s s e n. Die Verfügung bedeutet für zahlreiche jüdische Existenzen eine schwere Schädigung. — Die Vorsteher der berühmten Icschiwoh in P r e ß b u r g, der einzigen das Oesfentlichkeitsrecht besitzenden Rabbinatsschitle Ungarns, haben neue Attsnahme-Bedingungen erlassen, näntlich: Schriftliche Aufnahme-Gesuche, denen Bescheinigungen beizulegen sind, die bezeugen, daß der junge Mann bereits mindestens 4 Jahre Jeschiwoh- Bachur war und sich streng religiös geführt hat; persönliche Vorstellungen werden nicht mehr berücksichtigt. — Der hauptsächlichste Grund für diese Bestimmung dürfte, wie die „Jüd. Allg. Ztg." mitteilt, der sein, daß die in a t e r i e l l e n Hilfsquellen der Jefchiwoh seit dem Tode Baron Willy von Rothschild's-Frankfurt sehr zurückgegangen sind. Rußland. Kiew. Am 9. Juli fand vor dem Militärgericht die Verhandlung gegen die Smeler Zionisten-S ozialisten statt. Am 12. November v. I. nahm der Polizeimcister des Städtchen Smela bei einem gewissen Schereschewsky eine Haussuchung vor und fand dabei die Schriftstücke und das Broschürenmaterial der „Smeler zion.-sozial. Arbeiter- Partei", sowie eine, blecherne Büchse, die die Anklage zu einer Bombenhülse, und Rizinusöl, das die Anklage zu Glycerin stempelt. Trotz dieser lächerlichen Grundlage der Anklage, die die Rechtsanwälte I. S. Golbenweiser und S. B. Rainer gebührend beleuchten, werden die Angeklagten zu un-