Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte 2. Nr. 29. Gesetzcstreuer sich den Luxus einer Spaltung erlaubt, die, mehr durch persönliche Gegensätze als durch sachliche oder prinzipielle Unterschiede hervorgerufen, beide Teile nach innen und außen lähmt und unseren ncologen Gegnern erlaubt, mit Fingern auf uns zu weisen und zu jagen: „Seht, so sind sie, diese „Orthodoxen", nicht einmal im eigenen Lager können sic Frieden halten!" Ta geschieht ein halbes Wunder! Die Not der Zeit führt beide Teile zusammen; ei» ehrlicher Friede wird geschlossen und wir erleben den erhebenden Anblick, die hervorragendsten Männer der beiden Richtungen in einem Gremium vereinigt zu sehen, das künftig den Interessen der gesamten gesetzestrcuen Judenhcit dienen wird. Sollte man nicht annehmen, daß diese Wendung bei allen, die cs mit der Erhaltung und Stärkung des gesctzestreuen Judentums gut meinen, die reinste, herzlichste Freude Hervorrufen müßte? Sollte man nicht annehmcn, daß, wenn sich ein Zweifler findet, der fürchtet, daß die Einigung nicht von Dauer sein möge, er zunächst seine Skepsis in seines Herzens innerstem Schrein bewahrt, um abzuwarten, wie sich die Dinge in Wirklichkeit gestalten? Statt dessen verkünden die beiden Herren übereinstimmend schon jetzt, nachdem kaum die Kunde der Einigung an ihr Ohr geklungen ist: „Ter Zusammenschluß ist nicht haltbar!" Wir wollen mit keinem Worte bezweifeln, daß die Herren Einsender mit ihrem Fühlen und Denken innerhalb des Lagers der Gesetzestrcuen stehen, aber die Schnelligkeit, mit der sie ihre Kassandra-Rufe erschallen lassen, führt von selbst zu der Vermutung, daß es sich hier um bewährte „Rufer im Streite" handelt, denen in dem langjährigen Kampfe die Freude am Kampf so' eingeimpft wurde, daß sie unwirsch werden, wenn statt der schmetternden Töne der Kriegsdrommete nun auf einmal Fricdensschalmcien ihr Ohr treffen. Diese Vermutung wird beinahe zur Gewißheit, rvenn wir die Argumente hören, mit denen jene Skeptiker chr Mißtrauen begründen. Schon die Schilderung der heutigen Lage und ihrer historischen Entwicklung ist grundfalsch. Wie im Zusammenhang mit dem Austritt aus einer Hauptgemeinde von einem Gegensatz zwischen Hildesheimer und Hirsch s. A. gesprochen werden kann, ist uns unerfindlich. Ist denn dem Herrn Einsender nicht bekannt, daß die Gemeinde, die Rabbiner Hildesheimer geschaffen hat, gleichfalls eine Austrittsgemeinde ist, in der sogar Mitglieder, die gleichzeitig der Berliner Hauptgemeinde angehören, nicht einmal Stimmrecht haben? Wo bleibt da der Gegensatz zwischen Hildesheimer und Hirsch? Ein lveitcres Verbrechen der Hirsch'schen Richtung soll, nach dem Herrn Einsender, darin bestehen, daß sie nicht nur Separat-Gemrinden, sondern auch separate Rabbiner- und Lehrer-Vereine gegründet habe. Hier kann man nur sagen: „Spottet s einer selbst und weiß nicht wie!" Ist der „Verband traditionell-gesetzestreuer Rabbiner" etwa kein Separat-Verband? Und ist dessen Gründer vielleicht ein anderer als Herr Rabbiner Dr. Horovitz? Eine gleiche Unwissenheit bekundet der Herr Einsender bezüglich der Lchrervcreine. Wer hat denn nach den Vorkommnissen im allgemeinen Lchrcrverband cs als religiöse Entscheidung ausgesprochen, daß kein gcsetzestreuer Lehrer mehr jenenr Verbände angehören dürfe, der unter Leitung der Herren Stenchardt und Genossen bestrebt ist, der radikalen Bibelkritik die Wege zu ebnen? War das nicht Herr Dr. H o f f m a n n, der Nachfolger Hildeshcimer's im Amte als Leiter des Berliner Rabbinerseminars? Wenn von einer solchen in ganz Deutschland anerkannten Autorität ein solcher Jssur ausgesprochen wurde, bleibt da noch ein anderer Weg, als eine Lehrervereinigung auf streng gesetzestreuer Basis zu errichten? Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Wer so wenig von den Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit weiß, wie der Herr Einsender, von dem kann inan allerdings kaum erwarten, daß seine Beurteilung der Gegenwart eine richtige sei. Dennoch muß man staunen, wenn man Sätze liest, wie die folgenden: „Damals vor 50 Jahren stand die Reform noch in ihrer vollen Blüte, ihre schönen Farben und ihr süßer, wenn auch Gift verbreitender Duft bargen eine gewisse Gefahr nt sich, damals war die Absonderung als quasi notwendiges 11 eM verständlich; allein heute ist die Reform verblaßt, sodaß ein kräftiger Zug ihre welk gewordencn Blätter wcgzublasen imstande ist und damit ist der Trennung ihr einziges zu verstehendes Motiv genomnicn." So schwach ist also die Reform geworden? Da ist es doch merkwürdig, daß diese altersschwache Reform im Vorjahre inPreu ß e n einen so kräftigen Anlauf genommen hat, um mittelst des Rosin'schen Entwurfes eine Knebelung der gesetzestrcuen Minderheit herbeizuführen! Merkwürdig, daß im Lande Baden der Obcrrat die Zeit für gekommen hält, um ein Gebetbuch zu oktroieren, gegen das diese Zeitschrift als ein Attentar auf das gesetzestreuc Judentum den energischsten Protest erhoben hat! Merkwürdig, daß gerade jetzt in Bayern der Kultusvorstand der Haupt- und Residenzstadt die gesetzestreuc Minderheit in einer Weise provoziert, wie es seit Menschcngcdcnkcn nicht mehr geschehen ist! Und in unserer lieben Vaterstadt, in Frankfurt am Main? Ist dem Herrn Einsender nicht bekannt, daß der Vorstand der Hauptgemcinde bestimmt hatte, an der neuen Synagoge auch am Sabbat zu arbeiten und daß cs verschiedener Protcstvcrsammlnngcn bedurfte, um diesen Chillul Haschern zu verhindern? Wer die Zeichen der Zeit so schlecht versteht, wie diese Herren Einsender, der sollte sich n. a. in einer so schwerwiegenden Frage etwas mehr Zurückhaltung auferlegen. Die gesetzestreuc Judenhcit Deutschlands befindet sich in einer schwierigen Lage und neue, größere Schwierigkeiten kann uns jeder Tag bringen. Wer es da unternimmt, die eben begonnene Einigung zu stören, der lädt eine ungeheure Verantwortung auf sich! Mögen jene, die an der Haltbarkeit und Dauer des neu geschaffenen Verhältnisses zweifeln, fernblciben bis sic sich überzeugt haben, daß ihre Bedenken unbegründet sind. Der Tag ist nicht fern, an dem auch sie einschen werden, daß das Einigungswerk der gesetzestrcuen Judenhcit in ihrer Gesamtheit zum größter! Segen gereichen >vird. B e n a m i. * * * Der Verfasser des Artikels „Die Einigung der deutschen Orthodoxie" hat sich in der letzten Nummer dieses Blattes dazu bequemt, seine Ausführungen in Nr. 27 in verschiedenen Punkten cinzuschränken. Nun liegt aber gerade in dieser Fußnote, welche den Rückzug des Verfassers enthält, ein so genaues Bewcismatcrial für die Tendenz des Artikelschreibers, daß wir cs uns nicht versagen können, diese in einigen Strichen zu kennzeichnen. Das Schlagwort, hier H i r s ch' f ch e, dort Hildesheimer-Horovitz'schc Richtung, ist einmal geprägt! Da die historische Unwahrheit dieses Begriffes für jedes Kind klar vor Augen liegt — denn niemals hat es derartige sich gcgcnübcrstehendc Richtungen gegeben, vielmehr waren Hildesheimer und Hirsch stets eines Sinnes — sucht man sich Beweisniatcrial aus der Gegenwart herbeizuholcn. Da heißt cs, „daß Rabbiner Hildesheimer längere Zeit ein Verfechter der Trennung war". — Wie stellt sich nun diese Behauptung im Lichte der Wahrheit dar? Ist es nicht vielniehr eine Herabwürdigung, von Rabbiner Israel Hildesheimer s. A. zu. sagen, er habe längere Zeit das Trennungsprinzip verfochten, was mit anderen Worten heißt, er habe sich schließlich doch zu einer anderen Denkungsart bekannt. Tatsache ist nun folgendes: Am 9. September 1885 erfolgte die