Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Seite 5. FLMUMvvkr io|mVti|pt fjontuwnxmnx. jener Zeit mit den heutigen nicht zu vergleichen, rasch hatten sich zn. den verschiedenen Brunnen und zum Teich hin lebende Ketten gebildet, und die Fenereiiner flogen von Hand zu Hand, und zischend strömten die Wassermassen auf die prasselnden Flammen, und schon begann man zu hoffen, daß der Brand auf das eine Objekt beschränkt bleiben werde. Dem Befehle meines Vaters entsprechend, war ich der Btntter zur.Seite geblieben, wir lehnten in einem Fenster des oberen Stockwerkes und blickten hinunter ans das tvild bewegte Leben und Treiben in der sonst so stillen Judengasse, während der edlen Frau an meiner Seite unaufhörlich Tränen über die bleichen Wangen flössen, mnd ihre Lippen sich in lautlosem Gebet bewegten. Da gewahrte ich plötzlich, das; aus dem Dache des uns gegenüberliegenden Hauses eine helle Flamme emporzüngelte. „Tante Gute'» Haus brennt!" schrie ich ans. „Mlmächtiger Gott! Tante Gute'» Haus brennt! .Hilfe! Hilfe!" Meine Mutter hatte sich Ivcit ans dem Fenster gelehnt und schrie so laut sie konnte. Ich, aber war hinunter gestürzt auf die Straße und „Tante Gute! Tante Gute!" schreiend, eilte ich hinüber zu ihrem Laden, vor dem ich bereits eine Anzahl Menschen traf, mit denen ich eindrang. Eine unheimliche Glut strömte uns entgegen, aber der Laden war leer und das angrenzende Zimmer gleichfalls. Hatte sich Taute Gute bereits geflüchtet vor dem entfesselten Element? Wir riefen ihren Namen, niemand antwortete. Vielleicht ist sie im oberen Stock, oder im Keller. Einige eilten hinunter, 'andere und ich mit ihnen eilten zu der aufwärts führenden Stiege. Doch was mein Auge da erblickte, das macht mein Blut in der Erinnerung noch heute erstarren. Dicht neben dem Aufgang stand ein großes Faß mit Spiritus und her Spiritus brannte lichterloh und hatte bereits die Stiege erfaßt, wie ein grauenvolles Flammenmeer lag es vor uns. Ein Schrei deS Entsetzens entrang sich aller Lippen, und „Tante Gute! Tante Gute!" schreiend, stürzte ich aus dem Hause, gerade ans meinen Vater zu. Ich wollte ihm berichten, aber er hörte mich nicht an und eilte weiter, und mit Ivahrer Todesverachtung versuchte er, durch die Flammen zu dringen, — aber es war unmöglich, Atit versengten Kopf- und Barthaaren mußte er den Versuchs anfgebcn und eilte lvieder auf die Straße. „Schaffet Leitern herbei!" rief er, „Leitern!" In unglaublich kurzer Zeit tvaren mehrere Leitern zur Stelle, doch jede einzelne erwies sich als zu kurz, um aus ihr bis zum ersten Stockwerk zu gelangen, es mußten mehrere zusammengebundeu tvcrden. Unverzüglich waren Leute damit beschäftigt, da erschien plötzlich hoch oben auf dem Dache des brennenden Hauses jene hehre Frau, deren Name an der Spitze dieser Blätter steht und das vermißte Kind auf ihrem Arme.! „Maritscherle! Maritscherlc!" schrien der Schlosser Brand und seine Frau. „Tante Gute!" erscholl es aus mehr als hundert Kehlen, und tvas die Leute sonst noch schrieen, weiß ich nicht. Es war ein furchtbares Durcheinanderschreien. Brüllend wie ein Löwe versuchte Brand, an dem brennenden Hanse aufwärts zu klettern, es gelang ihm nicht. — Und .noch immer tvaren picht genug Leitern zusammengebunden und näher und näher züngelten die Flammen zu der Frau aus dem brennenden Dache; ich sah, tvie sie mit der einen Hand das Kind an sich drückte und init der andern ihr Kleid fester »in sich zog, weit die Flammen es bereits berührt hatten. „Sie muß hinunter springen!" rief unten die Menge. „Schaffet Betten herbei!" rief ineine Mutter. Ich und außer mir noch andere wollten dieser Aufforderung entsprechen, aber in allen Häusern ringsum gab es kein Stück Bett, die Unholde hatten alle zerschnitten. Und nochmals streifte die Flamme ihr Gewand und nochmals gelang es ihr, es zu löschen. Dann aber hob sie das Kind hoch empor in ihren Armen und mit dein Ruse: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott! Der Ewige ist einzig!" sprang sst hinunter. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich aller Lippen. Tante Gute lag auf dem Rücken mit geschlossenen Angen, aber das Kind, das sie vorsorglich über sich gehalten hatte, war vollständig unversehrt. „Maritscherle! Maritscherle!" jauchzten der Schlosser Brand und seine Frau. Die Mutter wollte das Kind an sich nehmen, aber die Kleine stieß sie zurück und schmiegte sich ängstlich an den Vater. „Die Mutter will mich totschlagen, weil ich die neue Schürze zerrissen habe." Die gutmütige, aber überaus rohe Frau hatte vollständig vergessen, daß sie das kleine vier - ährige Töchterchen mit Totschlag bedroht hatte. Mer die Kleine hatte 'sich gefürchtet und fürchtete sich noch. In ihrer Herzensangst war sie von der Mutter zu Tante Gute geflüchtet. Da diese gerade mit mehreren Käufern beschäftigt tvar, hatte sic das Kind nicht bemerkt, das, um sich vor der Mutter zu verstecken, hinauf auf den Boden gelaufen war und sich dort in den Schlaf geweint 'hatte. Erst durch den Fenerlärm war cs erwacht, und als es bereits die Stiege hatte brennen gesehen, hatte cs sich nicht mehr hinunter gewagt, aber aus Leibeskräften geschrieen und Tante Gute zu Hilfe gerufen, lind die unvergleichliche Frau tvar trotz der bereits brennenden Stiege hinauf geeilt, das Kind äu retten, aber zurück konnte sie nicht mehr, lind trotzdem hatte sie das Kind gerettet. Mer sie selbst lag noch immer regungslos. Ob sie lebte? Meine Mutter .hatte sich über sie geneigt und vorsichtig ihren Arm -unter das Haupt der Liegenden geschoben, andere eilten herbei, sie vorsichtig empor zu heben, da entrang sich ein leises Wimmern ihren farblosen Lippen. Gottlob, das Leben tvar noch nicht entflohen. Sie trugen sie in unser Haus und legten sie sorgsam auf einen sog. Schlafdivan. Betten hatten tvir nicht, aber der Dechant schickte sofort alles Erforderliche. Der hcrbcigcrufcnc Arzt gab wenig Hoffnung, und die Trauer nicht nur in der Gemeinde, sondern in der ganzen Stadt tvar allgeniein. Hutlderte lagen vor unserm Hause auf den Knieen und beteten für das Leben der hehren.Frau. Es waren dieselben, die unser Hab und Gut verwüstet und vermutlich auch den Brand entzündet hatten. Tante Gute ist ziicht wieder zum Bewußtsein gekommen, nach drei Tagen hauchte sie ihre reine Seele aus. Ihr Begräbnis war das großartigste, was man bei uns gesehen hat. Während desselben wareil alle Geschäfte geschlossen, und alle Glocken läuteten, und alle Laternen waren mit Flor umhüllt und brannten. Der Dechant und sämtliche Honorationen der Stadt folgten der Leiche. Am Grabe sprachen nicht nur der israelitische Seelsorger, sondern auch der katholische, und der Bürgermeister rief ihr den Dank der trostlosen Bürger ihrer Heimat nach. Der Schlosser Brand und seine Frau mußten sehr bald die Stadt verlassen; sie fanden dort keine Arbeit mehr, inan konnte es ihnen nicht verzeihen, daß sie so schweres Unglück über ihre Mitbürger gebracht hatten, — und gerade jenen, die am meisten den Krawall gefördert hatteir, fehlte die herrliche Frau, die sie viele Jahre hindurch vor Not geschützt hatte. Doch der eigentliche Urheber, der durch einen sinnlosen Scherz das grauenvolle Unheil heraufbeschworen hatte, kein Mensch hat ihm einen Vorwurf darüber gemacht, aber er selbst konnte es sich nicht verzeihen. Sein Humor war versiegt, unheilbarer Trübsinn nmnachtcte seinen Geist, zusehends schwand er dahin bis zu dem' Tage, an dem auf das Grab der Dahingeschicdenen ein Denknial gesetzt ward. Die ganze Gemeinde tvar auf dem Friedhof versaminelt, jeder tvollte seine Verehrung beweisen, mit Hand anlegen an den wuchtigen Marmorblock, auf dem in weithin leuchtenden goldenen Lettern das Andenken der Unvergeßlichen der Nachwelt übergeben war. Auch Meier Stoppel hatte sich hinzugedrängt. Als er jedoch die Inschrift las, schrie er laut auf, breitete die Arme aus, als wollte er den Stein umarmen, taumelte jedoch plötzlich zurück und brach leblos zusammen — ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Kunst und Literatur. Die Violine und ihre Meister von Wilhelm Josef v.Wasilewski. Leipzig, Breitkopf L Härtel. ' Dieses Buch hat seit seinem ersten Erscheinen 1868 die vierte Ausgabe erlebt. Es scheint also einem Bedürfnis zu entsprechen, so wenig sich das nach dein Studium des Werkes begreifen läßt. Denn außer dem sehr interessanten ersten Wschnitt über die Hmst des