Verleihung der Rechte einer selbständigen jüdischen Synagogcngcmcindc an die Gemeinde Adaß Jisroel in Berlin, erwirkt durch das u n e r m ü d l i ch e Eintreten I. .Hildesheimers für den Trennungsgcdanken — das war vor 22 Jahren. Seitdem bis zu seinem Ableben stand Hildesheimer ohne irgendwelche Konzession auf dem gleichen Standpunkte. Hätte der Verfasser mit unvorcingenonnnencin Sinne den Bericht über die zitierte Rcpräscntanteiiversammkung der „Adaß Jisroel" gelesen, so hätte er gerade die Bestätigung für unser: wahrheitsgemäße Darstellung und das Gegenteil seiner eignen daraus entnehmen müssen. Herrn Prof. Barth ist es nicht im mindesten eingefallen, seinem Schwiegervater R. Israel Hildesheimer s. A. eine Prinzipicnänderung zu vindizieren. Was er behaupten wollte — ob mit Glück oder nicht, das hat mit diesem Punkte nichts zu. tun —, bezog sich einzig auf die Stellung Israel Hildeshcimcr's zu den jüdischen Wohlfahrtsvereinen und berührt in keiner Weise dessen Haltung zur Gcmeindepolitik. Ja, Prof. Barth hob, wie cs der gleiche Bericht brachte, seine eigene, dem Änstrittsgedanken treue Gesinnung an anderer Stelle hervor. Im übrigen heißt es, Eulen nach Athen tragen, wenn man glaubt, besonders unterstreichen zu müssen, daß die Austrittsgemeinden keinen Jdealzustand darstcllcn. Keiner ist sich dessen mehr bewußt, als die hierfür maßgebenden Persönlichkeiten. ES gehört schon die Vorcingcnomnienhcit des Verfassers dazu, der jüdischen Gesamtheit glauben machen zu wollen, die Lostrcnnung in prinzipiellen Fragen von einzelnen Korporationen oder Gemeinden bedeute ein Aufgeben des ganzen Zusammenhanges mit Klall Jisroel. M e n a ch e m. Die Woche. Mehr denn je steht Rußland im Zeichen des „echten Russcntums" — sprich: Hooliganentum. Die „echten Russen" lösen die Duma auf; die „echten Russen" erlassen auf dem Wege des Staatsstreiches ein neues Wahlgesetz; die „Achten Russen" werden huldvoller, allerhöchster Telegramme gewürdigt; den „echten Russen" wird der allerhöchste Dank für ihre bisherige Tätigkeit — d. h. für Pogrome, Dieberei, Mordbrcnnerci, Meuchelmord, Vergewaltigung n. d. g. m. — eröffnet; die „echten Russen" werden von höchster Stelle aufgerufen, als feste Stütze des Thrones sich zum Kainpse gegen den „jüdischen Aufruhr" — d. h. gegen die freiheitliche Bclvegung — zu vereinigen; die „echten Russen" werden allerhöchst begnadigt, selbst wenn „echt russische" Gerichte nicht anders können, als sie, die überführten „Pogromschtschiki" zu verurteilen, und die „echten Russen" verbreiten die Listen solcher „allerhöchster Gnadenakte" in Tausenden von Flugblättern über das Land, uin Unschlüssige zu entschlossener Tätigkeit zu veranlassen. Kurz die Hooliganen Rußlands stehen — anstatt im Zuchthaus zu schmachten — auf der Höhe; sie führen die Geschäfte; sie geben den Ton an; sie machen die Politik, — auch die der auslvärtigen Angelegenheiten. So haben sie in den letzten Tagen einen erbitterten, wilden Feldzug gegen den Verbündeten Frankreich, weil dieses mit seinem Gelbe der Hooliganen-Regierung keine Vorspanndienste mehr leisten will, begonnen, dagegen aber den jüdischen Abkömmling Mcndelsohn, der geneigt sein soll, Geld vorzustrecken, iir den Himmel gehoben. Es genügt, einen Blick in die Presse des „Schwarzen Hunderts" zu tun, um sich zu überzeugen, baß die wirklichen Herren der Situation die „echten Russen" sind. Und was wunder: ist doch der Zar der eigentliche Führer der „echten Russen" — und es ist richtig, wenn das Organ des „Schwarzen Hunderts" in einer seiner letzten Nummern wörtlich schreibt: „Daß der Zar der Führer des Schwarzen Hunderts ist, das wissen wir selbst s ch o n l ä n g st" . . . . Daß die Stimmung der um die Freiheit ringenden Massen unter diesen Umständen eine äußerst