Biolinbaues, der bloß den 13. (!) Teil des Buches einnimmt und kurzen eingestreuten Bemerkungen über die Entstehung der musikalischen Formen der Violinkompositionen und ihrer namentlichen Auszählung, so weit sie von gleichzeitig reproduzierenden Künstlern stammen, beschäftigt sich der Autor auf 387 Seiten mit den zahllosen Violonisten, welche die Jahrhunderte seit der Erfindung des Instrumentes hervorgebracht .haben. Eine schärfere Profilierung und Individualisierung ist bei der Ueberfülle des Stoffes undenkbar, und die Darstellung muß sich auf die wichtigsten Daten des Lehrganges und Aufeuthaltswechsels beschränken. Bon welchem Wert kann diese Schrift selbst für Fachmänner sein, da sie sich nur mit äußerlichen Lebensumständen, die für die Kunst meist ohne eingreifende Folgen waren, befassen kann, von dem Wirken der Künstler keinen Hauch auch nicht den schwächsten Nachllang einfangen konnte, also nicht imstande ist, etwas zu übermitteln, was das Schaffen der Heutigen befruchten könnte? Interessiert es z. .B. wirklich jemanden, flüchtigste Lebensskizzen von siebenunddreißig Joachimschülern zu lesen? Warum berücksichtigt W. Talente, da es ohnehin Ziel genug wäre, die Lebenskreise der Genies nachzuziehen? Vom Standpunkt des Verfassers ausgehend, ist es übrigens merkwürdig, daß er über Kubelik nichts in Erfahrung bringen konnte. — Das Prager Konservatorium hätte ihm mit Vergnügen alles Wissenswerte bekannt gegeben. Um als Nachschlagebuch zu dienen, fehlt dem Werk wiederum die Vollständigkeit der zeitgenössischen Geigen-Heerespräsenzliste. Geschrieben ist das Buch von einem Musiker edelster Gesinnung, der das Virtuosentum als Selbstzweck mit vollem Recht perhorresziert, wenn auch die Bemerkung, mit Verdi sei der Verfall der italienischen Opernbühne vollständige Tatsache geworden, doktrinäre Einseitigkeit verrät. Die Darstellung ist fließend und rund ohne besondere Frische oder persönliche Färbung. Jünglinge. Michael Feuerstein, Leipzig. H. Seemann Nachfolger. Eine mit Geist und Beobachtungsgabe und einer an besten Beispielen gereiften Geschicklichkeit für Augenblicksaufnahmen geschriebene Tendenzschrift. Sie propagiert den Zionismus und beweist seine Notwendigkeit. Die Form .ist klug gewählt, um auch die Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen, und sie dann zum Schweigen zu bringen. Jedenfalls schmeichelt Feuerstein seinen jüdischen Jünglingen nicht, und manche Stellen wirken in ihrer frappanten Lebenswahrheit wie eine Satire. In Feuerstein steckt sicher ein begabter Journalist; ob er dichterische Qualitäten in sich hat, möchte man trotz des in Begeisterung sich aufschwingcnden Schlusses nach dieser Probe verneinen. Er scheint, so weit man ihn hier beurteilen kann, eine mit allen Waffen gerüstete Kampsnatur, der Geschmack und Kultur fehlen. Kaiser Friedrieh Quelle - Offenbach a. X. ■ - ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu-KalerrÄer. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 27. Juli (= 16. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Min., in Berlin 9 Uhr — Min. Auf den größten jüdischen Nationaltrauertag folgt stets der Trostsabbat Schabbos-Nachamu, sobenannt nach dem Anfangsworte der zu verlesenden Haftoro: „Nachmnu, nachamu ami", tröstet, tröstet mein Voll (Jesaja 40). Im Jauzer des «chacharisgebets die liturgisch« Einschaltung „Aromimcho", ferner noch ein Auphan, ^gewöhnlich mit Melodie vorgetragen, sodann ein «ulas. In der Keduscha des Mussatgebets wird „Elauheichem" hinzugefügt. Stets ist.für diesen Schabbos die Sidra Woeschanan die laufende Kochensidra. Wir hören zunächst von Moses Bitte, das gelobte Land sehen zu dürfen. Vielfache Ermahnungen ergehen an Israel, dem Gottesgesetze treu zu bleiben. Hinweis auf die unvergeßlichen Zeichen und Wunder, welche bei der Erlösung aus Aegypten dem Volke bekannt geworden. Erwähnung der sechs Zufluchtsstädte für den nicht vorsätzlichen Mord. Wiederholt sind die 10 Gebote aus dem 2. Bch. M. Jedoch weichen sie in manchen Stellen in der.Fassung von den letztgenannten ab. Die Tradition deutet dies ausführlich. Den Schluß bildet der erste Mschnitt von „Schema" und öftere Ermahnungen, sich des gelobten Landes würdig zu